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Vom Versuch, den Einzelhandel nicht sterben zu lassen

Vergangene Woche wollte ich einen neuen Elektrorasierer kaufen. Das Rundum-Sorglos-Rechts-Unten-Gerät sollte es sein, also entschied ich mich, u.a. nach der Lektüre eines aktuellen Tests, für einen Braun Series 7 mit Reinigungsstation.

Das entsprechende auf Elektrorasierer spezialisierte Fachgeschäft hier in der Stadt gibt es leider nicht mehr, allerdings wohl weniger aus ökonomischen, denn aus biologischen Gründen: Der Besitzer dürfte das Rentenalter erreicht haben. Wie wir aber alle wissen, ist Amazon mindestens so böse wie Nordkorea und Neuschwabenland zusammen, also schaute ich auf der Webseite von Braun nach Händlern in der Nähe, wurde fündig und habe mich auf den Weg dorthin begeben.

1. Versuch: Elektrogeschäft

Hinterm Tresen standen 3 Modelle von Braun, darunter auch das von mir gewünschte Gerät. Die Verkäuferin holte das Vorführmodell hervor und wollte mir ein wenig dessen Funktionen erläutern, war damit aber sichtlich überfordert.

Den Langhaartrimmer hat sie noch hervorgeklappt bekommen, beim Arretieren des Scherkopfes musste ich ihr zeigen, wie das geht, obwohl ich dieses Gerät noch nie in der Hand hatte.

Auf weitere Fragen dazu habe ich verzichtet, nur den Preis hätte ich gerne noch gewusst. Antwort: 399,- €.

Das entspricht exakt der unverbindlichen Preisempfehlung und ist nahezu das Doppelte vom Betrag, den Amazon dafür haben will.

Einzelhandel, gut und schön, ein besseres Gewissen lasse ich mir meinetwegen auch 20-30 Euro mehr kosten, aber ich zahle nicht 180 € nur dafür, dass eine offensichtlich schlecht informierte Angestellte irgendwo herumsteht und nichts beitragen kann.

2. Versuch: Noch ein Elektrogeschäft

Im Regal stand genau ein Karton mit einem Braun-Elektrorasierer, der war erheblich angestaubt, außerdem nur das Series-5-Modell.

Eine Frage beim Verkäufer ergab auch nur: „Öh, was haben wir denn im Regal, nee, nur den Fünfer.“

Kein Angebot, das Gerät zu bestellen oder ähnliches. Na, dann nicht.

3. Versuch: Media Markt

Nach einem Einkauf beim Media Markt fühlt man sich zwar auch immer irgendwie schmutzig, aber immerhin arbeiten dort wenigstens Angestellte aus der Region.

Das Angebot war jedoch auch wieder ernüchternd: Viele verschiedene Geräte, aber kein Series 7 mit Reinigungsstation, nur einen ohne, und der sollte 299,- € kosten, also auch wieder weit über dem Preis von Amazon, trotz schlechterer Ausstattung.

Ergebnis

Zu Hause angekommen, bei Amazon geguckt, nach zwei, drei Klicks war das Gerät im Warenkorb, am nächsten Tag angeschlossen und betriebsbereit. Bezahlt habe ich 222,90 €, dank Amazon-Prime ohne zusätzliche Versandkosten.

Ich bekomme also beim Handel vor Ort so gut wie keinen zusätzlichen Service, keine erwähnenswerte Beratung, nicht das gewünschte Gerät, und wenn, dann nur zu einem Preis, der vollkommen indiskutabel ist.

Warum sollte ich doch gleich im Handel vor Ort einkaufen?

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Kommentar

  1. Sicher – so oder so ähnlich haben wir einen Einkauf alle schon erlebt.
    Es gibt zu Amazon sicher Alternativen. Es gibt nicht nur Stationär und Amazon. Vielleicht kommen wir dahin. Aber z.Z. gibt in vielen Bereichen Online Händler, die sich auf einen bestimmten Bereich spezialisiert haben. Dort kannst Du Dich informieren und günstig kaufen.
    Du kannst Dir z.B. meinen Online Shop http://www.tischtennis.biz anschauen. Wir bieten neben dem Shop zusätzlich ein Portal (www.tischtennis-pur.de) und einen Blog.

    Und das tollste ist, daß Du außerdem zu ganz normalen Öffnungszeiten bei uns im Laden vorbei schauen kannst.

    Diesen Weg Online und Store zu verbinden gehen inzwischen viele Geschäfte.

    Rasierer haben wir natürlich nicht, aber Du hast ja schon einen.

    Grüße
    Markus

  2. Ich versuche gerade, eine neue Spülmaschine zu kaufen. Ist ähnlich schwierig, und die Beratungsunlust des regionalen Handels ist schon beeindruckend. Wenn ich das jemals erfolgreich abschließe, werde ich darüber bloggen …

  3. Ich habe gerade exakt dasselbe mit AV Recievern hinter mir. Im Einzelhandel nirgendwo das richtige Modell, keine ernsthafte Beratung.

    Und wenn das richtige Modell dann nur wesentlich teurer. Dazu sollte gesagt werden, dass ich nicht in Kleinbitterfeld war, sondern bei Saturn und MediaMarkt am Alexanderplatz in Berlin Mitte.

    Von den Beratungsgesprächen die ich nebenbei mitbekommen habe scheint die Hauptaufgabe darin zu bestehen ahnungslose Einkäufer zu Kram zu bequatschen den sie nicht brauchen oder verstehen.

  4. Über amazon habe ich neulich gelesen, dass sie praktisch keine Gewinnspanne haben(0,x%?) Daher rechne ich für den Einzelhandel vor Ort immer damit, dass sie wegen schlechteren Einkaufskonditionen für ihren _Einkauf_ schon mehr bezahlen als amazon.
    Und dann die Gewinnspanne noch drauf, von der so ein Laden, von dem ich möchte dass er bleibt, auch leben kann.
    Für den Einzelhandel spricht neben einer (zugegeben nicht immer guten) Beratung noch das Anfassen- und Anschauen-Können der Ware. Für vieles reicht mir ein Bild einfach nicht.

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