Kommentare (vorerst) abgeschaltet
von Lars Reineke am 8. Januar 2012
Seit Wochen schiebe ich eine Entscheidung vor mir her, von der ich glaube, dass ich jetzt soweit bin, sie zu treffen: Ich werde die Kommentarfunktion in meinem Blog vorerst abschalten.
Dafür gibt es verschiedene Gründe, die ich kurz aufführen möchte.
Kommentare sind meistens unnütz
Ich bitte das jetzt nicht als Überheblichkeit aufzufassen, wenn ich behaupte, dass etwa zwei Drittel aller Kommentare unter Blogartikeln - egal wo - vor allem einer Sache dienen: Der Selbstdarstellung der Kommentatoren. Jetzt könnte man zu Recht anmerken, dass so ein Weblog - insbesondere vielleicht meins - ja nun oft auch keinen anderen Zweck erfüllt. Aber eben darum geht es: Es ist mein Blog, und wenn ich mich hier profilieren möchte, ist das meine Sache.
Ich habe überhaupt nichts gegen eine kritische Auseinandersetzung mit meinen Artikeln, aber genau das passierte in der Vergangenheit kaum. Entweder wurde mir ein »Mach doch erstmal besser« entgegengeworfen, es wurde sinnlos provoziert, oder wenn sich zwei genügend große Egos unter meinen Artikeln getroffen hatten, wurde gegenseitig die rhetorische Überlegenheit demonstriert, was nicht selten an zwei Köter erinnerte, die sich durch einen Zaun hindurch ankläfften.
Meiner Laune war das in der Regel nicht sehr zuträglich, und es ist mein Server, mein Blog und meine Freizeitgestaltung, die mir hier Spaß machen soll.
Dann sind mir noch zwei weitere Dinge aufgefallen: Zum einen lese ich selbst praktisch niemals die Kommentare unter anderer Leute Artikel. Nahezu alle Blogs lese ich nur per RSS-Feed, so dass ich die Kommentare dort nie zu Gesicht bekomme.
Zum anderen habe ich bei meinen eigenen Kommentatoren bemerkt, dass insbesondere die regelmäßig Wiederkehrenden eigene Blogs betreiben. Wer also eine gegensätzliche Position zu einem meiner Blogartikel vertritt, kann die in aller Breite auf seinem eigenen Blog erläutern, und dann werde ich das mit Sicherheit auch lesen. Jeder mit einem gewissen Sendungsbewusstsein sollte in der Lage sein, sich zumindest ein Tumblr- oder Posterous-Blog einzurichten, in dem er sich nach aller Lust und Laune austoben kann.
Das hätte auch den Vorteil, dass die Kritik auf dem anderen Blog mit großer Wahrscheinlichkeit sachlicher formuliert würde, als es zumeist - wenn auch unbewusst - in fremden Kommentarfeldern der Fall ist. Man scheißt halt nicht so gern auf den eigenen Teppich.
Viele Kommentare nerven einfach nur
Nicht nur, dass ein großer Teil der Kommentare nur sehr wenig zum eigentlichen Thema beiträgt, dazu kommt noch, dass viele davon - absichtlich oder nicht - zu nichts anderem da sind, als allen Beteiligten auf den Sack zu gehen.
Während ich Beleidigungen gegen mich oftmals noch hingenommen habe, wurden Angriffe gegen andere Kommentatoren von mir immer wieder mal gelöscht, was für mich ein Dilemma war: Einerseits finde ich Zensur scheiße, andererseits sind meine Leser meine Gäste, und ich werde nicht zusehen, wie hier Leute vorbeikommen und in meinem Wohnzimmer meine Gäste beleidigen.
Dazu kommt immer wieder die Gratwanderung, ob ein Kommentar, in dem diskreditierende Tatsachenbehauptungen über Dritte aufgestellt wurden, der Wahrheit entsprach oder besser von mir gelöscht werden sollte. Letzen Endes muss ich hier für die Inhalte den Kopf hinhalten, und in den allermeisten Fällen bin ich nicht bereit dazu, das für andere zu tun.
Natürlich waren auch jede Menge Trolle unter den Kommentatoren, insbesondere (und auffälligerweise) bei den Artikeln, bei denen es um Piratenthemen ging. Denen sei gesagt: Ihr seid Arschlöcher und schwachsinnige Hooligans, die sich noch nie für die eigentlichen Themen interessiert haben. Geht zurück in euer Forum und unterhaltet euch mit anderen Pubertierenden.
Ich habe versucht, solcher Kommentare Herr zu werden, indem ich eine Bewertungsfunktion eingebaut habe, aber das habe ich sowohl aus ästhetischen als auch aus Performance-Gründen schnell wieder gelassen. Außerdem bestand dadurch die Gefahr, dass die Leser nicht die Kommentatoren honorieren, die schlüssig argumentieren, sondern nur danach gehen, wer ihrer eigenen Meinung entspricht.
Nervig sind meines Erachtens auch diese pseudointelligenten Aluhüte, die im Namensfeld »me«, »someone« oder »A.Nonym« und als Adresse »foo @ bar.com« eintragen, auch diese am häufigsten unter den Piratenthemen vertreten. Werdet erwachsen.
Falls jemand der Ansicht sein sollte, Pirat zu sein und gleichzeitig keine Kommentare zuzulassen, würde sich irgendwie nicht miteinander vertragen: Das hier ist keine demokratische Veranstaltung, und ich bin auch kein Mandatsträger. Es ist nur ein Blog, get over it.
Endlich kann ich mich nun auch dieser gesamten manuellen SPAM-Scheiße in einem Rutsch entledigen. Möget ihr in einer Hölle schmoren, in der ununterbrochen Radiowerbung von Carglass läuft.
Feedback unerwünscht?
Dass ich die Kommentare - vorerst - abschalten werde, bedeutet nicht, dass mir nichts an Eurem Feedback läge, insbesondere nicht von denen, die immer wieder hilfreiche Ergänzungen eingebracht haben. Mit den meisten davon kommuniziere ich jedoch auch über andere Kanäle, und Kritik und Rückmeldungen sind mir nach wie vor willkommen.
Wer sich zu meinen Artikeln äußern möchte, der kann das auch weiterhin über Twitter, Google+ oder Facebook tun, oder eben - was mir am liebsten wäre - auf dem eigenen Blog erledigen. Außerdem bin ich auch weiterhin per Mail erreichbar, es sei jedoch im Voraus gewarnt: Ich bin sehr unzuverlässig, was das Beantworten von Mails angeht, was nicht bedeutet, dass ich sie nicht lesen würde.
Ausblick
Ich erhoffe mir von der Abschaltung der Kommentare in erster Linie, dass meine Blogbeiträge als das wahrgenommen werden, was sie sind: Meinungsäußerungen zu Themen, die mich interessieren, nicht als Einladung dazu, mich um jeden Preis von der Unsinnigkeit meiner Auffassung zu überzeugen.
Natürlich gab es auch immer wieder mal Artikel, in denen ich aktiv dazu aufgefordert habe, Rückmeldungen in die Kommentare zu schreiben. Für diese Art von Beiträgen muss ich mir noch etwas ausdenken. Das Naheliegendste wäre, nur für diese das Kommentarfeld wieder freizuschalten, aber das erscheint mir inkonsequent. Schauen wir mal.
Vielleicht sehe ich das alles in einem Monat ja schon wieder ganz anders.
Twitter! - Dezember 2011
von Lars Reineke am 6. Januar 2012
Geschäftliches
von Lars Reineke am 3. Januar 2012
Thomas Wiegold will mit Flattr nichts mehr zu tun haben, und Felix Schwenzel wirkt auch irgendwie unzufrieden, wobei die Argumentation bei beiden ähnlich ist: »Lohnt sich kaum.«
Ich kann das nicht nachvollziehen.
Vielleicht muss ich dazu weiter ausholen: Bloggen ist für mich schon immer eine Freizeitbeschäftigung gewesen, die zunächst mal finanziell gar nichts eingebracht hat, was sie meines Erachtens auch gar nicht muss. Texte schreiben, sich ausdrücken können und hinterher von ein paar Leuten gelesen werden, möglicherweise sogar Anerkennung zu bekommen, all das erhöht schon sehr die Lebensqualität, wofür ich durchaus bereit war und bin, einen monatlichen Beitrag zu leisten.
Irgendwann habe ich dann einen eigenen Server für 8,90 € im Monat angemietet, den ich mir bis heute mit zwei Leuten teile, für den ich also monatlich knapp 3 € bezahle. Ich habe mich vor einiger Zeit beim Amazon-Affiliate-Programm angemeldet, aber da kommt nicht viel bei herum, vor allem, weil ich hier keine große Lust auf Produktpräsentationen habe und höchstens gelegentlich mal ein gelesenes Buch vorstelle, was an Provision bei einem Taschenbuch etwa 50 Cent ausmacht.
Dann kam Flattr. Zunächst kamen von dort nur etwa 2-3 Euro, was aber immerhin meine Serverkosten deckte. Vereinzelt gab es mal einen zweistelligen Betrag, mittlerweile sind es im Schnitt immer so zwischen 8 und 15 Euro, so dass ich einen zweiten Server betreiben kann, dessen Kosten vollständig über Flattr gedeckt sind.
Und dafür erstmal an Euch ein großes: Danke!
Netzlastige und Piraten-Themen werden dabei bevorzugt geflattrt, was relativ naheliegend ist, dort sind vermutlich auch die meisten Leser selbst publizierende Flattr-Kunden. Hin und wieder klickt auch mal jemand den generellen »Lars Reineke«-Flattr-Button an, was mich immer besonders freut, weil ich das als Anerkennung für mein bisheriges »Lebenswerk« interpretiere.
Klar, es gibt auch Autoren und Podcaster wie Holger Klein und Tim Pritlove, die sich daraus ein zusätzliches Standbein geschaffen haben oder sogar davon leben können, aber deren Zeit- und Materialeinsatz ist auch ungleich höher.
Und deshalb verstehe ich nicht so ganz, warum Wiegold sich so über die Transaktionskosten mokiert und Schwenzel von »Elend« schreibt, während beide monatlich zweistellige Beträge einstreichen. Ohne Peter Sunde und sein Projekt gäb’s halt gar nix.
Dazu kommt noch die etwas überhebliche Haltung von Wiegold, dass das ja vor allem was für Amateure sei, weil für eine professionelle Tätigkeit die Abzüge viel zu hoch seien. Ja, fuck, Bloggen ist hierzulande nunmal was für Amateure, wenn du einen Scheck haben möchtest, versuch halt, dein Zeug von einem Verlag veröffentlichen zu lassen. Aber ich empfehle gutes Verhandlungsgeschick.
Ich persönlich bin jedenfalls in der komfortablen Situation, dass sich mein Hobby von alleine trägt, und darüber bin ich sehr glücklich und dankbar.
P.S.: Selber verflattre ich ca. 20 % der Einnahmen, also 3 €, käme aber nicht auf die Idee, das als entgangene Einnahmen zu sehen. Diese 3 € sind der Preis für die Mühe, die sich andere mit ihren Blogartikeln machen, und diesen Preis zahle ich gern.
Man kann 10 Euro auch sinnvoller ausgeben
von Lars Reineke am 2. Januar 2012
Zu unseren Silvestereinkäufen gehörte unter anderem so eine Knallermischung für 9,99 € mit ein paar Raketen, Böllern, Wunderkerzen und anderem Zeug. Gekauft haben wir die, weil - ja, keine Ahnung, warum. Autopilot, irgendwie sowas.
Zwei Tage vorher haben wir uns noch darüber unterhalten, dass die Jungs von heute über 50 Euro für Feuerwerk ausgäben und fanden das komplett irrsinnig. Da kamen uns 10 Euro wohl irgendwie vernünftig und angemessen vor, und wir kauften den Quatsch.
So zündete ich also um kurz nach Mitternacht vollkommen mechanisch eine Lunte nach der anderen an, ohne auch nur einer einzigen Rakete bei ihrem Aufstieg hinterher zu schauen. Ich hätte daher auch einfach der Reihe nach 6 Streichhölzer anreißen und wegschnippen können.
Danach kamen vier Knallfrösche, die jedes Mal nur ein klägliches »Patt-patt-patt« von sich gaben und deren Lautstärke ich problemlos durch einfaches In-die-Hände-Klatschen übertreffen könnte.
Einen Vulkan stellte ich versehentlich falschherum auf, so dass er nach unten sprühte. Okay, das war mein Fehler.
Dann öffnete ich eine Packung mit 50 sogenannten Feuerringen, zündete einen an, warf mich in Deckung, und es passierte praktisch nichts, außer dass es einmal kurz »Pffffrt« machte, während eine nicht nennenswerte Flamme sich einmal im Kreis bewegte. Noch 49.
Da fiel mir plötzlich auf, dass Feuerwerk stinklangweilig war.
War das damals nicht spektakulärer? Hatten die Dinger früher nicht mehr Schmackes? Oder bin ich dafür einfach zu alt geworden?
Ich entschied mich für letzteres, schenkte eine Packung Knallteufel, die man nur auf den Boden werfen muss, der 9-jährigen Tochter meines Kumpels und zündete danach die Packung mit den 49 verbliebenen Feuerringen an. Das war dann wenigstens mal für ein paar Sekunden etwas heller und sparte Zeit.
Dem Gesicht meiner eigenen Tochter, die mit Gehörschutz auf den Ohren und einem Schnuller im Mund mit einer Trage an meiner Frau befestigt war, konnte man leider auch irgendwie nicht entnehmen, ob sie das nun faszinierend fand, aber immerhin hat sie weder geweint, noch ist sie beim Explodieren der Raketen zusammengezuckt. Das ist ja schonmal was.
Falls noch jemand Wunderkerzen braucht, wir haben noch welche.
Politik als Dienstleistung
von Lars Reineke am 29. Dezember 2011
Marina Weisband schrieb kürzlich einen klugen Text darüber, dass der Anspruch, den sie an sich selber stellt, nämlich eine ansprechbare, bürgernahe Politikerin zu sein, schwer mit der Realität zu vereinbaren sei.
Zum einen gebe es da ungehobelte Menschen, bei denen Kritik und Beleidigung zumeist Hand in Hand gingen, zum anderen sind die Erwartungen, mit denen Menschen ihre ganz persönlichen Probleme an Politiker herantragen, oft viel zu hoch.
Meines Erachtens verdienen solche Leute, die nicht in der Lage sind, ihren Unmut kundzutun, ohne grob und persönlich zu werden, es nicht, für voll genommen zu werden. Sie sind bösartig und schädlich, und man muss sie bekämpfen.
Ich meine das durchaus ernst. Es gibt Leute, die kommen nicht damit klar, wenn ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit zuteilwird. Diese Leute darf man in ihrem Fehlverhalten nicht bestärken, indem man sie umwirbt, ihnen sozusagen mitteilt, einen Fehler gemacht zu haben, indem man ihr Anliegen nicht ausreichend gewürdigt hat. Denn dann lernen sie es nie, glauben womöglich sogar, dass ihr Verhalten akzeptabel sei. Das ist es ganz und gar nicht, und mir persönlich ist jeder Politiker, der deutlich »Merk mal was, nicht in diesem Ton« sagt, lieber als einer, der sich einer lautstarken, aber letzten Endes egoistischen Minderheit beugt.
Bleibt also die Sache mit den Erwartungshaltungen. Da gibt es Menschen, die fühlen sich in irgendeiner Privatangelegenheit von den Behörden ungerecht behandelt und wenden sich damit an alle Personen des mehr oder minder öffentlichen Lebens, die sie kennen. Als Erstes natürlich der Gang zum Rechtsanwalt, kann der aus welchen Gründen auch immer nicht weiterhelfen, werden die großen Fässer aufgemacht, Bundestagsabgeordnete angeschrieben, für komplett abgehoben befunden und vorm Europäischen Gerichtshof geklagt.
Ganz wichtig: Jede noch so kleine Partei, die sich im eigenen Heimatort gründet, wird sofort aufs Umfassendste über die Angelegenheit informiert und hat sich gefälligst der Sache anzunehmen, ansonsten ist sie unglaubwürdig, nicht bürgernah und ohnehin schon genauso verkommen wie »die Etablierten«.
Das ist jetzt sicher ein Extrembeispiel (wenn auch leider kein aus der Luft gegriffenes), aber ich glaube, es ist Ausdruck eines der grundlegenden Probleme unseres politischen Systems, nämlich fehlende Zuständigkeit und Zeitversatz.
Während erfolgreiche Dienstleister die Notwendigkeit erkannt haben, ihren Kunden sowohl klar definierte Beschwerdekanäle anzubieten als auch ihre Anliegen in angemessener Zeit zu bearbeiten, fehlt dieses Qualitätsbewusstsein an vielen Stellen im politischen Betrieb völlig.
Wenn bei einem Onlineversandhandel ein Paket verloren geht, weiß ich als Kunde sofort, wo ich anzurufen oder wem ich eine Mail zu schicken habe. Sobald ich das getan habe, bekomme ich eine sofortige Rückmeldung, ich weiß also, dass mein Anliegen bearbeitet wird.
Was aber, wenn ich der Ansicht bin, ein Gesetz oder eine Verordnung sei ungerecht? An wen wende ich mich da? Politik? Verwaltung? Kennen die Bürger überhaupt den Unterschied? Und kann man ihnen zumuten, diesen kennen zu müssen?
Wenn Amazon wie unser politisches System agieren würde, müsste man für die Bestellung eines Harry-Potter-Romans erst mal das Organigramm des Unternehmens studieren, den zuständigen Lageristen für Taschenbücher von G-I ausfindig machen, diesem die Bestellung per Fax schicken, und ob das Buch überhaupt lieferbar ist, würde man in der Tagesschau nach 2 Jahren erfahren.
Womit wir beim Zeitversatz wären. Dass ich als Bürger ein Problem habe, merke ich üblicherweise erst, wenn es mich betrifft.
Solange ich kein Auto habe, muss ich mich nicht für Umweltzonen interessieren. Und was nützt es mir, jetzt eine Petition für mehr Kita-Plätze ins Leben zu rufen, wenn meine Tochter nach Beendigung des Petitionsverfahrens kurz vor der Einschulung steht?
Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Politik folgt daher meines Erachtens aus zwei Faktoren: dem Unwissen, an wen ich mich zu wenden habe und der Unsicherheit, ob und wann mein Anliegen bearbeitet wird.
Wir brauchen daher so etwas wie eine Bürgerhotline, an die sich jeder einerseits bei Problemen öffentlicher Art wenden kann, die jedoch auch unmissverständlich Auskunft gibt, wer stattdessen zuständig ist, wenn das jeweilige Anliegen dort nicht bearbeitet werden kann. Zum anderen ist es unabdingbar, dass der Bearbeitungsstatus von Anträgen, die von Seiten des Bürgers an Politik und Verwaltung gestellt werden, für den Antragsteller jederzeit nachvollziehbar ist.
Wir müssten also Politik als eine effizient zu erbringende Dienstleistung betrachten. Das wird nicht einfach sein. Aber das hat ja auch keiner behauptet.
Neues Instapaper-Bookmarklet zum Archivieren aus der Textansicht
von Lars Reineke am 27. Dezember 2011
Ich habe eine neue Version des Bookmarklets gebastelt, mit dem man in der Instapaper-Textansicht den gerade gelesenen Artikel direkt archivieren kann.
Flusskiesel hatte herausgefunden, dass hin und wieder die URL, mit der Instapaper auf die Textansicht verweist, anders aufgebaut ist.
Ich bin immer noch nicht sicher, warum das so ist, schätze aber mal, dass es damit zusammenhängt, wie schnell Instapaper die Seite archivieren kann. Ich könnte den Autor auch einfach fragen, aber der scheint ziemlich beschäftigt zu sein, daher habe ich das Bookmarklet stattdessen entsprechend angepasst.
Das Bookmarklet gibt es hier:
Einfach in die Lesezeichen-Symbolleiste ziehen.
Irvine Welshs fehlende Anführungszeichen
von Lars Reineke am 21. Dezember 2011
Wenn ich nicht bereits wüsste, dass Irvine Welsh ein großartiger Schriftsteller und Geschichtenerzähler ist, ich würde vermutlich heute nicht mehr mit dem Lesen seiner Bücher anfangen.
Seine Zeichensetzung macht mich krank. Vor allem seine fehlende.
Ich lese gerade seinen neuesten Roman »Crime»1, und sein Erzählstil ist wie immer grandios. Nur leider verzichtet Welsh vollständig auf Anführungszeichen, um Dialoge zu kennzeichnen.
Das sieht dann so aus:
Aber jetzt nicht mehr. Etwas zog ihr den Magen zusammen.
- Geh heute Abend nicht weg, sagte das Mädchen leise, halb hoffnungsvoll, halb flehend.
Die kleine rosa Zunge ihrer Mutter schoss heraus und befeuchtete den Eyelinerstift.- Mach dir um mich keine Sorgen, Schatz, mir passiert schon nichts, und dann hupte unten ein Auto; mit einem Klicken sprang die Klimaanlage an, und es wurde kühler im Raum. Sie wussten beide, dass er es war.
- Ein Glück, dass die Wohnung die Fensterläden hat, sagte ihre Mutter, als sie aufstand und ihre Handtasche vom Tisch nahm.
Ich frage mich, was sowas soll. Will Welsh damit irgendwas beweisen? Zeigen, dass er sich sowas erlauben kann, weil ihn trotzdem alle lesen? Und warum macht der Verlag so etwas mit? Spätestens bei der Übersetzung könnte man doch die hierzulande übliche Zeichensetzung hinzufügen.
Verdammt, wenn ihr nicht wollt, dass jemand die Bücher liest, die Welsh schreibt, dann druckt sie doch gleich in einer 4-Punkt-Schrift, dann könnt ihr Papier sparen und habt noch mehr von den 17,99€, die das Ding immerhin gekostet hat.
Naja, ich lese dann mal weiter und ärgere mich darüber, wie jemand einen seiner besten Romane durch seinen willkürlichen Zeichensetzungsstil versiebt.
- Affiliate-Link [↩]
Václav Havel
von Lars Reineke am 19. Dezember 2011
Zugegeben, mit Václav Havel habe ich mich nie so richtig beschäftigt, und auch sein Tod wird daran vermutlich nicht viel ändern. Das klingt zynisch, ist aber nicht so gemeint. Die Tatsache, dass er verstorben ist, wird jetzt bereits wieder überlagert vom Ableben eines nordkoreanischen Diktators, und schon verdrängt eine Berichterstattung die nächste.
Als Havels Popularität ihren Höhepunkt erreichte, war ich gerade sechzehn oder siebzehn Jahre alt, und da wurde wiederum alles übertönt mit der Öffnung der Mauer und dem Umstand, dass ich mich für Mädchen interessierte.
An eine Geschichte im Zusammenhang mit Václav Havel kann ich mich jedoch noch entfernt erinnern. Wir waren - Anfang 1992, glaube ich - mit dem Physikleistungskurs unterwegs auf Kursfahrt, und die war so angelegt, dass wir uns und unsere Zelte in den Bulli unseres Tutors warfen und einfach mal auf gut Glück Richtung Süden gefahren sind. Irgendwann waren wir dann in München angelangt und hatten beschlossen, in einer Tagestour über Prag nach Dresden zu fahren, um uns dort einen Campingplatz zu suchen.
In Prag kamen wir an einem großflächigen Platz vorbei, auf dem eine Holzbude stand, nicht viel größer als ein Ticketverkaufsstand oder so ein kleines Holzhäuschen auf einem Weihnachtsmarkt. Davor hatte sich mit Abstand die längste Schlange von Menschen gebildet, die ich je gesehen habe.
Die Warteschlange wand sich in Serpentinen 150 Meter in die eine Richtung, dann wieder in die entgegengesetzte, und machte bestimmt sechs bis acht Kehren, bis sie schließlich endete. Alles war sehr ruhig und ungewöhnlich diszipliniert.
Wir fanden einen Parkplatz in der Nähe und schauten uns die Holzbude etwas näher an.
Es stellte sich heraus, dass Hunderte von Menschen stundenlang in aller Ruhe in einer kilometerlangen Schlange anstanden, weil in dem kleinen Häuschen eine Schallplatte ausgegeben wurde. Man hatte eine Rede von Václav Havel aufgezeichnet und auf Vinyl gepresst.
Ich weiß nicht, ob heutzutage jemand eine Ansprache des Bundespräsidenten auf Schallplatte pressen und auf dem Alexanderplatz verteilen würde, aber ich bin mir sicher, die Schlange wäre kürzer.
Post von Reineke
von Lars Reineke am 15. Dezember 2011
Wenn ich Franz Josef Wagner hieße, stünde in der BILD-Zeitung heute folgender Brief:
Liebe Frau Koch-Mehrin,
kennen Sie den Film »Cool Runnings«? Den sollten Sie mal schauen.
Ist eine Produktion aus dem Hause Disney, den können Sie sich also ganz unbesorgt mit Ihrer gesamten Familie ansehen.
Da geht es in erster Linie um eine jamaikanische Bobmannschaft bei den Olympischen Spielen in Calgary 1988 und wie sie sich gegen zahlreiche Schikanen zur Wehr setzt.
Diese Sorge hatten Sie wahrscheinlich nie, als Diplomatentochter mit Stipendium einer FDP-nahen Stiftung standen Ihnen sicher alle Türen offen. Trotzdem haben Sie eine Dissertation geschrieben, bei der man Ihnen etliche Plagiate nachgewiesen hat.
Anstatt Ihren Fehler einzugestehen, haben Sie die Schuld auf die Universität geschoben, die Ihnen damals den Doktortitel verliehen hatte. Jetzt wollen Sie Ihren Titel sogar einklagen.
Wissen Sie, warum ich Ihnen diesen unterhaltsamen Film empfehle?
Weil in der Nebenhandlung der Trainer der Mannschaft eine Verfehlung aus früheren Zeiten aufarbeitet, er hatte betrogen, indem er den Bob manipuliert hatte.
In einer Szene sagt er einen denkwürdigen Satz, der beschreibt, warum er das, was er damals getan hatte, mittlerweile als seinen größten Fehler ansieht.
Er sagt:
»Wenn du ohne Goldmedaille nichts wert bist, bist du mit ihr auch nichts wert.«
Vielleicht finden Sie ja zwischendurch mal die Zeit, diesen schönen Film zu sehen. Es lohnt sich. Nur für diesen einen Satz.
Herzlichst,
Ihr F.J. Wagner
Aber ich bin ja nicht Franz Josef Wagner, deswegen steht in der BILD heute nur ein Brief an Christian Wulff, in dem Wagner ihn mit Jesus vergleicht. Obwohl über den (Wulff, nicht Jesus) auch noch so einiges andere geschrieben werden müsste.
Euer Platz in meiner Welt
von Lars Reineke am 14. Dezember 2011
Ihr kennt das sicher: Da hatte man einen langen Arbeitstag, hat abends nichts weiter vor und beschließt, sich in aller Ruhe in ein Café zu setzen und ein wenig den Feierabend zu genießen.
Und dann sitzen da Väter oder Mütter mit ihren Säuglingen und Kleinkindern, die weinen, herumschreien und -laufen und Euch den Latte Macchiato versauen. Ätzend, oder? Ich weiß, Ihr könnt nichts dafür, aber Ihr bekommt dann immer so einen »Muss-das-sein?«-Blick. Ihr lest das jetzt sicher nicht gern, aber: Ja, das muss sein.
Ich erkläre Euch das mal.
Und zwar ist das folgendermaßen: Zum einen haben auch Väter oder Mütter zuweilen anstrengende Arbeitstage - ja, auch die Betreuung eines Kindes macht Arbeit -, wollen sich ebenfalls ein bisschen entspannen und vielleicht auch mal etwas anderes sehen als ihre eigenen vier Wände.
Dann gibt es noch einen weiteren Grund: Kinder brauchen frische Luft. Fragt mich nicht, wieso, ich bin kein Arzt, aber das ist irgendwie wichtig. Solange sie aber aus naheliegenden Gründen noch nicht alleine vor die Tür können, muss man als Elternteil gezwungenermaßen mit nach draußen.
Ich weiß nicht, wie das bei Euch ist, aber ich finde »Spazieren gehen« prinzipiell erstmal scheiße. Wenn ich spazieren gehen soll, brauche ich einen Ort, zu dem ich hinmöchte. Es muss irgendwohin gehen, sonst bleibe ich lieber zu Hause. Wenn ich also nicht gerade noch irgendetwas einkaufen muss, ist das Ziel der Wahl in aller Regel ein Café oder ein anderes Lokal, wo ich mich kurz hinsetzen, Pause machen und meiner Tochter ein wenig die Umgebung zeigen kann.
Jetzt kommt der entscheidende Punkt, gut aufpassen: Die kann noch nicht sprechen. Wenn sie es könnte, würde sie mir sagen, dass sie Hunger oder Durst hat, dass sie müde ist, dass ihre Windel voll ist, oder was auch immer sie gerade stört. Dann würde ich sofort reagieren und alles Erdenkliche tun, damit es ihr besser geht, versprochen.
Kann sie aber nicht. Und deshalb weint sie. Laut. Und zwar umso lauter, je länger es dauert, herauszufinden, was ihr fehlt.
So, und jetzt kommt Ihr ins Spiel, weil ich ja weiß, dass Euch das Schreien stört. Mich stört´s ja auch.
Es ist nur so: Wenn meine Tochter weint, heißt das, dass sie gerade nicht glücklich ist. Und wenn meine Tochter nicht glücklich ist, wisst Ihr, wie wichtig mir es ist, ob Ihr Euch von ihr gestört fühlt?
Richtig, gar nicht. Um es genauer zu sagen: Es ist mir vollkommen scheißegal, wie es Euch dabei geht. Denn meine Tochter weint.
Ihr könnt dann ruhig genervt gucken, demonstrativ den Platz wechseln oder das Lokal verlassen. Ich bekomme das ohnehin nicht mit. Ihr könntet Euch also alternativ auch die Augen mit einem Kaffeelöffel rausschälen, Euch den Zuckerstreuer rektal einführen oder Euch die Fußnägel herausreißen.
Solange meine Tochter weint, seid Ihr mir egal. Das ist Euer Platz in meiner Welt. Findet Euch einfach damit ab.
Und wenn Ihr der Ansicht seid, die Kinder als »Blagen«, die Mütter als »Rinder« oder die Väter als »Arschloch« bezeichnen zu müssen, habe ich noch einen Vorschlag für Euch: Wieso fickt Ihr Euch nicht einfach ins Knie, hm?


