Letzte Ausfahrt

Das dürfte in diesem Jahr die letzte große Motorradtour gewesen sein. (Obwohl – das habe ich neulich auch schon gesagt.) 

Meine (fast) neue Suzuki V-Strom 650 ist ziemlich bequem, aber nach 350 km ist dann auch mal gut. Schön war’s, schade, dass die Saison jetzt wohl erstmal vorbei ist.

Siegfried Lenz

Siegfried Lenz ist tot.

Von ihm habe ich bislang nur “Deutschstunde” gelesen, in dem der Erzähler Siggi Jepsen als Strafarbeit einen Aufsatz mit dem Thema “Die Freuden der Pflicht” schreiben muss und davon erzählt, wie sein Vater, der Dorfpolizist, das Malverbot durchsetzt, das die Nazis gegen einen Freund der Familie ausgesprochen haben.

Ich war 17 oder 18 Jahre alt, als ich es gelesen habe, und es ist das bisher einzige Buch, das ich abends begonnen habe und nicht mehr weglegen konnte, bis ich nach etwa drei Kannen schwarzem Tee morgens auf der letzten Seite angekommen war.

Links! (03.10.2014 bis 07.10.2014)

Linktipps vom 03.10.2014 bis 07.10.2014:

Sechsundfünfzigvierundvierzig

Wie die meisten mitbekommen haben werden, bin ich in diesem Jahr ca. 20 Kilogramm leichter geworden, unter anderem durch Diät, aber auch dadurch, dass ich mittlerweile regelmäßig Sport treibe.

So laufe ich derzeit pro Woche an zwei bis drei Tagen ingesamt zwischen 10 und 15 Kilometer. Am Anfang habe ich das – auf indirekte Empfehlung von Patricia – noch mit der App “Zombies, Run!” gemacht, habe mich dann ein bisschen reingenerdet und bin mit Runtastic gelaufen, und seit ein paar Wochen trainiere ich mit einem Garmin Forerunner. So ziemlich zeitgleich fiel der Entschluss, mal wieder bei einem offiziellen 10-Kilometer-Lauf mitzumachen.

Mein letzter liegt mittlerweile vier Jahre zurück, und damals habe ich ihn in anderthalb Stunden beendet. Das sollte diesmal besser werden.

Vom Zeitpunkt lag der 10km-Lauf in Bremen günstig, also habe ich kurzerhand ein Hotelzimmer für uns gebucht und mich registriert.

Bereits im Training habe ich (mit kurzen Pausen an roten Ampeln) 10 Kilometer in 1:07:00 Stunden geschafft, also habe ich bei der Anmeldung als angepeilte Zielzeit einfach mal 1:05 Stunden angegeben.

Foto 05.10.14 08 47 31Wir sind bereits am Samstag angereist, haben uns ein wenig die Stadt angesehen, ich habe meine Unterlagen abgeholt, und wir sind in einem ziemlich überteuerten Maredo-Restaurant essen gegangen. Eiweiß soll ja für Läufer wichtig sein.

Gestern Morgen wurde es dann ernst. Die Schuhe samt Zeitnahmetransponder geschnürt, Laufsachen an und ab in die Straßenbahn, die uns praktisch direkt an der Startsammelzone absetzte.

Noch kurz einen Treffpunkt ausgemacht – das iPhone habe ich diesmal nicht mitgenommen – und dann habe ich mich auch schon auf meine Startposition begeben.

Foto 05.10.14 08 49 40Anders als noch vor vier Jahren gab es keine vorgegebene Einteilung, wo man sich in etwa einreihen sollte. Praktischerweise war aber bei allen Läufern die Zielzeit neben die Startnummer gedruckt, so dass ich mich bei ungefähr gleichschnellen Teilnehmern einsortierte.

Vorgenommen hatte ich mir, zeitlich unter einer Stunde zu bleiben, also stellte ich meine Uhr so ein, dass ich gegen einen virtuellen Gegner laufen würde, der exakt 60 Minuten für die Strecke brauchen würde. So lange ich also vor diesem “Gegner” bleibe, ist alles im Lack.

Um 9:35 Uhr fiel der offizielle Startschuss, dann bildete sich der übliche Stau, so dass ich mehr als zwei Minuten später die Startlinie überquerte.

Und dann habe ich erstmal ordentlich Gas gegeben. Vor mir waren lauter Läufer, die zum Teil einen ganz seltsamen Laufstil pflegten. Die schlackerten mit den Füßen, als wären sie noch nie gelaufen und sahen beim besten Willen nicht so aus, als würden sie die Strecke in einer Stunde schaffen. Wahrscheinlich so wie ich vor vier Jahren. Also musste ich an denen erstmal vorbei, schon allein, um etwas mehr Platz für mich zu haben.

Meine Uhr zeigte nach kurzer Zeit an, dass ich ca. 30 Sekunden vor meinem virtuellen Konkurrenten sei, so dass ich diesen recht komfortablen Vorsprung schon mal in der Tasche haben würde, solange ich unter einer Pace von 6:00 min/km bleibe. Praktischerweise fing meine Uhr immer an zu nörgeln, wenn ich langsamer als eben diese 6 min/km wurde, was aber eigentlich immer nur dann der Fall war, wenn andere Läufer mir den Weg versperrten. An einigen Stellen wurde die Strecke ziemlich eng, so dass ich immer wieder mal zu kleinen Überholmanövern ansetzen musste, die natürlich etwas den Laufrhythmus durcheinander brachten und die Herzfrequenz kurz ansteigen ließen.

Eine etwas korpulentere Läuferin sah so aus, als würde sie bei jedem Schritt mit den Schultern unsichtbare Gegner umstoßen müssen, das war gar nicht so leicht, die zu umrunden. Nicht, weil sie so dick war, sondern weil sie dabei so ausladende Bewegungen machte.

Ansonsten waren die Laufbedingungen perfekt. Am Vortag war noch Regen angekündigt, stattdessen herrschten angenehme 12 Grad – ideale Lauftemperatur – kaum Wind und strahlender Sonnenschein.

Zwischendurch habe ich hin und wieder meinen Puls abgelesen: Irgendwas um die 160, also etwa dort, wo ich beim Intervalltraining auch immer mal landete. Das Training mit dem Plan von Garmin hat sich wirklich ausgezahlt. Trotz relativ hohem Puls fühlte ich mich kaum an meiner Belastungsgrenze. Ich bin kein Experte, was Sportmedizin angeht, aber ich glaube, genau so soll das beim Wettkampf auch sein.

Nach einer langen Geradeausstrecke am Weserufer ging es dann einmal durchs Weserstadion und wieder zurück. Kurze Zeit später sah man schon ein Schild für die Marathonläufer, das mit “39 km” beschriftet war. Also noch etwa 3 Kilometer, die Schlussstrecke war für alle Läufer die gleiche – ob 10 km, Halbmarathon oder Marathon.

Foto 05.10.14 10 44 24Die Uhr zeigte mittlerweile einen Vorsprung von 2:30 Minuten an, Herzfrequenz um die 170 bpm. Ich hatte also noch reichlich Zeit, um die Stunde zu unterbieten, trank kurz einen Becher Wasser, der an der Strecke gereicht wurde, drückte mir einen nassen Schwamm in den Nacken und erhöhte nochmal das Tempo.

Auf der Zielgeraden nahm ich ein letztes Mal alle Reserven zusammen und ließ mich von Musik und Sprecher anfeuern. Puls 179, scheißegal, nur noch ein paar Meter, die Zieleinlaufuhr zeigte 58 Minuten an. Ich wusste aber, dass ich ja erst 2 Minuten später gestartet war, die Zeit von 1:00:00 Stunde hatte ich also locker im Sack, außerdem hatte ich noch meine Uhr am Handgelenk, die mir ca. 56 Minuten anzeigte.

Dann durchs Ziel, nicht mehr nach links oder rechts gucken, Faust in die Luft, geschafft, geschafft, geschafft.

Und so bin ich dann tatsächlich die zehn Kilometer in 56 Minuten und 44 Sekunden (netto) gelaufen. 36 (in Worten: sechsunddreißig) Minuten schneller als noch vor vier Jahren.

Mal gucken, vielleicht (aber nur vielleicht) mache ich nächstes Jahr einen Halbmarathon mit. Hannover würde sich ja anbieten. Noch 194 Tage zum Trainieren.

Und hier könnt ihr euch noch meinen Zieleinlauf anschauen. Der, der da bei 59:17 durch’s Ziel läuft, bin ich.

 

 

panorama

Wird man ja wohl noch sagen dürfen

Am Sonntagabend habe ich einen Tweet gelöscht, nicht, weil ich mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden war, sondern wegen der Reaktionen darauf.

Das finde ich insofern erwähnenswert, als dass es nicht negative Reaktionen waren, sondern positive.

Ich hole mal etwas aus:

Wenn Leute, die sich selbst als “Querdenker”, “politisch inkorrekt” oder ähnlich bezeichnen, sind sie erfahrungsgemäß nicht weit davon entfernt, zu behaupten, dass ihre abseitigen – und in der Regel rechtspopulistischen – Thesen ja “heutzutage nicht mehr geäußert werden dürften” und meinen damit nichts anderes als den Umstand, dass ihnen deutlich gesagt wird, wohin sie sich ihren rassistischen Scheiß schieben können. Ob sie nun Sarrazin heißen (der übrigens immer noch SPD-Mitglied ist) oder der AfD angehören, mit ihrem “wird man ja wohl noch sagen dürfen” deuten sie jedes Mal an, dass sie ja die einzigen seien, die die Welt verstanden haben, ihre Meinung aber von sogenannten “Gutmenschen” und “Sprachpolizisten” unterdrückt würde.

Am Sonntagabend lief bei uns im Fernseher versehentlich kurze Zeit die Sendung “Günther Jauch”, in der ein Imam zu Gast war, der den anderen sichtlich genervten Gästen vollkommen aufgebracht minutenlange Lehrvorträge über den Islam hielt und dabei immer lauter und hektischer wurde. Nachdem ich ihn eine Zeit lang habe reden hören, dachte ich “was für eine Witzfigur” und twitterte sinngemäß, dass sich der Herr anhöre als würde er gerade von Serdar Somuncu parodiert. Da ich erst ein paar Minuten zugesehen hatte und zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass es sich um einen Imam handelt, zudem seinen Namen nicht deutlich genug verstanden hatte, bezeichnete ich ihn möglichst wertneutral als “muslimischen Vertreter”, wobei ich bereits ein etwas mulmiges Gefühl in der Magengegend hatte. Immerhin war mir deutlich bewusst, dass der Mann eher nicht als Musterbeispiel für Muslime in Deutschland taugte.

Ich stellte mich innerlich bereits auf einen Shitstorm ein. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich nicht der eine oder andere unter meinen Followern finden würde, der mir für diesen Tweet islamophobe Tendenzen bescheinigt. Ich wäre in derselben Position gewesen, in der sich die o.a. “Querdenker” immer selbst verorten und hätte es sogar verstanden. Aber nichts davon. Keine Kritik, kein Protest.

Stattdessen wurde der Tweet zunächst retweetet und dann von einigen favorisiert. Ich wurde misstrauisch und schaute mir ein paar der Profile an. Volltreffer. Darunter waren “Querdenker”, “freiheitsliebend”, “selbstdenkend” und “aufgeklärt”. Einer hatte eine Deutschlandfahne in der Avatarecke. Ein anderer hatte kurz zuvor einen AfD-Landesverband retweetet. Wollte ich wirklich von diesen Leuten Applaus bekommen? “Nö,” entschied ich und löschte meinen Tweet wieder.

Das war jetzt nur eine einzelne, anekdotische Situation, und sicherlich hat es auch gewissen Einfluss auf die Reaktionen, in welchem Maße sich jemand in der Vergangenheit geäußert hat. Aber von einem “Sowas darf man heute nicht mehr sagen, sonst gilt man gleich als islamophob” kann keinerlei Rede sein. (Und mit großer Wahrscheinlichkeit trifft das auch auf Kritik an Israel zu, ohne dass man sich als Antisemit bezeichnen lassen müsste.)

Es lohnt sich jedoch meines Erachtens immer, hinzuschauen, von wem jemand bereitwillig Applaus entgegennimmt. Die Behauptung “Ich kann doch nichts dafür, wer das lustig findet” stimmt nämlich genausowenig wie die, man dürfe hierzulande keine anderen Religionen (oder andere Gesellschaftsgruppen) kritisieren, ohne sofort zensiert und niedergemacht zu werden. Wer das behauptet, kann getrost in die rechte Ecke gestellt werden. Da kommt er nämlich her, und da gehört er auch hin.