in Artikel

Dein rechtspopulistisches Posting hat dich einen Kunden gekostet

…und spart mir zukünftig jeden Monat 15 Euro ein.

Aber der Reihe nach:

Seit Jahren bin ich Stammkunde in deinem Friseursalon, der einer großen Kette angehört. Ich war eigentlich immer zufrieden, obwohl bei euch der Haarschnitt von Anfang an relativ teuer war. Ihr habt noch dazu regelmäßig die Preise erhöht. Aber das ist ok, Mindestlohn und so, habe ich Verständnis für. Nicht so toll fand ich, dass bei euch ständig das Personal gewechselt hat. Weiß nicht, war nur so ein Gefühl. Aber alles in allem: Kein Grund zur Beanstandung.

Seit kurzem sind wir miteinander auf Facebook befreundet, was nicht viel zu sagen hat, aber in diesem Fall Auslöser ist, warum ich nicht mehr zu euch komme.

Du hast nämlich auf Facebook ein beschissenes, „asylkritisches“ Posting im Stile des eh schon nicht sehr lustigen „Be-like-Bill“-Memes geteilt. Nur, dass Bill in deinem Post „Angela“ hieß, jeden ins Land lässt ohne ihre überforderten Mitbewohner zu fragen und deshalb angeblich abgewählt gehört.

Wie erbärmlich ich so einen Scheißdreck finde, habe ich dir in einem Kommentar darunter geschrieben. Verhältnismäßig freundlich, wie ich finde, obwohl ich sehr viel deutlicher hätte werden können.

Kurze Zeit später war das Posting verschwunden. Ich weiß nicht, ob du es stillschweigend gelöscht oder es nur vor mir verborgen hast, es ist mir auch egal, weil ich jetzt damit rechnen musste, dass mir jemand die Haare schneidet, die offenbar latent fremdenfeindlich ist und den ganzen Tag Luxusartikel und Dienstleistungen an relativ wohlhabende Kunden verkauft aber ernsthaft der Ansicht ist, dass achtzig Millionen nicht in der Lage sind, einer Million Menschen zu helfen, die so gut wie nichts mehr haben außer dem, was sie bei sich tragen.

Also bin ich am Freitagnachmittag nach mehr als drei Jahren zu einem anderen Friseursalon gegangen. Zu einem türkischen, um genauer zu sein. Ich fand das passend, schon aus Prinzip.

Tja, was soll ich sagen? Ich werde da wieder hingehen.

Im Hintergrund lief in akzeptabler Lautstärke türkische Musik, die mir auch nicht wesentlich mehr auf den Sack geht als das Discogehämmer bei euch. Während ich wartete, drückte mir plötzlich der Chef ein Glas Tee in die Hand. Auf sowas stehe ich ja.

Nachdem ich auf dem Frisierstuhl Platz genommen hatte, fragte mich ein junger Mann, wie es werden soll, und nach kurzer Erklärung ging’s auch schon los. Zwischendurch noch ein, zwei Mal nachfragen – „Oben so ok? Oder noch kürzer?“ – und siehe da: Was bei euch jedes Mal zwanzig Minuten gedauert hat, war bei diesem Friseur nach höchstens 10 Minuten erledigt. Mit demselben Ergebnis.

Statt der bei euch mittlerweile üblichen 24 Euro wollte der Herr von mir 10 Euro haben. In Worten: Zehn. Nicht mal die Hälfte.

Weil ich dadurch in der YNAB-Kategorie „Friseur“ noch 20 Euro übrig habe (5 Euro waren noch von Januar darin), bekommt die jetzt die Amadeu-Antonio-Stiftung.

amadeu

Und weil ich ab sofort nicht mehr zu dir in deinen Friseursalon komme, hast du ja jetzt jeden Monat zwanzig Minuten mehr Zeit, um dir Gedanken darüber zu machen, wie deine rechtspopulistischen Facebook-Postings bei deinen Kunden ankommen.

Nachtrag:

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass dieser Artikel solche Reaktionen auslöst, weder auf der positiven, noch auf der kritischen Seite (naja, auf der kritischen irgendwie schon). Ich finde die Kommentare dazu (nicht nur hier, auch auf Twitter) auch auf beiden Seiten in gewisser Hinsicht übertrieben. Für die einen bin ich offenbar gerade der Held des Tages, obwohl ich nichts weiter getan habe, als meinen Friseur zu wechseln, für die anderen bin ich ein mieser Denunziant, weil ich gewagt habe, es blöd zu finden, dass meine Friseurin rechte Postings auf Facebook teilt. Dass ich ganz bewusst keine Details genannt habe – nämlich, weil ich immer noch die Hoffnung auf Einsicht hege – scheint jenen Kommentatoren entgangen zu sein.

Es gab übrigens nur einen einzigen kritischen Kommentar, den ich freigeschaltet habe, der eine gerade so noch angemessene Form gewahrt hat. Alle anderen bewegten sich auf dem Niveau „Stasi“, „Denunziantentum“, „IM Irgendwas“ und ähnlich gehässiger Anfeindung. Schade, aber eigentlich wenig überraschend. 

Ich mache dann mal die Kommentare zu, ich glaube nicht, dass da jetzt noch viel Neues kommt. Vielen Dank für Euren Zuspruch.

Ach ja, fast vergessen: Nein, das „Angela“-Posting war nicht harmlos. Ich hab’s wiedergefunden, werde es aber hier ganz sicher nicht verlinken.

24 Kommentare

  1. Sehr fein gedacht und sehr konsequent gemacht. Kompliment!

  2. Gute Sache! So sollten viel mehr Leute ihrer Haltung Nachdruck verleihen!

    Ach ja:
    Mein türkischer Friseur ist auch deutlich günstiger und schneller als die Kette, bei der ich zuvor war. Ich zahle ihm aber so viel Trinkgeld, dass er am Ende mehr verdient als die Konkurrenz.

  3. Super, deine Reaktion auf das rassistische FB-Posting deines Ex-Friseurs! Genauso muss das sein! Diese Menschen müssen am eigenen Leib bzw. am eigenen Portemonnaie spüren, dass ihre Weltanschauung negative Konsequenzen hat. Und natürlich auch Respekt dafür, dass du das nun bei deinem neuen türkischen Friseur eingesparte Geld für den Kampf gegen Rassismus und Rechtsradikalismus gespendet hast. Ich wünschte mir, dass noch viel mehr „anständige“ Bürger so konsequent handeln, wie du!

  4. Der Friseur könnte ja auf Glatzen rasieren umschulen. Das geht schneller als 20 Minuten. Dauert vielleicht auch nur 10. So hat er mehr Zeit, rassistischen Mist auf FB zu posten.

    Aber Glückwunsch zu der Entscheidung. Sehr gut :)

  5. Wieder jemand, der im Kleinen die Welt ein kleines Stückchen besser macht! Ich freue mich sehr! Danke dafür!

  6. Meine Frau schneidet mit die Haare und davor hatte ich einen italienischen Friseur, welcher zwar teuer war, dafür aber eine nach der anderen im Laden weg gequalmt hat! :)

    Respekt vor so viel Konsequenz und so sieht man wieder einmal das Facebook doch zu etwas gut sein kann.

  7. einfach eine Klasse Aktion, finde ich mehr als gut und ich hoffe sie findet viele Nachahmer.

  8. Ich habe meinen Friseur genau aus dem gleichen Grund gewechselt. Ein facebook Posting zum Thema „Mama, wir haben nichts zu essen, aber die Flüchtlinge bekommen alles was sie wollen. Wir dürfen aber nichts sagen, sonst sind wir Nazis“. Der Unterschied ist nur: meine Haare sind lang, rot und kosten mich pro Besuch ca.130 Euro! Über den Sinn derartig teurer Ausgaben kann mna sicherlich streiten. Über die Unterstützung einer Firma, deren Besitzer derartiges Gedankengut verbreiten meiner Meinung nach nicht!

  9. Super Lars, würde auch so reagieren. Mit der Spende eine Klasse Sache, nachahmenswert!!!

  10. Sehr gute Aktion!
    Merkwürdigerweise jammern die am lautesten denen es eigentlich mehr als gut geht, kann mir einer das erklären?

  11. Find ich super! Solch Leute müssen den Spiegel vorgehalten bekommen. Es wäre gut, wenn mehr Menschen so konsequent reagieren würden.

  12. Ob das jetzt rechspopulistisch ist, wenn man sagt, der Name der Kanzlerin wäre Angela und sie würde alle ins Land lassen, wage ich zu bezweifeln. Wenn man sich nicht wie eine Mimose an solchen Kleinst-Äusserungen aufteilt, hat man übrigens mehr Zeit, um sich um wirklich rechte, rassistische Äusserungen zu kümmern. Dass der Schreiber allerdings zu einem türkischen Friseur geht, kann ich gut verstehen, es gibt nichts Besseres.

  13. Tiefer Respekt, gut argumentiert, vorbildlich gehandelt!

    Wir alle müssen zusammenstehen gegen das, was da in den Netzwerken und auf der Straße passiert.

    Danke!

  14. Toll -konsequente Haltung und umfassende Kommentierung! Weiter so!