Los Wochos in der Empöreria

Dass Helene Fischer mal die treffendste Textzeile des Tages liefern würde, hätte sie wahrscheinlich nicht mal selber vorausgeahnt. “Atemlos durch die Nacht,” sang sie, umringt von sichtlich angetrunkenen Profifußballern und brachte mit dem nächsten Vers, den sie extra zur WM-Feier umgedichtet hatte, alles auf den Punkt: “Seht, was Fußball mit uns macht.”

Wer da gestern den Gaucho-Tanz aufführte, war nicht der reflexhaft beschworene “hässliche Deutsche”. Dazu hätten Lied und Tanz erstmal besonders deutsch sein müssen, was sie nicht sind. Solche Lieder werden weltweit in allen Fußballstadien gesungen, und schön sind sie dort auch nicht. Folklore eben.

Was man dort gesehen und vor allem gehört hatte, waren Anklänge einer anderen Spezies: Der des hässlichen Fußballfans, der dem jeweiligen Rivalen auch gerne mal “Tod und Hass” entgegenbrüllt und in besonders ekligen Fällen das U-Bahn-Lied anstimmt.

Davon ist die Mannschaft, die am Sonntag verdient den Weltmeistertitel errungen und ihn völlig zu Recht zwei Tage lang gefeiert hat, zwar weit entfernt, aber sicher nicht ganz unbeeinflusst. Wer seit seiner Kindheit jedes Wochenende im Stadion verbracht hat, für den gehören Schmähgesänge vermutlich zur Sozialisation dazu, und die legt er auch nicht ab, weil irgendjemand auf die Idee kam, dass er jetzt gefälligst das Bildungsbürgertum zu vertreten habe, genauso wie den Landwirt aus dem Heimatdorf und den Kohlekumpel vonne Ecke.

Den eigentlichen Fehler haben all diejenigen gemacht, die auf die Fußballer rund um Jogi Löw ein Idealbild projiziert haben, das unmöglich erfüllt werden konnte. Kämpferisch sollten sie für die einen sein, ausdauernd und hart, zu sich und dem Gegner. Die nächsten wiederum verlangten erfahrene Techniker und Ballartisten. So weit, so gut, vielleicht kann man das wirklich von jedem Profifußballer einigermaßen erwarten. Will man erfolgreiche Mannschaften, braucht man zusätzlich auch noch Spieler, die ein taktisches Verständnis haben und Spielzüge aufbauen können. Allein daran scheitern schon etliche.

Aber dann sollten sie für das Feuilleton und die Twitteria auch noch witzig sein, intelligente Interviews geben, etwas singen und tanzen können, vielleicht ein bisschen nerdig und verträumt sein, aber sich sicher und fair auf dem Gebiet der Weltpolitik bewegen können.

Ich frage mich, was diejenigen, die sich jetzt darüber empören, dass betrunkene Fußballer nunmal sind, wie sie sind, von ihnen gestern erwartet haben. Sollten sie auf der Bühne am Brandenburger Tor ein Sonett aufsagen? Ein Streichkonzert aufführen?

Wer jemals einen herkömmlichen Betriebsausflug mitgemacht hat, der weiß, dass man abends froh sein kann, wenn man noch vor lauter Alkohol weiß, wie der eigene Name lautet, und dass man am Montag schwer darüber zu grübeln hat, ob man jetzt mit der Chefin per Du ist oder ob man sich für irgendwelche Anzüglichkeiten entschuldigen müsste.

Die deutsche Mannschaft hat gestern gezeigt, dass sie auch nur aus den ganz normalen Allerweltstypen besteht, die eben hin und wieder auch einfach mal peinliche, unüberlegte Dinge machen. Davon mag man sich abwenden, wie viele sich auch sonst von lauten, grölenden und aggressiven Fußballfans fernhalten, aber das gehört nun mal dazu. Man muss das nicht mögen, ich tu’s auch nicht, aber man muss es in Kauf nehmen oder sich friedlicheren Sportarten, wie zum Beispiel Tennis oder Volleyball zuwenden.

Aber zur Versöhnung nun echte Gauchos:

Nichts gegen Kopftücher, aber…

…wenn du danach gegoogelt hast und hier gelandet bist, in der Hoffnung, irgendeinen fremdenfeindlichen Kack zu lesen:

Fuck off

Für alle anderen:

Ich wurde jetzt schon zum dritten Mal im Supermarkt versehentlich angerempelt, weil mich die jeweilige Kopftuchträgerin nicht gesehen hat, obwohl ich direkt neben ihr stand.

Also, nichts gegen Kopftücher, aber wenn die so gebunden werden, dass sie wie Scheuklappen wirken, und das ist jetzt mal nicht metaphorisch, sondern wörtlich gemeint, dann ist das echt mal ein unpraktisches Outfit.

Obwohl, naja, das sind Emofrisuren auch.