Geschwätzige Sprachlosigkeit
von Lars Reineke am 25. Juli 2010 | Lesedauer: 4 Minuten
Die am gestrigen Abend wohl am häufigsten wiederholte Falschaussage war: “Ich bin sprachlos.” Fassungslos, ja, aber sprachlos waren gestern insbesondere auf Twitter und in der Blogosphäre offensichtlich die wenigsten.
So teilten sich diejenigen, die das Geschehen auf der Love Parade in Duisburg im Netz kommentierten, wieder einmal in die gleichen Gruppierungen, und bei keiner kann ich so richtig verstehen, was sie da gestern zelebriert hatte.
Den Anfang machten die Betroffenen, die sich auf Twitter äußerten, wie entsetzlich das alles sei, und wie sehr sie mit den Angehörigen mitfühlen, das allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem die Todesopfer noch nicht mal identifiziert waren, so dass diejenigen, die da getröstet werden sollten, noch gar nicht wussten, dass sie überhaupt betroffen sind. Wozu dann also die öffentliche Trauer?
Maximales Unverständnis löste bei mir allerdings jemand aus, der allen Ernstes auf Twitter zur “Heiligen Maria, Mutter Gottes” für die Verletzten und Verstorbenen betete. Auf Twitter. Und weil das noch nicht reicht, hängte er auch noch ein “#rt” an, was als “Please retweet” zu übersetzen ist. Er forderte also seine Follower auf, sein Gebet an die heilige Maria möglichst oft öffentlich zu zitieren. Er muss offenbar davon ausgehen, dass die “Mutter Gottes” einen Twitteraccount hat, aber eben nicht alles mitliest, was ihr so zugetragen wird. Und da war auch ich dann fassungslos.
Ganz offensichtlich soll das Kommentieren solcher Tragödien nur einem helfen, dem Kommentator selbst, was zunächst erst mal ein verständliches Anliegen ist. Man ist überfordert, kann nicht verstehen, wie so etwas passieren kann und muss das irgendwie loswerden.
Aus mir unbekannten Gründen erzeugt es allerdings nicht den Wunsch, mit anderen persönlich darüber zu sprechen, sondern es treibt die Menschen ins Netz, wo sie dann zwangsläufig auf weitere Gruppen stoßen, über die man sich dann gepflegt aufregen kann.
Ob das nun die Witzemacher sind oder diejenigen, die völlig routiniert den immer gleichen “Woanders-sterben-viel-mehr-Menschen”-Text abliefern, beiden sei zu wünschen, dass sie nie in die Situation kommen, in der sie persönlich von einem solchen Unglück betroffen sind. Ich fürchte nur, dass sie anders nicht daraus lernen.
Andere wiederum fordern den Boykott der BILD-Zeitung, wohl wissend, dass nur ein Bruchteil der eigenen Follower und Leser ohnehin die BILD jemals gekauft hat. Um der eigenen moralischen Überlegenheit noch eins draufzusetzen, gehen manche dann sogar so weit in ihrer Empörung, dass “man ruhig mal eine Bombe ins Springer-Gebäude werfen solle”. Wie sich das mit der eigenen Pazifismus-Ethik verträgt, mochte mir dann bisher aber auch noch niemand erklären.
Was hatte denn die BILD getan? Sie hat die mit Decken verhüllten Körper der Toten gezeigt. Das mag moralisch fragwürdig sein, aber was hätte man denn sonst von einer BILD-Klickstrecke erwarten können? Wieso ruft man sowas auf?
So ziemlich jeder in der Timeline gestern hatte sich zudem das Foto angesehen, auf dem die dicht gedrängte Menschenmasse abgebildet war, die sich am Tunnel gebildet hatte. Und fast jeder, der es gesehen hatte, fühlte sich offenbar automatisch verpflichtet, dieses Bild unmittelbar zu retweeten. Warum? Inwiefern unterscheidet sich der eigene Drang danach, Augenzeuge werden zu wollen, von den Intentionen der BILD-Redakteure?
Und wenn wir schon bei der BILD sind: Wie lässt es sich eigentlich erklären, dass dieselben Leute, die die Vorverurteilung von Verdächtigen in der BILD wortreich verabscheuen, plötzlich zu Logistikexperten und Eventmanagern werden, denen sofort völlig klar ist, wer da wann welche Fehler gemacht hat, und dass diejenigen doch bitte sofort zur Verantwortung gezogen werden sollen?
Interessant sind in dem Zusammenhang dann auch die Reaktionen auf die Pressekonferenz am folgenden Tag, in denen man beklagt, dass das alles verlogene Monster seien. Aber was hat man denn erwartet? Dass sich nicht einmal 24 Stunden später, nachdem die Staatsanwaltschaft gerade mal mit den Ermittlungen begonnen hat, auf einer Pressekonferenz sofort alles aufklären lässt? Am besten gleich noch mit live übertragener Vollstreckung des Urteils? Damit man wieder bereit ist für das nächste Unglück?
Die meisten von uns sind nicht mal in der Lage, bei weitaus geringeren Anlässen eigene Fehler zuzugeben, und hier wird plötzlich verlangt, dass da jemand ohne sichere Erkenntnisse die Verantwortung für 19 Tote übernimmt?
Auch, wenn es sehr schwer fallen mag, sachlich zu bleiben, auch wenn der Wunsch, man müsse sofort etwas unternehmen, übermächtig sein mag: Genau das sind Situationen, in denen wir mehr denn je einen souveränen, selbstbewussten Rechtsstaat benötigen. Denn alles andere endet in einem Lynchmob.
Und vielleicht hilft es, sich angesichts solcher Ereignisse an die Zeiten zu erinnern, in denen man sich noch nicht sofort der gesamten Bevölkerung mitteilen konnte.
Vielleicht ist es besser, bei der nächsten Katastrophe – die kommen wird, soviel ist sicher – einfach mal seine engsten Freunde zu kontaktieren, sich zu treffen, sich darüber zu freuen, dass es einem selbst und dem eigenen Umfeld gut geht und den Twitterclient mal ausgeschaltet zu lassen.
Niemand verlangt, dass man seine eigene Ohnmacht immer sofort in Worte kleidet.
Update: Hier noch ein kurzer Nachtrag.

11 Kommentare
Meine erste Tat gestern, als die Nachricht über Twitter rein kam. Ich habe meine Mutter angerufen, die für gewöhnlich solche Events nicht aus lässt. In meiner Timeline finden sich allerhand Dinge zum Ereignis, das allermeiste sind retweets, ich weiß also nicht so recht, ob ich mich angesprochen fühlen soll.
Prinzipiell neige ich sogar dazu, dir Recht zu geben, ich habe nur 2 Probleme damit.
1. Die Reaktionen der Menschen auf solche Ereignisse sind recht unterschiedlich, Sprachlosigkeit setze ich dabei mit einem gewissen Grad an Hilflosigkeit, angesichts der Ereignisse gleich und glaube auch, dass die meisten das damit ausdrücken wollten. Die wiederum entlädt sich aber allzu oft in Wut. Und damit wird alles weitere zu einer emotionalen Sache und über die eigenen Emotionen Herr zu sein, halte ich persönlich abhängig von der Schwere der Eomotion für eine sehr seltene Eigenschaft.
2. Du sprichst Moralisten in diesem Text an. Daher musst du dir wohl gefallen lassen, dass man dir vorwerfen wird, dich hier auch nur als »moralisch besser« darzustellen. Für eine solche Betrachtung wie diese hier, halte ich persönlich es nämlich insgesamt für zu früh, daher haftet auch deinem Text ein Ruf nach Aufmerksamkeit an und die Darstellung liefert halt deine Sichtweise der echten Moral. Ziemlich verzwickt…
Was ich wirklich extrem ansprechenswert finde, ist der Einwurf bezüglich des Lynchmobs. Erschreckender weise gab es nämlich einen Piraten, der die Todesstrafe für die Verantwortlichen ins Spiel brachte, das hat mich persönlich sehr schockiert, dass die Schwelle, diese Strafe zu fordern, so gering ist.
Zu Springer muss man nicht viel Worte verlieren, außer, dass ich nicht glaube, dass der Hass auf Springer in der Berichterstattung von gestern liegt. Vielmehr glaube ich, dass einige es für einen guten Ansatz hielten, auf der Basis von gestern, Springer anzugehen.
Wenn es nach mir persönlich ginge, wären die längst mit Strafzählungen zum Umkehren gezwungen worden.
von Dave-Kay am 25. Juli 2010. Antworten #
Ich stimme Dir in den meisten Punkten zu.
Jedoch: Stell Dir vor, Du erfährst von so einem Unglück und es kommen viele Emotionen hoch:
Trauer, Wut, Mitleid usw.
Diese Gefühle wollen raus, sie wollen ausgedrückt werden - und da ist der Twitter-Client nicht weit …
Grundsätzlich hast Du meiner Meinung nach sehr recht mit Deiner Forderung, dass man sich in solchen Situationen zurückhalten sollte.
von Flusskiesel am 25. Juli 2010. Antworten #
Du hast natürlich in allen Punkten recht, das ist aber leider nicht der Punkt. Du kritisierst Menschen vor allem dafür, dass sie sich online genauso verhalten, wie offline… dass sie Menschen sind, die halt auch mal einfach nur ein „OMG“ formulieren, denen mal die Hutschnur geht oder die sonstigen Blödsinn verzapfen. Das kann man im Einzelfall immer auseinandernehmen, aber insgesamt? Hä? So what? Where’s the news? Versteh ich nicht.
von René am 25. Juli 2010. Antworten #
Kann dir nur zustimmen. Habe gestern auch mit großer Verwunderung festgestellt, dass die Mehrzahl auf Twitter genau wusste, dass das ja passieren musste, warum es dann passiert ist und wer daran schuld ist. Wenn der Mob loslegt gilt das Prinzip »in dubio pro reo« nicht mehr, sondern nur noch »An den Galgen«.
Sehr gut finde ich deinen Hinweis, auf den Umgang mit eigenen Fehlern. Es ist so einfach jetzt mal ganz schnell übers Netz Anklage zu erheben, aber einfach mal die Klappe halten, ist sehr viel schwerer.
von Andrea am 25. Juli 2010. Antworten #
Kann dir nur teilweise folgen. Twitter ist SOCIAL MEDIA. Sozial. Das heißt, da kann, darf und soll man ablassen, wenn man z.B. »sprachlos« angesichts einer solchen Katastrophe ist. Es ist keiner gezwungen, das zu lesen oder den betreffenden Leuten zu folgen. Mit ist die hilflose Betroffenheit allemal lieber - drückt sie doch meistens Anteilnahme aus. Richtig ekalhaft wird es anderswo: http://www.ennomane.de/2010/07/25/wie-christliche-fundamentalisten-die-toten-der-loveparade-instrumentalisieren/
(Was die Entgleisungen betrifft, gebe ich dir aber natürlich völlig recht. Das mit der Todesstrafe ist in der Tat schlimm…)
von Enno am 25. Juli 2010. Antworten #
Danke. Zu den nicht immer durchdachten, aber nur zu menschlichen Reaktionen sage ich jetzt mal nichts. Ich war aber relativ ueberrascht, um es mal vorsichtig zu sagen, wie geschlossen alle moeglichen Leute sofort wussten, dass (Veranstalter | Stadt | Polizei) total unverantwortungsvoll gehandelt habe, dass das nie und nimmer gutgehen konnte, etc -- und das nach rund zehn Minuten Lagestudium ueber Twitter, ohne Kenntnis der Oertlichkeit, des Sicherheitskonzepts, allgemeiner Vorschriften bei Veranstaltungen und der speziellen Auflagen und Massnahmen hier. Auch Twitterer, denen ich mehr Besonnenheit zugetraut haette.
Und dann fangen die Interpretationen an: Auf Youtube-Videos meint man, »schubsende« Polizisten oder vorsaetzliche, boeswillige Absperrungen zu erkennen. Sachlich richtige Ueberlegungen (z.B.
http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/fischblog/verhaltensforschung/2010-07-25/loveparade-ungl-ck-in-duisburg-war-der-eingang-gro-genug) gehen davon aus, dass alle Besucher ungehindert zum Tunnel stroemen konnten -- die Aussage der Polizei, dass schon weit vor dem Tunnel der Zustrom reguliert wurde, geht dagegen in der auf mich sehr aggressiv wirkenden Pressekonferenz ziemlich unter.
Womoeglich ging an irgendeiner Stelle dieser riesigen Veranstaltung irgendetwas in die Hose. Das wird man zwar hoffentlich irgendwie nachvollziehen oder zumindest eingrenzen koennen, aber eben nicht innerhalb einer Twitter-Aufmerksamkeitsspanne von wenigen Stunden.
von stk am 25. Juli 2010. Antworten #
Hmmm…schon irre einen Text/Blog zu lesen, der sich nicht nur infamer Weise über den niederen Intellekt und die oportune Klugscheissere der »Bloggerkollegen« auslässt, sondern sich selbst auch noch für den »Besserblogger« - weil auf der eigenen Seite und nicht bei Twitter? - hält.
Rechtschreibung und Formulierungsdefizite sagen wenig über die Sensibilität eines Menschen aus.
Amüsanter Artikel, aber geheuchelt!
von Johanna am 25. Juli 2010. Antworten #
Ich habe überhaupt nichts gegen Betroffenheitsäußerungen auf Twitter. Ich betrachte nur mit einer gewissen Verständnislosigkeit, dass Gruppe A sagt: »Ich bin so traurig, ich muss das sofort allen sagen«, daraufhin Gruppe B der Gruppe A Gutmenschentum vorwirft, was wiederum Gruppe A dazu veranlasst, Gruppe B die Pest an den Hals zu wünschen.
Aus Trauer um den Verlust von Menschen, die man nicht kennt, wird also innerhalb weniger Minuten abgrundtiefer Hass auf andere Menschen, die man ebensowenig kennt. Und ohne sagen zu wollen »Das hätte es früher nicht gegeben«: Das hätte es früher nicht gegeben.
@René: Ich bin gar nicht so sehr aufs Kritisieren aus. Ich wollte nur anregen, dass man - statt seine Fassungslosigkeit im Netz abzuladen - auch gut mal seine Freunde anrufen kann und sich darüber freuen kann, dass es sie gibt. Ich glaube nämlich, dass das vielen, die gestern und heute an der Diskussion teilgenommen haben, besser getan hätte.
@Dave-Kay: Der Gedanke kam mir auch.
Aber: Moralisch bin ich da in keiner Weise überlegen und habe das auch nicht behauptet. Ich habe für mich nur entschieden, dass ich zum Thema selbst die Fresse halte, weil ich einfach genauso wenig über den Hergang weiß wie alle anderen, und ich glaube nicht, dass mir das geschadet hat.
Was ich jedoch live mitbekommen habe, waren die zum Teil völlig überzogenen Reaktionen darauf, und über nichts anderes habe ich geschrieben.
@Johanna: Erste und letzte Warnung. Du darfst hier gerne Deine Meinung äußern, wenn die allerdings nur aus Unterstellungen und Beleidigungen besteht, muss ich Dich bitten, wieder zu gehen.
von Lars Reineke am 25. Juli 2010. Antworten #
Ich muss Enno zustimmen: Insbesondere Twitter ist kein offizielles Nachrichtenorgan, auf dem nur sorgsam Ausformuliertes und politisch absolut Korrektes seinen Platz hat. Twitter dient der privaten Kommunikation in der Öfentlichkeit, entsprechend groß ist die Bandbreite der Äußerungen.
Deine Empfehlung, bei der nächsten Katastrophe einfach mal die engsten Freunde zu kontaktieren und dabei Twitter ausgeschalten zu lassen, halte ich für unrealistisch: Vielleicht man ja genau seine engsten Freunde kontaktieren - nur eben über Twitter.
von Matthias am 25. Juli 2010. Antworten #
[…] ein kurzer Nachtrag zum vorherigen Artikel: Mir ist soeben erst aufgefallen, dass dort bereits ein paarmal der Flattr-Button angeklickt […]
von Ein kurzer Nachtrag – Lars Reineke am 25. Juli 2010. Antworten #
Sehr gelungener Artikel. Wer Kritik darin sucht, wird wie fast überall etwas finden. Einfach mal wirken lassen und über die Anregungen nachdenken, ohne das Haar in der Suppe zu suchen finde ich richtiger.
von ancore am 26. Juli 2010. Antworten #