Wird man ja wohl noch sagen dürfen

Am Sonntagabend habe ich einen Tweet gelöscht, nicht, weil ich mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden war, sondern wegen der Reaktionen darauf.

Das finde ich insofern erwähnenswert, als dass es nicht negative Reaktionen waren, sondern positive.

Ich hole mal etwas aus:

Wenn Leute, die sich selbst als “Querdenker”, “politisch inkorrekt” oder ähnlich bezeichnen, sind sie erfahrungsgemäß nicht weit davon entfernt, zu behaupten, dass ihre abseitigen – und in der Regel rechtspopulistischen – Thesen ja “heutzutage nicht mehr geäußert werden dürften” und meinen damit nichts anderes als den Umstand, dass ihnen deutlich gesagt wird, wohin sie sich ihren rassistischen Scheiß schieben können. Ob sie nun Sarrazin heißen (der übrigens immer noch SPD-Mitglied ist) oder der AfD angehören, mit ihrem “wird man ja wohl noch sagen dürfen” deuten sie jedes Mal an, dass sie ja die einzigen seien, die die Welt verstanden haben, ihre Meinung aber von sogenannten “Gutmenschen” und “Sprachpolizisten” unterdrückt würde.

Am Sonntagabend lief bei uns im Fernseher versehentlich kurze Zeit die Sendung “Günther Jauch”, in der ein Imam zu Gast war, der den anderen sichtlich genervten Gästen vollkommen aufgebracht minutenlange Lehrvorträge über den Islam hielt und dabei immer lauter und hektischer wurde. Nachdem ich ihn eine Zeit lang habe reden hören, dachte ich “was für eine Witzfigur” und twitterte sinngemäß, dass sich der Herr anhöre als würde er gerade von Serdar Somuncu parodiert. Da ich erst ein paar Minuten zugesehen hatte und zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass es sich um einen Imam handelt, zudem seinen Namen nicht deutlich genug verstanden hatte, bezeichnete ich ihn möglichst wertneutral als “muslimischen Vertreter”, wobei ich bereits ein etwas mulmiges Gefühl in der Magengegend hatte. Immerhin war mir deutlich bewusst, dass der Mann eher nicht als Musterbeispiel für Muslime in Deutschland taugte.

Ich stellte mich innerlich bereits auf einen Shitstorm ein. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich nicht der eine oder andere unter meinen Followern finden würde, der mir für diesen Tweet islamophobe Tendenzen bescheinigt. Ich wäre in derselben Position gewesen, in der sich die o.a. “Querdenker” immer selbst verorten und hätte es sogar verstanden. Aber nichts davon. Keine Kritik, kein Protest.

Stattdessen wurde der Tweet zunächst retweetet und dann von einigen favorisiert. Ich wurde misstrauisch und schaute mir ein paar der Profile an. Volltreffer. Darunter waren “Querdenker”, “freiheitsliebend”, “selbstdenkend” und “aufgeklärt”. Einer hatte eine Deutschlandfahne in der Avatarecke. Ein anderer hatte kurz zuvor einen AfD-Landesverband retweetet. Wollte ich wirklich von diesen Leuten Applaus bekommen? “Nö,” entschied ich und löschte meinen Tweet wieder.

Das war jetzt nur eine einzelne, anekdotische Situation, und sicherlich hat es auch gewissen Einfluss auf die Reaktionen, in welchem Maße sich jemand in der Vergangenheit geäußert hat. Aber von einem “Sowas darf man heute nicht mehr sagen, sonst gilt man gleich als islamophob” kann keinerlei Rede sein. (Und mit großer Wahrscheinlichkeit trifft das auch auf Kritik an Israel zu, ohne dass man sich als Antisemit bezeichnen lassen müsste.)

Es lohnt sich jedoch meines Erachtens immer, hinzuschauen, von wem jemand bereitwillig Applaus entgegennimmt. Die Behauptung “Ich kann doch nichts dafür, wer das lustig findet” stimmt nämlich genausowenig wie die, man dürfe hierzulande keine anderen Religionen (oder andere Gesellschaftsgruppen) kritisieren, ohne sofort zensiert und niedergemacht zu werden. Wer das behauptet, kann getrost in die rechte Ecke gestellt werden. Da kommt er nämlich her, und da gehört er auch hin.

 

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