Ich geb’s nicht mehr her
von Lars Reineke am 9. Oktober 2010 | Lesedauer: 3 Minuten
Ich gucke ja keine Apple-Keynotes. Das liegt jetzt nicht daran, dass ich mich nicht für die Produkte interessieren würde, ich kann nur nicht ertragen, wenn Hundertausende eher gebildete Menschen es nicht erwarten können, einen Alleinherrscher sprechen zu hören. (So, Nazivergleich ist durch, dann können wir ja anfangen.)
So habe ich erst am nächsten Tag erfahren, was der große Vorsitzende Steve Jobs da Anfang des Jahres wieder vorgestellt hat. Oho, es ist ein Tablet. Naja, kennt man ja irgendwie, fand man schon immer relativ unnütz, wozu hat man schließlich ein Notebook und ein Smartphone?
»Brauche ich nicht,« war wohl die häufigste Reaktion meines Bekanntenkreises darauf.
Aber.
Ich gehöre zu den Leuten, die mittlerweile so selbstverständlich jeden Tag mit dem Internet umgehen, wie andere mit Papier und Bleistift. Ich habe, seitdem ich ein iPhone besitze, immer, also wirklich immer das Internet in meiner Nähe. Wenn eine Fernsehsendung mich langweilt: Twitter. Wenn irgendetwas Lustiges im Fernsehen passiert: Twitter. Mir fällt der Name des einen Politikers nicht mehr ein: Wikipedia. Was kostet die Festplatte im Netz: Amazon. Und so weiter.
Gerade auf Twitter jedoch werden immer wieder Links zu lesenswerten Artikeln gepostet, die ich meistens erstmal überfliege, um den Leseaufwand abzuschätzen. Oft genug erscheint mir der Artikel für das Lesen auf dem iPhone aber zu lang, so dass ich ihn bei Instapaper zwischenlagere. Dort habe ich allerdings manchmal eine Lese-Neuzugangs-Ratio von ca. 3 zu 10, ich lese an manchen Tagen also etwa drei lange Artikel wirklich durch, speichere aber zehn in der Warteschlange, wobei da dann auch immer noch zu sehende YouTube-Videos drunter sind.
Was auf dem iPad wirklich, wirklich Spaß macht, ist: Lesen. Und zwar alles. Ob Bücher, Online-Artikel, Blogs, PDF-Dateien, alles wird so natürlich dargestellt, dass man nicht mehr den Eindruck hat, man verpasse etwas, wenn man diesen Text jetzt »nur« auf dem iPhone liest.
Gerade PDF-Dateien habe ich so wieder schätzen gelernt. Wenn mir ein Vertriebsbeauftragter oder Techniker einen Stapel totes Holz überreichen will, lehne ich schon aus Prinzip ab und frage, ob ich das Dokument auch digital bekommen kann. Nur - so richtig in Ruhe lesen kann ich PDFs nicht am Bildschirm. Sei es die Entfernung zum Medium, die Körperhaltung, es geht nicht.
Das iPad hingegen kann ich gemütlich in der Hand halten wie ein Buch. Und wenn ich eine Pause machen will, ausschalten, weglegen und in ein paar Minuten weitermachen.
Und da offenbart sich ein weiterer Vorteil zum Notebook: Das iPad ist sofort da. Da fährt nichts hoch, da starten keine Dienste im Hintergrund, in die Hand nehmen, benutzen, fertig.
Natürlich gibt es Einschränkungen. So muss ich mich erst an die Bildschirmtastatur gewöhnen, was bei mir nochmal besonders schwierig ist, weil ich seit Jahrzehnten auf nichts anderem tippe, als auf einer IBM Model M, also die Extra-stark-für-Landarbeiter-Version einer Computertastatur. Man muss dabei allerdings dem iPad zugute halten, dass es gar kein Computer sein will. (Dennoch schreibe ich diesen Artikel hier gerade darauf, so ganz ungeeignet ist es für Fließtexte also doch nicht, wobei da aber auch die App ia Writer nicht unerheblichen Anteil hat.)
Wenn ich mir dann Videos anschaue, in denen wie hier angedeutet wird, welch kreative Möglichkeiten noch in diesem Gerät stecken, dann ist klar: Das iPad ist Technik, die man nicht als solche wahrnimmt.
Und ich weiß jetzt schon, nach nur drei Tagen, dass ich meins nicht mehr hergeben werde.

9 Kommentare
Schön, dann kannste in Zukunft auch kapieren, dass die gebildeten Menschen bei der Keynote weniger dem Alleinherrscher beim Sprechen zuhören wollen, sondern einfach Spaß und Freude an dem haben, was dann üblicherweise an Technik vorgestellt wird. Und ein bisschen daran, wie es vorgestellt wird. Vielen dieser Menschen hat die Technik von Apple nämlich das Leben in einer sehr positiven kreativen Weise verändert. Ich wäre heute beruflich nicht das was ich bin und vermutlich deutlich weniger glücklich damit als ich es tatsächlich bin, wenn es Jobs, Wozniak und somit Apple nicht (frühzeitig) in meinem Leben gegeben hätte.
Der Rest, was Steve Jobs Keynotes-Auftreten anbelangt, ist letztendlich Charisma. Ich vermute, Du bist ihm nie im Real Life begegnet? Er ist charismatisch – neben seinen Visionen, die er hat und teilt. Das darf man ihm ruhig neidlos zugestehen – übrigens auch ohne Hitlervergleiche zu fahren. Gab schon immer charismatische Persönlichkeiten, die ohne negative Geschichte zu schaffen, für das Positive standen, was sie geschaffen haben. Insofern verstehe ich den Hitlervergleich nicht wirklich. Angst vor dem starken Mann im schwarzen Pulli? Er beißt nicht. Und die Leute, die Spaß an ihm und seiner Person haben und dem, was er ihnen zur Arbeitserleichterung und Steigerung ihrer Kreativität an die Hand gibt, sind auch nicht nur Ballaballa. Üblicherweise sitzen in den Keynotes gestandene Leute mit echtem Business im Kreuz, keine dummen Groupies. ;-)
Aber viel Spaß mit dem iPad. Und Apples Akku-Policy finde ich übrigens immer noch scheiße!
von creezy am 9. Oktober 2010. Antworten #
Es ist genau dieses pathetische In-Schutz-nehmen, das ich bei den Apple-Fanboys (und -girls) so ausgesprochen lächerlich finde.
Meine Güte, kann man nicht einfach die Produkte benutzen, und gut ist? Muss man da gleich ›ne religiöse Nummer abziehen, als hätte ich das Jobstum beleidigt?
Ein wenig Selbstironie könnte nicht schaden.
von Lars Reineke am 9. Oktober 2010. Antworten #
Also als ich das iPad zum ersten Mal gesehen habe gingen mir genau zwei Sätze durch den Kopf:
1. Überflüssiger Schnickschnack - braucht kein Mensch.
2. Wie geil - muss ich haben :-)
von Olli am 9. Oktober 2010. Antworten #
Oder, wie ich irgendwo gelesen habe: »Es schließt eine Lücke, die es vorher nicht gab.« :-)
von Lars Reineke am 9. Oktober 2010. Antworten #
Hi Lars,
ich habe mich noch nicht besonders mit dem Gerät befasst, aber eine Frage habe ich zum Arbeiten am ipad.
Kann man auch sinnvoll zwischen den Seiten hin und her wechseln oder muss man wie blöde hoch und runter scrollen?
(Das ist es, was mich am PC nervt und warum ich lieber Ausgedrucktes verwende)
Mein Beispiel: Ich arbeite mich zur Zeit durch ein Gutachten. Dabei muss ich von Seite 8 zu Seite 21 und dann weiter zu Seite 66 springen. Oft lege ich mir dann die Seiten nebeneinander oder bilde Stapel.
Daher würde mich interessieren, ob man das ipad auch fürs Arbeiten mit Texten empfehlen kann oder doch nur zum Lesen.
Gruß
Jan
von Jan am 10. Oktober 2010. Antworten #
Du kannst dir in der App »Good Reader« (0,79€), die ich auch zum PDF-Lesen benutze, Lesezeichen setzen, zu denen du jeweils schnell hinspringen kannst. Mit der App kann man auch gleich Markierungen und Notizen eintragen.
von Lars Reineke am 10. Oktober 2010. Antworten #
Wüsste nicht, wieso ein Apple Leute kreativer machen sollte als ein anderer Rechner.
Ich kann auch keativ mit Stift, Zettel und einem »normalen« PC sein ohne dabei Steve mein Geld für viel zu teuren Ramsch in den Rachen zu schmeissen.
»Angst vor dem starken Mann im schwarzen Pulli? Er beißt nicht.« … Soweit ich weiss, hat Hitler auch keinen Gebissen.
von spaceape am 16. November 2010. Antworten #
@spaceape: Nun ja, man kann erster Klasse von Hamburg nach München fahren oder zusammen mit einer Horde besoffener Bundeswehrsoldaten. Man kommt vielleicht gleichzeitig an, ist aber unterschiedlich stark gestresst.
Ob man ein anderes Bedienkonzept aber gleich als »viel zu teuren Ramsch« bezeichnen muss, lasse ich mal dahingestellt.
von Lars Reineke am 16. November 2010. Antworten #
[…] ich im Oktober vergangenen Jahres das iPad rezensiert hatte, lobte ich es wegen seiner tollen Eigenschaften, die es prädestiniert machten, um darauf […]
von Hab mir ‘nen Kindle gekauft « Lars Reineke am 29. Mai 2011. Antworten #