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„Gegen den Hass“ – Carolin Emcke

„Gegen den Hass“

Es ist schon vorgekommen, dass ich Bücher zweimal gekauft habe. Insbesondere seitdem ich einen Kindle zum Lesen verwende, habe ich mir das eine oder andere Buch nochmal digital zugelegt, das ich bereits auf Papier im Schrank stehen hatte. Es liest sich halt angenehmer, finde ich.

Der umgekehrte Fall, dass ich ein Buch auf dem e-Book-Reader bereits gelesen habe und es danach nochmal auf Papier kaufe, ist noch nie eingetreten. „Gegen den Hass“ von Carolin Emcke hingegen habe ich hinterher gleich viermal gekauft.

Das Buch gibt es bei Amazon in der gebundenen Ausgabe für stolze 20,- Euro, eine ganze Menge für gerade mal 240 Seiten, aber die sind so dicht gepackt mit zitierwürdigen Absätzen, wie ich es selten erlebt habe.

Carolin Emckes Essay beginnt zunächst mit grundlegenden Beschreibungen von Emotionen und Weltsichten, die zum Verständnis aber auch zum Entstehen des Hasses beitragen. Sie analysiert dabei, was eine gefilterte Sicht der Dinge in den Köpfen anrichten kann und wechselt die Perspektive,

[..] eine Facebook-Seite oder eine Zeitung oder ein Fernsehprogramm, wo Christen dann und nur dann erwähnt würden, wenn sie straffällig geworden sind und jedes einzelne Verbrechen, das eine christliche Person begeht, kausal mit ihrer Religionszugehörigkeit in Verbindung gebracht würde. Es gäbe keinen einzigen Bericht über verliebte Paare, die christlich sind, über christliche Rechtsanwältinnen, die Expertinnen in Steuerrecht sind, über katholische Landwirte oder protestantische Automechaniker, keine Meldungen über sakrale Chormusik oder Theaterfestivals, in denen christliche Schauspielerinnen und Schauspieler zu sehen sind, sondern nur und ausschließlich über den Ku-Klux-Klan, über die Anschläge radikaler Abtreibungsgegner und individuelle Verbrechen von häuslicher Gewalt über Missbrauch von Kindern bis zu Banküberfällen, Entführungen oder Raubmorden – alles immer unter der Überschrift »Christentum«. Wie würde ein solches Raster die Wahrnehmung verändern?

um dann zu einer minutiös geschilderten Beschreibung zweier Ereignisse überzuleiten: Dem wütenden Mob in Clausnitz, der vor einem eintreffenden Flüchtlingsbus die ankommenden Kinder und Frauen in entsetzliche Angst versetzt hat, sowie die Verhaftung des schwarzen Opfers von Polizeigewalt, Eric Garner, auf Staten Island, die mit seinem Tod endete.

Sehr eindringlich führt Emcke dem Leser sowohl den spontanen, unorganisierten Hass von Privatpersonen als auch den institutionellen Hass und Rassismus innerhalb von Behörden vor Augen.

Im folgenden Teil analysiert sie dem Hass zugrundeliegende Denkmuster, die immer wieder auf die Werte „Homogenität“, „Natürlichkeit“ und „Reinheit“ hinauslaufen und zeigt anschaulich die Absurdität solcher Wertvorstellungen:

Wenn in der Bundesrepublik nur Linkshändern das Recht auf Meinungsäußerung zugestanden würde, wenn nur Personen mit absolutem Gehör eine Schreiner-­Lehre absolvieren dürften, wenn nur Frauen vor Gericht als Zeuginnen zugelassen wären, wenn an öffentlichen Schulen nur jüdische Feiertage gelten würden, wenn nur homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürften, wenn Menschen, die stottern, der Zugang zu öffentlichen Schwimmbädern verweigert würde, wenn Schalke­-Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit entzogen würde, wenn nur Menschen mit einer Schuhgröße von über 45 in den Polizeidienst aufgenommen würden – so lägen in jedem einzelnen Fall willkürliche Codes vor, die über soziale Anerkennung, Freiheitsrechte und Zugang zu Chancen und Positionen entscheiden. Es wäre leicht zu erkennen, dass die jeweiligen Kriterien für Zugehörigkeit oder Zugang irrelevant sind für die Fähigkeiten, derer es bedarf, um ein bestimmtes Amt auszuüben, eine Aufgabe zu übernehmen – oder grundsätzlich irrelevant sind für das Recht, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu leben.

In einigen Rezensionen unter anderem auf Amazon wird bemängelt, dass Emcke keine konkreten Strategien und Tips zum Umgang mit hasserfüllten Menschen anbieten würde. Das mag sein. „Gegen den Hass“ ist kein Ratgeber, sondern ein fulminantes Plädoyer für eine offene, tolerante und pluralistische Gesellschaft aber auch eine Argumentationshilfe für alle, die sich nicht mit Ressentiments und Chauvinismus abfinden wollen.

Das Buch ist gerade heute ein wichtiger Beitrag dafür, dass Humanismus und Mitgefühl gegen Isolationismus, Nationalismus und Ausgrenzung die Oberhand behalten.

Und darum habe ich es viermal gekauft, allerdings nicht bei Amazon (so viel Geld hatte ich dann doch nicht übrig), sondern bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wo „Gegen den Hass“ zur Zeit für nur 4,50 Euro bestellt werden kann.

Von meinen Exemplaren werde ich einige verschenken, einige verleihen. Vielleicht ändert es etwas.

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