Links! (27.01.2015)

Linktipps vom 22.01.2015 bis 27.01.2015:

Kulanz

Ich habe das neulich schon im Podcast mit Chrissie erzählt:

Mein Motorrad, das ich mir im vergangenen Jahr gebraucht bei einem Hildesheimer Händler gekauft habe, machte nach wenigen Wochen seltsame Zicken, die auf ein Elektronikproblem hindeuteten. Zum Glück hatte ich ja noch Gewährleistung darauf, also habe ich den Händler angerufen.

Der wiederum ist ein ziemlich entspannter Typ und meinte: “Fahr mal zu deiner Werkstatt, ich kenne die, die sollen sich das mal angucken, und dann rufste nochmal an.”

Gesagt, getan. Der Chef beschrieb mir den Fehler: Ein Batteriepol sei nicht richtig angeschlossen gewesen, so dass die Batterie über einen unbestimmten Zeitraum nicht mehr korrekt ge- bzw. entladen wurde. Er empfahl, die Batterie zu wechseln, weil nicht auszuschließen sei, dass sie dadurch Schaden genommen hat, und im schlimmsten Fall würde ich irgendwo liegenbleiben. Die Batterie sollte ca. 80 Euro kosten, und weil das ein wesentlich geringerer Schaden war, als ich befürchtet hatte (Kabelbaum! Elektronik!), beauftragte ich direkt die Werkstatt mit dem Austausch.

Der Händler war nicht ganz so begeistert: “Naja, ‘ne neue Batterie hätte ich jetzt auch noch da gehabt,” meinte er, was ich jedoch mit “Nützt mir nur im Zweifel nichts, wenn ich dann auf halbem Weg zu dir irgendwo stehe und die Karre nicht mehr ankriege” beantwortete.

Ich schlug ihm dann vor, dass er mir einfach die Hälfte dazugeben solle, und dann wär’s für mich auch ok. Darauf einigten wir uns.

Die Rechnung war dann allerdings etwas höher, nämlich mit Arbeitsaufwand und allem drum und dran 117 Euro. Also machte ich folgendes Experiment: Ich scannte die Rechnung ein und schickte sie ihm mit dem Kommentar, er solle mir einfach soviel überweisen, wie er für angemessen hält. Für mich wären auch 40 Euro in Ordnung gewesen, aber ich wollte einfach mal gucken, was passiert, wenn ich den Betrag offen lasse.

Siehe da: Nach kurzer Zeit bekam ich eine Mail mit einem Screenshot, auf dem eine Überweisung von 60 Euro zu sehen war – mit dem Hinweis “Schöne Grüße aus Hildesheim”.

Egal wie man es nennt – “Kulanz”, “Gnade vor Recht”, “Kundenservice” oder wie auch immer, solche Erlebnisse sorgen bei mir dafür, dass ich letzten Endes doch immer an das Gute im Menschen glaube.

Ich schreibe das deshalb nochmal auf, weil mir sowas ähnliches jetzt schon wieder passiert ist:

Ich habe mir vor kurzem für knapp 10 Euro ein digitales Probeabo der Wochenzeitung “Der Freitag” zugelegt, das man nach 4 Ausgaben kündigen musste, wenn man es nicht für ein halbes Jahr beziehen wollte.

Ich habe – in erster Linie aus Zeitgründen – die Ausgaben nicht komplett gelesen und wollte daher kein dauerhaftes Abo abschließen, aber wie das immer so ist: Ich habe natürlich den Kündigungstermin verpeilt. Gemerkt habe ich das erst, als sie mir rund 65 Euro abgebucht hatten. Mist.

Um zumindest den nächsten Termin nicht zu verpassen, habe ich umgehend das Abo gekündigt. Nach kurzer Zeit bekam ich eine Mail, in der sie meine Kündigung bedauerten und mir mitteilten, dass ich die nächste Ausgabe noch lesen könne, den restlichen Betrag würden sie mir zurückerstatten. Heute waren die 62 Euro nochwas auf meinem Konto.

An dieser Stelle muss ich mich nochmal herzlich beim “Freitag” bedanken. Sie hätten auch einfach die Kohle behalten und mich auf die AGB verweisen können.

Haben sie aber nicht. Und wenn jemand ein so kulantes Geschäftsverhalten an den Tag legt, muss man das auch mal erwähnen, finde ich.

 

Links! (20.01.2015)

Linktipps vom 14.01.2015 bis 20.01.2015:

Mommet

vaddern_und_mommetDer erste Türke, den ich in meinem Leben kennengelernt habe, war “Mommet”. Er war Matrose auf dem Schiff, auf dem mein Vater als Steuermann zur See fuhr. Eigentlich hieß er “Mahmut”, wie ich irgendwann mal auf einem Lottoschein gesehen habe, den ich für ihn abgeben sollte, als wir in Bremen, Hamburg, Kiel oder sonstwo im Hafen lagen.

Aber auf See ist es oft windig und laut, und wenn man dem Matrosen, der gerade am anderen Ende des Schiffes irgendwelche Arbeiten verrichtete, etwas zurufen wollte, musste man sich erstmal bemerkbar machen, damit er einen hörte, und darum nannten ihn alle an Bord immer nur “Mommet!”, das ließ sich besser brüllen.

Apropos brüllen: Wenn er mit an Land kam, rief er immer aus der Telefonzelle bei seiner Familie an und bölkte dabei so laut in den Telefonhörer, dass die Leute, die daran vorbeigingen, sich jedes Mal umdrehten und manchmal Bemerkungen machten, warum er überhaupt ein Telefon benutzen würde, mit dem Gebrülle müsste man ihn auch so in der Türkei hören können. Währenddessen steckte er fortwährend ein 5-Mark-Stück nach dem anderen in den Münzapparat.

Meistens blieb er aber an Bord, weil dort beim Laden oder Löschen angepackt werden musste, und weil ich in meinen Ferien war und somit im Grunde tun und lassen konnte, was ich wollte, zog es mich, meistens zu Fuß, manchmal auch auf meinem mitgebrachten Fahrrad, in die Innenstadt. Die Mannschaft gab mir in der Regel etwas Geld mit, von dem ich ein paar Besorgungen machen sollte. Für meinen Vater eine BILD, manchmal Zigaretten und für Mahmut eine Hürriyet.

Das Wechselgeld durfte ich dann immer “behalten, behalten!” Mahmut sprach ziemlich schlecht deutsch, und zur Sicherheit hat er einfach immer alles zweimal gesagt, falls man ihn beim ersten Mal nicht verstanden hatte.

Das Wort “Moslem” hat damals praktisch niemand benutzt. Mahmut war Türke und damit hatte es sich auch schon. Warum er kein Schweinefleisch isst, hat nie jemand hinterfragt, das war eben so, dafür hatte er seine eigene Wurst dabei, die aber immer in einer separaten Plastiktüte im Kühlschrank aufbewahrt wurde, damit nicht alles andere darin nach Knoblauch roch.

Das Schiff war ein Küstenmotorschiff, und wir fuhren meistens zwischen England, Skandinavien und Deutschland hin und her,  so dass wir uns manchmal mitten auf der Nord- oder Ostsee befanden und bis zum Horizont nur Wasser zu sehen war. Dann kam Mahmut manchmal hoch auf die Brücke, fragte, wo gerade Osten sei, und ging wieder hinunter in seine Kammer.

“Damit er weiß, in welche Richtung er beten muss,” erklärte mir mein Vater, als sei es das Normalste auf der Welt.

Was es aus unserer Sicht irgendwie auch war. Schließlich wurde in unserer Familie ohnehin nie gebetet, weder nach Osten noch sonstwohin. Was sollte es da für eine Rolle spielen, in welche Himmelsrichtung das jemand machte.