Lars Reineke am 16. April 2012

Eigentlich wollte ich mich zu dieser ganzen Urheberrechtsgeschichte nicht mehr auslassen, weil schon so viel Schlaues (aber auch viel Blödsinn) darüber geschrieben wurde.

Nun hat aber Volker Strübing das mittelmäßige “101 Piraten für ein neues Urheberrecht”-PR-Brimborium1 kommentiert, und da ich Volker sehr schätze und auch schon Bier mit ihm trank, will ich dann doch noch ein paar Anmerkungen loswerden.

Erstmal: Er hat in großen Teilen vollkommen Recht. Was da an halbgarem Zeug herausgeblasen wurde, widerspricht dem Grundsatz “Erstmal nachdenken.” an mehr als nur einer Stelle. Ich habe mich mit den 101 Statements auf der Seite der Piratenpartei ehrlich gesagt nicht weiter beschäftigt, weil ich sie als reflexhafte Replik auf die Handelsblatt-Propaganda angesehen habe. (Ich will nicht behaupten, dass ich meine eigenen Beiträge immer auf die Goldwaage lege, aber ich behaupte auch nicht grundsätzlich, Parteimeinung zu vertreten.)

Aber zum Thema.

Viele Jahre habe ich meinen Lebensunterhalt mit 150 bis 180 Auftritten pro Jahr bestritten, in den letzten Jahren wirkte ich an drei Produktionen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit und lebte zu einem wichtigen Teil davon.

schreibt Volker, und abgesehen davon, dass jeder Vollzeitarbeitnehmer ca. 250 Arbeitstage im Jahr (abzüglich Urlaub) abzuleisten hat, ist er (also Volker) offenbar bereits in den Genuss der Vorteile einer Kulturflatrate gekommen. Nichts anderes ist die Rundfunkgebühr nämlich, und genau darum geht’s: Ich finde (auch als Pirat) Rundfunkgebühren vollkommen super. Ernsthaft. Ich muss zwar damit leben, dass davon auch totale Grütze produziert wird, die man nur mit einem Nagel im Kopf ertragen kann, aber andererseits ermöglichen sie eben auch Produktionen wie die, an denen Volker beteiligt war, und die beiden, die ich gesehen habe2, waren toll (und vermutlich im Privatfernsehen so nicht möglich).

Aber – und da bin ich mir mit Volker offenbar einig – die Auswüchse, die das ganze Inkassosystem GEZ hervorgebracht hat, mit Schnüffelei und Strafzahlungen und größtmöglicher Arschlochie, sind etwas, das ich (nicht nur als Pirat) zutiefst verabscheue.

Doofes Dilemma irgendwie.

Außerdem war ich überrascht, dass Volker (vielleicht aus leidvoller Erfahrung) ein irgendwie misstrauisches Menschenbild beschreibt, was zumindest dem der meisten Piraten, die ich kenne, diametral entgegensteht.

Vereinfacht gesagt, könnte man unseres (zumindest das, dem ich versuche, nachzuhängen) mit “Behandle Menschen wie Erwachsene, dann verhalten sie sich auch so” umschreiben. (YouTube-Kommentatoren ausgenommen.)

Um das mal zu verdeutlichen, er schreibt:

Als ich vor einigen Jahren sehr viel Musik in Tauschbörsen runterlud, kaufte ich mehr CDs als in irgendeiner Zeit sonst in meinem Leben – CDs von Bands, die ich dort entdeckt hatte. Wenn ich nur nicht glauben würde, dass Herr Endrigkeit3 und ich da insgesamt doch eher Ausnahmen sind…

Übersetzt heißt das: Er hat trotz Tauschbörsen vollkommen korrekt CDs wie verrückt gekauft, aber allen anderen kann man nicht trauen.

Genau das ist einer der Gründe, warum so viele Leute ein bedingungsloses Grundeinkommen ablehnen: Ich würde natürlich in meinem Job weiterarbeiten, aber alle anderen? Niemals. Und deshalb müssen logischerweise Sozialleistungen an Bedingungen geknüpft werden.

Oder eben Tauschbörsennutzer verklagt.

In dem Zusammenhang ist vielleicht erwähnenswert, dass ich mindestens eine Person persönlich kenne, die Volkers Artikel per Twitter weitergeleitet und sich auch sonst bislang im Bezug aufs Urheberrecht eher konservativ geäußert hat, von der ich aber auch weiß, dass sie offenbar überhaupt kein moralisches Problem damit hatte, den Napster-Bezahlaccount und die Musiksammlung eines Mitbewohners mitzubenutzen. Weiß der Geier, wie das zusammenpasst.

Auf einen anderen Punkt möchte ich auch noch kurz eingehen. Volker zitiert zunächst und schreibt:

Ich als Pirat möchte, dass Kreative von ihrer Arbeit leben können. Darum zahle ich gerne für Werke, die mir gefallen. Künstler, die ihre Fans verklagen, weil sie ihre Werke im Netz tauschen, werden von mir aber niemals einen müden Cent sehen.

Stell dir vor, du gehst ins Restaurant und zahlst anschließend einen von dir selbst gewählten Betrag, aber nur, wenn du beschließt, dass das Essen dir auch wirklich etwas wert war und wenn der Wirt noch keinen Zechpreller angezeigt hat. Jawohl, das kann man vergleichen.

Nee, kann man eben nicht. Erstens schreibt der Pirat nichts darüber, dass er den Betrag selber wählen will. Außerdem steht da nichts davon, dass er das erst nach dem vollständigen Konsum (also praktisch, nachdem er den Teller leergegessen hat) entscheiden möchte, sondern er möchte zumindest beurteilen können, ob ihm das Werk gefallen wird.

Und genauso würde jeder, dem man im Restaurant abgelaufenen Tintenfisch serviert, die Zahlung der Dienstleistung verweigern. Falls man ein Restaurant überhaupt aufsuchen würde, bei dem der Wirt auf der Toilette Videokameras installiert hat und alle verklagt, die dort heimlich ein TicTac einwerfen.

Ein sinnvoller Vergleich zur derzeitigen Situation wäre eher, dass ich für ein Rahmschnitzel mit Kroketten 40 Euro bezahlen muss, weil die Werbung für die Pommesbude nebenan so teuer war, ich selber kein ähnliches Schnitzel zubereiten darf (nichtmal mit Pommes) und außerdem für den Kauf eines Tellers bei IKEA eine Leergeschirrabgabe zahlen müsste, weil ich ja möglicherweise doch ein Schnitzel drauflegen könnte.

An vielen anderen Stellen stimme ich allerdings mit Volker überein: Dieser ganze “Ich-will-aber-nur-dem-Künstler-was-geben-und-nicht-den-gierigen-Kapitalisten”-Quatsch ist – nun ja – Quatsch eben. Wenn ein Urheber gerne sämtliche Verwertungsrechte seines Werkes an irgendjemanden abtreten möchte, damit der dann FDP-Wahlwerbespots damit unterlegt: Tja, soll er halt, daran werden ihn auch die Piraten nicht hindern.

Wenn Schriftsteller wie Volker nicht zugleich Lektor, Vertriebler und Businesskasper sein wollen, ist das nur verständlich. Nur müssen sie dann eben damit leben, dass von ihren Einnahmen ein beträchtlicher Teil an eben diese Dienstleister abgeführt wird. Auch das werden die Piraten nicht abschaffen (und wollen das auch gar nicht).

Am Ende zählt nämlich nicht, was in einer Blutsturzaktion beliebig zusammengewürfelte Piraten für persönliche Statements zum Urheberrecht abgeben, sondern das, was der Bundesparteitag beschließt.

In keinem Beschluss, den ich kenne, steht, dass die Piraten Verwertungsgesellschaften abschaffen wollen. Man will ihnen nur nicht länger dabei zusehen, wie sie bzw. ihre Lobbyverbände den politischen Entscheidern eine Bürgerrechtsverletzung nach der anderen abschwatzen, um Verwertungsmodelle zu sichern, die auf die Entwicklung der letzten 20 Jahre keine Rücksicht genommen haben.

Und damit sei dann auch Volkers abschließende Bitte nach der Piratenposition erfüllt:

Vielleicht werde ich sie eines Tages sogar selbst wählen, aber vorher wüsste ich gern, wofür sie nun wirklich eintreten – insbesondere natürlich bei Themen, die mich konkret und existentiell betrefffen.

Das steht hier und auf 21 PDF-Seiten hier.

Lesen muss man’s natürlich selbst.

  1. Muss ich auch öfter mal schreiben, schreibt sich gut, das Wort. Brimborium. []
  2. Affiliate-Links []
  3. Ein Pirat, auf dessen Aussage er sich bezieht. []

2 Kommentare

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Leider hast Du das interessantere Beispiel seiner negativen Erfahrungen mit freiwilligen Zahlern nicht mit zitiert, nämlich das mit-dem-Hut-herumgehen vs. Eintritt verlangen. Ich denke, das stützt schon recht eindrucksvoll seine These, daß die meisten Menschen eben nicht freiwillig Geld dafür ausgeben sich Kultur auszusetzen, wenn es gleichzeitig die Möglichkeit gibt, dieselbe Leistung ohne Geldausgabe zu bekommen. Sie zahlen mit ihrer Aufmerksamkeit, die zwar ungleich wertvoller als Geld ist, aber von der natürlich der Künstler seine Miete nicht zahlen kann.

Was mich — und wahrscheinlich einen Großteil der Wähler, der Medien und die anderen Parteien — so iritiert und verschreckt ist, daß der sicht- und hörbare Anteil der Idioten bei den Piraten gefühlt deutlich höher als die von Christopher Lauer letztens irgendwo genannten 10% liegt (in meinen Augen z.B. mehr so bei 60-70%). Das wird an der Debattenkultur dieser Partei liegen, wo halt jeder Depp seinen Senf mit piratigen Grüßen in die Welt hinauskrähen darf (und das auch tut) und damit als Sprachrohr und offizieller Vertreter der Parteimeinung wahrgenommen wird. In jeder anderen Partei haben solche Typen keine Bühne, und wenn es doch einmal einer mit seinem Käse in die Massenmedien schafft, dann wird er von den eigenen Leuten zur Ordnung gerufen und der Wähler wird beruhigt: der spricht NICHT für uns! Das fehlt aber den Piraten, und wenn der Wähler oder Künstler dann häufiger so einen gequirlten Dreck lesen muss, wie von mindestens 90 der 101 Unterzeichnern, dann verstört das nachhaltig. Und es ist auch wurstegal, daß die Handelsblatt-Polemiker oder Tatortautoren kein bisschen weniger bescheuert „argumentieren“, denn die treten schliesslich nicht als Mitglieder einer Partei auf.

Wenn Du also abwiegelst, am Ende zähle nicht, was einzelne Piraten für Statements abliessen, sondern das, was auf dem Bundesparteitag entschieden werde, so mag das faktisch richtig sein, aber gefühlt ist der Zug für viele Künstler und andere Wähler dann schon lange abgefahren, da sie allenthalben von Piraten veröffentlichte Statements hören und lesen, die ganz anders klingen.
Für mich besteht diese Partei aus einer Handvoll extrem kluger Köpfe, einer Handvoll scheißdummer Sexisten und Krakeeler vom rechten Rand und einer großen Ansammlung lebensfremder, meist harmloser Spinner. Manchmal auch bösartiger Spinner, die sich nicht entblöden, Kunst und Künstler werten zu wollen. Wer dann in ihren Augen nichts wertvolles geschaffen hat, der soll zusehen, wie er was zu beissen findet. Da sind wir dann nicht mehr weit weg von „entarteter Kunst“, um den ollen Godwin doch noch ins Spiel zu bringen.

Was Volker Strübing wiederum nicht verstanden zu haben scheint ist, daß der ganze beschissene Kram, um den er sich zu Recht nicht kümmern will und für dessen Erledigung er liebend gerne seine Verwertungsrechte in weiten Teilen abtritt, daß das alles mit zu seinem Job gehört, jedenfalls, wenn er künftig mehr verdienen will als jetzt. Denn die Mittler (Produktion, Vertrieb, Marketing) wird es so in dieser Form nicht mehr geben, bzw. nur noch für die Bohlens und Silbereisens. Und das Grundeinkommen wird niemals höher als Hartz IV oder meinetwegen die 500€ Grundrente liegen, die meine Generation höchstens noch erwarten darf, selbst wenn jahrzehntelang monatlich soviel eingezahlt wurde. Das nennt sich Realpolitik, und die hat schon die Grünen zu dem gemacht, was sie sind: erst gespalten, dann satt und zufrieden, korrupt und mächtig.

von Kiki am 17. April 2012. Antworten #

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Lieber Lars,

hätte schon viel eher hier was hinschreiben (und vor allem Deinen Post lesen) sollen, aber die Anzahl der Kommentare und Mails hat mich ein bisschen überfordert. Und jetzt stelle ich fest, dass ich sogar Deine Überschrift fast geklaut habe, obwohl ich sie nicht geklaut habe. Auf Deine Argumente kann ich jetzt nicht eingehen, weil ich mir eine Urheberrechtsdiskussionspause verordnet habe, weil ich sonst gar nicht mehr zum Urheben (und Radlertrinken in der Sonne und Lesen und Abwaschen und was weiß ich komme).
Den Ikea-Teller-Vergleich mag ich auf alle Fälle sehr. Er hinkt natürlich wie alle Vergleiche, aber er hätte gute Chancen bei den Metaphern-Paralympics ;)

Volker

von Volker Strübing am 2. Mai 2012. Antworten #

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