Lars Reineke am 23. April 2012
Ihr kennt das: Die ersten Sonnenstrahlen kommen heraus, es wird allmählich wärmer, und kaum ist es soweit, dass man draußen im Café sitzen kann – fängt man sich eine fette Erkältung ein.
So ähnlich geht es zur Zeit der Piratenpartei.
Gerade im Umfragehoch, schon beginnen einige Mitglieder, nur noch Rotz zu produzieren oder hängen sich an einen Wirt, der einfache Verbreitung verspricht.
Schwachsinnige Ideologien sind ziemlich ansteckend. Sie bieten einfache Lösungen für komplizierte Probleme, und wenn man nicht aufpasst, infiziert man sich damit. Der eine glaubt, dass man einfach nur den nahen Osten bombardieren müsse, dann sei da endlich Ruhe, eine andere hält es für ok, “ausländerkritisch” zu sein, wieder jemand anderes glaubt, man könne Greueltaten einfach arithmetisch gegeneinander aufrechnen.
Sowas schwächt einen Organismus erstmal, zweifelsohne, aber er geht daraus in aller Regel besser gerüstet daraus hervor, weil kleinere Krankheiten das Immunsystem trainieren und so – auch ungewollt – zur Stärkung beitragen.
Ja, die Partei ist krank, aber bei weitem nicht unheilbar. Das Immunsystem funktioniert, die Abwehrmechanismen arbeiten, was zuweilen mit erhöhter Temperatur einhergeht, aber für den Organismus alles andere als lebensbedrohlich ist.
Die Abwehrmechanismen gegen solche Ideologien können – wie auch die Abwehrkräfte in einem kranken Körper – manchmal überreagieren. Das ist unangenehm, aber es ist wichtig, damit sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten kann. Darum darf man nicht zu früh das Fieber senken, manchmal muss man eine Krankheit auch einfach ausheilen lassen.
Denn ein starkes Immunsystem bekommt man nicht einfach so, das muss man sich antrainieren. Dann können einem ideologische Infektionskrankheiten kaum noch etwas anhaben.
Wichtig ist es, dass man nicht den Fehler begeht, den zu verdammen, der die Krankheit diagnostiziert, vor allem dann nicht, wenn derjenige bereits reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Es gibt natürlich gute und schlechte Diagnostiker, und man muss manchmal eine zweite Meinung einholen.
Das ist hin und wieder ärgerlich, denn wer will schon gerne krank sein, vor allem, wenn man noch so jung ist und lieber mit den anderen draußen etwas unternehmen möchte?
Aber sehen wir es positiv: Ein ideologische Infektionskrankheit geht vorbei und lässt sich in der Regel gut behandeln, wenn man die Warnzeichen beachtet.
Seien wir froh, dass es nicht schwerwiegende oder sogar lebensbedrohliche Krankheiten wie Käuflichkeit und Bürgerferne sind, unter denen wir Piraten zu leiden haben. Die wird man nur ganz schwer wieder los.
6 Kommentare
Dem kann ich nur zustimmen!
Nicht nur in Sachen Ideologien müssen wir Piraten schmerzhaft den Umgang damit lernen, auch mit der offenen Flanke der Transparenz* müssen wir lernen umzugehen.
Wenn bisher irgendjemand in seinem Blog spontan irgendwelchen Mist geschrieben hat, dann hat das niemanden interessiert. Jetzt ist dieser jemand aber plötzlich in der Piratenpartei und alles stürzt sich auf ihn.
Da sollte man vor dem Schreiben/Posten/Twittern wohl besser etwas nachdenken (schadet übrigens selten!).
Aber nicht nur die Piraten, alle anderen im Netz publizierenden Menschen müssen das ebenfalls lernen.
Zum Beispiel auch der Schüler, der “Mein Lehrer [Name] ist doof!” bei Facebook postet und sich dann wundert, dass ihm die Sache um die Ohren fliegt.
* Nur zur Sicherheit: Nicht das jemand denkt, ich habe etwas gegen Transparenz! Die “offene Flanke” ist ja gerade dazu da, dass dort jemand reingrätscht. Denn diese Möglichkeit zwingt uns ja dazu, Entscheidungen “vernünftig” und nicht von Eigenwohl geleitet zu treffen.
von Flusskiesel am 23. April 2012. Antworten #
Nachtrag:
Der Postillion hat es mal wieder gut getroffen!
http://www.der-postillon.com/2012/04/piratenpartei-verurteilt-standige.html
von Flusskiesel am 23. April 2012. Antworten #
Das ist mal eine interessante Sichtweise! Ich war schon einige Tage auf Deine Einschätzung gespannt.
von ancore am 24. April 2012. Antworten #
Solche Eigentore wie die eigene Partei mit der NSDAP zu vergleichen, und das auch noch in der Wahlkampfphase sind, ganz untertrieben gesagt, pures Gift und Wasser auf die Mühlen der Konkurrenz.
Die Nazikeule ist in Deutschland schnell geschwungen, und sie bringt immer jede Menge Schmutz mit, der lange kleben bleibt.
Noch schlimmer ist, wenn man sie auch noch selbst schwingt, auch wenn man sich hernach dafür im Blog entschuldigt.
Ein bisschen mehr Medienbewusstsein und Verantwortung der eigenen Partei gegenüber sollte auch Piraten trotz aller Transparenz möglich sein.
Wenns von alleine nicht klappt, gibt es genug Rhetorik- & PR-Berater, die einem zeigen können, wie das richtig geht, ohne dass man seine Standpunkte verrät oder anfängt, das gleiche hohle Geseiere von sich zu geben wie alle anderen Politiker.
Ich bin mir ganz sicher, dass das geht.
von spaceape am 25. April 2012. Antworten #
Auch wenn es ja immer doof ist, mit dem Finger auf andere zu zeigen, sollte man sich doch fragen, was z.B. ein FDP-Politiker aus Niedersachsen bei einer Audienz mit Ahmadinedschad zu suchen hat.
Ist die FDP jetzt auf der gleichen Linie mit Holocaust-Leugnern?
Warum gibt es noch kein Parteiauschlussverfahren?
Wenn bei den Piraten ein Spinner Dünnsinn absondert, werden gleich Playmobilpiratenschiffe mit Nazisprüchen verziert, aber bei den etablierten Parteien ist das ja alles nicht so schlimm …
Quelle:
http://reflexion-blog.com/?p=2402
von Flusskiesel am 3. Mai 2012. Antworten #
Nachtrag:
Jetzt zweifele ich, ob der Kommentar überhaupt zum Eintrag passt.
Vielleicht, wenn man sich vor Augen hält, dass die Selbstreinigungskräfte der Piraten durchaus funktionieren (siehe Bundesparteitag in Münster).
von Flusskiesel am 3. Mai 2012. Antworten #