Dies und jenes, aber vor allem jenes

von Lars Reineke am 31. Oktober 2011 | Lesedauer: 6 Minuten

Manchmal, beim Duschen oder ähnlich beiläufigen Tätigkeiten, blitzt kurz ein Gedanke auf, den ich dann so 2-3 Minuten weiterverfolge und hinterher denke: »Hm, müsste man mal was drüber schreiben.« Dann notiere ich mir das und koche Kaffee oder verfolge die nächste beiläufige Tätigkeit.

Meistens lungert diese Idee dann monatelang in meinem Aufgabensystem (über das ich auch noch mal ins Internet schreiben wollte) herum. Einige werden nie geschrieben und stattdessen wieder gelöscht. Ein paar davon greife ich jetzt einfach mal auf, vielleicht entwickelt sich da ja mehr draus.

Nachgeschobenes Fazit: Ist dann doch ein Artikel mit einem gewissen Grundthema geworden. Na, bitte.

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Neulich bekam ich auf Google+ eine Benachrichtigung, dass ein gewisser Gedeon Burkhard mich in seine Kreise aufgenommen hat. Im Gegensatz zu den vielen anderen, mir völlig unbekannten Menschen, die mich da täglich hinzufügen, hatte ich den Eindruck, den Namen schon mal gehört zu haben.

Und tatsächlich: Der Name gehört einem deutschen Schauspieler, der unter anderem bei Kommissar Rex die Hauptrolle gespielt hat. Das war jetzt keine Serie, die ich länger als 10 Minuten gesehen habe, aber als ich das Gesicht sah, wusste ich wieder, um wen es sich da handelt.

Burkhard spielte nämlich in »Kleine Haie»1 mit, einem sehr, sehr schönen und witzigen Film von Sönke Wortmann. Kleine Haie war der Film meiner Abiturzeit, jeder von uns hatte ihn mindestens fünfmal gesehen und etliche Zitate daraus (»Fahrbier find‹ ich ok.«) haben sich bis heute gehalten.

Und jetzt, 19 Jahre später, bekomme ich eine Nachricht, dass mir einer der Schauspieler aus diesem Film meiner Jugend folgt. Der twittert sogar.

Ich finde das so großartig.

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Überhaupt, Twitter und Google+. Und Facebook. Ich habe mich jetzt entschieden: Ich werde mich nicht entscheiden. Weil jedes davon seinen eigenen Zweck erfüllt.

Bei Facebook sind die ganzen Leute, die sonst mit diesem Social-Media-Kram nichts zu tun haben. Ehemalige Schulfreunde, der eine oder andere Lokalpolitiker und vor allem die vielen lokalen Musiker und Locations. (Lokale Locations? Ach, scheiß drauf.)
Die kenne ich alle. Irgendwie. Das ist einfach alles etwas persönlicher da. Und das finde ich gut.

Google+ ist anders. Mal abgesehen von dem Klarnamengedöns, das sie sich geleistet haben, und dem ich auch heute noch relativ unbeteiligt gegenüberstehe, kenne ich da so gut wie niemanden. Da trifft sich mehr oder weniger die ganze netzaffine Bloggeria und zeigt sich gegenseitig ihre neuen Fundstücke. Das ist ok so, aber das ist eines der Netzwerke, auf das ich wohl am ehesten verzichten könnte. (Nachdem ich mich mittlerweile bei Xing abgemeldet habe und MeinVZ nur noch aufrufe, wenn mir jemand, der sonst nirgendwo eingetragen ist, ›ne Nachricht schickt.)

Twitter ist immer noch mein Liebling. Abgesehen vom Bloggen gibt es kein Netzwerk, bei dem ich so viele Menschen kennengelernt habe, wie dort. Dort sind meine Netzfreunde, und mit praktisch allen würde ich mich gerne mal auf ein Bier treffen. Sogar mit denen, die ich auf Twitter gar nicht so gerne mag, schon allein, um herauszufinden, woran das wirklich liegt und ob man das ändern kann.

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Das sind schon verdammt geile Zeiten, in denen wir leben.

Mein Vater fuhr zur See, er war Steuermann auf verschiedenen Küstenmotorschiffen, mit denen er und der Rest der Mannschaft an Bord alles mögliche an Frachtgut kreuz und quer durch Nord- und Ostsee beförderte. Ich fuhr in den Sommerferien oft mit. England, Frankreich, Deutschland, Skandinavien und so.

Er war zweimal im Jahr für jeweils 6 Wochen zu Hause, und in der Zwischenzeit gab es hin und wieder mal einen Anruf, entweder aus einer Telefonzelle oder, wenn es wirklich dringend war, mittels Funkverbindung. Das funktionierte so, dass mein Vater eine Funkstation in der Nähe kontaktierte, die dann wiederum bei uns zu Hause anrief und die Verbindung herstellte. Man musste also immer warten, bis der andere aufgehört hatte zu sprechen, auf dem Schiff hatte er ja nur ein Funkgerät. Und das ganze war schweineteuer, ich weiß gar nicht mehr, wie die das abgerechnet haben.

Am krassesten war das immer zu Weihnachten, denn er konnte logischerweise nicht immer Heiligabend zu Hause sein. Dann gab es, weil natürlich alle Seeleute irgendwie versuchten, ihre Familie zu kontaktieren, immer nur ganz kurze Gespräche, vielleicht 1-2 Minuten. Dann musste wieder Platz geschaffen werden für das nächste.

Stattdessen gab es dann aber die Sendung »Weihnachten auf hoher See«. Da riefen dann die Ehefrauen beim Radio an, wünschten sich - um Fassung ringend - ein Lied, das beide mochten und grüßten damit ihre Männer, die jetzt irgendwo vor Schweden bei minus 15 Grad Celsius Wache hielten. Die Ehemänner hörten das auf See wahrscheinlich eh nicht, also war die ganze Show im Prinzip nur ein wenig Trost für die anderen Seemannsehefrauen, die gerade mit ihren Kindern zu Hause die Sendung hörten und wussten, dass da noch andere waren, denen es in diesem Moment genauso ging.

Heute fangen die Leute an zu meckern, wenn bei Skype der Videostream ruckelt.

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Ich finde ohnehin, dass wir wieder anfangen sollten, mehr wertzuschätzen, was uns die Technik so jeden Tag an fantastischen Möglichkeiten bietet. Und mehr zusammenarbeiten, damit das in Zukunft noch großartiger wird.

Mal ehrlich, das ist doch totaler Scheiß, dass Apple, Google, Samsung und wasweißichnichtweralles gegenseitig mit irgendwelchen Lawsuits und Patentansprüchen beharken, anstatt das gemeinsame Wissen und Können in die Runde zu schmeißen und das fucking beste Technikteil, das die Welt je gesehen hat, zusammen zu löten. Was für ein Blödsinn.

Jeder baut sich seine eigene Schnittstelle, seinen eigenen Browser, seinen eigenen Mailclient, seine eigene Twitter-App, sein eigenes Keineahnungwas und reibt sich die Hände, wenn im Produkt des jeweils anderen wieder irgendeine Sicherheitslücke aufgetreten ist. Das kommt mir immer so vor, als wenn drei Firmen zeitgleich an parallelen Autobahnen bauen würden, und wenn die erste fertig ist, nimmt sie dann von den anderen beiden Wegezoll, damit die wenigstens noch eine Zufahrt bekommen.

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Das mit dem Wertschätzen, da muss ich nochmal drauf zurückkommen: Ich ärgere mich seit Monaten so dermaßen über den Umstand, etliche Wunderwerke der Technik zu besitzen, mit denen ich für zum Teil unfassbar wenig Geld unfassbar tolle Dinge tun könnte, wenn ich mir nur mal die Zeit nehmen würde, zu lernen, wie man damit umgeht.

Das geht von Bildbearbeitungsprogrammen (Pixelmator) über Musiksoftware (GarageBand), DTP-Anwendungen (Scribus), Office-Programme (Keynote, LibreOffice), bis zu Programmiersprachen und APIs von Onlinediensten und jeder Menge anderer Software, die kostenlos zur Verfügung steht oder mich relativ wenig Geld gekostet hat und die ich deshalb gekauft hatte, weil ich in dem Moment eine Lösung für mein Problem brauchte.

Ich habe mir daher vorgenommen, mir für jede Woche eines dieser Dinge herauszusuchen und mich damit mal zu beschäftigen. Gucken, was man damit noch so machen kann. Von mir aus den größten Teil hinterher wieder verlernen, aber ich will wenigstens sagen können, dass ich das mal probiert habe.

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7 Kommentare

1

Cooler Artikel! Bin ganz deiner Meinung.

von Angela am 1. November 2011. Antworten #

2

Sehr, sehr schön gesagt. Vielen Dank!

von Kiki am 1. November 2011. Antworten #

3

Twitter, Google+, Facebook, Xing, MeinVZ .…
manchmal komme ich mir vor wie der letzte analoge Mensch in einer digitalen Welt.
Ich brauche das Zeug nicht. Bin froh, das ich die meisten Leute, die ich dort (wieder-)treffe nicht auch noch sehen muss ;-). Ich bin froh, dass ich so Zeugs wie Apple-Apps und -i’s nicht brauche und mich bei solchen Monopolisten nicht einkaufen und meine Unabhängigkeit aufgeben muss nur um mit der Außenwelt zu kommunizieren und/oder fragwürdigen Trends hinterherzujagen (Womit ich nicht sage »Apple ist der Antichrist« - Apple war nur ein Beispiel).

Ich unterhalte mich lieber ganz ›old-school‹ persönlich mit meinen Mitmenschen - so sehe ich (meistens) ob mein Gegenüber es auch wirklich so meint, wie er/sie/es sagt (uncool, ich weiß).

Vielleicht ist meine Welt dadurch etwas kleiner als eure - aber ich bin verdammtnochmal glücklich damit und muss mich nicht mit Dingen herumschlagen, die einem Andere aufzwingen :-)

Wenn du mit »Scribus«, »Pixelmator« usw. durch bist schreibmal was drüber was du davon hälst. Ich muss mich beruflich mit der Adobe-Schiene rumplagen und es kotzt mich mit jeder neuen Version immer mehr an.

von hoschi am 1. November 2011. Antworten #

4

@hoschi: Ach so. Ich wusste bis jetzt nicht, dass es sich hier um ein ›entweder… oder‹ handelt. Dann muss ich mit meinen Freunden, mit denen ich auch per Facebook, Mail, SMS, WhatsApp oä. kommuniziere, mal beim Bier abends abklären, wen ich ab sofort nur noch ›ganz old-school‹ treffe und wen nur noch online. Schade.
Gilt das eigentlich auch für Telefon und Briefpost? Schließlich ist das ja auch total unpersönlich…

Viele Grüße
Jacob

von Jacob am 2. November 2011. Antworten #

5

@Jacob:
Von »entweder-oder« war doch garnicht die Rede, da hast du mich wohl falsch verstanden. Nur weil ich den den Sozialen Netzwerken kritisch gegenüber stehe und keinen Bock habe mich damit stundenlang zu beschäftigen, bedeutet das nicht, das ich nicht auch über Foren oder irgendwelchen Blogs mit Leuten kommuniziere. Und wenn Bekannte mittlerweile auf der anderen Seite der Erde leben (oder auch weniger weit entfernt) ist es doch auch völlig legitim andere Möglichkeiten der Kommunikation zu nutzen.

Vielleicht irre ich mich ja auch und die Datenschutzlücken dieser Netzwerke machen die Welt tatsächlich etwas besser. Vielleicht ist es ja ganz normal das alle Welt meine Schwanzlänge kennt und mir deshalb passende Kondome verkaufen will. Vielleicht ist es auch besser so, das alle Firmen dieser Welt meine Vorlieben kennen, so bekomme ich ungefragt wenigstens nur die Werbung, die mich auch wirklich interessieren könnte…

Vielleicht bin ich auch viel zu paranoid und es ist völlig in Ordnung, das deine (vielleicht auch kostenlose) App es ermöglicht ein BewegungsProfil von dir zu erstellen in dem steht wo du dich gerade aufhälst, welchen Weg du tagtäglich zurücklegst, an welchen Geschäften du dabei vorbei kommst… verbunden mit deinen Vorlieben, die du bei Facebook und Co. äußerst und mit einem DataMining-Profil welches deine Browseraktivitäten auflistet kann man dir nahezu alles anbieten - du musst es nur noch kaufen.

Was das »unpersönlich« angeht:
Ich treffe immer öfter Leute die sich zwar mit mir unterhalten, dabei aber wie ein Weltmeister auf ihrem Phone rumtippen als wären sie fähig mehrere Unterhaltungen gleichzeitig zu führen (was sie nicht sind, sonst müsste ich mich nicht ständig wiederholen) - und das finde ich »unpersönlich«.

Unpersönlich ist leider auch dein obiger Kommentar.
Versteh das jetzt bitte nicht falsch aber im Moment kann ich leider nicht einschätzen wie ich deinen Beitrag werten soll: War er jetzt eher scherzhaft und garnicht böse gemeint? Oder war er gar geringschätzing und du freust dich hämisch darüber das mir eins auswischen konntest - wenn du mir obiges ins Gesicht gesagt hättest wüsste ich das.

So. Reicht jetzt. Bis denn dann.

von hoschi am 2. November 2011. Antworten #

6

Nur ein kleiner Gedanke zu dem Teil, dass jeder seine eigene Schnittstelle, Browser , etc.. baut.

Dieses Denken, welches teilweise auch unwirtschaftlich ist und nicht intelligent ist, bringt aber heutzutage die größte Innovation! Google hätte vor ein paar Jahren auch sagen können, den Browserkrieg gewinnen wir nicht mehr, wir brauchen keinen eigenen bauen - heute der wohl beste Browser mit rassant steigenden Marktanteilen.

Und warum seinen Gegner unterstützen und alles zusammenlegen - das da draußen ist ein Kampf und heißt Wirtschaft! So oder so, wir Kunden profitieren ja trotzdem, weil das »fucking beste Technikteil« wird es ja sowieso nie geben nur kann sich jeder den Hersteller aussuchen, der ihn am besten gefällt und alles für seine Bedürfnisse bietet.

Was Schnittstellen betrifft, so muss ich leider Recht geben, denn jeder Programmierer glaubt dass er selbst das Rad neu erfinden muss, aber das liegt leider, bzw. auch Gott sei Dank unsere Natur ;-)

von atix am 5. November 2011. Antworten #

7

[…] “Heute fangen die Leute an zu meckern, wenn bei Skype der Videostream ruckelt.” Lars Reineke über dies und jenes (aber vor allem jenes). […]

von Dies und jenes (aber vor allem jenes) | Himmelende am 6. November 2011. Antworten #