Von Homöopathen und asozialen Impfgegnern
von Lars Reineke am 16. Januar 2012
Meine Tochter lag am Wochenende im Krankenhaus. Der Verdacht lautete zunächst auf irgendeinen Noro-Stamm, gegen den man sich außer durch penibles Händewaschen kaum wehren kann.
Dann sollten es möglicherweise doch Rota-Viren sein, gegen die meine Tochter geimpft ist, aber so ganz klar waren die Laborergebnisse nicht, was letzten Endes auch egal ist, weil es meiner Tochter (dank Impfung oder nicht) schon wieder besser geht, und die Behandlung ohnehin immer dieselbe ist: ausgeschiedene Nährstoffe zuführen.
Dennoch eine gute Gelegenheit, mal über Heilmethoden und Impfgegner zu sprechen.
Meine Frau erkrankte nämlich zur gleichen Zeit - vermutlich hatten sich beide in der Krabbelgruppe angesteckt -, und während wir darauf warteten, dass unsere Tochter untersucht wird, ging es meiner Frau ebenfalls nicht besonders gut. Das homöopathische Mittelchen, das ihr von der Krankenschwester gegeben wurde, wirkte erwartungsgemäß nicht, im Gegensatz zu der Elektrolytlösung, die sie dann später von einer eher von rationalem Denken geprägten Pflegekraft bekam.
Wer sich sogenannte Globuli, also Zuckerkügelchen mit nichts drin, einwirft, dann macht er das oft, weil er der wissenschaftlichen Medizin nicht vertraut. Er erwartet einfach, dass richtige Arzneimittel schädlich für ihn sind. Viele sprechen daher zumeist nicht von »Medizin« sondern von »Schulmedizin« und implizieren damit, dass es daneben auch noch eine andere gäbe, die nicht an den üblichen Schulen oder Universitäten gelehrt werde.
Diese Abneigung gegen »die Chemie« oder »die Pharma-Industrie«, die dazu führt, dass dem wissenschaftlich Herausgeforderten beim Einwerfen einer handelsüblichen Aspirin-Tablette die Haare ausfallen, nennt man »Nocebo«-Effekt. Es ist der Gegenpart zum »Placebo«-Effekt, also dem Glauben daran, dass ein eigentlich unwirksames Präparat Heilerfolge bewirken kann, was tatsächlich hin und wieder funktioniert, sofern es sich um Krankheiten handelt, die der Körper auch ohne jedes Zutun bewältigen kann.
Dieser Glaube ist jedoch das Einzige, was bei Homöopathie irgendeine Wirkung erzeugt, was sich daher auch leicht nachweisen lässt, indem man nämlich weder dem Verabreichenden, noch dem Probanden mitteilt, ob das Mittel einen Wirkstoff enthält (bzw. homöopathisch verdünnt wurde) oder nicht. Das wiederum führt dazu, dass eine Wirkung beim homöopathischen Mittel statistisch nicht mehr nachgewiesen werden kann. Bis heute hat übrigens noch niemand geschafft, die Wirkung von Homöopathie wissenschaftlich belastbar zu bestätigen. Man kann also auch ein aufgeschnittenes Huhn über dem Kopf schwenken, man muss halt nur daran glauben, dass es wirkt.
Nun ist es zum Glück jedem selbst überlassen, welchen Heilmethoden er sich hingibt, doch leider hat dieses Misstrauen gegenüber der modernen Medizin auch seine Nebenwirkungen, die sich insbesondere bei den sogenannten »Impfgegnern« offenbaren, deren Weltbild sich ebenfalls eher dem Okkultismus zuordnen lässt.
Diese lehnen Impfungen ihrer Kinder ab, mit der Begründung, dass man Kinderkrankheiten ja auch auf natürlichem Wege überwinden könne und schicken ihre armen Nachkommen stattdessen lieber auf Masern- und Pockenparties, wo die sich dann reihenweise anstecken können. Abgesehen davon, dass sich diese Eltern ja mal auf ganz natürliche Weise einen Zahn ziehen lassen können, und ich dieses Verhalten als Kindesmisshandlung ansehe, sind diese Impfgegner auch eine Gefahr für die Gesellschaft.
Impfungen sind nämlich insbesondere dann effektiv, wenn eine große Anzahl von Menschen in der Bevölkerung geimpft wurde. Man nennt das »Herdenimmunität« und sie schützt nicht nur die geimpften Personen, sondern auch diejenigen, die sich z.B. aus Altersgründen nicht oder noch nicht impfen lassen konnten. Dadurch nämlich, dass die Umgebung eines Menschen mit schwächerem Immunsystem, beispielsweise eines Neugeborenen, durch die Impfung immunisiert wurde, kommt das Kind nicht mit Erregern in Kontakt und bekommt die Krankheit nicht in einem so frühen Alter, in dem diese lebensbedrohlich wäre.
Das kann man sich schematisch sehr anschaulich auf dieser Webseite ansehen, deren URL mir freundlicher Weise @_stk von stefan.bloggt.es zugeschickt hat.
Die Auswirkungen fehlender Herdenimmunität werden vor allem dort sichtbar, wo sich ideologisch ähnlich ausgerichtete Eltern versammeln, beispielsweise an Waldorfschulen, wo regelrechte Masernepidemien ausbrachen und infolge derer bereits zwei Säuglinge verstarben.
Um es auf den Punkt zu bringen: Impft gefälligst eure Kinder. Tut ihr es nicht, gefährdet Ihr nicht nur die Gesundheit eurer eigenen Nachkommen, sondern auch das Leben anderer.
Und wer das wissentlich in Kauf nimmt, ist entweder scheißeblöd oder ein asoziales Arschloch.
Amazon-Gutschein geschenkt bekommen
von Lars Reineke am 13. Januar 2012
Das Portal www.ostsee24.de hat mir aufgrund dieses Artikels heute überraschenderweise einen 10-Euro-Gutschein für Amazon geschenkt. Für den bedanke ich mich und nehme ihn gerne an.
Ich finde Werbung nicht schlimm, sofern diese nicht versteckt stattfindet. Außerdem mag ich die Ostsee.
Vorstellung als LiquidFeedback-Beauftragter
von Lars Reineke am 12. Januar 2012
Folgende Mail schrieb ich gerade an die aktive Mailingliste Niedersachsen:
Hallo,
nun bin ich also tatsächlich LiquidFeedback-Beauftragter geworden und möchte mich für das in mich gesetzte Vertrauen erstmal bedanken.
Ich hätte mich vielleicht schon früher darum bewerben sollen, aber nach einem anstrengen Wahljahr und den darauf folgenden Verhandlungen zur Bildung von Fraktionen und Mehrheitsgruppen, war ich nicht nur im Urlaub, sondern ich habe mich zwischen Weihnachten und Neujahr ganz bewusst für eine kurze Pause von der Piratenpartei entschieden.
Einige von Euch kennen mich ja bereits, bei allen anderen freue ich mich darauf, Euch hoffentlich in Osnabrück kennenzulernen.
Vorab zu meiner Person: Ich bin 37 Jahre alt, verheiratet und habe eine kleine Tochter, die im April ein Jahr alt wird.
Ich bin gelernter Datenverarbeitungskaufmann und arbeite als angestellter Systemadministrator in Hameln.
Doch nun zu der Aufgabe, die mir übertragen worden ist, und die ich u.a. in folgende Teilbereiche untergliedern würde:
- Durchführung von Schulungen in LiquidFeedback (LQFB)
- Beleuchten der Hintergründe, wie LQFB funktioniert und welche Vorteile wir daraus ziehen können
- Ansprechpartner zu sein für Fragen rund um LiquidFeedback
- Prozessgestaltung, um LQFB-Initiativen in satzungskonform gestellte Anträge und schließlich legitimierte Beschlüsse zu überführen
Ich persönlich bin ein großer Befürworter des Systems, und daraus habe ich auch nie ein Geheimnis gemacht. Ich denke, das muss ich auch sein, um diese Stelle angemessen auszufüllen.
Ich weiß allerdings auch, dass es - durchaus berechtigte - Kritik an LiquidFeedback gibt. Das hat verschiedene Gründe, die ich hier nicht in epischer Breite aufführen möchte, aber die Art und Weise, wie LQFB in Bingen durchgepeitscht wurde, hat mit Sicherheit damit zu tun.
Allerdings sehe ich - auch im Thread weiter unten - dass es immer noch große Missverständnisse gibt, was LQFB kann, können soll, und wo es an seine Grenzen stößt.
Ja, ich bin LQFB-Evangelist, aber ich wäre doch sehr naiv, wenn ich der Auffassung wäre, es sei perfekt und in allen Belangen fehlerfrei.
Das ist es nicht.
Ich hielte es daher für falsch, es zu diesem Zeitpunkt in die Satzung aufzunehmen. Was in Berlin funktioniert, muss bei uns noch lange nicht richtig sein.
Dennoch bin ich der Auffassung, dass wir momentan nichts Besseres zur Verfügung haben, und auch wenn es bereits tolle Vorschläge gibt, wie ein solches System aussehen könnte: Bis zur Landtagswahl bleibt nicht genügend Zeit, um ein neues System zu entwickeln, zu testen, alle Benutzer mit Zugängen auszustatten und zu schulen.
Dass wir jedoch ein technisches Hilfsmittel benötigen, um ein von der gesamten Basis getragenes Programm zu entwickeln, steht für mich außer Frage, weil eine Landtagswahl nicht mit einer Kommunalwahl zu vergleichen ist. Im kleinen Kreis eines Stammtisches ist LiquidFeedback möglicherweise überdimensioniert, was erklären würde, warum es während der Kommunalwahl im letzten Jahr nicht zum Einsatz gekommen ist. Warum sollte auch z.B. Delmenhorst die Förderung eines lokalen Kulturzentrums von allen Piraten Niedersachsens absegnen lassen?
Wir werden zur Landtagswahl jedoch den Anspruch erfüllen müssen, ein breites Wahlprogramm aufzustellen, und dabei helfen uns wahrscheinlich auch dezentrale Parteitage nicht, sofern diese nicht mehrere Wochen andauern sollen. Denn der entscheidende Faktor ist dabei nicht die schiere Anzahl von stimmberechtigten Piraten, sondern das Problem, über einen längeren Zeitraum mit vielen kleinen Gruppen Wissen zusammenzutragen und dieses in Anträge zu überführen, die schließlich bis zur Beschlussfähigkeit reifen.
Es ist meines Erachtens ein unumstößliches basisdemokratisches Prinzip, Anträge bereits bei ihrer Entstehung gegenlesen zu lassen und rechtzeitig zu korrigieren. Dafür halte ich LiquidFeedback nach wie vor für bestens geeignet.
Bei allen Vorbehalten, die die Gegner und Befürworter von LiquidFeedback gegeneinander haben, bitte ich beide Parteien vor allem um Sachlichkeit und Fairness.
Akzeptiert, dass Euer Gegenüber aus verschiedenen Gründen möglicherweise eine andere Arbeitsweise bevorzugt.
Vielleicht kann jemand nicht so gut vor Menschen sprechen und stellt seine Anträge lieber schriftlich. Vielleicht möchte jemand erstmal einen Testballon steigen lassen, um zu schauen, ob sie oder er Mitstreiter gewinnen kann, bevor der Antrag auf dem Parteitag gestellt wird. Jemand anderes wiederum kann sich vielleicht gut vor einem Publikum präsentieren, hat jedoch Schwierigkeiten bei der schriftlichen Formulierung. Und andere wiederum haben keine Zeit, sich zu festen Terminen zu treffen, möchten aber thematisch mitarbeiten.
Alle haben ihre Berechtigung, und ich möchte nicht, dass wir irgendjemanden von diesen Piraten zurücklassen, ob pro oder contra LQFB.
Wie stelle ich mir das weitere Vorgehen vor?
Zunächst müssen selbstverständlich dringend alle Piraten in Niedersachsen Zugang zum System erhalten.
Zum Thema Schulung glaube ich, dass LiquidFeedback tatsächlich für jeden sehr schnell zu verstehen ist, wenn man sich einfach nur vor Augen führt, welchen zeitlichen Ablauf eine (erfolgreiche) Initiative nimmt: Überwindung des Quorums, Diskussion, Einfrieren, 2. Quorum, Abstimmung.
Ob das wirklich der Fall ist, werde ich Ende Januar verifizieren, da wir im KV Hameln-Pyrmont eine Infoveranstaltung für unsere Partner in den Kommunalparlamenten durchführen werden, wobei ich eine Einführung in LQFB halten werde. Und ich bin zuversichtlich: Wenn Politiker etablierter Parteien das System verstehen, schaffen Piraten das auch.
Von da an werde ich für Schulungen zur Verfügung stehen und falls erforderlich, auch vor Ort Piraten im Umgang mit LiquidFeedback unterweisen.
Sofern technische Verbesserungen, z.B. eine neue Oberfläche, implementiert wurden, werde ich mich darum kümmern, dass auch wir in Niedersachsen davon profitieren.
Außerdem gehe ich davon aus, dass sich vor dem Programmparteitag eine Antragskommission bilden wird, mit dieser werde ich frühzeitig Kontakt aufnehmen (müssen).
Selbstverständlich werde ich das Vorgehen rund um LiquidFeedback mit dem amtierenden und dem bald neu gewählten Vorstand abstimmen und Euch zeitnah über den jeweils aktuellen Stand - z.B. auf einer eigenen Wiki-Seite - informieren.
Für Eure Unterstützung danke ich Euch jetzt schonmal im Voraus.
Viele Grüße
Lars Reineke
Von fleischessenden Tierfreunden empfohlen
von Lars Reineke am 10. Januar 2012
Nun musste ich einige Tage gezwungenermaßen darüber nachdenken, was ich selber eigentlich für ein merkwürdiges Verhältnis zu Tieren habe, wo ich doch den Verlust des einen Lebewesens betrauere, während ich zugleich kein Problem damit habe, Fleisch zu essen. Das passt nicht zusammen, könnte man denken. Finde ich aber doch.
Und ich bin nicht der Ansicht, dass es an der Art des Tieres liegt, dass wir es gleichzeitig normal finden, Schweine zu schlachten und Katzen als Haustiere zu halten.
Es hat nämlich in erster Linie mit einer besonderen Fähigkeit höherentwickelter Lebewesen zu tun: Empathie.
Es ist völlig egal, was es für ein Tier ist, wenn es mich abends an der Haustür begrüßt, esse ich es nicht.
Mit der Empathie ist das bei uns Menschen so eine Sache. Niemand von uns würde sein Kind von morgens bis abends zum Arbeiten in eine Schuhfabrik stecken. Vermutlich auch nicht das des Nachbarn oder des besten Freundes. Dass die eigenen Treter aber auf der anderen Seite der Erde von Menschen unter unwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden, findet man zwar irgendwie nicht richtig, kaufen tut man sie aber doch. Sie waren halt so günstig.
(In dem Zusammenhang finde ich ja die Leute immer etwas irritierend, die Apple vorwerfen, ihre Bauteile bei zu Recht kritisierten Unternehmen wie Foxconn einzukaufen und sich stattdessen lieber ein Android-Gerät zulegen, weil HTC und Samsung ihre Smartphones bekanntlich von kanadischen Elfen fertigen lassen.)
Empathie ist der Grund, warum die Entwickler Gegner in Actionspielen in der Regel entmenschlicht auftreten lassen, ihnen also z.B. Masken aufsetzen oder ähnliches. Dadurch fällt es nicht so schwer, mit der Waffe draufzuhalten, als wenn man jeden Gegner erst persönlich kennen lernen und erfahren würde, dass er eigentlich von Beruf Klavierstimmer ist, Holger heißt und zwei Kinder hat. Die GTA-Reihe ist dabei ein gutes Gegenbeispiel, weil man dort durch die Rahmenhandlung immer wieder mal in Situationen kommt, in denen man entscheiden muss, ob man den gegnerischen Protagonisten tötet oder verschont. Die meisten, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, wählten im Spiel übrigens die zweite Variante, ließen den Gegner also am Leben.
Doch zurück zum Thema. Würde ich Katzen oder Hunde essen? Je nach Situation vermutlich schon. Ich habe bereits Kaninchenbraten gegessen und abgesehen davon, dass an so einem Tier nicht viel dran ist, hatte ich keine großen Probleme damit. Allerdings habe ich selber auch nie Kaninchen oder Hasen besessen, also nie eine Beziehung zu solchen Tieren aufgebaut.
Wenn ich aber doch nun weiß, dass der Verzehr von Fleisch moralisch zumindest fragwürdig ist, warum mache ich es dann trotzdem? Die Antwort ist relativ simpel: Es wurde mir anerzogen, dass es in Ordnung ist, solange man die Tiere nicht unnötig quält. Das kann man jetzt richtig oder falsch finden, aber es gehört nunmal seit 37 Jahren untrennbar zu meiner Lebensweise, und die kann ich leider nicht so einfach über Bord werfen.
Und es gibt noch einen zweiten Grund: Ich mag viele vegetarische Gerichte einfach nicht. Ich kann´s nicht ändern. Das beginnt bei der Konsistenz und hört beim Geschmack auf. Bei Salatgurkenscheiben beispielsweise muss ich würgen, ob ich will oder nicht, und bei roher Paprika ist es nicht viel anders. Gekochtes oder gebratenes Gemüse hingegen finde ich in den meisten Fällen glitschig und mindestens ebenso widerlich. Das heißt nicht, dass ich überhaupt kein Gemüse essen würde, aber ich kann ja nicht nur Erbsen und Möhren oder Kohlrabi zu mir nehmen.
Vegane Speisen finde ich teilweise noch ekliger. Ich hatte kürzlich mal die Gelegenheit, eine Nussecke zu probieren, die ohne Eier und ohne Butter hergestellt wurde. Das ist vollkommen ungenießbar, und ich frage mich, wie lange man sich das schönreden muss, bis einem sowas wirklich schmeckt.
Ich wäre durchaus bereit, auf Fleisch zu verzichten, wenn ich einen adäquaten Ersatz dafür bekäme. Bis dahin aber bedeutet ein Umstieg auf vegetarische Ernährung einen zu großen Einschnitt in meine Lebensqualität.
Und da hilft auch nicht der Hinweis auf Eure moralische Überlegenheit, Ihr Volxküchen-Aktivisten. Damit erzeugt Ihr allenfalls Trotz. Bei mir zumindest.
Ich unterstütze gerne Initiativen gegen Massentierhaltung und Tierquälerei, aber ein völliger Fleischverzicht ist bei mir nicht drin, genauso, wie ich gerne für menschenwürdige Arbeitsbedingungen streite, aber ganz ohne Arbeit geht´s halt auch nicht.
Falls Du jetzt »Ich versuche aber nicht, andere zu bekehren!« denken solltest: Danke für die Aufmerksamkeit, aber dann betrifft dich dieser Artikel wahrscheinlich gar nicht.
Tschüss, Dicker
von Lars Reineke am 9. Januar 2012
Er war das Erste, was meine Frau und ich - damals waren wir noch nicht verheiratet - uns vor vier Jahren gemeinsam angeschafft haben, obwohl wir da noch gar nicht zusammengezogen waren.
Im Tierheim hatten sie ihn »Joachim« genannt, er war dort gelandet, nachdem er mit gebrochener Hüfte jammernd in der Gosse gefunden worden war. Niemand hatte sich im Tierheim gemeldet und nach ihm gefragt.
Eine Bekannte, die dort ehrenamtlich aushilft, hatte meiner Frau von ihm berichtet. Er sei durch seinen Unfall ohnehin nicht sehr aktiv, man könnte ihn daher gut in der Wohnung halten, weil er nicht mehr besonders hoch springen könne. Wir fuhren zusammen zum Tierheim.
Dort lag er langgestreckt auf dem Fußboden hinter der Tür und ließ sich bereitwillig streicheln. Er ging ein paar Schritte durch das Katzengehege und zog dabei ein Hinterbein etwas nach. Wir nahmen ihn mit und nannten ihn wegen seines Beins »Captain Ahab«.
Von seinem Hinken war jedoch schon bald kaum noch etwas zu sehen, stattdessen begrüßte er uns eines Tages aus 2 Meter Höhe vom Bücherschrank. Er war über den Fernseher dort hinaufgesprungen und traute sich zunächst nicht alleine herunter. »Captain Ahab« war zum Rufen ohnehin etwas sperrig, und wir nannten ihn bald immer nur »Dicker«.
Weil wir ab und zu mal am Wochenende oder im Urlaub unterwegs waren, und wir deshalb ein schlechtes Gewissen hatten, bekam er noch eine Gefährtin dazu, die er zwar nicht bekämpfte, jedoch weitestgehend ignorierte. Er wollte nach draußen, wir wohnten aber - mittlerweile zusammen - im 4. Stock an einer stark befahrenen Straße, und so blieb ihm nur, von der Dachterrasse zu schauen und die Nase in den Wind zu halten.
Schließlich zogen wir vor zwei Jahren in eine andere Wohnung. An einem Sommerabend, der Kater jaulte wieder einmal sehr laut, weil er gerne nach draußen wollte, überlegten wir uns, wie wir den Balkon mit Netzen versehen könnten, damit er wenigstens dorthin gehen konnte. Wir kamen bei grober Schätzung auf einen irrsinnigen Preis und Aufwand. Ich schaute auf die Uhr, sah, dass die Tierarztpraxis um die Ecke gleich öffnen würde und fragte: »Oder wollen wir das Geld lieber für ´ne Impfung ausgeben und die Viecher rausgehen lassen?« So wurde es beschlossen.
Beide Katzen frisch geimpft, ließen wir sie auf den Rasen. Es dauerte nicht lange, da sprang der Kater über den Zaun und verschwand. Wir waren den Tränen nahe, weil wir befürchteten, dass er nie wieder zurückkommen würde.
Zwei Stunden später stand er wieder vor der Tür. Er ist seitdem nicht eine Nacht weggeblieben, war immer um spätestens 23:00 Uhr wieder zurück.
Die Nachbarn erzählten uns irgendwann, dass ihre Katze sich jetzt auch wieder nach draußen trauen würde, weil unser Kater immer aufpassen würde, dass die andere Katze von nebenan ihr nichts tut. Er war offenbar so etwas wie der Sheriff der Nachbarschaft geworden.
Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, wälzte er sich manchmal bereits auf der Fußmatte vor der Haustür zur Begrüßung. In der ganzen Zeit, in der wir ihn hatten, hat er mich nicht ein einziges Mal gebissen oder gekratzt.
Dann kam unsere Tochter zur Welt, und wir befürchteten zuerst, dass er eifersüchtig werden würde und die Kleine möglicherweise nicht mögen könnte. Doch wenn das Babybett frei war, legte er sich manchmal hinein, und das hätte er mit Sicherheit nicht gemacht, wenn er sie oder ihren Geruch nicht ausstehen hätte können.
Wir hatten mit unserer Tochter ein paar Arzttermine zu absolvieren und waren vorher im Urlaub, sodass uns zunächst nicht aufgefallen war, dass der Kater immer dünner wurde.
Am Freitag vor drei Tagen hob ich ihn zur Begrüßung hoch, und mir fiel auf, wie leicht er geworden war. Zwei Kilo habe er abgenommen, sagte meine Frau, sie hatte es auch bemerkt und war kurz vorher mit ihm auf die Waage gegangen.
Die Tierärztin machte uns nur wenig Hoffnung. Er habe vermutlich ein Nierenleiden, war ziemlich ausgetrocknet, und der Verlauf sei üblicherweise so, dass die Tiere das nicht überleben. Für eine Blutabnahme wehrte er sich zu sehr, also bekam er noch eine Vitaminspritze, und wir machten einen Termin für heute Abend. Falls es ihm einigermaßen gut ginge, solle er etwas sediert werden, um ihm Blut abzunehmen.
Ihm ging es aber nicht gut. Ganz und gar nicht. Er hatte das Wochenende über kaum noch etwas zu sich genommen, und heute Morgen taumelte er nur noch durch die Wohnung.
Einen stressigen Transport zur Praxis wollten wir ihm ersparen, also ließen wir die Tierärztin kommen, und sie erlöste ihn heute Mittag.
Ich kann verstehen, wenn manche Menschen dann zu allem greifen, was auch nur die Illusion erzeugt, irgend etwas für das Tier tun zu können, ob das nun Homöopathie ist, Handauflegen, Gebete oder anderer Hokuspokus.
Man kann einfach nichts unternehmen, außer zuzusehen, wie das Tier immer schwächer wird.
Wir haben ihm dann zum Schluss einfach nur noch das angeboten, was er am liebsten mochte, Brathähnchen und Milch. Das hat seinen Nieren sicher auch nicht geholfen, aber was soll’s.
Die letzten drei Abende haben wir uns jedes Mal von ihm verabschiedet, und jeden Morgen habe ich mich kaum getraut, auf’s Klo zu gehen, weil ich befürchtete, irgendwo den toten Kater liegen zu sehen.
So konnten wir ihm immerhin noch ein letztes Mal »Tschüss« sagen und froh sein, dass er nun nicht mehr leiden muss.
Mach´s gut, Dicker. War ´ne schöne Zeit.
Kommentare (vorerst) abgeschaltet
von Lars Reineke am 8. Januar 2012
Seit Wochen schiebe ich eine Entscheidung vor mir her, von der ich glaube, dass ich jetzt soweit bin, sie zu treffen: Ich werde die Kommentarfunktion in meinem Blog vorerst abschalten.
Dafür gibt es verschiedene Gründe, die ich kurz aufführen möchte.
Kommentare sind meistens unnütz
Ich bitte das jetzt nicht als Überheblichkeit aufzufassen, wenn ich behaupte, dass etwa zwei Drittel aller Kommentare unter Blogartikeln - egal wo - vor allem einer Sache dienen: Der Selbstdarstellung der Kommentatoren. Jetzt könnte man zu Recht anmerken, dass so ein Weblog - insbesondere vielleicht meins - ja nun oft auch keinen anderen Zweck erfüllt. Aber eben darum geht es: Es ist mein Blog, und wenn ich mich hier profilieren möchte, ist das meine Sache.
Ich habe überhaupt nichts gegen eine kritische Auseinandersetzung mit meinen Artikeln, aber genau das passierte in der Vergangenheit kaum. Entweder wurde mir ein »Mach doch erstmal besser« entgegengeworfen, es wurde sinnlos provoziert, oder wenn sich zwei genügend große Egos unter meinen Artikeln getroffen hatten, wurde gegenseitig die rhetorische Überlegenheit demonstriert, was nicht selten an zwei Köter erinnerte, die sich durch einen Zaun hindurch ankläfften.
Meiner Laune war das in der Regel nicht sehr zuträglich, und es ist mein Server, mein Blog und meine Freizeitgestaltung, die mir hier Spaß machen soll.
Dann sind mir noch zwei weitere Dinge aufgefallen: Zum einen lese ich selbst praktisch niemals die Kommentare unter anderer Leute Artikel. Nahezu alle Blogs lese ich nur per RSS-Feed, so dass ich die Kommentare dort nie zu Gesicht bekomme.
Zum anderen habe ich bei meinen eigenen Kommentatoren bemerkt, dass insbesondere die regelmäßig Wiederkehrenden eigene Blogs betreiben. Wer also eine gegensätzliche Position zu einem meiner Blogartikel vertritt, kann die in aller Breite auf seinem eigenen Blog erläutern, und dann werde ich das mit Sicherheit auch lesen. Jeder mit einem gewissen Sendungsbewusstsein sollte in der Lage sein, sich zumindest ein Tumblr- oder Posterous-Blog einzurichten, in dem er sich nach aller Lust und Laune austoben kann.
Das hätte auch den Vorteil, dass die Kritik auf dem anderen Blog mit großer Wahrscheinlichkeit sachlicher formuliert würde, als es zumeist - wenn auch unbewusst - in fremden Kommentarfeldern der Fall ist. Man scheißt halt nicht so gern auf den eigenen Teppich.
Viele Kommentare nerven einfach nur
Nicht nur, dass ein großer Teil der Kommentare nur sehr wenig zum eigentlichen Thema beiträgt, dazu kommt noch, dass viele davon - absichtlich oder nicht - zu nichts anderem da sind, als allen Beteiligten auf den Sack zu gehen.
Während ich Beleidigungen gegen mich oftmals noch hingenommen habe, wurden Angriffe gegen andere Kommentatoren von mir immer wieder mal gelöscht, was für mich ein Dilemma war: Einerseits finde ich Zensur scheiße, andererseits sind meine Leser meine Gäste, und ich werde nicht zusehen, wie hier Leute vorbeikommen und in meinem Wohnzimmer meine Gäste beleidigen.
Dazu kommt immer wieder die Gratwanderung, ob ein Kommentar, in dem diskreditierende Tatsachenbehauptungen über Dritte aufgestellt wurden, der Wahrheit entsprach oder besser von mir gelöscht werden sollte. Letzen Endes muss ich hier für die Inhalte den Kopf hinhalten, und in den allermeisten Fällen bin ich nicht bereit dazu, das für andere zu tun.
Natürlich waren auch jede Menge Trolle unter den Kommentatoren, insbesondere (und auffälligerweise) bei den Artikeln, bei denen es um Piratenthemen ging. Denen sei gesagt: Ihr seid Arschlöcher und schwachsinnige Hooligans, die sich noch nie für die eigentlichen Themen interessiert haben. Geht zurück in euer Forum und unterhaltet euch mit anderen Pubertierenden.
Ich habe versucht, solcher Kommentare Herr zu werden, indem ich eine Bewertungsfunktion eingebaut habe, aber das habe ich sowohl aus ästhetischen als auch aus Performance-Gründen schnell wieder gelassen. Außerdem bestand dadurch die Gefahr, dass die Leser nicht die Kommentatoren honorieren, die schlüssig argumentieren, sondern nur danach gehen, wer ihrer eigenen Meinung entspricht.
Nervig sind meines Erachtens auch diese pseudointelligenten Aluhüte, die im Namensfeld »me«, »someone« oder »A.Nonym« und als Adresse »foo @ bar.com« eintragen, auch diese am häufigsten unter den Piratenthemen vertreten. Werdet erwachsen.
Falls jemand der Ansicht sein sollte, Pirat zu sein und gleichzeitig keine Kommentare zuzulassen, würde sich irgendwie nicht miteinander vertragen: Das hier ist keine demokratische Veranstaltung, und ich bin auch kein Mandatsträger. Es ist nur ein Blog, get over it.
Endlich kann ich mich nun auch dieser gesamten manuellen SPAM-Scheiße in einem Rutsch entledigen. Möget ihr in einer Hölle schmoren, in der ununterbrochen Radiowerbung von Carglass läuft.
Feedback unerwünscht?
Dass ich die Kommentare - vorerst - abschalten werde, bedeutet nicht, dass mir nichts an Eurem Feedback läge, insbesondere nicht von denen, die immer wieder hilfreiche Ergänzungen eingebracht haben. Mit den meisten davon kommuniziere ich jedoch auch über andere Kanäle, und Kritik und Rückmeldungen sind mir nach wie vor willkommen.
Wer sich zu meinen Artikeln äußern möchte, der kann das auch weiterhin über Twitter, Google+ oder Facebook tun, oder eben - was mir am liebsten wäre - auf dem eigenen Blog erledigen. Außerdem bin ich auch weiterhin per Mail erreichbar, es sei jedoch im Voraus gewarnt: Ich bin sehr unzuverlässig, was das Beantworten von Mails angeht, was nicht bedeutet, dass ich sie nicht lesen würde.
Ausblick
Ich erhoffe mir von der Abschaltung der Kommentare in erster Linie, dass meine Blogbeiträge als das wahrgenommen werden, was sie sind: Meinungsäußerungen zu Themen, die mich interessieren, nicht als Einladung dazu, mich um jeden Preis von der Unsinnigkeit meiner Auffassung zu überzeugen.
Natürlich gab es auch immer wieder mal Artikel, in denen ich aktiv dazu aufgefordert habe, Rückmeldungen in die Kommentare zu schreiben. Für diese Art von Beiträgen muss ich mir noch etwas ausdenken. Das Naheliegendste wäre, nur für diese das Kommentarfeld wieder freizuschalten, aber das erscheint mir inkonsequent. Schauen wir mal.
Vielleicht sehe ich das alles in einem Monat ja schon wieder ganz anders.
Twitter! - Dezember 2011
von Lars Reineke am 6. Januar 2012
Geschäftliches
von Lars Reineke am 3. Januar 2012
Thomas Wiegold will mit Flattr nichts mehr zu tun haben, und Felix Schwenzel wirkt auch irgendwie unzufrieden, wobei die Argumentation bei beiden ähnlich ist: »Lohnt sich kaum.«
Ich kann das nicht nachvollziehen.
Vielleicht muss ich dazu weiter ausholen: Bloggen ist für mich schon immer eine Freizeitbeschäftigung gewesen, die zunächst mal finanziell gar nichts eingebracht hat, was sie meines Erachtens auch gar nicht muss. Texte schreiben, sich ausdrücken können und hinterher von ein paar Leuten gelesen werden, möglicherweise sogar Anerkennung zu bekommen, all das erhöht schon sehr die Lebensqualität, wofür ich durchaus bereit war und bin, einen monatlichen Beitrag zu leisten.
Irgendwann habe ich dann einen eigenen Server für 8,90 € im Monat angemietet, den ich mir bis heute mit zwei Leuten teile, für den ich also monatlich knapp 3 € bezahle. Ich habe mich vor einiger Zeit beim Amazon-Affiliate-Programm angemeldet, aber da kommt nicht viel bei herum, vor allem, weil ich hier keine große Lust auf Produktpräsentationen habe und höchstens gelegentlich mal ein gelesenes Buch vorstelle, was an Provision bei einem Taschenbuch etwa 50 Cent ausmacht.
Dann kam Flattr. Zunächst kamen von dort nur etwa 2-3 Euro, was aber immerhin meine Serverkosten deckte. Vereinzelt gab es mal einen zweistelligen Betrag, mittlerweile sind es im Schnitt immer so zwischen 8 und 15 Euro, so dass ich einen zweiten Server betreiben kann, dessen Kosten vollständig über Flattr gedeckt sind.
Und dafür erstmal an Euch ein großes: Danke!
Netzlastige und Piraten-Themen werden dabei bevorzugt geflattrt, was relativ naheliegend ist, dort sind vermutlich auch die meisten Leser selbst publizierende Flattr-Kunden. Hin und wieder klickt auch mal jemand den generellen »Lars Reineke«-Flattr-Button an, was mich immer besonders freut, weil ich das als Anerkennung für mein bisheriges »Lebenswerk« interpretiere.
Klar, es gibt auch Autoren und Podcaster wie Holger Klein und Tim Pritlove, die sich daraus ein zusätzliches Standbein geschaffen haben oder sogar davon leben können, aber deren Zeit- und Materialeinsatz ist auch ungleich höher.
Und deshalb verstehe ich nicht so ganz, warum Wiegold sich so über die Transaktionskosten mokiert und Schwenzel von »Elend« schreibt, während beide monatlich zweistellige Beträge einstreichen. Ohne Peter Sunde und sein Projekt gäb’s halt gar nix.
Dazu kommt noch die etwas überhebliche Haltung von Wiegold, dass das ja vor allem was für Amateure sei, weil für eine professionelle Tätigkeit die Abzüge viel zu hoch seien. Ja, fuck, Bloggen ist hierzulande nunmal was für Amateure, wenn du einen Scheck haben möchtest, versuch halt, dein Zeug von einem Verlag veröffentlichen zu lassen. Aber ich empfehle gutes Verhandlungsgeschick.
Ich persönlich bin jedenfalls in der komfortablen Situation, dass sich mein Hobby von alleine trägt, und darüber bin ich sehr glücklich und dankbar.
P.S.: Selber verflattre ich ca. 20 % der Einnahmen, also 3 €, käme aber nicht auf die Idee, das als entgangene Einnahmen zu sehen. Diese 3 € sind der Preis für die Mühe, die sich andere mit ihren Blogartikeln machen, und diesen Preis zahle ich gern.
Man kann 10 Euro auch sinnvoller ausgeben
von Lars Reineke am 2. Januar 2012
Zu unseren Silvestereinkäufen gehörte unter anderem so eine Knallermischung für 9,99 € mit ein paar Raketen, Böllern, Wunderkerzen und anderem Zeug. Gekauft haben wir die, weil - ja, keine Ahnung, warum. Autopilot, irgendwie sowas.
Zwei Tage vorher haben wir uns noch darüber unterhalten, dass die Jungs von heute über 50 Euro für Feuerwerk ausgäben und fanden das komplett irrsinnig. Da kamen uns 10 Euro wohl irgendwie vernünftig und angemessen vor, und wir kauften den Quatsch.
So zündete ich also um kurz nach Mitternacht vollkommen mechanisch eine Lunte nach der anderen an, ohne auch nur einer einzigen Rakete bei ihrem Aufstieg hinterher zu schauen. Ich hätte daher auch einfach der Reihe nach 6 Streichhölzer anreißen und wegschnippen können.
Danach kamen vier Knallfrösche, die jedes Mal nur ein klägliches »Patt-patt-patt« von sich gaben und deren Lautstärke ich problemlos durch einfaches In-die-Hände-Klatschen übertreffen könnte.
Einen Vulkan stellte ich versehentlich falschherum auf, so dass er nach unten sprühte. Okay, das war mein Fehler.
Dann öffnete ich eine Packung mit 50 sogenannten Feuerringen, zündete einen an, warf mich in Deckung, und es passierte praktisch nichts, außer dass es einmal kurz »Pffffrt« machte, während eine nicht nennenswerte Flamme sich einmal im Kreis bewegte. Noch 49.
Da fiel mir plötzlich auf, dass Feuerwerk stinklangweilig war.
War das damals nicht spektakulärer? Hatten die Dinger früher nicht mehr Schmackes? Oder bin ich dafür einfach zu alt geworden?
Ich entschied mich für letzteres, schenkte eine Packung Knallteufel, die man nur auf den Boden werfen muss, der 9-jährigen Tochter meines Kumpels und zündete danach die Packung mit den 49 verbliebenen Feuerringen an. Das war dann wenigstens mal für ein paar Sekunden etwas heller und sparte Zeit.
Dem Gesicht meiner eigenen Tochter, die mit Gehörschutz auf den Ohren und einem Schnuller im Mund mit einer Trage an meiner Frau befestigt war, konnte man leider auch irgendwie nicht entnehmen, ob sie das nun faszinierend fand, aber immerhin hat sie weder geweint, noch ist sie beim Explodieren der Raketen zusammengezuckt. Das ist ja schonmal was.
Falls noch jemand Wunderkerzen braucht, wir haben noch welche.
Politik als Dienstleistung
von Lars Reineke am 29. Dezember 2011
Marina Weisband schrieb kürzlich einen klugen Text darüber, dass der Anspruch, den sie an sich selber stellt, nämlich eine ansprechbare, bürgernahe Politikerin zu sein, schwer mit der Realität zu vereinbaren sei.
Zum einen gebe es da ungehobelte Menschen, bei denen Kritik und Beleidigung zumeist Hand in Hand gingen, zum anderen sind die Erwartungen, mit denen Menschen ihre ganz persönlichen Probleme an Politiker herantragen, oft viel zu hoch.
Meines Erachtens verdienen solche Leute, die nicht in der Lage sind, ihren Unmut kundzutun, ohne grob und persönlich zu werden, es nicht, für voll genommen zu werden. Sie sind bösartig und schädlich, und man muss sie bekämpfen.
Ich meine das durchaus ernst. Es gibt Leute, die kommen nicht damit klar, wenn ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit zuteilwird. Diese Leute darf man in ihrem Fehlverhalten nicht bestärken, indem man sie umwirbt, ihnen sozusagen mitteilt, einen Fehler gemacht zu haben, indem man ihr Anliegen nicht ausreichend gewürdigt hat. Denn dann lernen sie es nie, glauben womöglich sogar, dass ihr Verhalten akzeptabel sei. Das ist es ganz und gar nicht, und mir persönlich ist jeder Politiker, der deutlich »Merk mal was, nicht in diesem Ton« sagt, lieber als einer, der sich einer lautstarken, aber letzten Endes egoistischen Minderheit beugt.
Bleibt also die Sache mit den Erwartungshaltungen. Da gibt es Menschen, die fühlen sich in irgendeiner Privatangelegenheit von den Behörden ungerecht behandelt und wenden sich damit an alle Personen des mehr oder minder öffentlichen Lebens, die sie kennen. Als Erstes natürlich der Gang zum Rechtsanwalt, kann der aus welchen Gründen auch immer nicht weiterhelfen, werden die großen Fässer aufgemacht, Bundestagsabgeordnete angeschrieben, für komplett abgehoben befunden und vorm Europäischen Gerichtshof geklagt.
Ganz wichtig: Jede noch so kleine Partei, die sich im eigenen Heimatort gründet, wird sofort aufs Umfassendste über die Angelegenheit informiert und hat sich gefälligst der Sache anzunehmen, ansonsten ist sie unglaubwürdig, nicht bürgernah und ohnehin schon genauso verkommen wie »die Etablierten«.
Das ist jetzt sicher ein Extrembeispiel (wenn auch leider kein aus der Luft gegriffenes), aber ich glaube, es ist Ausdruck eines der grundlegenden Probleme unseres politischen Systems, nämlich fehlende Zuständigkeit und Zeitversatz.
Während erfolgreiche Dienstleister die Notwendigkeit erkannt haben, ihren Kunden sowohl klar definierte Beschwerdekanäle anzubieten als auch ihre Anliegen in angemessener Zeit zu bearbeiten, fehlt dieses Qualitätsbewusstsein an vielen Stellen im politischen Betrieb völlig.
Wenn bei einem Onlineversandhandel ein Paket verloren geht, weiß ich als Kunde sofort, wo ich anzurufen oder wem ich eine Mail zu schicken habe. Sobald ich das getan habe, bekomme ich eine sofortige Rückmeldung, ich weiß also, dass mein Anliegen bearbeitet wird.
Was aber, wenn ich der Ansicht bin, ein Gesetz oder eine Verordnung sei ungerecht? An wen wende ich mich da? Politik? Verwaltung? Kennen die Bürger überhaupt den Unterschied? Und kann man ihnen zumuten, diesen kennen zu müssen?
Wenn Amazon wie unser politisches System agieren würde, müsste man für die Bestellung eines Harry-Potter-Romans erst mal das Organigramm des Unternehmens studieren, den zuständigen Lageristen für Taschenbücher von G-I ausfindig machen, diesem die Bestellung per Fax schicken, und ob das Buch überhaupt lieferbar ist, würde man in der Tagesschau nach 2 Jahren erfahren.
Womit wir beim Zeitversatz wären. Dass ich als Bürger ein Problem habe, merke ich üblicherweise erst, wenn es mich betrifft.
Solange ich kein Auto habe, muss ich mich nicht für Umweltzonen interessieren. Und was nützt es mir, jetzt eine Petition für mehr Kita-Plätze ins Leben zu rufen, wenn meine Tochter nach Beendigung des Petitionsverfahrens kurz vor der Einschulung steht?
Das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Politik folgt daher meines Erachtens aus zwei Faktoren: dem Unwissen, an wen ich mich zu wenden habe und der Unsicherheit, ob und wann mein Anliegen bearbeitet wird.
Wir brauchen daher so etwas wie eine Bürgerhotline, an die sich jeder einerseits bei Problemen öffentlicher Art wenden kann, die jedoch auch unmissverständlich Auskunft gibt, wer stattdessen zuständig ist, wenn das jeweilige Anliegen dort nicht bearbeitet werden kann. Zum anderen ist es unabdingbar, dass der Bearbeitungsstatus von Anträgen, die von Seiten des Bürgers an Politik und Verwaltung gestellt werden, für den Antragsteller jederzeit nachvollziehbar ist.
Wir müssten also Politik als eine effizient zu erbringende Dienstleistung betrachten. Das wird nicht einfach sein. Aber das hat ja auch keiner behauptet.






