Tschüss, Dicker

von Lars Reineke am 9. Januar 2012

Vor 4 Jahren

Er war das Erste, was meine Frau und ich - damals waren wir noch nicht verheiratet - uns vor vier Jahren gemeinsam angeschafft haben, obwohl wir da noch gar nicht zusammengezogen waren.

Im Tierheim hatten sie ihn »Joachim« genannt, er war dort gelandet, nachdem er mit gebrochener Hüfte jammernd in der Gosse gefunden worden war. Niemand hatte sich im Tierheim gemeldet und nach ihm gefragt.

Eine Bekannte, die dort ehrenamtlich aushilft, hatte meiner Frau von ihm berichtet. Er sei durch seinen Unfall ohnehin nicht sehr aktiv, man könnte ihn daher gut in der Wohnung halten, weil er nicht mehr besonders hoch springen könne. Wir fuhren zusammen zum Tierheim.

Dort lag er langgestreckt auf dem Fußboden hinter der Tür und ließ sich bereitwillig streicheln. Er ging ein paar Schritte durch das Katzengehege und zog dabei ein Hinterbein etwas nach. Wir nahmen ihn mit und nannten ihn wegen seines Beins »Captain Ahab«.

Von seinem Hinken war jedoch schon bald kaum noch etwas zu sehen, stattdessen begrüßte er uns eines Tages aus 2 Meter Höhe vom Bücherschrank. Er war über den Fernseher dort hinaufgesprungen und traute sich zunächst nicht alleine herunter. »Captain Ahab« war zum Rufen ohnehin etwas sperrig, und wir nannten ihn bald immer nur »Dicker«.

Weil wir ab und zu mal am Wochenende oder im Urlaub unterwegs waren, und wir deshalb ein schlechtes Gewissen hatten, bekam er noch eine Gefährtin dazu, die er zwar nicht bekämpfte, jedoch weitestgehend ignorierte. Er wollte nach draußen, wir wohnten aber - mittlerweile zusammen - im 4. Stock an einer stark befahrenen Straße, und so blieb ihm nur, von der Dachterrasse zu schauen und die Nase in den Wind zu halten.

Schließlich zogen wir vor zwei Jahren in eine andere Wohnung. An einem Sommerabend, der Kater jaulte wieder einmal sehr laut, weil er gerne nach draußen wollte, überlegten wir uns, wie wir den Balkon mit Netzen versehen könnten, damit er wenigstens dorthin gehen konnte. Wir kamen bei grober Schätzung auf einen irrsinnigen Preis und Aufwand. Ich schaute auf die Uhr, sah, dass die Tierarztpraxis um die Ecke gleich öffnen würde und fragte: »Oder wollen wir das Geld lieber für ´ne Impfung ausgeben und die Viecher rausgehen lassen?« So wurde es beschlossen.

Beide Katzen frisch geimpft, ließen wir sie auf den Rasen. Es dauerte nicht lange, da sprang der Kater über den Zaun und verschwand. Wir waren den Tränen nahe, weil wir befürchteten, dass er nie wieder zurückkommen würde.

Zwei Stunden später stand er wieder vor der Tür. Er ist seitdem nicht eine Nacht weggeblieben, war immer um spätestens 23:00 Uhr wieder zurück.

Die Nachbarn erzählten uns irgendwann, dass ihre Katze sich jetzt auch wieder nach draußen trauen würde, weil unser Kater immer aufpassen würde, dass die andere Katze von nebenan ihr nichts tut. Er war offenbar so etwas wie der Sheriff der Nachbarschaft geworden.

Zu besseren Zeiten

Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, wälzte er sich manchmal bereits auf der Fußmatte vor der Haustür zur Begrüßung. In der ganzen Zeit, in der wir ihn hatten, hat er mich nicht ein einziges Mal gebissen oder gekratzt.

Dann kam unsere Tochter zur Welt, und wir befürchteten zuerst, dass er eifersüchtig werden würde und die Kleine möglicherweise nicht mögen könnte. Doch wenn das Babybett frei war, legte er sich manchmal hinein, und das hätte er mit Sicherheit nicht gemacht, wenn er sie oder ihren Geruch nicht ausstehen hätte können.

Wir hatten mit unserer Tochter ein paar Arzttermine zu absolvieren und waren vorher im Urlaub, sodass uns zunächst nicht aufgefallen war, dass der Kater immer dünner wurde.

Am Freitag vor drei Tagen hob ich ihn zur Begrüßung hoch, und mir fiel auf, wie leicht er geworden war. Zwei Kilo habe er abgenommen, sagte meine Frau, sie hatte es auch bemerkt und war kurz vorher mit ihm auf die Waage gegangen.

Die Tierärztin machte uns nur wenig Hoffnung. Er habe vermutlich ein Nierenleiden, war ziemlich ausgetrocknet, und der Verlauf sei üblicherweise so, dass die Tiere das nicht überleben. Für eine Blutabnahme wehrte er sich zu sehr, also bekam er noch eine Vitaminspritze, und wir machten einen Termin für heute Abend. Falls es ihm einigermaßen gut ginge, solle er etwas sediert werden, um ihm Blut abzunehmen.

Ihm ging es aber nicht gut. Ganz und gar nicht. Er hatte das Wochenende über kaum noch etwas zu sich genommen, und heute Morgen taumelte er nur noch durch die Wohnung.

Einen stressigen Transport zur Praxis wollten wir ihm ersparen, also ließen wir die Tierärztin kommen, und sie erlöste ihn heute Mittag.

Vor zwei Tagen

Ich kann verstehen, wenn manche Menschen dann zu allem greifen, was auch nur die Illusion erzeugt, irgend etwas für das Tier tun zu können, ob das nun Homöopathie ist, Handauflegen, Gebete oder anderer Hokuspokus.

Man kann einfach nichts unternehmen, außer zuzusehen, wie das Tier immer schwächer wird.

Wir haben ihm dann zum Schluss einfach nur noch das angeboten, was er am liebsten mochte, Brathähnchen und Milch. Das hat seinen Nieren sicher auch nicht geholfen, aber was soll’s.

Die letzten drei Abende haben wir uns jedes Mal von ihm verabschiedet, und jeden Morgen habe ich mich kaum getraut, auf’s Klo zu gehen, weil ich befürchtete, irgendwo den toten Kater liegen zu sehen.

So konnten wir ihm immerhin noch ein letztes Mal »Tschüss« sagen und froh sein, dass er nun nicht mehr leiden muss.

Mach´s gut, Dicker. War ´ne schöne Zeit.