Tuch!

„Tuch!“ ruft die Tochter beim Essen, als ob wir es ihr nicht schon hundert Mal gesagt hätten, dass sie freundlich fragen soll, wenn sie ein Küchentuch zum Abwischen der Finger haben möchte.

„Das kann man auch netter sagen. ‚Kann ich bitte…'“

„Tuch!“

„Hallo, geht das vielleicht auch etwas freundlicher?“

„ABER ICH HABE ESSEN IM MUND, UND DANN SOLL MAN NICHT SPRECHEN!“

 

Warum sich Motorradfahrer an Autoschlangen vorbeidrängeln

Nachdem ich neulich bereits erklärt habe, warum Motorradfahrer sinnlos überholen, wurde ich gefragt, weshalb sie sich immer wieder mal vor Bahnschranken und Ampeln an den stehenden Autos vorbeidrängeln.

Die korrekte Antwort darauf lautet vermutlich: Kommt drauf an.

Ich will dennoch versuchen, die Frage zu beantworten, und das Beste ist vermutlich, mehrere Erklärungen anzubieten. Dabei sei angemerkt, dass ich mich immer auf stehende oder zumindest sehr langsam rollende Autos beziehe.

Und noch ein Disclaimer: Das ganze hier ist keine Handlungsanweisung. Es ist eine Erklärung. Das in diesem und im vorangegangen Artikel beschriebene Verhalten ist teilweise nicht mit der Straßenverkehrsordnung vereinbar. Deswegen muss es aber nicht automatisch falsch sein. Gesetze müssen hin und wieder angepasst werden. Aber dazu komme ich noch.

Die einfachste Antwort auf die Eingangsfrage ist wahrscheinlich: Weil’s geht. Motorradfahrer sind auf gerader Strecke relativ schmal und kommen so auch bei Gegenverkehr an den meisten Autoschlangen vorbei, ohne jemandem im Weg zu sein. Ich fahre eine Reiseenduro, kann daher selbst über größere Autos hinweggucken und sehe bereits vorher, ob bei entgegenkommenden LKWs und Bussen noch ausreichende Lücken vorhanden sind, in die ich gegebenenfalls ausweichen kann. Auf Streckenabschnitten, die ich nicht überblicken kann, überhole ich nicht. Auch keine stehenden Autos.

Daran schließt sich die nächste Antwort an: Weil es niemandem schadet. Mein Motorrad hat 67 PS und wiegt leer ca. 210 kg. Das entspricht einem Leistungsgewicht eines Porsche 911 Turbo. Ich weiß ja nicht, was ihr für Autos fahrt, aber an einer auf grün schaltenden Ampel hänge ich so ziemlich jeden PKW erstmal ab und stehe niemandem im Weg, sobald wieder gefahren werden kann.

Am häufigsten wird allerdings der folgende Grund ins Feld geführt: Stop-and-Go-Verkehr auf dem Motorrad ist um ein Vielfaches anstrengender als im Auto. Das bedarf jedoch möglichweise einer ausführlicheren Erläuterung.

Die Bedienelemente eines Motorrades sind folgende: Mit der rechten Hand bedient man das Gas, außerdem die Vorderradbremse, mit dem rechten Fuß die Hinterradbremse. Mit der linken Hand wird die Kupplung betätigt, mit dem linken Fuß geschaltet, wobei zum Herunterschalten der Hebel mit dem Fuß nach unten gedrückt wird, zum Hochschalten wird er gezogen. Die Gänge müssen alle der Reihe nach geschaltet werden und können nicht übersprungen werden. Man kann also nicht einfach wie im Auto an einen Stau heranfahren und direkt in den Leerlauf schalten.

Der Leerlauf befindet sich zwischen 1. und 2. Gang, um ihn einzulegen, darf man den Schalthebel nicht ganz durchdrücken (bzw. -ziehen), dazu braucht man also etwas Fußspitzengefühl.

Die meisten Kupplungen sind Seilzugkupplungen und somit mehr oder weniger schwergängig zu bedienen, so dass gerade das längere Festhalten der Kupplung irgendwann schmerzhaft in den Fingern wird. Wenn also abzusehen ist, dass man wieder längere Zeit stehenbleiben muss, wird man als Motorradfahrer mit dem Fuß den Leerlauf einlegen. Wenn man ihn denn auf Anhieb findet, da viele ältere Motorräder noch keine Ganganzeige haben und lediglich den Leerlauf mit einer grünen Lampe anzeigen.

Man sollte außerdem bei langsamer und daher instabiler Fahrt lieber hinten bremsen als vorne, weil man sonst Gefahr läuft, bei einer Vorderradbremsung mit schrägstehendem Lenker zur Seite zu kippen. Und wir erinnern uns: Das Hinterradbremsen macht man mit dem Fuß.

Weil die meisten von uns jedoch nur zwei Füße haben, bleibt bei dem ganzen Geschalte und Gebremse, das bei Stop-and-Go anfällt, kein Fuß mehr übrig, um sich beim Anhalten abzustützen. Man ist also ständig dabei, die Füße auf die Rasten zu stellen, wieder abzusetzen, zu schalten und zu kuppeln und muss dabei die ganze Zeit die Balance halten. Das erfordert einiges an Konzentration, währenddessen man zugleich die Abgase des Wagens vor einem einatmet.

Im Sommer wird das Ganze dann richtig eklig. Kein Motorradfahrer, der auch nur einen Funken Verstand übrig hat, würde ohne Schutzkleidung fahren. Dazu gehört der obligatorische Helm, eine winddichte Jacke mit Protektoren, eine entsprechende Hose, ebenfalls winddicht und abriebfest, vernünftige Handschuhe sowie Stiefel, die über die Knöchel reichen. Ab einer Geschwindigkeit von ca. 50 km/h ist das auch alles kein Problem.

Aber wehe, du musst mit dieser Rüstung in der Sonne stehenbleiben. Und schalten. Und kuppeln. Und bremsen. Und balancieren.

Innerhalb von einer Minute ist man darin komplett durchgeschwitzt.

Wenn ihr das als Autofahrer nachempfinden möchtet, setzt euch einfach bei 30° mit langer Unterhose, Wollmütze, Jeans, Handschuhen und Winterjacke ins Auto, schaltet Klimaanlage und Lüftung ab, legt die linke Hand auf den Rücken und parkt mal eine Viertelstunde lang bei prallem Sonnenschein rückwärts ein und wieder aus, während auf dem Beifahrersitz geraucht wird.

Und dann wisst ihr, warum sich Motorradfahrer an Autoschlangen vorbeidrängeln. Und warum sie das auch dürfen sollten.

Warum Motorradfahrer sinnlos überholen

@KeineHeilige twitterte neulich1 dies:

Ich habe mir daraufhin vermerkt, dass ich über diese scheinbar sinnlosen Überholvorgänge von Motorradfahrern nochmal was bloggen wollte, und weil das Wetter gerade wieder moppedfreundlicher wird (unter 30° Celsius), ich in Kürze neue Reifen bekomme und daher bald wieder häufiger mit dem Motorrad unterwegs sein werde, dachte ich mir, ich erkläre mal, warum Motorradfahrer sowas machen.

Als Autofahrer ist man ja Umwelteinflüssen nicht so sehr ausgesetzt. Regen bekommen die meisten noch irgendwie mit (man sieht nichts), Glatteis auch (man fährt geradeaus, obwohl man eigentlich abbiegen wollte). Völlig unbeeindruckt ist man als Autofahrer jedoch in der Regel von Wind – sofern er nicht heftig von der Seite weht. Vor allem Fahrtwind aber bemerkt man im Auto praktisch gar nicht.

Auf dem Motorrad ist Fahrtwind allerdings omnipräsent. Fährt man nicht gerade eine Tourenmaschine mit riesiger Frontscheibe, ist der Fahrtwind nach meiner Erfahrung wesentlich lauter als der eigene Motor, zumindest, solange man nicht heftig beschleunigt. Spätestens bei 70-80 km/h wird es durch den Fahrtwind also laut unterm Helm.

Das ist bei gleichmäßiger, ungehinderter Geradeausfahrt kein Problem. Der Fahrtwind wird zu einem Grundrauschen, das man ganz gut ignorieren und sich ansonsten auf die Straße konzentrieren kann.

Fährt man allerdings hinter einem PKW her, ändert sich das schlagartig. Hinter dem Auto kommt es zu deutlichen Verwirbelungen, die man auf dem Motorrad als starkes Rütteln wahrnimmt. Als Autofahrer muss man sich das so vorstellen, dass man erst die ganze Zeit gemütlich mit 110 km/h unterwegs ist, und plötzlich fängt jemand auf dem Rücksitz an, wie ein Geistesgestörter gegen den Fahrersitz zu treten. Das will man nicht.

Wie stark diese Verwirbelungen ausfallen, hängt von der Geschwindigkeit, aber auch von der Form des Autos ab. Ich habe dazu keine detaillierten Aufzeichnungen (weil das mit dem Notizen machen auf dem Motorrad nicht so gut funktioniert), aber meinen Beobachtungen zufolge sind die Wirbel umso stärker, je abrupter die Fahrzeugkarosserie endet. Besonders unruhig wird es also hinter Kombis, Transportern und Minivans. Es gibt bestimmte Automodelle, die mir als Motorradfahrer in dieser Hinsicht schon besonders unangenehm aufgefallen sind, dazu gehören unter anderem SUVs von BMW und Mercedes Benz.

Nun könnte man als Motorradfahrer natürlich auch einfach Abstand halten, das Problem ist jedoch, dass dieser Abstand sehr, sehr groß ausfallen müsste, um die Verwirbelungen des Fahrtwindes nicht mehr zu spüren, und dann passiert es unter Garantie, dass sich ein BMW-Kombi dazwischen setzt, und man ist genauso angeschissen wie vorher.

Hinzu kommt, dass man als Motorradfahrer wesentlich sicherer unterwegs ist, wenn vor einem kein Autofahrer plötzlich anhalten, abbiegen, die Sicht versperren oder Müll (gerne genommen: brennende Zigarettenkippen) aus dem Fenster werfen kann.

Und weil der Überholvorgang auf dem Mopped nicht wie beim Auto gefühlt Jahre dauert, sondern in der Regel in wenigen Sekunden erledigt ist, entscheiden sich viele Motorradfahrer dazu, auch Autos, die schon 100 oder 120 km/h schnell sind, mal eben zu überholen, um dann in der Tat mit derselben Geschwindigkeit voraus zu fahren.

Das ist also in der Regel keine Ungeduld, sondern dient (meistens) der Verkehrssicherheit und tut – solange der Moppedfahrer sich nicht in jede noch so kleine Verkehrslücke drängelt – niemandem weh. (Außer natürlich etwas dem Ego des bereits mit 120 km/h fahrenden BMW-Kombi-Piloten).

Ich hoffe also, zur Klärung und damit zu etwas mehr Verständnis für uns Motorradfahrer beigetragen zu haben. Und ja, es gibt auch Arschlöcher unter uns.

  1. Naja, auch schon wieder ´ne Weile her.

Gelesen: Starckarm-Saga von Susan Price

Nachdem ich hier in den letzten Wochen zu 90% von meinen Bemühungen berichtet habe, Gewicht zu verlieren, dachte ich mir, ich streue zur Abwechslung mal ein paar Rezensionen von Büchern ein, die ich in diesem Jahr schon so gelesen habe. Es sind auch ein paar mit Diät-Bezug bei, dann wird der Bruch nicht so heftig.

Es geht los mit:

„Starckarm-Saga“ von Susan Price

Ein Technologieunternehmen baut einen Zeittunnel, der an denselben Ort im 16. Jahrhundert führt, erkennt dessen touristisches Potential („Ferien im England von damals!“) und versucht, die relativ kriegerische Bevölkerung aus der Vergangenheit zur Kooperation zu bewegen, indem es die Menschen mit Aspirin besänftigt und mit heutiger Technik beeindruckt. Dummerweise verliebt sich eine Anthropologin in einen der Krieger von damals, und als dieser im Kampf verwundet wird, beginnt der Konflikt: Lässt man ihn sterben oder rettet ihn mit den Mitteln der Gegenwart?

„Starckarm-Saga“ ist eigentlich ein Jugendbuch, und so ist die Story auch nicht sonderlich komplex aufgebaut. Die Protagonistin ist im Wesentlichen zwischen der Brutalität der damaligen Bevölkerung und der dennoch vorhandenen Herzlichkeit hin und her gerissen. Ihr Chef ist selbstverständlich böse, skrupellos und führt sich auf wie ein Hooligan im Streichelzoo. Der Geliebte aus der Vergangenheit wiederum denkt von morgens bis abends an die zu bewahrende Familienehre.

So geht das munter von einer Katastrophe zur nächsten. Viel lernt man dabei nicht, aber die eine oder andere gute Idee ist dabei, außerdem liest sich das Ganze recht flüssig weg. Ganz nett fand ich den Blick von außen auf diese heutzutage allerorten romantisierte Mittelalterwelt.

Das war vielleicht damals alles ursprünglich, mystisch und geheimnisvoll, aber eine Beinwunde bedeutete eben auch meist ein ziemlich jämmerliches und qualvolles Ende des Verletzten. (Exkurs in die Welt der Ernährung: Warum sich Anhänger der Paleo-Diät ernsthaft an einer Ernährungsweise orientieren, die in einer Zeit zu verorten ist, in der die Menschen nicht älter als dreißig Jahre wurden, leuchtet mir auch nicht so richtig ein.)

Und darum zum Abschluss der Buchkritik: Mal wieder „Eure Mütter“.

BMI 25,0

 

Meine Waage von Withings funktioniert so, dass nach dem Wiegen erst das Gewicht angezeigt wird, dann vergehen ein paar Sekunden, während die Körperfettmessung stattfindet, dann zeigt sie den Fettanteil an. Zum Schluss, nachdem sie sich per WLAN abgeglichen hat und weiß, wer gerade auf ihr steht, errechnet die Waage aus Körpergröße und Gewicht den BMI und zeigt diesen an.

Photo-2015-07-03-06-42-21_3824Das ist eine Prozedur, die ich zur Zeit täglich wiederhole. Meistens abends, aber manchmal stelle ich mich auch morgens drauf.

Heute Morgen zeigte die Waage erst das Gewicht an: 90,3 kg. Und ich dachte: „Oh, das ist ja schon fast im Zielbereich.“

Dann schaltete sie auf den BMI um: 25,0.

Es hat etwas gedauert, bis mir die Bedeutung klar wurde: Ab einem BMI größer als 25 gilt man als übergewichtig. Das heißt, mit einem BMI von 25,0 habe ich zum ersten Mal seit über 20 Jahren gerade so kein Übergewicht mehr.

Oder anders gesagt, habe ich mit meinem Schritt auf die Waage heute nach Jahrzehnten wieder den Bereich des Normalgewichts betreten.

Ich kann das immer noch nicht richtig glauben. Ist aber geil.

Es haben mir einige Menschen im Laufe der letzten Monate gesagt, dass ich ihr Vorbild beim Abnehmen gewesen sei. Das freut mich sehr und erfüllt mich zugleich ein wenig mit Stolz, den ich hiermit an diejenigen weiterreichen möchte, ohne die ich nicht bis hierher gekommen wäre: Ich habe auf Twitter schon Danke gesagt, aber ich mach’s hier auch nochmal.

Danke.

An Holgi für den ersten Anstoß in seinen Podcasts, an WeightWatchers, die mir mit ihrem Onlineprogramm sehr beim Abnehmen der ersten 20 kg geholfen haben, an Nadja Hermann, die für die Motivation gesorgt hat, die letzten paar Kilogramm auch noch loszuwerden und an alle, die für mich auf dem Weg hierher immer wieder ein „Weiter so!“ übrig hatten. Das hat sehr geholfen.

hm