Lars Reineke am 21. September 2012
Ich habe mich heute bei app.net angemeldet.
“Bist du bescheuert? 50$ für ein Projekt im Alpha-Stadium?”
Ja. Also, ja, ich bin bescheuert, und ja, ich glaube, dass das trotzdem eine gute Entscheidung war.
Twitter hat vor einigen Jahren eine Lücke gefüllt, die es vorher noch nicht gab. “Wozu braucht man denn einen Dienst mit 140 Zeichen Beschränkung? Wir haben doch Blogs, da kann man doch schon ins Internet hineinschreiben, was man will.” Twitter hat uns gezeigt, dass man so etwas eben doch braucht. Naja, nicht jeder, zugegeben.
Aber leider ist Twitter nicht mehr so wie früher. Seitdem dort die BWLer den Ton angeben, kommt Twitter mit immer neuen Zumutungen um die Ecke. Sie beginnen, Entwickler von 3rd-Party-Apps rigoros zu gängeln und zu schikanieren. Sie wollen die Kontrolle, um jeden Preis. Sie bereiten Twitter darauf vor, eine einzige Werbungsauslieferungsmaschine zu werden.
Twitter vergisst seine Wurzeln und verhält sich wie Metallica zu Napster. Es waren die kleinen, räudigen Kassettentauscher, die Metallica groß gemacht haben. Dann hat Metallica Napster verklagt. Sie hätten danach das beste Metal-Album aller Zeiten aufnehmen können, sie wären bei Millionen von Fans nur noch “die Arschlöcher, die ihre eigenen Fans verraten haben” gewesen. (Sie haben danach nur noch Scheiße produziert, insofern kann man ihnen wenigstens nicht Inkonsequenz vorwerfen.)
Twitter vergrault seine Entwickler. Ausgerechnet die Leute, die mobile Twitter-Clients geschrieben haben, ohne die kaum jemand Twitter unterwegs benutzen würde, werden zum Teil ihrer Existenz beraubt.
Monetarisieren nennt man das wohl. Twitter stirbt. Twitter stirbt, weil es so groß geworden ist. Twitter stirbt, weil alle dort sind und sie sich das jetzt erlauben können.
Und app.net? App.net ist zur Zeit wenig mehr als ein hoffnungsvolles Projekt im Anfangsstadium, mit geringer Userzahl, kaum Anbindungen zu anderen Social-Media-Diensten und einem Funktionsumfang, der in etwa auf dem Stand von Twitter Anfang 2009 ist.
Warum bezahle ich trotzdem so viel Geld für einen Account, der damit gerade mal ein Jahr gültig ist? Weil App.net mehr ist als nur eine Software. App.net ist eine virtuelle Kundgebung. Seit Jahren haben immer wieder Twitterer behauptet: “Für ein werbefreies Twitter würde ich Geld bezahlen.” App.net ist nicht weniger als die Einforderung dieses Versprechens. App.net wird vielleicht niemals die Größe erreichen, die Twitter aufzuweisen hat. Das muss es auch gar nicht.
Aber App.net ist jetzt bereits der Beweis dafür, dass es Tausende von Usern gibt, die zu Twitter sagen: “Seht her. Wir sind bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass ihr uns eine Plattform liefert, die unseren Vorstellungen entspricht. Schafft werbefreie Premiumaccounts. Und lasst die Entwickler in Ruhe.”
Ich möchte Teil dieser Kundgebung sein. Soll keiner sagen, wir hätten es nicht versucht. Und wenn’s nicht klappt, haben wir wenigstens ein neues Spielzeug. Das Netz hat mir schon so viel geschenkt, da kann ich auch mal was zurückgeben.
17 Kommentare
Sklaven-Argument. Wir sind an unseren Herrn (Twitter) gebunden, aber wir wollen, dass er sich ändert, also steigen wir auf eine symbolische Alternative (“Kundgebung”) um. Stimmt, ginge es um echte Alternativen, wäre sowas wie StatusNet/identi.ca ja schon seit Jahren vorhanden.
von plomlompom am 21. September 2012. Antworten #
Identi.ca ist meines Erachtens genauso wie Twitter den Launen von Investoren ausgeliefert.
Bei App.net habe ich nicht diesen Eindruck.
von Lars Reineke am 21. September 2012. Antworten #
identi.ca ist ja nur die Bequemlichkeits-Bündelungs-Instanz des freien StatusNet für Leute, die nicht selber hosten wollen. Du kannst jederzeit dein eigenes aufsetzen und bist dann keineswegs mehr von Investoren abhängig.
Woher dein Vertrauen in die Unabhängigkeit von AppNet?
von plomlompom am 21. September 2012. Antworten #
Twitter stirbt dann, wenn du andere Ökosysteme nicht als Erpressung, sondern als Kontribution zu einem offenen Ökosystem – dem Web – begreifst. Und 50 Dollar sind aufs Jahr gerechnet auch nicht teurer als
von erlehmann am 21. September 2012. Antworten #
@Lars Reineke: Du musst ja nicht identi.ca nehmen, die Software dahinter und insbesondere die Protkolle sind offen.
von erlehmann am 21. September 2012. Antworten #
@erlehmann: … als Selbst-Hosting.
von erlehmann am 21. September 2012. Antworten #
@plomlompom: Ich kann gar nichts wirklich Negatives über StatusNet/identi.ca sagen, außer dass es – soweit ich es verfolgt habe – einen ähnlichen Drive entwickelt hat wie Diaspora, nämlich so gut wie keinen.
Dazu kommt noch, dass die einzigen User, die ich dort kenne, ausschließlich extrem technikaffine Menschen und größtenteils Piraten sind. Und ich habe keine Lust, mich in meiner Freizeit an einen IT-Stammtisch zu setzen.
Mein Vertrauen in App.net ist übrigens höchst irrational. Sie haben eben keinen Auftraggeber, der Werbung schaltet, sondern ausschließlich Kunden, die zugleich Benutzer sind.
von Lars Reineke am 21. September 2012. Antworten #
@Lars Reineke: Moment mal. Wenn alles außerhalb Twitter offene Standards nutzt, warum spielt es dann eine Rolle, wie viele Nutzer die StatusNet-Instanz identi.ca hat? Du diskutierst ja auch gerade mit plomlompom, obwohl er den Minderheitenbrowser uzbl nutzt.
von erlehmann am 21. September 2012. Antworten #
@erlehmann: In einem Satz: Weil nur ausgesprochene Nerds jemals was von StatusNet gehört haben.
Ich weiß auch, dass sich nicht immer das bessere System durchsetzt. Ich sage auch gar nichts gegen StatusNet/identi.ca. Soll jeder nutzen, was ihm gefällt.
Im Moment erhoffe ich mir einfach Druck auf Twitter aufgrund der Tatsache, dass App.net in relativ kurzer Zeit mehr als eine halbe Million Dollar zusammengesammelt hat, obwohl es noch nicht mal eine Anwendung dafür gab.
Die Tatsache, dass hier nicht einfach nur User von Twitter nach App.net abgesaugt werden, sondern diese ganz deutlich machen, dass sie bereit sind, für Microblogging zu bezahlen, ist das Besondere daran.
von Lars Reineke am 21. September 2012. Antworten #
Lars, alle deine Argumente gegen Status.net sind anfangs auch gegen Twitter vorgebracht worden: zu nerdig, nur IT-Menschen, da ist ja sonst niemand usw. So ein Dienst steht und fällt natürlich mit den Menschen (quantitativ und qualitativ), die ihn nutzen, das stimmt.
Das Ding funktioniert aber nun mal exakt so wie Twitter: wenn du in deiner Freizeit an keinem IT-Stammtisch sitzen willst, dann folge den IT-Stammtischlern einfach nicht. Genauso macht man das doch auf Twitter auch, oder?
Und zu einem kommerziellen Bezahldienst zu wechseln, über dessen Unternehmensstrukturen man sehr wenig weiß, während man einem freien Open-Source-Projekt “Abhängigkeit von Investoren” vorwirft, das ist — vorsichtig ausgedrückt — wunderlich. Oder ich habe völlig verpasst, dass der milliardenschwere Ausverkauf von Linux, Apache, Firefox und Creative Commons in vollem Gange ist.
von n¦tropie am 22. September 2012. Antworten #
50$ viel Geld? Warum muss für Leute mit 500€ Smartphones und 1000€ Laptops immer alles umsonst sein, was andere Menschen schaffen?
Dort investieren Kluge Köpfe viel Zeit und Herzblut in eine gute Idee und am Ende darf alles nichts kosten. Das Resultat ist dann, dass ihr als Kunde das Produkt seid: Twitter, Facebook, Google Mail. Und dann wird wie am Spieß geschrien, wenn die Firmen über Werbung, Daten und eingeschränkteren Protokollen ihr Geld verdienen wollen.
Dagegen finde ich 50$ spottbillig, meine Daten sind viel mehr Wert als 50$ pro Jahr. 50$ mit denen ich nebenbei auch noch sicherstelle, dass die Entwickler von ihrer Arbeit leben können und nicht beim erstbesten Angebot von Google verkaufen müssen, um endlich ihren Studienkredit mal abbezahlen zu können.
von Stefan am 22. September 2012. Antworten #
@n¦tropie: Naja, das Problem ist nur, wenn ich bei identi.ca alle IT-Nerds entfolge, ist meine Timeline ziemlich leer.
Bei Twitter waren von Anfang an auch Leute dabei, die gar nicht sonderlich IT-affin waren, in erster Linie halt die gleichen, die kaum mehr konnten, als ein Blog bei WordPress.com einzurichten, die es aber verstanden haben, sich untereinander zu vernetzen. Medienleute, Blogger, Werber usw.
Bei identi.ca habe ich nunmal den Eindruck, dass da vor allem Aluhüte sitzen.
Und dass es bei App.net eben nicht nur um die technische Plattform geht, sondern um den Akt des Bezahlens, habe ich ja nun wiederholt erklärt.
Und nein, ich will nicht einen eigenen Microblogging-Server aufsetzen, ich will einfach nur Leute im Netz treffen, die ich möglicherweise noch nicht kenne. Also bin ich von irgendeinem Anbieter abhängig, sei es nun Twitter, identi.ca oder sonstwer. Und irgendjemand muss dessen Serverkosten bezahlen. Bei App.net machen das genau die Leute, die den Dienst auch nutzen.
von Lars Reineke am 22. September 2012. Antworten #
Wenn der Akt des Bezahlens so wichtig ist, nutzt du dann deswegen auch den Internet Explorer statt Firefox, Expression Engine statt WordPress, Outlook statt Thunderbird? Man ist eben nicht von identi.ca abhängig, so wie man von Twitter oder von App.net abhängig ist, weil eben die gesamte Software frei einsehbar, weiter verwendbar und benutzbar ist. Genau das ist ja gerade der gigantische Vorteil Freier Software. Ich verstehe nicht ganz, warum du dich so vehement gegen diese Freiheit wehrst.
Vor allem auch, da Twitters Strategie von Anfang an abzusehen war, völlig einleuchtend ist und überhaupt nicht “schikanierend”. Twitter vergisst nicht seine Wurzeln, im Gegenteil. Die alleinige Wurzel heißt Risikokapital, und das muss jetzt so langsam mal wieder eingefahren werden. Anderes zu glauben, wäre naiv.
Schade, dass wir dich nicht überzeugen konnten. Denn je mehr interesante Menschen sich im Status.net tummeln, desto mehr kämen natürlich zusätzlich hinzu.
von n¦tropie am 22. September 2012. Antworten #
@n¦tropie: Du würdest dich wundern, was ich alles benutze. Ich verwende im Büro Outlook, zu Hause Thunderbird und Mail von Apple, ich benutze mobil Mac OS, zu Hause Windows und auf meinen Servern Linux. Und wenn Expression Engine irgendwas können würde, was ich bei WordPress dringend vermisse, dann würde ich mich noch heute von WordPress verabschieden.
Und wenn mir Twitter noch unsympathischer geworden ist und App.net komplett zerplatzt, gucke ich mir vielleicht wieder Status.net an.
Gegenfrage: Wenn dir Freiheit so wichtig ist, liest du nur selbstverlegte Bücher, hörst nur CC-Musik und guckst Autorenfilme?
Es gibt doch nicht nur schwarz und weiß. Nur weil ich das eine gerade favorisiere, heißt das doch noch lange nicht, dass ich mich nicht für das andere interessiere.
von Lars Reineke am 22. September 2012. Antworten #
Ich spiele auch schon mit dem Gedanken, mich bei App.net anzumelden.
Gibt es irgendwo eine deutschsprachige Einführung in App.net, die mal erklärt, was ich für das Geld so bekomme?
Bei mir ist bisher angekommen, dass App.net so etwas wie Twitter ist und das da noch mehr Dienste drauf laufen sollen.
von Flusskiesel am 24. September 2012. Antworten #
@Flusskiesel: Du bekommst zunächst mal eine Art Twitter mit wenigen Benutzern und einem (noch) eingeschränkten Funktionsumfang. (Es gibt zur Zeit z.B. nur eine Suche per Drittanbieter.)
Das was du dann dort siehst, heißt alpha.app.net und ist erstmal nur ein Proof-of-Concept dafür, dass man mit app.net tatsächlich etwas anfangen kann. App.net ist nämlich mehr als Microblogging.
Es ist eine Plattform für SocialMedia-Anwendungen, so dass du im Prinzip etwas bauen kannst, was wie Twitter aussieht und etwas bauen kannst, was wie Facebook aussieht, und die beiden Dienste können sich über die App.net-API direkt miteinander unterhalten.
Ich hoffe, ich habe das jetzt so korrekt wiedergegeben, ‘ne deutsche Erklärung habe ich nämlich noch nicht gefunden.
von Lars Reineke am 24. September 2012. Antworten #
@Lars Reineke:
Jetzt habe ich mich angemeldet und mal sehen, was so passiert.
von Flusskiesel am 3. Oktober 2012. Antworten #