Freut euch doch mal

Freut euch doch mal. Ehrlich. Immer ist irgendwas. Immer hat irgendeiner was zu meckern.

Da gehen z.B. beim #PulseOfEurope jeden Sonntag zehntausende Normalbürger europaweit auf die Straße, um dafür zu demonstrieren, sich nicht von Nationalisten die Grenzen dicht pöbeln zu lassen, und dann kommt garantiert jemand und sagt: „Aber an der EU ist gar nicht alles toll, das wird mir da viel zu wenig thematisiert.“

Da mobilisiert Martin Schulz lauter junge Leute, sich wieder für Politik zu interessieren und in eine Partei einzutreten, die zumindest in ihren Grundwerten sowas wie Solidarität statt Egoismus vertritt, und dann kommt wieder einer, und sagt: „Ja, wartet mal ab, bis die SPD euch auch verarscht hat.“

Da treten die einzigen zwei AfD-Mitglieder im Hamelner Stadtrat aus der Partei aus, so dass die nicht mehr im Rat vertreten ist, und dann kommt wieder einer, der sagt: „Ja, aber die beiden haben ja ihre Gesinnung nicht geändert.“

Immer hat irgendeiner irgendwelche Bedenken, immer ist irgendwas falsch daran.

Gestern machte z.B. die Meldung die Runde, dass es in der Sesamstraße jetzt eine Protagonistin namens „Julia“ gibt, die Autismus hat. Und eigentlich finde ich sowas eine ziemlich coole Sache, konnte mich aber gar nicht so richtig darüber freuen, weil ich nur darauf gewartet habe, dass wieder irgendwer zu bemängeln hat, dass die nicht im Rollstuhl sitzt oder jetzt die Gehörlosen unterrepräsentiert sind oder Autismus ganz anders ist oder das (noch) nicht in Deutschland läuft oder oder oder.

Schade eigentlich. Einfach mal mehr freuen.

Fettleibigkeitsapologeten

Ich habe mich gestern aufgeregt. Ich bin gut darin, mich aufzuregen, das lasse ich dann meistens auf Twitter oder auf Facebook kurz raus, und dann geht’s wieder. Manchmal hält mein Ärger aber länger, und das ist diesmal wieder der Fall.

Seit ein paar Tagen nämlich poppen in meiner Timeline wieder die Fettleibigkeitsapologeten auf. Ihre Bewegung nennt sich „Fatacceptance“, und wenn sie nur dafür kämpfen würden, dass Dicke nicht diskriminiert werden, wäre dagegen ja gar nichts zu sagen. Es muss nicht jeder schlank und sportlich sein. Soll jeder mit sich und seinem Körper glücklich werden, da sind mir auch höhere Krankenkassenbeiträge egal. Muss man sich nur mal überlegen, was die ganzen Verletzungen kosten, die verursacht werden, weil sich Kreisklassenfußballer am Wochenende mit knapp 1‰ Restalkohol auf dem Kessel gegenseitig in die Knochen grätschen.

Diese Fatacceptance-Leute aber geben sich alle Mühe, auch denjenigen, die bereits abnehmen wollen, genau das auszureden.

Ihre Argumente sind immer die gleichen:

  • „So ungesund ist Übergewicht gar nicht.“
  • „Das ist alles nur eine verzerrte Körperwahrnehmung.“
  • „Mit Diäten kann man gar nicht dauerhaft abnehmen.“

Bei dem Bullshit ist mir gestern ein wenig die eine oder andere Ader angeschwollen.

Vor drei Jahren war ich fett. Naja, mindestens dick. BMI über 30 halt. Vor drei Jahren war es praktisch undenkbar, dass ich mich darauf freue, nach Feierabend noch eine Radtour über knapp 30 km zu unternehmen. Vor drei Jahren schmerzten mir abends die Füße, ich war müde und träge. Mag ja sein, dass man das irgendwann nach Jahrzehnten Übergewicht als normal empfindet, aber es geht halt auch anders.

Seit ich mit einem BMI von unter 25 umher laufe, halte ich problemlos wesentlich längere Fußwege durch, Klamotten kaufen macht mir wieder Spaß, ich habe eine deutlich höhere Ausdauer, kann Treppen mühelos hochsteigen, habe keinen erhöhten Blutdruck und kein nächtliches Sodbrennen mehr.1

Mag ja sein, dass es Studien gibt, aus denen man herauslesen kann, dass leichtes2 Übergewicht  nicht unbedingt gesundheitsschädlich sein muss, und dass Normalgewichtige auch nicht länger leben, aber wenn mir eines klar geworden ist, dann, dass sich die Lebensqualität ohne Übergewicht drastisch erhöht.

Kann auch gut sein, dass man immer wieder auf sein Gewicht achten muss, so dass manche das Gefühl haben, immer Diät halten zu müssen. Jahrzehntelanges Fehlverhalten geht halt nicht mal eben weg, nur weil man 2 Monate auf seine Ernährung geachtet hat. Also muss ich immer wieder mal Kalorien zählen, ist halt so. Es gibt Menschen, die intuitiv schlank bleiben, ich gehöre nun mal nicht dazu, so what? Andere brauchen keinen Wecker, um morgens pünktlich aufzustehen, ich schon. Kann ich mit leben.

Was mich dabei so ärgert?

Was diese Fatacceptance-Leute da von sich geben, sobald sie von anderen hören, dass sie eine Diät angefangen haben, ist exakt das gleiche, was Raucher und andere Suchtkranke erzählen, wenn Menschen in ihrer Umgebung der Droge abschwören.

  • „Sind ja nur ein paar Zigaretten am Tag.“
  • „So schlimm ist Rauchen gar nicht.“
  • „Mein Onkel / mein Schwager / mein Kollege / Helmut Schmidt ist auch uralt geworden.“
  • „Die meisten fangen eh wieder an.“
  • „Ich rauche aber gern.“

Meinetwegen kann jeder für sich selbst entscheiden, ob sie oder er übergewichtig sein möchte, aber bei dieser Art der Argumentation unterstelle ich andere Beweggründe: Sie wollen nicht die letzten Dicken (respektive „Raucher“) sein. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der selbst erfolgreich abgenommen oder das Rauchen aufgegeben und hinterher versucht hätte, andere von genau dieser Entscheidung abzubringen. Es sind immer die, die nicht zurückgelassen werden wollen.

Und aus purem Egoismus heraus anderen, die vielleicht endlich mal den Antrieb zu einem besseren, gesünderen Leben gefunden haben, so viele Steine wie möglich in den Weg zu legen, gehört so ziemlich zum Schäbigsten, was ich mir vorstellen kann.

„Gegen den Hass“ – Carolin Emcke

„Gegen den Hass“

Es ist schon vorgekommen, dass ich Bücher zweimal gekauft habe. Insbesondere seitdem ich einen Kindle zum Lesen verwende, habe ich mir das eine oder andere Buch nochmal digital zugelegt, das ich bereits auf Papier im Schrank stehen hatte. Es liest sich halt angenehmer, finde ich.

Der umgekehrte Fall, dass ich ein Buch auf dem e-Book-Reader bereits gelesen habe und es danach nochmal auf Papier kaufe, ist noch nie eingetreten. „Gegen den Hass“ von Carolin Emcke hingegen habe ich hinterher gleich viermal gekauft.

Das Buch gibt es bei Amazon in der gebundenen Ausgabe für stolze 20,- Euro, eine ganze Menge für gerade mal 240 Seiten, aber die sind so dicht gepackt mit zitierwürdigen Absätzen, wie ich es selten erlebt habe.

Carolin Emckes Essay beginnt zunächst mit grundlegenden Beschreibungen von Emotionen und Weltsichten, die zum Verständnis aber auch zum Entstehen des Hasses beitragen. Sie analysiert dabei, was eine gefilterte Sicht der Dinge in den Köpfen anrichten kann und wechselt die Perspektive,

[..] eine Facebook-Seite oder eine Zeitung oder ein Fernsehprogramm, wo Christen dann und nur dann erwähnt würden, wenn sie straffällig geworden sind und jedes einzelne Verbrechen, das eine christliche Person begeht, kausal mit ihrer Religionszugehörigkeit in Verbindung gebracht würde. Es gäbe keinen einzigen Bericht über verliebte Paare, die christlich sind, über christliche Rechtsanwältinnen, die Expertinnen in Steuerrecht sind, über katholische Landwirte oder protestantische Automechaniker, keine Meldungen über sakrale Chormusik oder Theaterfestivals, in denen christliche Schauspielerinnen und Schauspieler zu sehen sind, sondern nur und ausschließlich über den Ku-Klux-Klan, über die Anschläge radikaler Abtreibungsgegner und individuelle Verbrechen von häuslicher Gewalt über Missbrauch von Kindern bis zu Banküberfällen, Entführungen oder Raubmorden – alles immer unter der Überschrift »Christentum«. Wie würde ein solches Raster die Wahrnehmung verändern?

um dann zu einer minutiös geschilderten Beschreibung zweier Ereignisse überzuleiten: Dem wütenden Mob in Clausnitz, der vor einem eintreffenden Flüchtlingsbus die ankommenden Kinder und Frauen in entsetzliche Angst versetzt hat, sowie die Verhaftung des schwarzen Opfers von Polizeigewalt, Eric Garner, auf Staten Island, die mit seinem Tod endete.

Sehr eindringlich führt Emcke dem Leser sowohl den spontanen, unorganisierten Hass von Privatpersonen als auch den institutionellen Hass und Rassismus innerhalb von Behörden vor Augen.

Im folgenden Teil analysiert sie dem Hass zugrundeliegende Denkmuster, die immer wieder auf die Werte „Homogenität“, „Natürlichkeit“ und „Reinheit“ hinauslaufen und zeigt anschaulich die Absurdität solcher Wertvorstellungen:

Wenn in der Bundesrepublik nur Linkshändern das Recht auf Meinungsäußerung zugestanden würde, wenn nur Personen mit absolutem Gehör eine Schreiner-­Lehre absolvieren dürften, wenn nur Frauen vor Gericht als Zeuginnen zugelassen wären, wenn an öffentlichen Schulen nur jüdische Feiertage gelten würden, wenn nur homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürften, wenn Menschen, die stottern, der Zugang zu öffentlichen Schwimmbädern verweigert würde, wenn Schalke­-Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit entzogen würde, wenn nur Menschen mit einer Schuhgröße von über 45 in den Polizeidienst aufgenommen würden – so lägen in jedem einzelnen Fall willkürliche Codes vor, die über soziale Anerkennung, Freiheitsrechte und Zugang zu Chancen und Positionen entscheiden. Es wäre leicht zu erkennen, dass die jeweiligen Kriterien für Zugehörigkeit oder Zugang irrelevant sind für die Fähigkeiten, derer es bedarf, um ein bestimmtes Amt auszuüben, eine Aufgabe zu übernehmen – oder grundsätzlich irrelevant sind für das Recht, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu leben.

In einigen Rezensionen unter anderem auf Amazon wird bemängelt, dass Emcke keine konkreten Strategien und Tips zum Umgang mit hasserfüllten Menschen anbieten würde. Das mag sein. „Gegen den Hass“ ist kein Ratgeber, sondern ein fulminantes Plädoyer für eine offene, tolerante und pluralistische Gesellschaft aber auch eine Argumentationshilfe für alle, die sich nicht mit Ressentiments und Chauvinismus abfinden wollen.

Das Buch ist gerade heute ein wichtiger Beitrag dafür, dass Humanismus und Mitgefühl gegen Isolationismus, Nationalismus und Ausgrenzung die Oberhand behalten.

Und darum habe ich es viermal gekauft, allerdings nicht bei Amazon (so viel Geld hatte ich dann doch nicht übrig), sondern bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wo „Gegen den Hass“ zur Zeit für nur 4,50 Euro bestellt werden kann.

Von meinen Exemplaren werde ich einige verschenken, einige verleihen. Vielleicht ändert es etwas.