Armer, alter Mann
von Lars Reineke am 23. März 2012 | Lesedauer: 4 Minuten
Sven Regener, der mir bislang als Romanautor1 wesentlich sympathischer war als in seiner Rolle als Frontmann der Band »Element of Crime»2, hat sich in einem Radiointerview, das er mit dem Bayrischen Rundfunk geführt hat, echauffiert. Er klagt an.
Wen genau, ist eigentlich gar nicht so richtig klar. Mal wettert er gegen die Gesellschaft, die den Künstlern nicht genügend Respekt entgegenbrächte, offenbar, weil einige Leute Musik kostenlos herunterladen. Dann ist auch gleich die ganze Piratenpartei doof, weil, ja, auch irgendwie deswegen, und außerdem ist man ja uncool, wenn man sich als Indie-Rocker für das Urheberrecht stark macht.
Gar nicht so leicht, das alles einzusortieren. Man muss ihm zu Gute halten, dass er offenbar aus der Situation heraus ein wenig ausrastet, aber einiges aus seiner Tirade bedarf doch zumindest einiger Gegenfragen.
Was zunächst auffällt, ist der Versuch, sich selbst irgendwie als hart arbeitenden Rocker hinzustellen, der mit seiner eigenen Hände Arbeit »jede Maaak« selbst verdient, und dass man das gefälligst respektieren und pro Song seine 99 Cent bezahlen soll.
Weil: »Das macht den Rock’n’Roll groß.«
Kein Wort von den Plattentauschereien auf dem Schulhof, keine Aufnahmen aus dem Radio, keine in die Luft gehalteten Kassettenrecorder bei Livekonzerten, alles nie passiert. So Rock’n’Roll ist Sven Regener.
Nur: Wer hat es uns denn ermöglicht, dass wir heute Musik überall zur Verfügung haben und überhaupt die Möglichkeit haben, eben diese 99 Cent für die Werke Regeners auszugeben? Ein Computerhersteller.
Es war nämlich nicht die Musikindustrie, die dafür gesorgt hat, dass heutzutage Künstler im Internet Geld verdienen, es waren Apple, Amazon, Pandora, Spotify und all die anderen Computerfritzen. Genau diese Leute, denen Regener vorwirft, den Künstlern »ins Gesicht zu pinkeln«.
Wo ist denn die Onlineplattform der Musikindustrie, auf der ich mir Neuerscheinungen, Videos und Livemitschnitte gegen Geld herunterladen kann? Wieso ist die Musikindustrie nach über 20 Jahren MP3-Format nicht in der Lage, ein Geschäftsmodell daraus zu entwickeln, mit denen Künstler und Konsumenten leben können? Wieso verdient sich so eine Figur wie Kim Schmitz damit ein goldenes Glied, während Musiklabels angeblich nicht in der Lage dazu sind?
So spricht Regener auch konsequent von »Plattenfirmen«, die seine »Platte« produzieren und verkaufen. Genau das sind sie, Plattenfirmen, nichts weiter. Sie verpassen ganze Medienrevolutionen und investieren statt in neue Technologie lieber in Heerscharen von Anwälten, die private Verbraucher abmahnen, weil die sich zum Reinhören einen Song aus dem Netz geladen haben, anstatt sich einen Datenträger beim MediaMarkt zu kaufen.
Dann brüstet er sich damit, dass die Musikvideos seiner Band alle auf der eigenen Homepage zu finden seien, und dass YouTube ja scheiße sei, weil die mit der Arbeit anderer Geld verdienen. Ja, das ist ja lobenswert, dass er das selbst veröffentlicht, aber warum bekommen es die Plattenfirmen denn nicht hin, eine eigene Videoplattform ins Netz zu stellen, auf der man sich Musikvideos ansehen und die Musik dann auch gleich kaufen kann?
Wenn Google dafür bezahlen würde, dann würde er auch seine Videos bei YouTube hochladen, sagt er. (Und stillschweigend deren massive Rechnerinfrastruktur, deren Verbreitungsmöglichkeiten und deren Know-How mitnutzen.)
Seine Webseite, element-of-crime.de, läuft unter Apache auf einem Linux-System. Wieviel hat er den Entwicklern der Apache Software Foundation denn bezahlt, dass er damit seine Inhalte verbreiten darf? Was hat er für die Weiterentwicklung von Linux ausgegeben?
Wieso greift er nicht die Plattenfirmen an, die ja angeblich seine Interessen vertreten sollen, warum die jahrzehntelang die Hände in den Schoß gelegt haben und außer Urheberrechtsklagen und schmierigem Lobbyismus nichts auf die Reihe bekommen haben, um ihr Überleben zu sichern?
Stattdessen beschimpft er seine eigenen Kunden, weil die in all der Zeit eine andere Vorstellung davon entwickelt haben, wie sie heutzutage Musik kaufen und rezipieren wollen, und entblödet sich dabei nicht mal, Stammtischphrasen wie »So sieht’s nämlich aus!« zu verwenden.
Einen lichten Moment hat er dann zwischendurch doch, wenn er sagt: »Solange das funktioniert, ist das gut, wenn das nicht funktioniert, müssen wir uns natürlich überlegen, wie wir unsere Platten produzieren.« Ja, Herr Regener, genau so ist es. Bitte beginnen Sie langsam mal damit, Sie kommen nämlich bereits mindestens 10 Jahre zu spät.
Oder sind Sie ernsthaft der Ansicht, dass dieses Geschäftsmodell noch funktionieren würde? Ein Geschäftsmodell, das nur noch dadurch aufrecht erhalten werden kann, indem man seine Kunden gängelt, kriminalisiert und dafür sogar bereit ist, Gesetze hinter verschlossenen Türen so weit zu ändern, dass man sich damit auf eine Stufe mit totalitären Unrechtsstaaten begibt?
Aber Glückwunsch, Herr Regener, Sie sind damit ganz in der Tradition von Heinz-Rudolf Kunze, der sich seinerzeit darauf verstiegen hat, eine Quote deutschsprachiger Musik im Radio zu fordern, als die Leute aufhörten, seine Oberlehrermusik hören zu wollen.
Arme, alte Männer, die nicht begreifen, dass sich die Welt auch ohne sie weiterdreht, und die am Strand auf die Wellen einschlagen, um die Flut aufzuhalten.
Aber dass jeder seine 99 Cent bezahlt, das macht den Rock’n’Roll groß, sagt Regener. Wenn man ganz still ist, kann man in den wenigen Sprechpausen Buddy Holly leise weinen hören.
Von Leuten, die sich gerne einpinkeln
von Lars Reineke am 21. März 2012 | Lesedauer: 4 Minuten
Stellt euch mal Folgendes vor:
Da gibt es einen Ort, sagen wir, eine Gaststätte, ein Lokal oder einen Club, da gehen am Wochenende hin und wieder recht viele Menschen hin. Das sind Leute, die ihr durchaus ganz in Ordnung findet, einige trefft ihr auch manchmal anderswo, aber weil die Stadt, in der ihr wohnt, ziemlich klein ist, gibt es meist nicht viele Alternativen, also treffen sich die meisten in unserem fiktiven Lokal.
Dieses Lokal hat im Prinzip alles, was man für einen angenehmen Abend benötigt: Man kann gemütlich sitzen, es ist nicht zu dunkel aber auch nicht zu hell, es gibt einen Kicker, die Musik ist meistens besser als woanders, die Getränke sind günstig, und - wie schon gesagt - das Publikum dort ist in der Regel echt ganz nett.
Es gibt nur einen Haken. Wenn genug Leute dort sind, haben die meisten es sich angewöhnt, zum Pinkeln nicht mehr extra aufs Klo zu gehen.
Nicht, dass der Laden keine Toiletten hätte, das schon, aber wenn man zum Klo geht, kann man halt gerade nicht kickern, sich an den Tresen lehnen oder dem Konzert folgen, also lassen es die meisten Gäste einfach warm am Bein runterlaufen.
Das hat natürlich zur Folge, dass es dort ziemlich stinkt, gerade, wenn viele Leute da sind und viel getrunken wird, klar, Bier treibt, also wird auch viel gepinkelt. Zum Kacken gehen die meisten dann doch lieber raus, das ist ihnen in der Regel zu peinlich, aber es kommt schon auch vor, dass manche mal eben in die Ecke kacken, wenn es keinem auffällt oder wenn andere mitkacken.
Weil das mittlerweile so viele machen, haben die meisten auch schon gar keine Hemmungen mehr, ganz öffentlich im weiten Strahl zu pinkeln. Man kann sich also auch wasserdichte Schuhe anziehen, irgendwer pinkelt einem im Laufe des Abends immer ans Bein.
Gelüftet wird abends in der Regel auch nicht, weil sich wegen der lauten Musik manchmal die Nachbarn beschweren, deshalb müssen die Fenster geschlossen bleiben.
Die Pinkler machen das jetzt nicht, um einen zu ärgern oder so. Es gibt auch Bereiche, in denen nicht gepinkelt wird. Wenn man nach hinten durchgeht zum Beispiel, da gibt es einen extra Bereich, aber einmal durch die Pfützen muss man schon, hinten gibt es auch keine Musik, und Getränke muss man sich auch dort holen, wo gepinkelt wird.
Jetzt gibt es allerdings auch einige, die haben einfach keine Lust, jedesmal hinterher fürchterlich nach Urin zu stinken. Einige von ihnen fühlen sich auch immer ziemlich krank nach einem Besuch dort, von dem vielen Gestank und den Ammoniakdämpfen, die man auch aus dem Raum kaum noch rausbekommt.
Also beschweren die sich und sagen: »Ey, Leute, könnt ihr nicht ganz normal aufs Klo gehen, wenn ihr mal müsst? Das war doch extra so abgesprochen. Hier stinkt man hinterher jedesmal nach Pisse, wenn man nach Hause kommt.«
Aber die anderen finden das eigentlich gar nicht so problematisch, zu Hause pinkeln die auch meist direkt im Wohnzimmer oder im Auto und riechen den Uringestank schon gar nicht mehr.
Also sagen sie: »Naja, für uns gehört das aber zum Feiern irgendwie dazu, und außerdem pinkeln wir ja nur direkt hier hin, wenn gerade eine Veranstaltung ist, am nächsten Tag zum Beispiel, wenn Kinder da sind, dann gehen wir auch aufs Klo oder nach draußen. Aber wir versuchen in nächster Zeit mal mehr Rücksicht zu nehmen und pinkeln echt nur noch hier hin, wenn ausschließlich Einpinkler da sind, und das Kacken in die Ecken muss ja auch wirklich nicht sein.«
Und weil die Leute, die sich halt einfach gerne am Wochenende in die Hose pissen, egal wo sie gehen und stehen, nunmal Stammgäste sind oder den Laden miteingerichtet haben, deswegen hat man da kaum eine Chance, etwas zu ändern.
Die Einpinkler in diesem Laden sind dabei sogar noch ganz verständig, es gibt auch noch einen anderen Laden in der Stadt, in dem am Wochenende immer was los ist, aber der ist extra als Einpinklerlokal ausgewiesen, und damit keine Minderjährigen die Leute beim Pinkeln beobachten können, darf man da auch erst ab 18 rein, das steht sogar draußen dran.
Wenn man da mal fragt, ob dieses Hingestrulle überall unbedingt sein muss, kriegt man sogar manchmal zu hören, dass die Leute, die damit ein Problem haben, doch einfach zu Hause bleiben sollen, wenn sie das stört.
Man hat mal versucht, die Pisserei in der Öffentlichkeit zu verbieten, weil man erkannt hat, dass das auch gesundheitliche Risiken birgt. Aber dann fühlten sich die Pinkler in ihren Rechten eingeschränkt, und die Wirte fürchteten um ihre Einnahmen, wenn die eingefleischten Pinkelfreunde nicht mehr kommen, und daher darf man sich zumindest in einigen Bundesländern wieder hemmungslos einpissen, wenn der Raum nicht zu groß ist und keine warmen Speisen gereicht werden, weil das nun wirklich zu eklig wäre.
Kommentare wieder auf - für Twitteraccounts
von Lars Reineke am 12. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Nachdem ich gestern die Kommentare kurzerhand schließen musste, werde ich sie für die folgenden Artikel wieder öffnen, von jetzt an ist allerdings ein Login über den Twitteraccount erforderlich.
Dafür steht ein Button über dem Textfeld, wenn ihr den anklickt, müsst ihr euch - falls nicht bereits geschehen - bei Twitter anmelden und meinem Blog die Erlaubnis geben, Euch zu authentifizieren.
Rückgängig machen könnt ihr das, indem ihr die Apps-Seite bei Twitter aufruft und mein Blog wieder entfernt.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass ich ausnahmslos alle, die auf diesem Blog sachlich kommentiert haben, auch irgendwie von Twitter kenne. Es gibt mir ein Stück meines Wohnzimmergefühls zurück, wenn nicht vollkommen wildfremde Leute durch mein Blog trampeln und Müll hinterlassen.
Ob das gegen die Trolle hilft - keine Ahnung. Ich erhoffe mir davon, dass der eine oder andere vielleicht noch eine Sekunde nachdenkt, bevor er etwas postet, manchmal reicht das ja schon.
Außerdem lässt sich eine Wegwerf-Mailadresse jederzeit erstellen, extra zum Kommentieren einen Twitter-Fake-Account einzurichten ist nicht nur aufwändiger, man wird aufgrund der wahrscheinlich geringen Followerzahl auch eher erkannt.
Davon abgesehen werde ich hin und wieder auf das Freischalten der Kommentare artikelweise komplett verzichten, wenn es mir sinnvoll erscheint. Manchmal geht’s halt nicht anders.
Es ist erstmal ein Experiment. Schauen wir mal, wie es ausgeht.
Neues von der Deutschen Messe AG und eine (letzte) Antwort
von Lars Reineke am 12. März 2012 | Lesedauer: 4 Minuten
Auf meine Mail von gestern antwortet mir erneut Hartwig von Saß, Deutsche Messe AG:
Sehr geehrter Herr Reineke,
Vielen Dank für Ihre Erwiderung meines Schreibens. Lassen Sie mich kurz auf die von Ihnen gestellten Fragen eingehen und vorwegschieben, dass wir gern Ihre Anregung des »kleinen Ausgleichs« aufgreifen wollen. Wie das konkret aussehen wird, werden wir intern diskutieren.
Zu Ihrer Frage, warum bei anderen Veranstaltungen die Eintrittsregelungen anders sind. Von außen betrachtet, könnte man sehr schnell dem Eindruck erliegen, dass Messe gleich Messe ist und vermuten, wenn es bei Veranstaltung A geht, muss es doch auch bei Veranstaltung B funktionieren.
Veranstaltung A ist aber im Detail ganz anders als Veranstaltung B, die wiederum ganz anders ist, als Veranstaltung C… Die Hallen sind jedes Mal anders verplant, die Gänge unterschiedlich breit. Zudem haben wir bei den unterschiedlichen Veranstaltungen ein völlig unterschiedliches »Besucherverhalten« - und wenn man sich auf Veranstaltung A bewegt und ein Auge auf die Besucherströme mit der »Brille der Sicherheit« wirft, lassen sich erhebliche Unterschiede zur Messe B erkennen.
Das betrifft unter anderem die Mengenverteilung in den geöffneten Hallen und auch das individuelle Verhalten der Besucher mit Blick auf deren Bereitschaft, Rücksicht auf andere Besucher zu nehmen. Nebenbei: Das beginnt bereits mit dem Anreiseverhalten. Auch das ist bei jeder Messe anders, und deshalb entwickeln wir für jede Messe zusammen mit der Polizei und den Verkehrsbehörden ein speziell auf die jeweilige Veranstaltung zugeschnittenes Verkehrskonzept, um eine möglichst gute und sichere Anreise zu gewährleisten.
Hinter all diesen Erwägungen - und darunter fällt auch die Altersbegrenzung - stehen Erfahrungen aus 65 Jahren als Veranstalter internationaler Leitmessen mit vielen hunderttausend Besuchern.
Was die Reaktion meiner Kollegin am Counter angeht, sehen Sie es mir bitte nach, dass ich das nicht im Detail bewerten möchte, da ich die Situation nicht erlebt habe. (Aber vielleicht kurz zu Ihrem Zugbegleiter-Vergleich: Als Intensiv-Nuzer der Bahn erlebe ich die von Ihnen beschriebene Situation sehr häufig. Meine Erfahrung ist dann allerdings, dass in der Tat der Zugbegleiter für eine solche - wie heißt es dann gern - Betriebsstörung nicht verantwortlich ist. Ich reagiere dann mit Gelassenheit, weil der Mensch auch nur versucht, einen guten Job zu machen und an der - wie war das Wort - Betriebsstörung nichts ändern kann. Und ich im Übrigen auch nicht, selbst wenn ich auf den armen Menschen noch so sehr einrede.)
Für mich ist die entschiedende Frage nach unserem Austausch: Was lernen wir daraus? Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass wir unsere Mitarbiter an den Countern noch intensiver auf diese Sitationen hinweisen. Zudem werden wir noch intensiver über die Eintrittsregeln im Vorfeld unserer Veranstaltungen informieren.
Nochmals vielen Dank für Ihre Hinweise.
Sofern Sie meine Antwort erneut online stellen wollen - sehr gern.
Mit freundlichen Grüßen
Hartwig von Saß
Leiter Kommunikation / Head of CommunicationsDeutsche Messe AG
Ich antworte mal an dieser Stelle direkt:
Sehr geehrter Herr von Saß,
vielen Dank für Ihre Antwort und die etwas ausführlicheren Erläuterungen zur Veranstaltungssicherheit.
Ich könnte jetzt entgegnen, dass meine Frau und ich uns durchaus in der Lage sehen, Gedränge und Gefahrensituationen auf einem so weitläufigen Gelände wie der CeBIT zu erkennen und zu umgehen, aber letzten Endes liegt die Verantwortung beim Veranstalter, und das kann ich, wenn es mir - in diesem Fall nachträglich - erklärt wird, auch akzeptieren.
Um Missverständnissen vorzubeugen, bitte ich darum, meine Anregung nicht dahingehend zu verstehen, dass ich für den entgangenen Messebesuch einen Ausgleich erwarte. Das Gegenteil ist der Fall, durch den hohen Zuspruch, der mir insbesondere von vielen Eltern entgegengebracht wurde, hat sich schon allein deshalb die Anreise gelohnt, auch wenn diese mich nicht zum ursprünglichen Ziel geführt hat.
Ich habe aber dennoch eine letzte Bitte:
Es ist zwar offenbar - zumindest interpretiere ich Ihre Berufsbezeichnung dahingehend - Ihre vordringliche Aufgabe, die Anliegen der Deutschen Messe AG nach außen zu kommunizieren.
Ich bitte Sie jedoch darum, Ihr Augenmerk für die Zukunft in dieser Angelegenheit nicht nur auf die sendende Kommunikation zu lenken, sondern auch auf die empfangende.
Sie sollten meines Erachtens nicht ausschließlich daran arbeiten, Ihre Mitarbeiter auf Krisensituationen vorzubereiten, Regeln deutlicher herauszustellen und im Zweifel kleine Aufmerksamkeiten zu verteilen.
Hören Sie den Leuten zu, und holen Sie sich insbesondere Anregungen von technikbegeisterten Eltern. Es gibt jede Menge davon, sicherlich auch innerhalb Ihrer Belegschaft.
Vielleicht überdenken Sie doch nochmal die Regeln und schaffen eine Besuchsmöglichkeit am Wochenende für Eltern kleinerer Kinder. Es müssen ja nicht alle Hallen zugänglich sein, auch am vergangenen Samstag wurde offenbar zwischen einzelnen Altersgruppen differenziert.
Es gibt einen ganzen Markt an Soft- und Hardware, die speziell für Kinder entwickelt wurde, ich bin sicher, dass Sie allein damit eine ganze Halle füllen können. Machen Sie dort die Gänge breiter, achten Sie dort auf eine für Kinder sichere Umgebung, und ich wette mit Ihnen, dass eine Menge Eltern auf die CeBIT kommen, die durchaus bereit sind, das eine oder andere Geschäft abzuschließen.
Nicht nur Besucher, auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Aussteller sind Eltern, davon einige sogar alleinerziehend. Ich bin mir sehr sicher, dass viele von ihnen Verständnis für Besucher aufbringen würden, die ihre Kinder an einem Tag der Messe mitbringen möchten. Und wo das Verständnis fehlt, können Ihre Mitarbeiter, sofern sie entsprechend vorbereitet sind, sicherlich intervenieren.
Für mich ist diese Angelegenheit erstmal abgeschlossen, und ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei allen Bemühungen, nicht nur die CeBIT zu einer kinder- und elternfreundlicheren Veranstaltung zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
Lars Reineke
Antwort auf die Mail der Deutschen Messe AG
von Lars Reineke am 11. März 2012 | Lesedauer: 4 Minuten
Nachfolgend meine Antwort auf die Mail von Herrn von Saß, dem Leiter Kommunikation der Deutschen Messe AG:
Sehr geehrter Herr von Saß,
zunächst erstmal vielen Dank für Ihre Antwort, insbesondere für die Freigabe zur Veröffentlichung, die ich zu schätzen weiß.
Die Tatsache, dass ich Ihnen die Möglichkeit zur direkten Antwort genommen habe, tut mir leid, es handelt sich hierbei um einen Kollateralschaden, der jedoch angesichts der abnehmenden Qualität der kontinuierlich eingehenden Kommentare kaum zu vermeiden war.
Ihre Begründung, warum Kinder unter 8 Jahren nicht auf die CeBIT gelassen werden, hört sich zunächst schlüssig an.
Daher meine Frage: Warum ist niemand Ihrer Mitarbeiter, insbesondere nicht die Kollegin an dem Tresen, der mit »Supervisor« beschriftet war, in der Lage, diese Begründung auch zu kommunizieren?
Ich erwarte das nicht von jemandem, der in erster Linie für das Befestigen von Handgelenkbändchen zuständig ist, aber wer sich an einen solchen Tresen setzt, hat nicht Besucher, die mit einem gültigen Ticket anreisen, mit den Worten »Ich habe die Regeln nicht gemacht« wieder weg zu schicken. Insbesondere nicht mehrfach, und schon gar nicht hat diese Mitarbeiterin sich damit zu brüsten, welchen Rekord sie beim Abweisen besonders weit angereister Gäste aufgestellt hat.
Vor allem dieses Verhalten, sich stoisch und wiederholt herauszureden mit einer Floskel wie »Ich befolge hier nur meine Anweisungen« hat dazu geführt, dass mein Zorn sich dadurch entlud, dass ich diese Haltung mit der duckmäuserischen Borniertheit aus einer dunklen Zeit unserer Geschichte verglich. Damit mag ich über das Ziel hinausgeschossen sein, allerdings befand ich mich auch noch nie in einer derart kafkaesken Situation, die eine solche Reaktion erforderlich machte.
Um ein Beispiel aufzuzeigen, wie ich mir ein kundenfreundliches Verhalten vorstelle, erwarte ich zunächst von einer Servicemitarbeiterin eine sachliche Begründung auf meine Frage, warum ich nicht eingelassen werde.
(Würden Sie klaglos akzeptieren, wenn ein ICE-Zugbegleiter bei einem 30-minütigen Stopp auf freier Strecke lediglich antworten würde: »Keine Ahnung, ich fahre den Zug nicht«? Sicherlich nicht.)
Eine weitere Möglichkeit wäre das Angebot, im Austausch gegen ein gültiges Ticket - wir hatten welche - einen Gutschein zu erhalten. Entweder für ein nachfolgendes Messeangebot, einen Kaffeegutschein in der Innenstadt von Hannover oder irgendeinen anderen Gegenwert, damit die Anreise nicht völlig vergebens war.
Es wäre so ziemlich jede Reaktion besser gewesen, als stur die Einhaltung der Regeln einzufordern und sich ansonsten nicht im Geringsten um eine Deeskalation der Situation zu bemühen. Ich bitte daher um Verständnis, dass ich Ihre Kollegin, die sich bis dahin alles andere als kooperativ gezeigt hat, nicht mit der Unterbringung meiner 10 Monate alten Tochter beauftrage.
Eine telefonische Auskunft hätte sicherlich manchen Ärger vermeiden können, allerdings gab es dafür aus meiner Sicht keinen Anlass. Eine Regelung, die den Einlass von Kindern unter acht Jahren verbietet, mag zwar auf der Ticketrückseite vermerkt sein, ich hielt diese allerdings für eine Vorsichtsmaßnahme, damit nicht Vorschüler unbeaufsichtigt über Messestände rennen. Dass davon auch Säuglinge betroffen sind, die aus meiner Sicht zumindest im ersten Lebensjahr untrennbar mit den Eltern verbunden sind, damit rechne ich ehrlich gesagt nicht, genausowenig, wie ich zögern würde, mit einem Baby eine Videothek zu betreten, um eine DVD auszuleihen, obwohl der Einlass dort ab 16 oder 18 ist.
Ich muss Ihnen abschließend jedoch mitteilen, dass ich Ihre Erläuterungen nicht für glaubwürdig halte, sofern sie die Sicherheit von Kindern betreffen. Sie schreiben, dass Sie diese nicht garantieren können.
Interessanterweise ist jedoch der Eintritt auf der »infa«, einer Verbraucherausstellung, die ebenfalls von Ihrer Unternehmensgruppe auf demselben Gelände ausgerichtet wird, für Kinder bis 6 Jahre vollkommen frei. Das schließt offenbar Säuglinge und Kleinkinder mit ein.
Zwar dauert die infa 4 Tage länger als die CeBIT, dafür verteilt sich die CeBIT aber auch auf eine Zahl von 17 Hallen, im Gegensatz zur infa, die in nur 8 Hallen ausgerichtet wird. Zumindest an den Wochenenden dürften die Tagesbesucherzahlen vergleichbar sein, auf der letzten infa kamen allein am ersten Wochenende 65.500 Besucher auf die Messe. (Es traten im Verlauf der Messe unter anderem Guildo Horn und Roberto Blanco auf, der Lärmpegel muss vor allem für Kinderohren beträchtlich gewesen sein.) Sie werden die Zahlen sicher kennen, ich habe sie von Ihrer Webseite www.meine-infa.de.
Dennoch sind Kinder auf der doppelt so weitläufigen CeBIT nicht zugelassen, auf der infa wirbt man geradezu um sie. Wie ist das mit Ihren Ausführungen zur Sicherheit vereinbar?
Ist es nicht vielmehr so, dass auf der CeBIT Eltern mit ihren Kindern eben nicht die gern gesehenen Kunden sind, im Gegensatz zu einer Verkaufs- und Verbraucherausstellung, auf der man die Besucher gerne mal zu einem Spontankauf animieren möchte?
Ist es in der Schlussfolgerung nicht so, dass man offenbar Kinder erst dann auf einer Messe einlässt, wenn man sie als Verkaufszielgruppe betrachten und somit ökonomisch verwerten kann?
Und ist das dann nicht kinderfeindlich?
Ich bin mir bewusst, dass die CeBIT und somit die Deutsche Messe AG in dieser Auseinandersetzung nur Projektionsfläche für ein tiefer liegendes gesellschaftliches Problem sind, das in einer für viele Eltern unverständlichen Regelung seinen Ausdruck gefunden hat.
Umso mehr danke ich Ihnen für die freundliche Mail und Ihre offene Kommunikation.
Mit freundlichen Grüßen
Lars Reineke
Mail von der Deutschen Messe AG
von Lars Reineke am 11. März 2012 | Lesedauer: 3 Minuten
Folgende Mail erreicht mich gerade von Hartwig von Saß, dem Leiter Kommunikation der Deutschen Messe AG, für die ich mich herzlich bedanke, und die ich hier gerne veröffentliche. Ein paar Fragen habe ich tatsächlich, aber dazu später ich habe sie hier gestellt.
Sehr geehrter Herr Reineke,
Ich habe heute morgen Ihren Blog-Beitrag1 gelesen und wollte darauf direkt auf Ihrer Seite reagieren. Nach der ja teils kontroversen Diskussion haben Sie die Kommentar-Funktion abgeschaltet. Deshalb lassen Sie mich auf diesem Wege zu Ihrem Erlebnis Stellung nehmen. Zunächst einmal bedauere ich Ihr Erlebnis am Samstag und kann die Aufregung von Ihnen und Ihrer Frau verstehen.
Es handelt sich bei der Altersbeschränkung für den Eintritt der CeBIT aber keinesfalls um einen Akt der Willkür oder gar um einen Ausdruck von Kinderfeindlichkeit des Veranstalters.
Die Altersbeschränkung hat mehrere Gründe. Als Veranstalter tragen wir die Verantwortung für die Sicherheit auf dem Gelände. Das gilt für alle Menschen, die sich auf dem Gelände befinden, unabhängig von deren Alter. Die Gänge sind sehr voll an den Veranstaltungstagen, so dass wir die Sicherheit von Kindern unter 8 Jahren nicht garantieren können. Ältere Kinder gelangen nur in Begleitung Erwachsener auf das Gelände. Und gerade Kinderwagen sind in dem Gedränge einer sehr vollen Messehalle einer zusätzlichen Gefahr ausgesetzt. Hinzu kommt das Jugendschutzgesetz, deren Einhaltung wir auf dem Gelände als Veranstalter ebenfalls Rechnung tragen müssen.
Diese Altersbeschränkung gilt seit vielen Jahren. Auf den Tickets ist es auf der Rückseite deutlich vermerkt. Im Netz und auch in allen weiteren Kommunikationsmitteln weisen wir ausdrücklich darauf hin. Zudem haben wir meines Wissens von Seiten der Veranstalter den Samstag nicht ausdrücklich als »Familientag« ausgewiesen. Ich räume ein, dass durch die Berichterstattung der Medien möglicherweise ein anderer Eindruck entstanden sein kann.
Das Angebot meiner Kollegin am Eingang war im Übrigen sehr ernst gemeint. Wir haben in unserer unternehmenseigenen Kindertagesstätte während unserer Veranstaltung die Möglichkeit, in begrenztem Umfang Kinder von Besuchern aufzunehmen und von qualifiziertem Fachpersonal betreuen zu lassen. Dieses Angebot wird auch immer wieder angenommen. Dabei stellen die Fachkräfte sicher, dass sie ständig in Kontakt mit den Eltern treten können, die sich dann ja auf dem Messegelände befinden und innerhalb weniger Minuten in der Kita sein können. Während des Streiks am Donnerstag, bei dem ja auch die Kitas betroffen waren, haben wir beispielsweise Kinder von Besuchern dort aufgenommen. Meine Kollegin am Counter hätte sich sicher gern für Sie erkundigt, ob es am Samstag noch Möglichkeiten der Betreuung auch Ihrer Tochter gegeben hätte.
Noch einfacher wäre eine kooperative Lösung gewesen, wenn Sie sich vorher telefonisch bei uns erkundigt hätten. Dann hätten wir Sie auf diese Option hinweisen können, oder aber Sie hätten entscheiden können, ob Sie die Reise zum Messegelände auf sich nehmen wollen.
Ich möchte noch einmal unterstreichen, dass ich Ihre Aufregung verstehen kann. Ich möchte aber gleichzeitig auch für Verständnis werben, dass wir als Veranstalter die Verantwortung für die Sicherheit auf dem Gelände haben und dabei alles daran setzen, Unfälle und damit Schäden für Leib und Leben zu vermeiden.
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich bei mir telefonisch melden würden, sofern Sie noch Fragen haben.
Wenn Sie möchten, können Sie meine Mail auch gern als Kommentar auf Ihrem Blog veröffentlichen.
Mit freundlichen Grüßen
Hartwig von Saß
Leiter Kommunikation / Head of CommunicationsDeutsche Messe AG
- Es geht um diesen Artikel [←]
Kommentare erstmal (für die meisten: dauerhaft) abgeschaltet
von Lars Reineke am 11. März 2012 | Lesedauer: 2 Minuten
Wenn es noch einer Bestätigung bedurfte, um die Kommentarfunktion in diesem Blog abzuschalten, dann habe ich sie in den letzten 18 Stunden bekommen.
Nur mal ein Auszug:
- »Ihrem Text nach zu urteilen, kann ich nur an Ihrem Verstand zweifeln.«
- »Fällt dir kein besseres Argument ein!?«
- »Du machst es einem echt leicht, sich über dich zu amüsieren.«
- »an deiner selbstverliebeten [sic!] Selbstherrlichkeit«
- »Du bist ein Blödmann.«
Das ist mein Blog, und da lasse ich mir von euch nicht reinpissen.
Mache ich in einem Posting die Kommentare dicht, weil ich an einem Sonntag in Ruhe mit meiner Familie und Freunden frühstücken will, kommt ihr her und lasst euren bereits tausendmal gehörten Senf unter dem nächsten Posting ab und erzählt mir, dass die Messe AG für Eltern am besten weiß, was für das Kind gut ist und was nicht. Und dass man ja auch mal Ruhe vor Kindern haben will. Und dass ich das ja hätte vorher wissen müssen. Und dass Nazivergleiche ja ohnehin nicht gehen. Und was ich für ein arrogantes Arschloch sei, weil ich tausendmal Gesagtes nicht zum tausendundersten Mal freischalte.
Dabei habe ich euch gerade erklärt, dass ich diese Argumente jetzt bereits zur Genüge gehört habe und nicht mehr freischalten werde.
Schon kommt der nächste und labert mich auf Twitter voll, dass ich damit ja genauso handeln würde wie die Messe AG, einfach eigene Regeln aufzustellen, an die sich die Leute halten müssten. Ok, kein Problem, könnt ihr haben. Dann nehme ich hier halt zukünftig 39,- Euro Eintritt, und dann dürft ihr darin auch wieder kommentieren. Allerdings nur einen Tag lang, dann wird ein neues Ticket fällig.
Es reicht jetzt.
Wer sich nicht benehmen kann, fliegt raus. Und das trifft im Moment leider erstmal alle, weil ich auf die Schnelle keine andere technische Möglichkeit habe.
Es wird in Kürze wieder eine Kommentierfunktion geben, aber nur noch für Leute, die an einem Dialog interessiert sind. Dafür wird mindestens eine Bestätigung der EMail-Adresse erforderlich sein.
Aber ich lasse mir von ein paar Schwachköpfen, die glauben, sie hätten auch nur den geringsten Anspruch darauf, mir meine Kommentarspalte vollzukotzen, nicht den Sonntag versauen.
Schreibtischtäter
von Lars Reineke am 11. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Ich muss da noch was loswerden, ich bin noch nicht fertig.
Es geht an die Geistesgrößen, die meinen Artikel von gestern mit Bemerkungen wie »Selbst schuld, steht doch da, dass man keine Kinder mitnehmen darf, hätte man doch nur lesen müssen« kommentiert haben, hier und anderswo.
Eure Einstellung ist exakt der Grund, warum ich mich gestern so aufgeregt habe.
Es ist die Einstellung obrigkeitshöriger Opportunisten, die jeden Tag in diesem Land vollkommen teilnahmslos demonstrieren, zu was der Unmensch so alles fähig ist, wenn man ihm nur entsprechende Vorschriften macht. Mit Wasserwerfern auf protestierende Renter zielen lassen, Asylanten in Folterstaaten abschieben, Hartz-IV-Empfänger und verzweifelte Alleinerziehende ihrem Schicksal überlassen und das alles völlig ungerührt vor sich rechtfertigen mit den Worten:
»Ich bin nicht verantwortlich, ich befolge nur meine Anweisungen.«
Es sind miese, kleine Schreibtischtäter, die an nichts weiter denken, als daran, ihr kleines Mitläufergewissen einigermaßen bei Laune zu halten.
Steht doch da. Vorschrift ist Vorschrift, wo kämen wir denn da hin, wenn da jeder. Das entscheiden andere.
Sie sind Gift für jede Gesellschaft, die auf Menschlichkeit und Solidarität aufgebaut ist. Und die echauffieren sich über Nazivergleiche?
Ohne Duckmäuser wie sie hätte es erst gar keine Nazis gegeben, mit denen man sie vergleichen müsste.
Nie wieder CeBIT
von Lars Reineke am 10. März 2012 | Lesedauer: 4 Minuten
Ich bin Systemadministrator, hauptberuflich. Seit nun fast 20 Jahren. Auf der CeBIT war ich zum ersten Mal vor einem Vierteljahrhundert. Ich war sicher schon mehr als ein Dutzend mal dort, davon bis auf eine Ausnahme jedesmal sogar ganz offiziell und dienstlich, mit Terminen, Visitenkarten und Reisekostenabrechnung. Man kann daher durchaus sagen, dass ich ein Fachbesucher bin. Oder besser: »war«. Denn ich werde diese Messe nicht mehr besuchen.
Wir waren heute etwa eine Stunde mit PKW und Bahn unterwegs, bis wir schließlich am Messeeingang ankamen. Wir, das sind meine Frau, meine 10 Monate alte Tochter in ihrem Kinderwagen und ich. Die Tickets hatten wir bereits von Geschäftspartnern erhalten.
Wir haben extra den Samstag gewählt, Familientag, da sind es die Aussteller gewohnt, dass viele Privatleute kommen und sich vor allem buntes Technikspielzeug anschauen wollen. Ich hatte keinen besonderen Plan, hatte mir nur kurz vorher ein paar interessante Stände herausgesucht, die ich mir vielleicht kurz angeschaut hätte, und dann wäre der Rest des Tages eher ein Familienausflug gewesen, vielleicht hätte die Kleine noch einen Luftballon bekommen, wir hätten noch einen Kaffee getrunken und uns wieder auf den Heimweg gemacht.
Doch dazu kam es nicht.
Am Eingang wurden wir von einem ungepflegten jungen Mann in einem schlecht sitzenden Anzug mit den Worten empfangen: »Tut mir leid, aber mit Kind können Sie nicht hinein.«
»Wieso?«
»Keine Kinder unter acht Jahren.«
»Die Kleine ist 10 Monate alt. Die kann nicht mal sitzen, geschweige denn, den Kinderwagen verlassen und über einen Stand rennen.«
»Ich habe die Regeln nicht gemacht.«
»Wo kann ich mich beschweren?«
Der Anzug zeigte auf einen Infostand mit der Aufschrift »Supervisor«.
Dort saß eine blonde, vielleicht 24 Jahre alte Mitarbeiterin, die auf meine Frage, warum meine Tochter nicht hineindürfe, antwortete: »Das steht so in den Regeln, keine Kinder unter acht.«
»Das ist keine Begründung.«
»Ich habe die Regeln schließlich nicht gemacht.«
»Und was sollen wir jetzt Ihrer Meinung nach machen?«
»Wir haben auch nebenan einen Kindergarten.«
»Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich meine nicht mal ein Jahr alte Tochter bei irgendwelchen fremden Messeangestellten lasse, oder?«
»Ich kann da auch nichts machen, ich habe die Regeln ja nicht gemacht.«
»Wir sind extra eine Stunde angereist, und jetzt dürfen wir nicht hinein, ja?«
Während mir bis hierhin noch nicht der Kragen platzte, tat er das allerdings, nachdem sie mir daraufhin nicht ohne Stolz antwortete: »Wir haben sogar schon Leute aus Pakistan und Indien zurückgeschickt, da wäre es doch ungerecht, wenn wir Sie jetzt reinlassen würden.«
»Wie bitte?«
»Außerdem ist das eine Fachmesse.«
»Ich bin Fachbesucher. Systemadministrator, genauer gesagt.«
»Aber Ihre Tochter nicht.«
»Wissen Sie eigentlich, dass Sie mit dieser Einstellung in Nazideutschland ganz prima Karriere gemacht hätten? Da hat auch nie einer die Regeln gemacht.«
Ich musste erstmal raus, sonst hätte ich diese debil grinsende Blondinenfresse auf links gezogen.
Danach gingen wir wieder in die Eingangshalle, um unsere Tochter erstmal zu füttern. In einer Sitzgruppe saßen bereits einige Leute.
Es stellte sich heraus, dass wir erwartungsgemäß nicht die einzigen waren, die abgewiesen wurden. Ein Bundeswehrsoldat durfte mit seiner Familie ebenfalls nicht hinein, und ich konnte mir gerade noch verkneifen, ihn zu fragen, ob er es nicht manchmal bereut, so ein Land auch noch verteidigen zu müssen.
Neben uns, auf der anderen Seite, saß vollkommen allein ein 14jähriger Junge aus Bremen, der leider im Gegensatz zu seinen Freunden ehrlich war und sein wahres Alter angegeben hatte. Er durfte nicht hinein. »Keine Jugendlichen unter 16 ohne Begleitung.« Wieder eine Regel, die niemand gemacht hatte.
Der saß nun also ganz alleine in der Halle und wartete darauf, dass sein Vater ihn abholte. Aus Bremen.
So passte dann auch perfekt in dieses Gesamtkunstwerk deutscher Teilnahmslosigkeit, dass die Pickelgesichter, die auf dem Rückweg am Bahnhof Laatzen in ihren Bahnuniformen herumstanden, zum defekten Aufzug nur achselzuckend zu sagen hatten, dass wir mit unserem Kinderwagen doch außenrum gehen könnten, anstatt uns einfach mal mit dem Wagen die Treppe hinaufzuhelfen.
Dieselbe Sorte, die nachts Kinder aus dem Zug wirft, weil sie kein Ticket haben. Alles streng nach Vorschrift.
Demografischer Wandel? Jaja, dei Mudder.
Die Frau hat offenbar zu Hause auf das Kind aufzupassen, während der Mann mit all den anderen Businesskaspern auf die Messe gehen kann, um den gerade mal volljährig gewordenen Hostessen auf die Titten zu starren.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Am Arsch.
»Ja, in Dänemark und Schweden, da sind die Verhältnisse ja auch ganz anders, da sind die Leute ja auch viel kinderfreundlicher, so allgemein.«
Ja, verdammt, dann seid es hier doch einfach auch, ihr Arschlöcher! Vielleicht ändern sich dann hier auch die Verhältnisse.
Wir haben keinen demografischen Wandel, wir scheißen auf Familien mit Kindern und beklagen uns noch, dass es so wenige davon gibt. Wir leben in einem beschissenen, kinderfeindlichen Land, in dem alle Welt lautstark lamentiert, dass wir immer mehr alte Leute zu alimentieren hätten und wir Deutschen ja bald aussterben werden.
Hoffentlich kommt es so. Wir haben es nicht besser verdient.
Ich hoffe nur, dass ich noch miterlebe, wie vorher diese elende CeBIT den Bach runtergeht, damit ich nie wieder hören muss, wie unsere Kanzlerin diese Heuchlerveranstaltung auch noch mit blumigen Worten eröffnet. Scheiß auf die Rolle Deutschlands in Europa, lasst mal die Holländer ran, wird eh Zeit.
Update, 11.03.2012, 18:33
Ich habe gerade eine freundliche Mail von Herrn Hartwig von Saß, dem Leiter Kommunikation der Deutschen Messe AG erhalten.
LiquidFeedback-Vortrag
von Lars Reineke am 6. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Diesen etwas längeren Vortrag habe ich (so ähnlich) am 03.03. in der niedersächsischen Landesgeschäftsstelle der Piraten in Hildesheim gehalten.
Hier die Folien dazu: LiquidFeedback-Vortrag (PDF)
Der im Video erwähnte Vortrag auf der Marina Kassel 2010 ist übrigens hier zu finden:
Liquid Feedback (Marina Kassel 2010)
