Dann eben nicht

Ok, dann eben keine Schawarma mehr. Ich war jetzt zwei Tage hintereinander in der Mittagspause beim einzigen (mir bekannten) Imbiss, der die vor Ort verkauft. Zumindest behauptet er, welche zu verkaufen, tatsächlich bin ich zweimal mit leeren Händen wieder rausgegangen.

Früher hieß der Laden noch anders, keine Ahnung, ob da der Besitzer gewechselt hat, ist mir aber mittlerweile auch egal.

Gestern zeigte der Betreiber nur peinlich berührt auf den Fleischspieß und sagte: “Tut mir leid, dauert 20 Minuten, das ist erst so spät geliefert worden.” Was ich schon merkwürdig fand, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass die sich Spieße liefern lassen, die schon zur Hälfte heruntergeschnitten sind. Und dieser war schon zur Hälfte heruntergeschnitten.

Heute, gleiche Uhrzeit. Eine Uhrzeit, in der praktisch alle Mittagspause haben. Das gleiche Spiel: Ich sehe den fast rohen Spieß, gucke komisch, da kommt mir der Mann hinterm Tresen schon zuvor: “Heute auch nicht. Ist noch nicht fertig.”

“Na, dann gehe ich eben woanders hin.”

“Morgen bekommst du gratis!” rief er mir noch hinterher.

Orrr.

Ja, super. Morgen ist Samstag, da habe ich keine Mittagspause. Kann ja keiner mit rechnen, dass ausgerechnet mittags die Leute was zu essen haben wollen, ne? Und selbst wenn ich morgen immer noch Lust auf deine Scheiß-Schawarma haben sollte, sehe ich nicht ein, dass ich mir in so einer rummeligen Imbissbude erst einen Termin geben lassen muss, damit ich auch tatsächlich eine bekomme.

Ohne mich

Ich werde keine IceBucketChallenge akzeptieren, und ich werde dafür auch kein Geld spenden. Ich werde an überhaupt keiner dieser Kampagnen teilnehmen, und eigentlich kotzt es mich an, dass ich das Gefühl habe, mich dafür rechtfertigen zu müssen.

Diese Kampagnen arbeiten vor allem mit sozialem Druck, und das ist es, was sie für mich so abstoßend macht. Sie wollen, dass sich jeder Nominierte sagt: “Aber was werden die Leute denken, wenn ich da nicht mitmache? Wird man mich dann nicht für ein egoistisches Arschloch halten?”

Das ist nichts anderes als aggressive Bettelei und arbeitet nach der gleichen Methode, wie die Leute, die dir in der Fußgängerzone ihre amputierten Stümpfe vor die Nase halten und dir damit ein schlechtes Gewissen bereiten wollen: Wie kannst du nur mit ansehen wie ich leide und mir trotzdem kein Geld geben?

“Aber das eine Video von dem, der da so weint, weil er und seine Familie von ALS betroffen ist?” 

Ja, traurig. Verdammt traurig sogar. Aber wo soll das enden?

Ich kann nicht allen wohltätigen Organisationen, die ich für unterstützenswert halte, helfen. Wem gebe ich etwas, und wem gebe ich nichts? Krebskranken Kindern? Syrischen Flüchtlingen? Geprügelten Tieren? Soll ich danach gehen, wer am traurigsten in die Kamera guckt? Welche wohltätige Schauspielerin ich am coolsten finde? Oder wer die erfolgreichste virale Kampagne fährt?

Ihr könnt gerne an der IceBucketChallenge teilnehmen, wenn ihr euch dann besser fühlt. Mich nervt das zwar hin und wieder, aber das kann ich ertragen. Weil ich weiß, dass darüber in ein paar Tagen ohnehin keiner mehr spricht, was ein weiteres Problem an solchen Aktionsformen ist: Sie sind nicht nachhaltig.

Wem wir gemeinsam etwas geben, können wir gemeinsam entscheiden. Indem wir unsere Steuern zahlen und aufhören, Politiker zu wählen, die damit irgendeinen Scheißdreck veranstalten.

Aber wem ich etwas spende, entscheide ich allein. Und niemand, der sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf schüttet, wird etwas daran ändern.

Los Wochos in der Empöreria

Dass Helene Fischer mal die treffendste Textzeile des Tages liefern würde, hätte sie wahrscheinlich nicht mal selber vorausgeahnt. “Atemlos durch die Nacht,” sang sie, umringt von sichtlich angetrunkenen Profifußballern und brachte mit dem nächsten Vers, den sie extra zur WM-Feier umgedichtet hatte, alles auf den Punkt: “Seht, was Fußball mit uns macht.”

Wer da gestern den Gaucho-Tanz aufführte, war nicht der reflexhaft beschworene “hässliche Deutsche”. Dazu hätten Lied und Tanz erstmal besonders deutsch sein müssen, was sie nicht sind. Solche Lieder werden weltweit in allen Fußballstadien gesungen, und schön sind sie dort auch nicht. Folklore eben.

Was man dort gesehen und vor allem gehört hatte, waren Anklänge einer anderen Spezies: Der des hässlichen Fußballfans, der dem jeweiligen Rivalen auch gerne mal “Tod und Hass” entgegenbrüllt und in besonders ekligen Fällen das U-Bahn-Lied anstimmt.

Davon ist die Mannschaft, die am Sonntag verdient den Weltmeistertitel errungen und ihn völlig zu Recht zwei Tage lang gefeiert hat, zwar weit entfernt, aber sicher nicht ganz unbeeinflusst. Wer seit seiner Kindheit jedes Wochenende im Stadion verbracht hat, für den gehören Schmähgesänge vermutlich zur Sozialisation dazu, und die legt er auch nicht ab, weil irgendjemand auf die Idee kam, dass er jetzt gefälligst das Bildungsbürgertum zu vertreten habe, genauso wie den Landwirt aus dem Heimatdorf und den Kohlekumpel vonne Ecke.

Den eigentlichen Fehler haben all diejenigen gemacht, die auf die Fußballer rund um Jogi Löw ein Idealbild projiziert haben, das unmöglich erfüllt werden konnte. Kämpferisch sollten sie für die einen sein, ausdauernd und hart, zu sich und dem Gegner. Die nächsten wiederum verlangten erfahrene Techniker und Ballartisten. So weit, so gut, vielleicht kann man das wirklich von jedem Profifußballer einigermaßen erwarten. Will man erfolgreiche Mannschaften, braucht man zusätzlich auch noch Spieler, die ein taktisches Verständnis haben und Spielzüge aufbauen können. Allein daran scheitern schon etliche.

Aber dann sollten sie für das Feuilleton und die Twitteria auch noch witzig sein, intelligente Interviews geben, etwas singen und tanzen können, vielleicht ein bisschen nerdig und verträumt sein, aber sich sicher und fair auf dem Gebiet der Weltpolitik bewegen können.

Ich frage mich, was diejenigen, die sich jetzt darüber empören, dass betrunkene Fußballer nunmal sind, wie sie sind, von ihnen gestern erwartet haben. Sollten sie auf der Bühne am Brandenburger Tor ein Sonett aufsagen? Ein Streichkonzert aufführen?

Wer jemals einen herkömmlichen Betriebsausflug mitgemacht hat, der weiß, dass man abends froh sein kann, wenn man noch vor lauter Alkohol weiß, wie der eigene Name lautet, und dass man am Montag schwer darüber zu grübeln hat, ob man jetzt mit der Chefin per Du ist oder ob man sich für irgendwelche Anzüglichkeiten entschuldigen müsste.

Die deutsche Mannschaft hat gestern gezeigt, dass sie auch nur aus den ganz normalen Allerweltstypen besteht, die eben hin und wieder auch einfach mal peinliche, unüberlegte Dinge machen. Davon mag man sich abwenden, wie viele sich auch sonst von lauten, grölenden und aggressiven Fußballfans fernhalten, aber das gehört nun mal dazu. Man muss das nicht mögen, ich tu’s auch nicht, aber man muss es in Kauf nehmen oder sich friedlicheren Sportarten, wie zum Beispiel Tennis oder Volleyball zuwenden.

Aber zur Versöhnung nun echte Gauchos: