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“Ich.darf.nicht.schlafen.” von S.J. Watson

Christine wacht morgens auf und weiß nicht, wo sie sich befindet. Neben ihr liegt ein Mann, den sie nicht kennt, viel zu alt, um ein One-Night-Stand zu sein. Als sie in den Badezimmerspiegel blickt, sieht sie zwar ihr Gesicht – aber es ist mindestens 20 Jahre zu alt.

Der Mann stellt sich als “Ben” vor und erklärt ihr, was passiert sei: Sie leide seit einem Unfall unter Amnesie, wache jeden Tag auf diese Weise auf und sei seit vielen Jahren mit ihm verheiratet.

Ihr Therapeut übergibt ihr das Tagebuch, das sie seit kurzer Zeit führt.

Es beginnt mit: “Vertraue Ben nicht.”

Wer sich angesichts dieses Settings an den (äußerst gelungenen) Film Memento aus dem Jahr 2000 erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Während der Regisseur Christopher Nolan jedoch seinerzeit das geniale Mittel nutzte, die Handlung rückwärts zu erzählen, verwendet S.J. Watson ein Tagebuch, das die Protagonistin täglich aufs Neue durchgehen muss, um zu verstehen, was ihr am Tag zuvor passiert ist.

Wie bei “Memento” weiß der Leser genauso wenig wie die Ich-Erzählerin, wem sie trauen kann und wem nicht. Dazu kommt die Unsicherheit, nicht zu wissen, ob manche Ereignisse tatsächlich geschehen sind oder ob sie sich diese nur infolge ihres erlittenen Traumas eingebildet hat.

Die Parallelen zum Film – von dem ich überzeugt bin, dass auch der Autor ihn gesehen hat – sind also ohne Zweifel vorhanden. Dennoch ist ihm ein bis auf kleine Fehler schlüssiges und ganz sicher spannendes Erstlingswerk im Thrillergenre gelungen.

Sofern man von Schwachpunkten sprechen kann, sind diese zum Teil der Handlung geschuldet: So kann die Geschichte logischerweise nicht mit einer besonders hohen Figurendichte aufwarten – schließlich müsste die Protagonistin die anderen Charaktere ja jedes Mal neu kennenlernen. Außerdem ist der Handlungsspielraum relativ begrenzt, da sich der größte Teil des Geschehens in ihrem Kopf abspielt.

Das Ende wiederum ist packend erzählt, und so darf man durchaus auf weitere Romane von S.J. Watson gespannt sein. Angeblich wird Ich.darf.nicht.schlafen. zurzeit verfilmt, was funktionieren könnte, wenn’s nicht M. Night Shyamalan macht.

Warum auf dem Cover ein Falter zu sehen ist, der mit der Handlung nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, lässt sich wohl am ehesten dadurch erklären, dass irgendjemand in der Marketing-Abteilung des Verlages gedacht hat: “Lass da mal ´nen Falter draufdrucken, damit die Schweigen-der-Lämmer-Fans das kaufen.”

Fazit: Spannender, gut wegzulesender Thriller mit deutlichen Reminiszenzen an ein filmisches Vorbild.