Dicke Kinder sind schwerer zu kidnappen
von Lars Reineke am 20. Juli 2010 | Lesedauer: 4 Minuten
Meine Figur hat im Laufe meines Lebens schon einige Veränderungen durchgemacht. Als kleiner Junge war ich eher schlank, was wahrscheinlich daran lag, daß ich auf dem Land aufgewachsen bin und wir Kinder eigentlich unsere gesamte Freizeit draußen verbracht und uns entsprechend viel bewegt haben.
Später dann legte ich etwas zu. Ich trieb zwar hin und wieder Sport – erst Basketball, später Tischtennis –, aber mittlerweile hatten mein Kumpel und ich genug Geld für die Videothek, für Cola und für Kartoffelchips, die wir uns immer gleich in der 500g-Trommel kauften. Mein Kumpel blieb seltsamerweise immer schlank, vermutlich, weil er sonst nichts aß.
Die Zwei-Zentner-Marke durchbrach ich dann zum ersten Mal kurz vor dem Abitur, nachdem ich Bier für mich entdeckt hatte.
Als Zivildienstleistender stellte ich dann fest, daß man, statt sich mittags etwas zu essen zu kaufen, sich genausogut Zigaretten holen und die Essenmarken wieder bei der Zivildienststelle in Zahlung geben konnte. Ich nahm drastisch ab und wog während meiner Ausbildung zeitweise unter 80 kg – bei 1,90m Körpergröße.
Mit dem darauf folgenden Arbeitsvertrag verfügte ich dann plötzlich über Geld. Soviel Geld, daß ich mir sowohl Zigaretten als auch etwas Eßbares leisten konnte. Und Bier. Und Chips. Und jeden Mittag zum Imbiss.
Mit 30 Jahren hatte ich schließlich wieder meine zwei Zentner nochwas zusammen.
Und dann entschloß ich mich, mit dem Rauchen aufzuhören.
Der Apotheker, der mir die Nikotinpflaster verkaufte, meinte noch: »Sie werden zunehmen, aber das ist bei weitem nicht so schlimm wie das, was Sie Ihrem Körper mit dem Rauchen antun.« Und er sollte Recht behalten. In nur einem Jahr nahm ich locker 10 kg zu. Und es hörte nicht auf.
Nach viereinhalb rauchfreien Jahren wog ich Anfang des Jahres mittlerweile über 115 Kilogramm. Mein Äußeres war mir dabei relativ egal. Okay, ich bin nicht wirklich gerne in Schwimmbäder gegangen, aber ich kann auch nicht behaupten, daß mir meine Plauze irgendwie besonders peinlich gewesen sei. Als Mann hat man es da vermutlich ohnehin etwas leichter, weil man dicke Männer meistens mit »gemütlich« assoziiert, während dicke Frauen als willensschwach gelten.
Was ich übrigens für gefährlichen und menschenverachtenden Unsinn halte. Wenn ich mir allein überlege, wie viele Menschen auch schon in jungem Alter fürchterlich leiden müssen, weil ihnen ständig eingeredet wird, daß sie fett und somit wertlos sind, dann möchte ich am liebsten den Heidi Klums dieser Welt das Gesicht ins Genick drehen, um es mit Hermann Hesse zu sagen. (Einen sehr, sehr, sehr tollen Text über die eigene Wahrnehmung in diesem Zusammenhang hat erst kürzlich Anke Gröner geschrieben. Unbedingt lesen.)
Im Grunde genommen hatte ich mich also mit meinem Übergewicht ganz gut eingerichtet. Mir kam dann aber der 10-km-Lauf im Mai dazwischen, wonach ich etwa einen Monat lang bei jedem Schritt meine Knie gespürt habe. Ich war neidisch auf die ganzen Läufer, die so problemlos eine halbe Stunde schneller waren als ich. Dazu kämpfe ich seit Jahren wegen meiner sitzenden Tätigkeit mit meinem Rücken, der sich wahrscheinlich auch bedanken würde, wenn er mal ein paar Kilo weniger auszuhalten hätte, und etwas mehr Bewegung wäre sicher auch nicht verkehrt.
Ich mußte, nein, ich wollte abnehmen. Nicht übermäßig viel, aber auf 100 kg wollte ich schon herunter.
Also nervte ich meine Freundin kurz vor meinem Geburtstag so lange, bis sie schließlich einwilligte, mir die Withings-Waage zu schenken, eine Waage, die das Gewicht (und den Fettanteil) nach jedem Wiegen per WLAN (!) überträgt. Im Anschluß kann man dann seinen Gewichtsverlauf mittels einer iPhone-App verfolgen.
Genau. Mein. Ding.
Das erste Wiegen war ernüchternd: 118,2 kg. Das sind zwei volle Wassereimer, die ich loswerden wollte. Ich setzte mir daher bewußt kein zeitliches Ziel. Wenn es zwei Jahre dauern sollte, die 18 kg loszuwerden, dann dauert es eben zwei Jahre. Aber so schlimm kam es gar nicht.
Ich meldete mich bei DailyBurn an, die mir einerseits mit Diät- und Trainingsvorschlägen, andererseits beim Kalorienzählen etwas behilflich sein sollten. Praktischerweise nehmen eher große und dicke Männer auch dann ab, wenn sie relativ viel essen. So kann ich derzeit über 2000 kCal täglich zu mir nehmen, und verliere trotzdem Gewicht; je mehr ich mich bewege, desto schneller geht das ganze natürlich.
Ja, ich weiß, dick wird man vor allem von zuviel Fett. Aber da ich keine grünen Salate mag, brauche ich irgendeinen Anhaltspunkt, um mit dem Essen aufzuhören. Mein Körper sagt es mir nicht, wenn ich genug habe, das ist ja das Problem.
Zwischendurch nehme ich mir allerdings auch mal eine Auszeit, das bin ich mir und meinem Lieblingsgriechen schuldig, und auf Bier werde ich bei dem derzeitigen Wetter ganz sicher auch nicht verzichten.
Muß man auch gar nicht: Heute, nach ziemlich genau sechs Wochen, bin ich bereits 5 Kilogramm leichter. Es ist noch ein weiter Weg. Aber die ersten Schritte sind getan.

7 Kommentare
Verdammt!
Hättest Du den Eintrag nicht ein paar Wochen vorher schreiben können?
Dann hätte ich mir so eine coole Waage auch zum Geburtstag gewünscht!!
von Flusskiesel am 20. Juli 2010. Antworten #
Ich hab damals nen Schlußstrich gezogen, als ich bei 116 kg angelangt war. Hab dann mit den berühmten Weight Watchers abgenommen. In knapp über einem Jahr war ich bei 88 kg und bin dann wieder ausgestiegen. Jetzt sind 4 Jahre vergangen und ich pendle so zwischen 92 und 94 kg.
Mit eisernem Willen schafft man das auch. Ich drück dir die Daumen :-)
von Martin am 20. Juli 2010. Antworten #
Viel Erfolg noch :) Ich habe den Sport auch für mich entdeckt, tut gut
von Peter am 21. Juli 2010. Antworten #
»Ja, ich weiß, dick wird man vor allem von zuviel Fett.«
Mir wurde (von einer Ernährungsberaterin) mal zugetragen, dass der Körper nicht Fett, sondern in erster Linie Zucker an der Plautze parkt.
Ein Wasser statt der Cola soll daher mehr bei Abspecken helfen als ein Salat statt dem fettigen Burger. ;)
(…natürlich im entsprechenden Mengenverhältnis)
von Kruecke am 23. Juli 2010. Antworten #
Gutes Gelingen auf dem Weg in die Zweistelligkeit. Wichtig ist, seine Ess- und Sportgewohnheiten aber dauerhaft umzustellen, also nix übertreiben. Sonst ist es nicht nachhaltig.
von Benno am 18. August 2010. Antworten #
Hallo Lars,
mir gehts irgendwie ähnlich. Wiege gerade mal 116 KG steigend. Habe vor 7 Wochen mit dem Rauchen aufgehört und nehme seitdem zu.
Mich würde mal dein Ernährungsplan interessieren da meine jetzigen Gegebenheiten nahezu identisch sind. Ich trinke genauso gerne Bier etc.
Ein bischen mehr Details wären also schön damit andere vielleicht auch davon profitieren, schließlich kann man ja nicht nur Salat essen.……oder?
von Philipp am 9. September 2010. Antworten #
Hallo! Wieso antworten Dir eigentlich nur Maenner? hab deinen Artikel genossen und wuensche Dir weiterhin viel Erfolg. Besonders gefallen hat mir aber die Ehrlichkeit und Selbstkritik , weil ohne sie wuerdest du heute noch colatrinkend und chipsessend in der Videothek sitzen…
Liebe gruesse einer (leider) viel zu schlanken Frau
von Heidi Kroll am 26. Januar 2011. Antworten #