Von fleischessenden Tierfreunden empfohlen
von Lars Reineke am 10. Januar 2012
Nun musste ich einige Tage gezwungenermaßen darüber nachdenken, was ich selber eigentlich für ein merkwürdiges Verhältnis zu Tieren habe, wo ich doch den Verlust des einen Lebewesens betrauere, während ich zugleich kein Problem damit habe, Fleisch zu essen. Das passt nicht zusammen, könnte man denken. Finde ich aber doch.
Und ich bin nicht der Ansicht, dass es an der Art des Tieres liegt, dass wir es gleichzeitig normal finden, Schweine zu schlachten und Katzen als Haustiere zu halten.
Es hat nämlich in erster Linie mit einer besonderen Fähigkeit höherentwickelter Lebewesen zu tun: Empathie.
Es ist völlig egal, was es für ein Tier ist, wenn es mich abends an der Haustür begrüßt, esse ich es nicht.
Mit der Empathie ist das bei uns Menschen so eine Sache. Niemand von uns würde sein Kind von morgens bis abends zum Arbeiten in eine Schuhfabrik stecken. Vermutlich auch nicht das des Nachbarn oder des besten Freundes. Dass die eigenen Treter aber auf der anderen Seite der Erde von Menschen unter unwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden, findet man zwar irgendwie nicht richtig, kaufen tut man sie aber doch. Sie waren halt so günstig.
(In dem Zusammenhang finde ich ja die Leute immer etwas irritierend, die Apple vorwerfen, ihre Bauteile bei zu Recht kritisierten Unternehmen wie Foxconn einzukaufen und sich stattdessen lieber ein Android-Gerät zulegen, weil HTC und Samsung ihre Smartphones bekanntlich von kanadischen Elfen fertigen lassen.)
Empathie ist der Grund, warum die Entwickler Gegner in Actionspielen in der Regel entmenschlicht auftreten lassen, ihnen also z.B. Masken aufsetzen oder ähnliches. Dadurch fällt es nicht so schwer, mit der Waffe draufzuhalten, als wenn man jeden Gegner erst persönlich kennen lernen und erfahren würde, dass er eigentlich von Beruf Klavierstimmer ist, Holger heißt und zwei Kinder hat. Die GTA-Reihe ist dabei ein gutes Gegenbeispiel, weil man dort durch die Rahmenhandlung immer wieder mal in Situationen kommt, in denen man entscheiden muss, ob man den gegnerischen Protagonisten tötet oder verschont. Die meisten, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, wählten im Spiel übrigens die zweite Variante, ließen den Gegner also am Leben.
Doch zurück zum Thema. Würde ich Katzen oder Hunde essen? Je nach Situation vermutlich schon. Ich habe bereits Kaninchenbraten gegessen und abgesehen davon, dass an so einem Tier nicht viel dran ist, hatte ich keine großen Probleme damit. Allerdings habe ich selber auch nie Kaninchen oder Hasen besessen, also nie eine Beziehung zu solchen Tieren aufgebaut.
Wenn ich aber doch nun weiß, dass der Verzehr von Fleisch moralisch zumindest fragwürdig ist, warum mache ich es dann trotzdem? Die Antwort ist relativ simpel: Es wurde mir anerzogen, dass es in Ordnung ist, solange man die Tiere nicht unnötig quält. Das kann man jetzt richtig oder falsch finden, aber es gehört nunmal seit 37 Jahren untrennbar zu meiner Lebensweise, und die kann ich leider nicht so einfach über Bord werfen.
Und es gibt noch einen zweiten Grund: Ich mag viele vegetarische Gerichte einfach nicht. Ich kann´s nicht ändern. Das beginnt bei der Konsistenz und hört beim Geschmack auf. Bei Salatgurkenscheiben beispielsweise muss ich würgen, ob ich will oder nicht, und bei roher Paprika ist es nicht viel anders. Gekochtes oder gebratenes Gemüse hingegen finde ich in den meisten Fällen glitschig und mindestens ebenso widerlich. Das heißt nicht, dass ich überhaupt kein Gemüse essen würde, aber ich kann ja nicht nur Erbsen und Möhren oder Kohlrabi zu mir nehmen.
Vegane Speisen finde ich teilweise noch ekliger. Ich hatte kürzlich mal die Gelegenheit, eine Nussecke zu probieren, die ohne Eier und ohne Butter hergestellt wurde. Das ist vollkommen ungenießbar, und ich frage mich, wie lange man sich das schönreden muss, bis einem sowas wirklich schmeckt.
Ich wäre durchaus bereit, auf Fleisch zu verzichten, wenn ich einen adäquaten Ersatz dafür bekäme. Bis dahin aber bedeutet ein Umstieg auf vegetarische Ernährung einen zu großen Einschnitt in meine Lebensqualität.
Und da hilft auch nicht der Hinweis auf Eure moralische Überlegenheit, Ihr Volxküchen-Aktivisten. Damit erzeugt Ihr allenfalls Trotz. Bei mir zumindest.
Ich unterstütze gerne Initiativen gegen Massentierhaltung und Tierquälerei, aber ein völliger Fleischverzicht ist bei mir nicht drin, genauso, wie ich gerne für menschenwürdige Arbeitsbedingungen streite, aber ganz ohne Arbeit geht´s halt auch nicht.
Falls Du jetzt »Ich versuche aber nicht, andere zu bekehren!« denken solltest: Danke für die Aufmerksamkeit, aber dann betrifft dich dieser Artikel wahrscheinlich gar nicht.

