Wenn ich Berufsberater wäre

von Lars Reineke am 23. Juli 2010

Es gibt verschiedene Gründe, XING nicht zu mögen. Das beginnt schon bei Äußerlichkeiten wie den immer gleich aussehenden Bewerbungsfotos, mit denen sich die Teilnehmer dort präsentieren.

Männer mit Schlips und Kragen, Frauen im Businesskostüm, Gesicht halb schräg in die Kamera, Hintergrund grau-blau, leicht vignettiert. Das dürfte auf ca. 80% der XING-Profile zutreffen. Alles sehr seriös und vertrauenerweckend, aber interessant ist das in der Regel nicht. Überhaupt, die ganzen Profileinträge: Ausbildung, Berufserfahrung, Referenzen, Auszeichnungen. Mein Haus, mein Auto, mein Boot.

Es ist eine langweilige, stromlinienförmige Karrierewelt, in die man da eintaucht. Eine Welt, die den wohl grässlichsten Beruf aller Zeiten hervorgebracht hat: Den selbsternannten Social-Media-Berater. XING-Experten. Business-Profil-Coach.

Da werden Beziehungen gepflegt, Kunden akquiriert, XING-Gruppen gemanagt und Events verwaltet. Und wieder eine Stufe auf der Karriereleiter. Ob das überhaupt Spaß macht, geschweige denn jemand braucht, was man da macht, ist doch egal, erst mal Fuß in die Tür, und wenn die ersten Überweisungen auf dem Konto landen, fragt ohnehin keiner mehr danach.

Damit das bloß immer alles zueinander passt und sich immer die besten Aufstiegsmöglichkeiten ergeben, werden dem Mitglied dann auch nur Stellenangebote vorgeschlagen, die zum bisherigen Werdegang passen – der sich natürlich aus dem ausgefüllten Profil ergibt. Es muss immer voran gehen, man muss immer mehr wollen, darf nie zufrieden sein, da sei schon die Wachstumsgesellschaft vor.

Wie schön wäre es, wenn sich jeder aussuchen könnte, wo, was und wie lange er arbeiten möchte. Wenn man nicht mit lauter Zertifikaten, Bescheinigungen und Zeugnissen auftrumpfen müsste, um etwaige Mitbewerber aus dem Rennen zu werfen.

In so einer Welt wäre ich gern Berufsberater.

Ich würde mir angucken, was der- oder diejenige bisher gemacht hat: “So, dann schauen wir mal. Abitur, abgeschlossene Ausbildung zum Industriekaufmann, zwischendurch gejobbt, Studium der Betriebswirtschaftslehre, Festanstellung im Controlling … Sieht ja alles ganz gut aus. Warum wollen Sie den Arbeitsplatz wechseln?

”Ich kam mit den Kollegen nicht mehr zurecht, außerdem hatte ich den Eindruck, dass ich da nur ausgenutzt werde, immer nur Überstunden und so.”

“Hmm, okay, dann schauen wir mal, was wir für Sie haben … – hier: Gitarrenbauer. Oder hier, noch besser: Musiklehrer.”

“Gitarren … Was? Musiklehrer? Aber davon habe ich doch gar keine Ahnung, ich spiele doch nicht mal ein Instrument!”

“Na, dann wird’s ja mal Zeit. Schönen Tag noch!”

2 Kommentare

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Schöner Artikel, besonders der Schlusssatz gefällt.

von Phildahonk am 23. Juli 2010. #

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Wie gut das mein XING Profilfoto so ganz anders ist…

von Haggy am 2. August 2010. #