Tschüss, Brooks-Sattel

Ich schreibe das jetzt hier auf, damit ich mich daran erinnere, falls ich mal wieder in die Versuchung komme, für viel Geld einen Brooks-Ledersattel kaufen zu wollen.

Die Dinger sehen sehr elegant aus, keine Frage. Aber ich habe damit beim besten Willen einfach kein Glück gehabt. Ich hatte bereits vor etlichen Jahren mal einen Brooks-Sattel an meinem Rad und war schon nicht sehr zufrieden, jetzt habe ich es wieder versucht und muss feststellen: Brooks-Ledersättel und ich, wir passen nicht zusammen.

Ja, ich weiß, die muss man einfahren. Ist bekannt. Ich hab’s versucht, einen schmerzhaften Monat lang.

Aber im Ernst: Wenn ich mir Schuhe kaufe, dann erwarte ich auch, dass ich die nach 2 bis 3 Wochen tragen kann, ohne Blasen an den Füßen zu bekommen und nicht damit erst die Alpen überqueren oder sie nachts im Mondlicht mit aus Ozelot-Speichel gewonnenem Spezialfett einreiben muss.

Außerdem finde ich Gegenstände an einem Fahrrad, die unter keinen Umständen nass werden dürfen, irgendwie wenig alltagstauglich.

„Na gut,“ dachte ich, „schraubste das Teil noch einmal ans Tourenrad und drehst eine Runde.“ Vielleicht macht es ja die andere Sitzhaltung bequemer. Fazit: Nö, macht es nicht. Auf meinem Fünfzehn-Euro-Sattel sitze ich wesentlich besser.

Und beim Aufsteigen hat mir der Sattel dann auch noch die Hosentasche aufgerissen. Das Arschloch.

Drei Minuten später war er bei Ebay Kleinanzeigen online, jetzt ist er weg – mit erheblichem finanziellen Verlust. Nie wieder.

 

Freut euch doch mal

Freut euch doch mal. Ehrlich. Immer ist irgendwas. Immer hat irgendeiner was zu meckern.

Da gehen z.B. beim #PulseOfEurope jeden Sonntag zehntausende Normalbürger europaweit auf die Straße, um dafür zu demonstrieren, sich nicht von Nationalisten die Grenzen dicht pöbeln zu lassen, und dann kommt garantiert jemand und sagt: „Aber an der EU ist gar nicht alles toll, das wird mir da viel zu wenig thematisiert.“

Da mobilisiert Martin Schulz lauter junge Leute, sich wieder für Politik zu interessieren und in eine Partei einzutreten, die zumindest in ihren Grundwerten sowas wie Solidarität statt Egoismus vertritt, und dann kommt wieder einer, und sagt: „Ja, wartet mal ab, bis die SPD euch auch verarscht hat.“

Da treten die einzigen zwei AfD-Mitglieder im Hamelner Stadtrat aus der Partei aus, so dass die nicht mehr im Rat vertreten ist, und dann kommt wieder einer, der sagt: „Ja, aber die beiden haben ja ihre Gesinnung nicht geändert.“

Immer hat irgendeiner irgendwelche Bedenken, immer ist irgendwas falsch daran.

Gestern machte z.B. die Meldung die Runde, dass es in der Sesamstraße jetzt eine Protagonistin namens „Julia“ gibt, die Autismus hat. Und eigentlich finde ich sowas eine ziemlich coole Sache, konnte mich aber gar nicht so richtig darüber freuen, weil ich nur darauf gewartet habe, dass wieder irgendwer zu bemängeln hat, dass die nicht im Rollstuhl sitzt oder jetzt die Gehörlosen unterrepräsentiert sind oder Autismus ganz anders ist oder das (noch) nicht in Deutschland läuft oder oder oder.

Schade eigentlich. Einfach mal mehr freuen.

Fettleibigkeitsapologeten

Ich habe mich gestern aufgeregt. Ich bin gut darin, mich aufzuregen, das lasse ich dann meistens auf Twitter oder auf Facebook kurz raus, und dann geht’s wieder. Manchmal hält mein Ärger aber länger, und das ist diesmal wieder der Fall.

Seit ein paar Tagen nämlich poppen in meiner Timeline wieder die Fettleibigkeitsapologeten auf. Ihre Bewegung nennt sich „Fatacceptance“, und wenn sie nur dafür kämpfen würden, dass Dicke nicht diskriminiert werden, wäre dagegen ja gar nichts zu sagen. Es muss nicht jeder schlank und sportlich sein. Soll jeder mit sich und seinem Körper glücklich werden, da sind mir auch höhere Krankenkassenbeiträge egal. Muss man sich nur mal überlegen, was die ganzen Verletzungen kosten, die verursacht werden, weil sich Kreisklassenfußballer am Wochenende mit knapp 1‰ Restalkohol auf dem Kessel gegenseitig in die Knochen grätschen.

Diese Fatacceptance-Leute aber geben sich alle Mühe, auch denjenigen, die bereits abnehmen wollen, genau das auszureden.

Ihre Argumente sind immer die gleichen:

  • „So ungesund ist Übergewicht gar nicht.“
  • „Das ist alles nur eine verzerrte Körperwahrnehmung.“
  • „Mit Diäten kann man gar nicht dauerhaft abnehmen.“

Bei dem Bullshit ist mir gestern ein wenig die eine oder andere Ader angeschwollen.

Vor drei Jahren war ich fett. Naja, mindestens dick. BMI über 30 halt. Vor drei Jahren war es praktisch undenkbar, dass ich mich darauf freue, nach Feierabend noch eine Radtour über knapp 30 km zu unternehmen. Vor drei Jahren schmerzten mir abends die Füße, ich war müde und träge. Mag ja sein, dass man das irgendwann nach Jahrzehnten Übergewicht als normal empfindet, aber es geht halt auch anders.

Seit ich mit einem BMI von unter 25 umher laufe, halte ich problemlos wesentlich längere Fußwege durch, Klamotten kaufen macht mir wieder Spaß, ich habe eine deutlich höhere Ausdauer, kann Treppen mühelos hochsteigen, habe keinen erhöhten Blutdruck und kein nächtliches Sodbrennen mehr.1

Mag ja sein, dass es Studien gibt, aus denen man herauslesen kann, dass leichtes2 Übergewicht  nicht unbedingt gesundheitsschädlich sein muss, und dass Normalgewichtige auch nicht länger leben, aber wenn mir eines klar geworden ist, dann, dass sich die Lebensqualität ohne Übergewicht drastisch erhöht.

Kann auch gut sein, dass man immer wieder auf sein Gewicht achten muss, so dass manche das Gefühl haben, immer Diät halten zu müssen. Jahrzehntelanges Fehlverhalten geht halt nicht mal eben weg, nur weil man 2 Monate auf seine Ernährung geachtet hat. Also muss ich immer wieder mal Kalorien zählen, ist halt so. Es gibt Menschen, die intuitiv schlank bleiben, ich gehöre nun mal nicht dazu, so what? Andere brauchen keinen Wecker, um morgens pünktlich aufzustehen, ich schon. Kann ich mit leben.

Was mich dabei so ärgert?

Was diese Fatacceptance-Leute da von sich geben, sobald sie von anderen hören, dass sie eine Diät angefangen haben, ist exakt das gleiche, was Raucher und andere Suchtkranke erzählen, wenn Menschen in ihrer Umgebung der Droge abschwören.

  • „Sind ja nur ein paar Zigaretten am Tag.“
  • „So schlimm ist Rauchen gar nicht.“
  • „Mein Onkel / mein Schwager / mein Kollege / Helmut Schmidt ist auch uralt geworden.“
  • „Die meisten fangen eh wieder an.“
  • „Ich rauche aber gern.“

Meinetwegen kann jeder für sich selbst entscheiden, ob sie oder er übergewichtig sein möchte, aber bei dieser Art der Argumentation unterstelle ich andere Beweggründe: Sie wollen nicht die letzten Dicken (respektive „Raucher“) sein. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der selbst erfolgreich abgenommen oder das Rauchen aufgegeben und hinterher versucht hätte, andere von genau dieser Entscheidung abzubringen. Es sind immer die, die nicht zurückgelassen werden wollen.

Und aus purem Egoismus heraus anderen, die vielleicht endlich mal den Antrieb zu einem besseren, gesünderen Leben gefunden haben, so viele Steine wie möglich in den Weg zu legen, gehört so ziemlich zum Schäbigsten, was ich mir vorstellen kann.