Hab mir ‘nen Kindle gekauft
von Lars Reineke am 29. Mai 2011 | Lesedauer: 7 Minuten
Als ich im Oktober vergangenen Jahres das iPad rezensiert hatte, lobte ich es wegen seiner tollen Eigenschaften, die es prädestiniert machten, um darauf Texte aller Art zu lesen. Nun, das muss ich heute etwas einschränken.
Man kann tatsächlich auf dem iPad wunderbar Bücher lesen, wenn:
- die Umgebung nicht allzu hell ist
- man beide Hände frei hat
- man sich genügend konzentrieren kann
Trifft nur eine der drei Bedingungen nicht zu, ist es mit dem Lesespaß schnell vorbei.
Das mit der Konzentration hat Johnny Haeusler bereits in seinem Testbericht erklärt: Eigentlich, ja, eigentlich möchte man nur gerade einen Roman lesen. Dann macht es “Dschinnngg”, und eine neue EMail ist da, die man natürlich sofort lesen muss. Die wiederum lässt einen in den Kalender gucken, woraufhin einem einfällt, was man noch nachschlagen wollte, was einem wieder den Hammertweet, den man noch loswerden wollte, ins Gedächtnis ruft, dann liest man noch ein Bisschen die Timeline, guckt, was die Freunde so auf Facebook treiben, und schon verschiebt man das nächste Kapitel im Roman auf morgen.
Kurz: Das iPad ist tolle Technik, mit der man sich wunderbar die Zeit mit Gedöns vertreiben kann. Auch, wenn man das gar nicht vorhatte.
Seit ein paar Tagen habe ich außerdem beim Lesen nur noch eine Hand frei, weil die andere meine neugeborene Tochter festhalten muss, damit diese nicht von meinem Bauch rutscht, was eine ihrer Lieblingseinschlafplätze ist. Das geht mit dem iPad nicht dauerhaft, weil es dafür zu schwer ist, so dass sich irgendwann die Finger verkrampfen.
Absolut unmöglich ist es aber, mit dem iPad draußen zu sitzen und zu lesen. Ich hab’s versucht, das Ergebnis sah so aus:
Nun hatte ich mir aber gerade erst ein neues Buch für die Kindle-iPad-App gekauft. Ich wollte es also auch lesen. Draußen.
Spätestens da war mir klar, dass ich einen Amazon Kindle1 haben wollte.
Ich entschied mich für das preisgünstigste Modell für 139 Euro, das lediglich mit WLAN ausgestattet ist. Es gibt auch eines mit 3G, mit dem man sich neue Bücher auch ohne Breitbandanbindung herunterladen kann, aber das waren mir die zusätzlichen 50 Euro nicht wert. Ich habe prinzipiell nicht vor, mich so lange an einem Ort ohne WLAN aufzuhalten, dass ich mir ausgerechnet dort neue Bücher kaufen muss, um weiterlesen zu können. Urlaub ohne Internet? Nö.
Am nächsten Tag geliefert, kam der (das?) Amazon Kindle in einer schmucklosen Pappschachtel ins Haus. Es ist kein Ladegerät, sondern nur ein USB-Kabel enthalten, was ich irgendwie eher so mittel finde, zumal sich der Kindle komplett ohne PC mit Büchern betanken lässt. Dafür allerdings wird die Akkulaufzeit ohne eingeschaltetes WLAN mit fast einem Monat angegeben. So oft muss man das Ding also eh nicht aufladen.
Ebenfalls nicht dabei ist ein Etui oder sowas. Die gibt es in sehr edel für einen unverschämten Preis bei Amazon nachzukaufen. Ich probiere es erstmal ohne. (Bis zum nächsten Urlaub wahrscheinlich.)
Aber nun zum eigentlichen Gerät.
Ich hatte mir (vor dem Kauf des iPads) hin und wieder bei Thalia den OYO-Reader angesehen, bei dem mich der relativ langsame Seitenwechsel nervte, abgesehen von dem Umstand, dass ich mir damit Bücher bei Thalia kaufen müsste, was ich aus verschiedenen Gründen zu vermeiden versuche.
Der Kindle ist der erste eBook-Reader, den ich in den Händen halte, bei dem ich zumindest den subjektiven Eindruck hatte, dass der Seitenwechsel schneller vonstatten geht, als bei einem Buch aus Papier.
Das Schriftbild der E-Ink-Anzeige ist der absolute Hammer. Ich habe keine Lupe am Start, die ich für eine objektive Beurteilung bräuchte, denn allein mit bloßem Auge kann ich persönlich kein einzelnes Pixel von seinem Nachbarn unterscheiden. Dieses Schriftbild ist tatsächlich besser als gedruckt.
Voraussetzung dafür ist allerdings eine Lichtquelle, die mindestens so hell ist, dass man damit auch Papierbücher lesen könnte, da der Hintergrund grau statt weiß ist und selbst nicht leuchtet, so dass daher ein wenig Kontrast fehlt.
Dann aber ist die Anzeige umwerfend und nahezu reflexionsfrei:
Zum Vergleich habe ich noch mal dieselbe Position draußen wie beim iPad-Foto oben eingenommen:
Der Kindle hat (leider) nur drei Schriftarten zur Auswahl, von denen zwei noch dazu relativ identisch aussehen. Das lässt sich mit einem offenbar harmlosen Jailbreak beheben, der es auch lediglich ermöglicht, neue Bildschirmschoner und Schriftarten zu installieren.
Apropos Bildschirmschoner: Das Gerät schaltet man praktisch nie aus, sondern sperrt lediglich die Tastatur, woraufhin dann dauerhaft – das E-Ink-Display verbraucht nur Strom beim Seitenaufbau – unter anderem sehr stilvolle Autorenportraits angezeigt werden.
Im Gegensatz zur iBooks-App von Apple zeigt der Kindle keine (je nach Schriftgröße errechneten) Seitenzahlen an. Stattdessen befindet sich an der unteren Kante ein Fortschrittsbalken, der meines Erachtens die bessere Lösung darstellt, weil man dadurch eher das Gefühl hat, im Buch voranzukommen.
Generell kann ich persönlich sagen, dass es sich auf dem Kindle dank der hervorragenden Darstellung ermüdungsfreier lesen lässt, als auf dem iPad.
Der Kindle lässt sich problemlos in einer Hand halten, auch umblättern geht, ohne die zweite Hand zu Hilfe nehmen zu müssen.
Das Stöbern im Angebot ist etwas mühselig, schon allein, weil man statt eines Touchscreens (bzw. einer Maus) nur ein 4-Wege-Steuerkreuz zur Verfügung hat. Dafür allerdings kann ich nach neuen Büchern einfach auf der Webseite von Amazon suchen, was mir bei der iBook-Anwendung von Apple von Anfang an gefehlt hat.
(Kleiner Exkurs: Was ich bei der Apple-Anwendung ebenfalls gehasst habe: Sie startet immer, wenn sie länger nicht aufgerufen wurde, für die ersten Sekunden mit einem leeren Bücherregal, als hätte ich nie ein Buch gekauft. Das macht mich irre.)
PDF-Dateien und andere Formate kann man sich per Mail an eine eigens angelegte kindle.com-Adresse schicken. Dafür allerdings würde ich weiterhin das iPad verwenden, da für eine vernünftige Lesbarkeit doch eher auf die systemeigenen Schriftarten zugegriffen werden sollte, und dafür muss man die Dokumente vorher mit einer Zusatzsoftware (z.B. Calibre) konvertieren.
Die entscheidende Frage für viele lautet sicher: Kann das Teil gedruckte Bücher ersetzen?
Meine Antwort: Kommt drauf an.
Zunächst müssen selbstverständlich die Verleger mitziehen und ihre Bücher auch für den Kindle anbieten, logisch. Am Preis pro Buch gibt es prinzipiell nichts auszusetzen. Ja, natürlich ist es auf Anhieb nicht so richtig einzusehen, warum ein eBook nur 1 € günstiger ist als die gedruckte Variante.
Aber ich zahle bei einem Buch ja nicht für das Material, sondern für das Leseerlebnis, das es mir ermöglicht. Wie bei so ziemlich allem, was man käuflich erwerben kann, vom Brötchen bis zur Armbanduhr. Fleecepullover sind aus alten PET-Flaschen hergestellt, also bitte, Materialkosten - für’n Arsch.
Ein Kindle ist sicher nichts für den bibliophilen Schöngeist, der sich gerne in Leder gebundene Erstausgaben ins Regal stellt, um hin und wieder mal dran zu riechen oder um damit vor seinen drei Freunden anzugeben. Ebensowenig würde ich darauf Fachbücher lesen wollen, in denen ich mir gerne mal Randnotizen mache.
Er eignet sich aber ausgezeichnet dafür, ganz einfach Bücher in seiner Freizeit zu lesen, noch dazu, ohne das Haus verlassen zu müssen, um sich neue zu kaufen. (Ich lese übrigens gerade “Codename Tesseract”2. Sehr spannende, unterhaltsame Thriller-Lektüre. Kann ich ge-e-inkt wie gedruckt empfehlen.)
Ich möchte mich einfach in Ruhe in eine Ecke setzen, ein Buch lesen, und hinterher sagen können: “Ja. Gutes Buch. Hat Spaß gemacht. Was kommt als nächstes?”
Und das kann man mit dem Kindle ganz zweifellos.
Was noch fehlt:
Die Möglichkeit, total beknackte Bücher (zum Teil selbstvermarkteten 1-Euro-Schrott) nicht mehr empfohlen zu bekommen. Zumindest habe ich diese Funktion noch nicht bei Amazon entdeckt.
Außerdem könnte Amazon mehr Richtung Social-Media-Lovelybooks-Goodreads-Community-Zeug machen. Ein hauseigenes Kindle-Blog mit Neuerscheinungen in bestimmten Genres, um nur ein Beispiel zu nennen.
Ach ja: Und einen unbestechlichen Filter nach Sprachen wünsche ich mir auch noch, bei dem ich wirklich unmissverständlich einstellen kann, dass mir nur deutschsprachige Bücher ausgegeben werden. Aber das kommt sicher noch.

11 Kommentare
»3. man sich genügend konzentrieren kann« -> Mein größtes Problem mit dem iPad. Ständig lenken Twitter, E-Mails und co. ab ;)
Ansonsten kann ich noch sagen, dass man mit dem Kindle sogar am Strand in der Sonne problemlos lesen kann.
Ich <3 meinen Kindle und wünsche dir viel Freude mit deinem :)
von Gilly am 29. Mai 2011. Antworten #
Also kann man z.B. aus längeren Blogeinträgen einfach ein pdf machen und sich das via E-Mail auf den Kindle schieben?
Klappt das denn so in der Praxis oder ist das eher umständlich?
von Flusskiesel am 30. Mai 2011. Antworten #
@Flusskiesel: Das geht besser, wenn man längere Blogeinträge bei Instapaper zwischenlagert und dann einmal gesammelt alle mit der bei Instapaper eingebauten »Download-to-Kindle«-Funktion herunterlädt.
von Lars Reineke am 30. Mai 2011. Antworten #
@Lars Reineke:
Um so besser! Instapaper benutze ich ja eh recht intensiv. Danke!
von Flusskiesel am 30. Mai 2011. Antworten #
Oh ja, bei mir im Fachschaftsbuero fallen sie mittlerweile auch schon rudelweise mit dem Kindle ein… weitergegebene Erfahrungen:
* Ladegeraet ist kein Problem - wenn man mal wieder im Chinashop einkauft, kann man sich ja ein verdaechtig apfelig aussehendes Eurostecker-auf-USB-Netzteil und/oder eins fuer den KFZ-12v-Anschluss fuer jeweils knapp zwei Euro holen. Ersetzt dann alles an Netzteilen, was theoretisch auch an USB anschliessbar waere.
* Grobmotoriker oder Leute mit Hang zu spektakulaeren Unfaellen sollten sich das mit der Huelle vielleicht doch ueberlegen. Ein Kollege hat mittlerweile das zweite Display verschlissen, weil er mit dem Tretroller den Eselsberg heruntergepurzelt ist. Amazon stellt zwar bislang offenbar keine Fragen sondern schickt anstandslos ein Neugeraet hinterher(!), man weiss aber nicht, wie lange das so gehen wird ;)
* Der Kindle-Font rockt. Ernsthaft. Da kann man bei der Lesbarkeit wenig verbessern. Die Typonazis der Uni Ulm sind angetan.
* Klassiker rocken sowieso. Alles, was es fuer 2-3 EUR von Penguin Classics oder Dover Thrift Edition oder fuer das Doppelte von Reclam gibt, gibt’s auch gemeinfrei auf den Reader, in einer eigenen Amazon-Rubrik.
…argh, jetzt will ich mir auch einen bestellen oO
von stk am 30. Mai 2011. Antworten #
@stk:
»Typonazis der Uni Ulm«? Sind die so streng?
von Flusskiesel am 30. Mai 2011. Antworten #
Ich sympathisiere auch mit dem Kindle, müsste aber studienbedingt die Möglichkeit für Randnotizen besitzen. Schon in vielen gedruckten Büchern sind die Ränder für Marginalien häufig sehr eng bemessen. Prinzipiell wäre das demnach eine schöne Aufgabe für einen eBook-Reader. Schade, dass Amazon, das nicht berücksichtigt hat. Insofern kommt die aktuelle Variante wohl noch nicht in Betracht für mich.
von Tobias am 1. Juni 2011. Antworten #
Ich liebäugle inzwischen ja auch mit der Anschaffung eines solchen Readers - ob es aber eine Bindung an Amazon sein muss?
Hat jemand Erfahrung damit, ob das Herunterladen in allen Ländern geht, oder gibt es da wieder Einschränkungen?
@stk: die Anmerkung mit den freien Klassikern ist ein Argument, das mich doch dem Kauf noch sehr viel näher treten lässt - so sehr ich Papierbücher liebe.
von rheinsberg am 1. Juni 2011. Antworten #
Das Thalia-Argument gegen den OYO finde ich extrem schwach. Nicht nur, weil man gerade mit dem Kindle sich fest an Amazon bindet (und zwar ausschließlich an Amazon und sein eigenes Format), sondern weil es auch falsch ist. Natürlich kann man die Bücher auf dem OYO nur bei Thalia kaufen - aber durch das epub-Format kann man auch ganz regulär seine Bücher woanders (nur halt eben auf dem Rechner) kaufen. Zudem gibt mittlerweile in vielen deutschen Büchereinen die Möglichkeit, sich epubs auszuleihen. Beim Kindle muss man auf die Dienste von Amazon zurückgreifen. Auch wenn man das Thema Datenschutz mal ganz außer Acht lässt, bleibt dann noch die Frage, warum man nicht selber entscheiden darf, womit man seine Bücher auf den Reader überträgt.
Ich habe mir vor ein paar Monaten allerdings den OYO auf Grund seiner technischen Unzulänglichkeiten gekauft und mich für den Sony-Reader entschieden (der das gleiche Pearl-Ink-Display hat wie der Kindle…). Dank epub-Unterstützung kann ich selber entscheiden, was ich wo kaufe oder ausleihe. Sicher, der Reader hat kein WIFI, aber wenn man ihn mich Büchern »volltankt« wir einem so schnell nicht der Lesestoff ausgehen.
von tboley am 1. Juni 2011. Antworten #
Ich lese gelegentlich Ebooks auf dem iPod touch. Auch draußen und habe dabei keine Probleme mit Spiegelungen. Wahrscheinlich werfe ich selbst immer noch genug Schatten. Das Halten und Umblättern geht mit einer Hand, muss man aber oft machen aufgrund des kleinen Bildschirms.
Mails oder Facebook nerven mich nicht. Ich lese einfach offline. Geht das mit dem iPad nicht?
Das Beste finde ich allerdings, dass ich mit dem iPod im Dunkeln im Bett lesen kann, ohne Licht anzumachen und mit Seiten zu rascheln, wenn mein Partner noch/schon schläft.
von Büchereierlei am 3. Juni 2011. Antworten #
[…] Ein schöner Artikel, der mich übrigens letztlich davon überzeugt hat, dass so ein Ding ins Haus m… Auch weil es hier mit dem iPad verglichen wird. Es handelt sich hier aber um ein Vorgängermodell, mit Keyboard. […]
von kubiwahn » Der Untergang des Abendlandes am 13. Dezember 2011. Antworten #