Im Dienste der Wissenschaft

von Lars Reineke am 16. Mai 2012 | Lesedauer: 4 Minuten

Viele Leute haben mich in letzter Zeit gefragt: »Sag mal, Lars, was macht eigentlich so ein LiquidFeedback-Beauftragter?«

Das stimmt zwar nicht, wäre aber ein guter Einstieg gewesen, weil ich dann darauf hätte antworten können: »Vor allem erklärt er den Leuten, wie Liquid Feedback funktioniert.«

Denn genau das habe ich in letzter Zeit gemacht. Zweimal habe ich das bisher vor einem Publikum getan, das fast ausschließlich aus Mitgliedern der Piratenpartei bestand, was mir bereits großen Spaß gemacht hat.

In den vergangenen anderthalb Wochen hatte ich jedoch nun zweimal die Gelegenheit, diese Software einer Zuhörerschaft vorzustellen, die zum einen nicht unbedingt aus Piratensympathisanten besteht und zum anderen praktisch keine Vorstellung hatte, wie Liquid Feedback funktioniert. Das Ergebnis war beide Male außerordentlich motivierend.

Am Mittwoch vor einer Woche war ich Dank der Vermittlung von @Kine_H an der Hochschule Osnabrück, an der sich die Studierenden im Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften im Rahmen einer Blockwoche mit dem Thema »Direkte Demokratie« befassten. Sie hatten sich am Vormittag mit der Piratenpartei selbst beschäftigt, und so stand ich dann ab 14:00 Uhr der etwa 20-köpfigen Gruppe, die zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern bestand, sozusagen als Anschauungsexemplar zur Verfügung.

Eigentlich war ich nicht darauf aus, dort in exzessivem Maße Parteiwerbung zu betreiben, daher habe ich zunächst meinen Vortrag gehalten, zwischendurch einige Fragen beantwortet und im Anschluss mit Hilfe meiner Virtualbox die etwa zwanzigjährigen Teilnehmer auf meine Liquid Feedback-Testinstanz losgelassen. Sie sollten beliebige Initiativen erstellen, die sie dann gegenseitig unterstützen, mit Anregungen und Gegeninitiativen versehen sollten, und die dann zum Schluss abgestimmt werden sollten.

Als Hauptdarsteller vorne auf der Bühne lässt sich sowas ja immer schwer beurteilen, aber ich hatte schon aufgrund der Fragen, die gestellt wurden, aber auch wegen der regen Teilnahme beim Planspiel durchgängig das Gefühl: Da sind einige gerade ziemlich fasziniert von dem, was wir in unserer Partei so treiben.

Gastgeschenk

Auch den Initiativen, die von banalen Dingen wie »besseres Mensaessen« bis hin zu ganz konkreten Wünschen an die Hochschule reichten, war irgendwie anzumerken, dass manch einer der Anwesenden im Hinterkopf hatte: »Solche Partizipationsmöglichkeiten hätte ich hier auch gern.«

Auch das anschließende Gespräch mit Professor Heußner war noch sehr interessant, und da ich offenbar - trotz kleinerer technischer Probleme - bei meinem Debut als Gastdozent an einer Hochschule nicht komplett verkackt habe, bekam ich noch (s)ein Buch zum Thema »Direkte Demokratie« geschenkt, was mich ungemein gefreut hat.

Und Werbung für die Piraten musste ich im Nachhinein betrachtet auch gar nicht unbedingt machen, das hat Liquid Feedback für mich erledigt.

Gestern war ich wiederum mit unserem Spitzenkandidaten in Niedersachsen, Meinhart Ramaswamy, Ingo (@sinegravitate) und David (@david_web1) an der Universität Göttingen eingeladen, um dort Prof. Dr. Reese-Schäfer, einigen Doktoranden und weiteren Politikwissenschaftlern unser LiquidFeedback-System vorzustellen.

Dort war zwar alles etwas förmlicher - es wurde gesiezt - und vor allem waren die Teilnehmer wesentlich kritischer (aber auch informierter) als noch in Osnabrück, aber ich glaube, wir haben auch da einen ziemlich guten Eindruck hinterlassen. Nachdem ich meinen Vortrag im Dieter-Thomas-Heck-Style absolviert hatte, zeigte Ingo anhand eines anonymisierten Auszuges der Bundesinstanz, wie das System im wirklichen Leben aussieht, und wir beantworteten alle zusammen die zum Teil sehr anspruchsvollen Fragen, die uns von den Teilnehmern gestellt wurden.

Da ich leider noch über 1,5 Stunden Rückfahrt zu absolvieren hatte und heute wieder früh raus musste, hatte ich nicht mehr die Gelegenheit, noch sehr viel länger zu bleiben, aber bereits die Gespräche, die ich direkt im Anschluss an die Veranstaltung mit verschiedenen Teilnehmern führte, machten mir deutlich, dass wir mit dem System »Liquid Democracy«, dem Prinzip der Mischung aus Basisdemokratie und der Arbeitsteilung durch Delegation, an etwas ziemlich Großem dran sind.

Vieles von dem, was wir da mit Liquid Feedback machen, ist auch für die Fachleute zum Teil so neu, dass es dazu noch gar keine wissenschaftlichen Forschungen gibt. Umso faszinierender ist es für mich, an diesem Prozess teilzuhaben, und ich war nach beiden Veranstaltungen jedesmal geneigt, zu sagen: »Ohne Liquid Feedback sind die Piraten eine Partei wie jede andere.«

Dass ich als jemand, der damals vor allem aus finanziellen Gründen nicht studiert hat, dadurch die persönliche Gelegenheit hatte, in nur 7 Tagen zweimal als Gastdozent vor einem wissenschaftlichen Publikum zu referieren, freut mich natürlich ganz besonders, und ich müsste lügen, wenn ich bestreiten würde, dass ich darauf nicht auch ein kleines Bisschen stolz bin.

re:publica 12

von Lars Reineke am 7. Mai 2012 | Lesedauer: 6 Minuten

Nachdem ich im vergangenen Jahr aus biologischen Gründen nicht zur re:publica fahren konnte, hat es diesmal wieder geklappt. Es macht schon Spaß, den ganzen Leuten, die man das Jahr über nur liest, auch mal wieder persönlich zu begegnen, bei einigen hat mich das Treffen jedoch besonders gefreut, aber dazu später mehr.

Erstmal zur Veranstaltung selbst. Die neue Location, die »Station« am Gleisdreieck in Berlin ist riesengroß, und so langsam bekommt das ganze Ding jetzt auch wirklich den Charakter einer Konferenz. Das macht es etwas unpersönlicher als früher in der Kalkscheune, aber man kommt wenigstens in die einzelnen Sessions, ohne sich vorher 30 Minuten anstellen zu müssen, was ein Riesenvorteil ist.

Wo wir dann auch gleich beim Thema wären, nämlich die Sessions, die ich besucht habe (und ein wenig drumherum).

Tag 1:

»Ich glaube, wenn Du den Kopf triffst, sind die am meisten tot«

Klingt lustig, war es dann aber irgendwie doch nicht. Dr. Judith Ackermann hat Computerspielern beim Spielen zugehört und analysiert, wer was wann zu wem sagt. Am Ende hat mir irgendein Fazit gefehlt. Außer »die Tochter übersetzt das automatisch für die Mutter, weil sie davon ausgeht, dass die Mutter unerfahren ist«, blieb davon aber nicht viel bei mir hängen.

Deliberation 3.0

Wer vorher nicht wusste, was Deliberation ist, war hinterher auch nicht schlauer, aber hatte wenigstens mal erfahren, dass die Piraten Liquid Feedback benutzen, und dass es auch sowas wie Adhocracy gibt, hat aber weder mal einen Einblick in eines der Tools bekommen, noch die Unterschiede kennengelernt.

Dafür konnte ich aber mal Julia Schramm live erleben, die tatsächlich ganz sympathisch rüberkam und direkt auf meinen Vorwurf antwortete, sie solle doch den anderen Talkgästen zuhören, statt sich mit ihrem Smartphone zu beschäftigen. (Es stellte sich heraus, dass das Teil ihrer Vorbereitung war, weil sie kurzfristig einspringen musste.) Aber letztlich hat sie auf dem Podium vernünftige Antworten gegeben und hat sich auch das Soziologengeschwafel verkniffen.

Dafür aber sprang vor mir ständig Julia Seeliger (@zeitrafferin) auf und ab, meldete sich heftig (kurz vorm Fingerschnipsen) und wollte auch mal was sagen, was sie dann auch lang und breit tat, um ihrer Rolle als Auch-mal-was-sagen-Wollende gerecht zu werden.

Aber zu ihr komme ich später auch nochmal.

Anonymous!

Eine Talkrunde, die leider (ich hatte nicht genau genug hingesehen) aus Englisch sprechenden Deutschen bestand (bis auf einen Amerikaner), was insbesondere die eine Wissenschaftlerin in der Runde hörbar überforderte, so dass man ihr vor lauter »Eehm« kaum folgen konnte. War ansonsten aber ganz interessant und erlaubte verschiedene Sichtweisen auf die Aktionen des Hackerkollektivs.

Make Love Not Porn

Cindy Gallop bewirbt ihr Projekt, bei dem es darum geht, jungen Leuten beizubringen, dass das, was man in Hardcorepornos sieht, nicht zwangsläufig den standardmäßigen Sexualakt wiederspiegelt. Die glauben das nämlich angeblich. Da würde mich mal interessieren, ob die jungen Leute in Deutschland das genauso sehen, oder ob der schulische Sexualkundeunterricht (und die BRAVO) hierzulande bereits das Schlimmste verhindert hat.

Die ultimative Talkshow

Unter anderem mit Christopher Lauer (@schmidtlepp). Am Anfang ganz witzige Persiflage auf heutige Talkshowformate, nach 10 Minuten aber entsetzlich langweilig, weil sich das alles dann bereits abgenutzt hat.

Danach war erstmal Party angesagt.

Tag 2:

Warum Podcasts funktionieren

Tim Pritlove erläutert die Vorteile von Podcasts und beschreibt, wo sie ihre Nische gefunden haben. Außerdem stellt er einige Entwicklungen vor, die den Weg Richtung »Audio Web« weisen könnten. Hinterher hatte man sofort wieder Lust, einen Podcast aufzunehmen, und Tim Pritlove ist ohnehin ein sympathischer Typ.

Telekom hilft

Das Team von @Telekom_hilft beschreibt die Erfahrungen mit ihrem Social Media Support und hinterlassen einen (zumindest für mich) ebenso guten Eindruck wie der Twitteraccount. Anstrengend fand ich nur die ganzen Businesskasper aus dem Publikum, die den Vortrag durch ständige Fragen unterbrachen.

Dann habe ich erstmal ausgenutzt, dass ich direkt im Hotel auf der anderen Straßenseite untergebracht war, kaufte ein Stück Internet, lungerte ein wenig vorm Rechner herum, legte mich eine Stunde aufs Ohr, ging zum Lidl, um Proviant für die Minibar aufzufüllen und aß eine nicht sehr gute Pizza am Spreeufer, dafür gab’s aber frisch gezapftes Bier dazu. Auf dieser Basis traf ich mich dann wieder auf der re:publica mit @rouven und besuchte den

Webvideopreis FAIL-Award,

bei dem das schlechteste Webvideo des Jahres gekürt wurde. »Gewonnen« hat das Video »Praktikum bei BMW«. Obwohl ich die Social Media Coaches auch geil fand.

Royal Revue mit dem Guten Tag Team

@Nilzenburger und @Hermsfarm machten irgendwas und waren dabei sehr lustig, bis das obligatorische Bingo-Spiel begann, dann wurde es langweilig.

Später dann wieder Party.

Tag 3:

Onlinestreitigkeiten

Ich dachte, es würde um Mailinglisten und Foren gehen, aber Hauptthema war leider nur, wie man Streitigkeiten bei eBay-Bewertungen löst: Mit einer Jury. Tadaa.

Wie Brettspielentwickler Gesetze machen

Das war mit Abstand der beeindruckendste Vortrag der diesjährigen re:publica. @zeitweise alias Marcel-André Casasola Merkle ist Brettspielentwickler und erklärt, wie sich das Entwerfen von Regeln in der Spielwelt auf Gesetzgebung anwenden lässt. Tolles Beispiel war ein Monopoly-Spiel, das 4 Stunden dauert, bei dem man nicht mehr gewinnen, nicht mehr handeln, aber auch nicht aussteigen kann, was ganz gut beschreibt, wie es sich als Hartz-IV-Empfänger lebt. Und weil sowas heutzutage keiner mehr spielen würde, würden viele Spieleentwickler ein Bedingungsloses Grundeinkommen einbauen, bei dem man in jedem Spielzug neue Rohstoffe bekommt, um am Spiel teilhaben zu können. Wie @beapirate richtig schrieb: »Der @zeitweise schafft es Werbung für die #piraten zu machen ohne sie ein einziges Mal zu erwähnen.«

Genau so war’s. Grandios.

soylent green, äh, the internet is people

Felix Schwenzel lobt das Internet und macht das gewohnt verpeilt aber sehr lustig.

Danach war für mich dann wieder Mittagspause angesagt, es gab ein Mittagsmenü unter den Linden bei Maredo. War ganz ok, aber das Rinderhüftsteak war lächerlich klein.

Standardsituationen der Technologiebegeisterung

Kathrin Passig wirkt auch nicht so richtig von dieser Welt, analysiert aber präzise, was um sie herum vorgeht. Diesmal spricht sie von Fehlprognosen positiver Art, die sowohl der Eisenbahn, der Telegrafie als auch der Atombombe bescheinigten, den Weltfrieden zu bringen. (Was sich bekanntermaßen als falsch erwies.) Ganz amüsant, aber die Vortragsweise ist schon sehr distanziert, und das Thema war dann auch recht bald ausgezehrt.

Und dann war das offizielle Programm auch schon wieder vorbei. Drei Tage vergehen auf der re:publica wirklich verdammt schnell, was nach wie vor ein Qualitätskriterium für sie ist. (Naja, und für Berlin.)

Schade fand ich, dass Anke Gröner und ich uns verpasst haben. Mit @ohaimareiki hätte ich mich auch gerne mal unterhalten, aber die traf ich dann erst relativ spät am Freitag, und da hatte der Wodka von @jensscholz bereits seine Wirkung bei mir getan, so dass es vielleicht ganz gut war, dass sie gerade in Eile war.

Dafür habe ich mich allerdings sehr gefreut, mal den Bruder von Jens, nämlich @svenscholz zu treffen. Sehr angenehmer Zeitgenosse, mit dem ich mich - er ist Musiker - unter anderem ein Weilchen über Verwertungsrecht und GEMA unterhalten habe. Bei dem Thema würde ich in Liquid Feedback auf ihn delegieren.

Apropos LQFB: Es war mir eine Freude, @acid23 mal persönlich zu treffen, der zusammen mit mir (und anderen) den Berliner LiquidFeedback-Server administriert, auf dem auch die Instanzen der anderen Landesverbände laufen. Netter Kerl.

Außerdem traf ich @beapirate, der übrigens auch ein sehr angenehmer Mensch ist, im Gegensatz zu beispielsweise Joseph Goebbels.

Wirklich positiv überrascht war ich aber von Julia Seeliger, alias @zeitrafferin, mit der man sich, wenn sie sich gerade nicht in ihrer politisch-journalistischen Rolle befindet, sehr angenehm und unaufgeregt unterhalten kann. Das hat mich mal wieder darin bestätigt, dass Onlinekommunikation in manchen Fällen vollkommene Zeitverschwendung ist, worum es dann auch in unserem Gespräch ging.

Aber wahrscheinlich geht das vielen Leuten auch mit mir so, was mich zum Fazit bringt: Sprecht mehr miteinander. Ohne Tastatur und so.

Und allein dafür hat sich die re:publica auch diesmal wieder gelohnt. Danke, @spreeblick, hat mich auch diesmal wieder sehr gefreut, Dich zu treffen. (Und fast hätte ich @bjoerngrau vergessen. Bis bald mal wieder!)

Abwehrkräfte

von Lars Reineke am 23. April 2012 | Lesedauer: 2 Minuten

Ihr kennt das: Die ersten Sonnenstrahlen kommen heraus, es wird allmählich wärmer, und kaum ist es soweit, dass man draußen im Café sitzen kann - fängt man sich eine fette Erkältung ein.

So ähnlich geht es zur Zeit der Piratenpartei.

Gerade im Umfragehoch, schon beginnen einige Mitglieder, nur noch Rotz zu produzieren oder hängen sich an einen Wirt, der einfache Verbreitung verspricht.

Schwachsinnige Ideologien sind ziemlich ansteckend. Sie bieten einfache Lösungen für komplizierte Probleme, und wenn man nicht aufpasst, infiziert man sich damit. Der eine glaubt, dass man einfach nur den nahen Osten bombardieren müsse, dann sei da endlich Ruhe, eine andere hält es für ok, »ausländerkritisch« zu sein, wieder jemand anderes glaubt, man könne Greueltaten einfach arithmetisch gegeneinander aufrechnen.

Sowas schwächt einen Organismus erstmal, zweifelsohne, aber er geht daraus in aller Regel besser gerüstet daraus hervor, weil kleinere Krankheiten das Immunsystem trainieren und so - auch ungewollt - zur Stärkung beitragen.

Ja, die Partei ist krank, aber bei weitem nicht unheilbar. Das Immunsystem funktioniert, die Abwehrmechanismen arbeiten, was zuweilen mit erhöhter Temperatur einhergeht, aber für den Organismus alles andere als lebensbedrohlich ist.

Die Abwehrmechanismen gegen solche Ideologien können - wie auch die Abwehrkräfte in einem kranken Körper - manchmal überreagieren. Das ist unangenehm, aber es ist wichtig, damit sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten kann. Darum darf man nicht zu früh das Fieber senken, manchmal muss man eine Krankheit auch einfach ausheilen lassen.

Denn ein starkes Immunsystem bekommt man nicht einfach so, das muss man sich antrainieren. Dann können einem ideologische Infektionskrankheiten kaum noch etwas anhaben.

Wichtig ist es, dass man nicht den Fehler begeht, den zu verdammen, der die Krankheit diagnostiziert, vor allem dann nicht, wenn derjenige bereits reichlich Erfahrung auf diesem Gebiet hat. Es gibt natürlich gute und schlechte Diagnostiker, und man muss manchmal eine zweite Meinung einholen.

Das ist hin und wieder ärgerlich, denn wer will schon gerne krank sein, vor allem, wenn man noch so jung ist und lieber mit den anderen draußen etwas unternehmen möchte?

Aber sehen wir es positiv: Ein ideologische Infektionskrankheit geht vorbei und lässt sich in der Regel gut behandeln, wenn man die Warnzeichen beachtet.

Seien wir froh, dass es nicht schwerwiegende oder sogar lebensbedrohliche Krankheiten wie Käuflichkeit und Bürgerferne sind, unter denen wir Piraten zu leiden haben. Die wird man nur ganz schwer wieder los.

Wen ich nicht wählen werde

von Lars Reineke am 20. April 2012 | Lesedauer: 3 Minuten

Am Wochenende ist Landesparteitag und Aufstellungsversammlung der Piraten Niedersachsen. Das heißt, morgen und übermorgen wird sich entscheiden, wer für die Piraten in diesem Bundesland auf der Landesliste stehen wird.

Die Kandidatenliste ist lang. Sehr lang. Es wird schlimm werden. Einigen Bewerbern fehlt offenbar jegliche Fähigkeit zur Selbsteinschätzung. Aber da müssen wir durch.

Ich hätte eigentlich wichtige private Verpflichtungen, aber ich muss da hin, zumindest am Samstag, um das Schlimmste zu verhindern.

Ja, das klingt überheblich. Aber ich kann mir Überheblichkeit leisten, ich kandidiere schließlich nicht.

Hier nun ein paar Beispiele für Kandidaten, die ich ganz sicher nicht wählen werde.

  • Holocaustleugnungserlaubnisbefürworter. Geht kacken.
  • Ausnahmslos jeden, der mit Verschwörungstheorien aufgefallen ist, ob nun als Fan irgendwelcher Esoterikautoren oder innerparteilich, indem behauptet wurde, dass der Landesvorstand missliebige Kandidaten unterdrücken würde. Da gibt’s übrigens Schnittmengen zum ersten Bulletpoint.
  • Jeden, der bis 31.03. noch nicht auf der Liste stand. Mal eben spontan Landtagsabgeordneter werden? Geht’s noch?
  • Jeden, der Mitglied wurde und sich unmittelbar danach oder sogar gleichzeitig auf die Kandidatenliste gesetzt hat. Ich bitte euch, was für Trittbrettfahrer seid ihr denn?
  • Jeden, der auf der Versammlung ausrastet, Niederlagen nicht akzeptiert oder sonstwie dadurch auffällt, dass er sein eigenes Fortkommen über das der Partei stellt. Egomanen haben wir ohnehin schon genug, die brauchen wir nicht auch noch als Mandatsträger.

Es gibt zudem einige Kandidaten, die ich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wählen werde.

  • Alle Kandidaten, die nicht länger als ein halbes Jahr Parteimitglied sind. Ich weiß, dass ich damit einigen Unrecht tue, mit Sicherheit ist da auch der eine oder andere darunter, der wirklich brauchbar wäre. Hier geht’s aber um eine Risikoabwägung.
    Wenn ich von euch nicht weiß, wie ihr unter Stress reagiert, wie ihr mit Passanten am Infostand redet, welche Positionen ihr vertretet und wie einsatzfreudig ihr seid, dann kann ich euch nicht wählen. Und ich gehe lieber das Risiko ein, dass einzelne gute Leute von euch nicht in den Landtag kommen, als dass ich auch nur einen einzelnen Totalausfall 5 Jahre lang nicht mehr loswerde.
    Kann aber sein, dass mich jemand doch noch überzeugt oder einen guten Leumund vorweisen kann. Sehen wir dann.
  • Kandidaten, die den Mund nicht aufbekommen oder unsicher werden, wenn man sie direkt anspricht. Ich will keine aalglatten Selbstdarsteller, aber das Selbstbewusstsein sollte schon soweit reichen, dass man eine klare Antwort bekommt.
    Es gibt natürlich auch Bewerber, denen das Schreiben mehr liegt als das Reden und die eher in der Lage sind, Sachverhalte in Ruhe zu analysieren. Das muss sich aber auch in ihrer schriftlichen Kandidatenvorstellung wiederspiegeln.
  • Alle, die sich nicht die Mühe gemacht haben, ihre Kandidatenvorstellung auszufüllen. Ja, einige sind anderweitig sehr aktiv. Aber wenn da heute, einen Tag vor der Versammlung, immer noch »Vorstellung folgt bald« drinsteht, muss ich davon ausgehen, dass ihr schlecht organisiert oder faul seid. Beides sind nicht unbedingt Eigenschaften von Kandidaten, die ich gerne wählen möchte.
  • Vehemente LiquidFeedback- und LQFB-Delegationsgegner. Wer das Potential eines Systems nicht erkennt, das es ermöglicht, zu jeder Zeit Meinungsbilder der Parteibasis an ihre parlamentarischen Vertreter zu übermitteln, der hat entweder Basisdemokratie nicht verinnerlicht oder glaubt ernsthaft, jeder Pirat (auch er oder sie selbst) könne Experte in allen Themenbereichen sein. Beides Positionen, die auf Selbstüberschätzung schließen lassen. Wähle ich auch eher nicht.

Das klingt jetzt alles pessimistischer als ich bin. In den drei Jahren, in denen ich Mitglied dieser Partei bin, habe ich auf Parteitagen, Demos und anderen Veranstaltungen einige sehr kompetente und vor allem sympathische Menschen kennengelernt, die sich insbesondere durch drei Eigenschaften auszeichnen:

  • Sachlichkeit und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Meinungen
  • Neugier und die erklärte Bereitschaft, sich in fremde Wissensgebiete einzuarbeiten
  • Demut und die Fähigkeit, zu erkennen, wann man seine eigenen Interessen hintenanstellt

Ich werde diese hier nicht nennen, aber es sind genug Leute für ein zweistelliges Wahlergebnis. Man muss ja mit dem Schlimmsten rechnen.

Zum Ausgleich eine langweilige Überschrift

von Lars Reineke am 16. April 2012 | Lesedauer: 6 Minuten

Eigentlich wollte ich mich zu dieser ganzen Urheberrechtsgeschichte nicht mehr auslassen, weil schon so viel Schlaues (aber auch viel Blödsinn) darüber geschrieben wurde.

Nun hat aber Volker Strübing das mittelmäßige »101 Piraten für ein neues Urheberrecht«-PR-Brimborium1 kommentiert, und da ich Volker sehr schätze und auch schon Bier mit ihm trank, will ich dann doch noch ein paar Anmerkungen loswerden.

Erstmal: Er hat in großen Teilen vollkommen Recht. Was da an halbgarem Zeug herausgeblasen wurde, widerspricht dem Grundsatz »Erstmal nachdenken.« an mehr als nur einer Stelle. Ich habe mich mit den 101 Statements auf der Seite der Piratenpartei ehrlich gesagt nicht weiter beschäftigt, weil ich sie als reflexhafte Replik auf die Handelsblatt-Propaganda angesehen habe. (Ich will nicht behaupten, dass ich meine eigenen Beiträge immer auf die Goldwaage lege, aber ich behaupte auch nicht grundsätzlich, Parteimeinung zu vertreten.)

Aber zum Thema.

Viele Jahre habe ich meinen Lebensunterhalt mit 150 bis 180 Auftritten pro Jahr bestritten, in den letzten Jahren wirkte ich an drei Produktionen für das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit und lebte zu einem wichtigen Teil davon.

schreibt Volker, und abgesehen davon, dass jeder Vollzeitarbeitnehmer ca. 250 Arbeitstage im Jahr (abzüglich Urlaub) abzuleisten hat, ist er (also Volker) offenbar bereits in den Genuss der Vorteile einer Kulturflatrate gekommen. Nichts anderes ist die Rundfunkgebühr nämlich, und genau darum geht’s: Ich finde (auch als Pirat) Rundfunkgebühren vollkommen super. Ernsthaft. Ich muss zwar damit leben, dass davon auch totale Grütze produziert wird, die man nur mit einem Nagel im Kopf ertragen kann, aber andererseits ermöglichen sie eben auch Produktionen wie die, an denen Volker beteiligt war, und die beiden, die ich gesehen habe2, waren toll (und vermutlich im Privatfernsehen so nicht möglich).

Aber - und da bin ich mir mit Volker offenbar einig - die Auswüchse, die das ganze Inkassosystem GEZ hervorgebracht hat, mit Schnüffelei und Strafzahlungen und größtmöglicher Arschlochie, sind etwas, das ich (nicht nur als Pirat) zutiefst verabscheue.

Doofes Dilemma irgendwie.

Außerdem war ich überrascht, dass Volker (vielleicht aus leidvoller Erfahrung) ein irgendwie misstrauisches Menschenbild beschreibt, was zumindest dem der meisten Piraten, die ich kenne, diametral entgegensteht.

Vereinfacht gesagt, könnte man unseres (zumindest das, dem ich versuche, nachzuhängen) mit »Behandle Menschen wie Erwachsene, dann verhalten sie sich auch so« umschreiben. (YouTube-Kommentatoren ausgenommen.)

Um das mal zu verdeutlichen, er schreibt:

Als ich vor einigen Jahren sehr viel Musik in Tauschbörsen runterlud, kaufte ich mehr CDs als in irgendeiner Zeit sonst in meinem Leben – CDs von Bands, die ich dort entdeckt hatte. Wenn ich nur nicht glauben würde, dass Herr Endrigkeit3 und ich da insgesamt doch eher Ausnahmen sind…

Übersetzt heißt das: Er hat trotz Tauschbörsen vollkommen korrekt CDs wie verrückt gekauft, aber allen anderen kann man nicht trauen.

Genau das ist einer der Gründe, warum so viele Leute ein bedingungsloses Grundeinkommen ablehnen: Ich würde natürlich in meinem Job weiterarbeiten, aber alle anderen? Niemals. Und deshalb müssen logischerweise Sozialleistungen an Bedingungen geknüpft werden.

Oder eben Tauschbörsennutzer verklagt.

In dem Zusammenhang ist vielleicht erwähnenswert, dass ich mindestens eine Person persönlich kenne, die Volkers Artikel per Twitter weitergeleitet und sich auch sonst bislang im Bezug aufs Urheberrecht eher konservativ geäußert hat, von der ich aber auch weiß, dass sie offenbar überhaupt kein moralisches Problem damit hatte, den Napster-Bezahlaccount und die Musiksammlung eines Mitbewohners mitzubenutzen. Weiß der Geier, wie das zusammenpasst.

Auf einen anderen Punkt möchte ich auch noch kurz eingehen. Volker zitiert zunächst und schreibt:

Ich als Pirat möchte, dass Kreative von ihrer Arbeit leben können. Darum zahle ich gerne für Werke, die mir gefallen. Künstler, die ihre Fans verklagen, weil sie ihre Werke im Netz tauschen, werden von mir aber niemals einen müden Cent sehen.

Stell dir vor, du gehst ins Restaurant und zahlst anschließend einen von dir selbst gewählten Betrag, aber nur, wenn du beschließt, dass das Essen dir auch wirklich etwas wert war und wenn der Wirt noch keinen Zechpreller angezeigt hat. Jawohl, das kann man vergleichen.

Nee, kann man eben nicht. Erstens schreibt der Pirat nichts darüber, dass er den Betrag selber wählen will. Außerdem steht da nichts davon, dass er das erst nach dem vollständigen Konsum (also praktisch, nachdem er den Teller leergegessen hat) entscheiden möchte, sondern er möchte zumindest beurteilen können, ob ihm das Werk gefallen wird.

Und genauso würde jeder, dem man im Restaurant abgelaufenen Tintenfisch serviert, die Zahlung der Dienstleistung verweigern. Falls man ein Restaurant überhaupt aufsuchen würde, bei dem der Wirt auf der Toilette Videokameras installiert hat und alle verklagt, die dort heimlich ein TicTac einwerfen.

Ein sinnvoller Vergleich zur derzeitigen Situation wäre eher, dass ich für ein Rahmschnitzel mit Kroketten 40 Euro bezahlen muss, weil die Werbung für die Pommesbude nebenan so teuer war, ich selber kein ähnliches Schnitzel zubereiten darf (nichtmal mit Pommes) und außerdem für den Kauf eines Tellers bei IKEA eine Leergeschirrabgabe zahlen müsste, weil ich ja möglicherweise doch ein Schnitzel drauflegen könnte.

An vielen anderen Stellen stimme ich allerdings mit Volker überein: Dieser ganze »Ich-will-aber-nur-dem-Künstler-was-geben-und-nicht-den-gierigen-Kapitalisten«-Quatsch ist - nun ja - Quatsch eben. Wenn ein Urheber gerne sämtliche Verwertungsrechte seines Werkes an irgendjemanden abtreten möchte, damit der dann FDP-Wahlwerbespots damit unterlegt: Tja, soll er halt, daran werden ihn auch die Piraten nicht hindern.

Wenn Schriftsteller wie Volker nicht zugleich Lektor, Vertriebler und Businesskasper sein wollen, ist das nur verständlich. Nur müssen sie dann eben damit leben, dass von ihren Einnahmen ein beträchtlicher Teil an eben diese Dienstleister abgeführt wird. Auch das werden die Piraten nicht abschaffen (und wollen das auch gar nicht).

Am Ende zählt nämlich nicht, was in einer Blutsturzaktion beliebig zusammengewürfelte Piraten für persönliche Statements zum Urheberrecht abgeben, sondern das, was der Bundesparteitag beschließt.

In keinem Beschluss, den ich kenne, steht, dass die Piraten Verwertungsgesellschaften abschaffen wollen. Man will ihnen nur nicht länger dabei zusehen, wie sie bzw. ihre Lobbyverbände den politischen Entscheidern eine Bürgerrechtsverletzung nach der anderen abschwatzen, um Verwertungsmodelle zu sichern, die auf die Entwicklung der letzten 20 Jahre keine Rücksicht genommen haben.

Und damit sei dann auch Volkers abschließende Bitte nach der Piratenposition erfüllt:

Vielleicht werde ich sie eines Tages sogar selbst wählen, aber vorher wüsste ich gern, wofür sie nun wirklich eintreten – insbesondere natürlich bei Themen, die mich konkret und existentiell betrefffen.

Das steht hier und auf 21 PDF-Seiten hier.

Lesen muss man’s natürlich selbst.

  1. Muss ich auch öfter mal schreiben, schreibt sich gut, das Wort. Brimborium. []
  2. Affiliate-Links []
  3. Ein Pirat, auf dessen Aussage er sich bezieht. []

Warum Mailinglisten so scheiße sind

von Lars Reineke am 11. April 2012 | Lesedauer: 7 Minuten

Gestern habe ich ja bereits grob angerissen, dass themenoffene Mailinglisten komplett überflüssig sind. Heute will ich das mal anhand eines Beispiels verdeutlichen.

Dazu habe ich einen einzigen Thread aus der Aktiven-Mailingliste Niedersachsen genommen, an dem ich auch beteiligt war und habe mir den (zweifelhaften) Spaß gemacht, jede einzelne Mail zu ihrem Vorgänger in Beziehung zu setzen und auf wenige Stichwörter einzudampfen. Das war nicht ganz einfach und hat sicherlich auch an der einen oder anderen Stelle zu sehr starken Reduzierungen in der Aussage geführt, aber das ließ sich nicht vollständig vermeiden.

Zunächst mal die vollständige Grafik (Klick macht’s (sehr) groß):

(Direktlink in neuem Tab öffnen)

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Schluss mit Mailingliste

von Lars Reineke am 10. April 2012 | Lesedauer: 4 Minuten

(Achtung, sehr piratenlastig.)

Die folgende Mail habe ich heute an die Mailingliste »Aktive-NDS« der Piratenpartei Niedersachsen geschrieben. Wenn ich mir die sporadischen Einblicke in andere Landesverbandslisten (und vor allem natürlich die Bundesliste) so anschaue, die sich durch verschiedene Tweets ergeben, zeichnet sich ein durchgängiges Bild ab:

Die themenoffenen Mailinglisten sind vollkommene Zeitverschwendung und gehören so schnell wie möglich abgeschafft, vor allem deshalb, weil niemand an einem Diskurs interessiert ist, sondern nur daran, seine eigene Position zu befestigen, aus Sorge, man könne sein Gesicht verlieren, wenn man sich von irgendetwas überzeugen lässt.

Hallo,

mit meiner LQFB-Beauftragung vor fast genau 3 Monaten hatte ich es mir zur Verpflichtung gemacht, hier auf der Mailingliste ab und an aktiv mitzuschreiben, vor allem, um Fragen zu Liquid Feedback zu beantworten.

Die Idee, das hier auf der Liste zu tun, habe ich nun endgültig begraben. Die Erkenntnis hat zugegebenermaßen etwas auf sich warten lassen.

Es ging damit los, dass bei ausnahmslos jeder Ankündigung und Zwischenstandsmeldung über den Status der Systemeinrichtung irgendjemand sich berufen gefühlt hat, erstmal lang und breit zu erklären, warum das System scheiße ist, wie man (irgendwer?) das viel besser machen könnte, aber dass man das ja eh nicht machen sollte, weil das System tot sei und es lohne sich nicht, daran noch weiterzuarbeiten. Ernsthafte Alternativen, wie man angesichts wachsender Mitgliedszahlen zu gemeinsamen Positionen kommen solle, wurden dabei erwartungsgemäß keine genannt, und außer »dezentrale Parteitage« und »Umfragen in LimeSurvey« kam in aller Regel nicht viel. Weil bekanntlich das Ergebnis besser wird, wenn möglichst viele Laien gleichzeitig über ein Thema beraten. Funktioniert beim Kochen ja auch.

Das ist total motivierend, wenn man bei jeder Statusmeldung nach lauter entgangener Freizeit, die man sich um die Ohren geschlagen hat, erstmal gesagt bekommt, dass das eh alles scheiße ist, was man da macht.

Dann die Diskussionen. Da erzählt man gefühlt zweihundert mal, dass die nächste Version einen Überblick über die Stimmenverwendung haben wird, und trotzdem kommt einer um die Ecke und erzählt einem was von den bösen Superdelegierten. Ach nee, Deligierten, wenn schon falsch, dann richtig falsch. Außerdem seien Deligierte (diese Schmerzen!) überhaupt nicht basisdemokratisch. Also erläutert man wieder, dass das kontinuierliche Abwägen und Wechseln zwischen repräsentativer und direkter Demokratie die Essenz von Liquid Democracy ist, was unter Garantie wieder jemanden auf den Plan ruft, der einem was von den Vätern des Grundgesetzes erzählt. Weil die mit Sicherheit bereits das Internet und die dadurch verfügbaren Beteiligungsmöglichkeiten vorhergesehen haben.

Hat man das geklärt, lamentiert einer im selben Thread, der eigentlich darum gehen sollte, dass jetzt die ersten InviteCodes rausgehen, darüber, dass das ja total undemokratisch ist, wenn bis zum Parteitag nicht alle Invites rausgegangen sind, und man erklärt zum ebenfalls zweihundertsten Mal, dass das bis dahin rechtzeitig der Fall sein wird. Zwischendrin postet dann wieder einer zum dritten Mal, dass er noch keine Einladung bekommen hat, und wenn man ihm dann zum dritten Mal gesagt hat, er möge sich an die Landesgeschäftsstelle wenden, stellt sich heraus, dass ja eigentlich das BundesLiquid gemeint war.

Hatte man sich in einer dieser Diskussionen irgendwann dann doch mal auf einen Kompromiss geeinigt, kam irgendeiner wieder reingelabert, der sich gar nicht erst die Mühe gemacht hat, die vorherigen Mails zu lesen und fängt wieder damit an, dass man in LQFB ja nicht wirklich geheim abstimmen könnte. Und so erklärt man wieder den Unterschied zwischen Abstimmung, Wahl und Meinungsbild und garantiert erzählt einem wieder einer von vorn, dass LQFB ja ohnehin tot sei, und mal jemand was besseres machen müsse.

Ich habe diese Diskussionen bis zum Erbrechen geführt, und die Zeit, die ich dafür aufgewendet habe, war die größte Verschwendung meines Lebens.

Auf die Vollhonks, die den ganzen Tag die Liste mit komplett egozentrischem Scheißdreck, von Klageandrohung bis Verschwörungstheorie, zuspammen, will ich gar nicht erst großartig eingehen, dafür ist mir meine Lebenszeit zu schade. Andere wiederum können sich gar nicht sattlesen an gegenseitigen Schuldzuweisungen und feuern entsprechende Streitereien immer wieder an.

Meine Auseinandersetzung, die ich nach dem Landesparteitag geführt hatte, hat vor allem wegen dieser Typen hier auf dieser Liste so lange angedauert und war, nachdem wir miteinander telefoniert hatten, in einem Bruchteil dieser Zeit beigelegt.

Ich habe so die Schnauze voll von dieser Mailingliste, dass ich jetzt bewusst mal ein paar Tage lang nicht draufgeschaut habe und feststellen musste, dass es mir tatsächlich körperlich besser geht, wenn ich mir das hier nicht mehr antue.

Ich stehe gerne für Schulungen zu Liquid Feedback, für Fragen dazu, für Support und für die weitere Einbindung in unseren Meinungsfindungsprozess zur Verfügung, aber erstens nicht mehr hier und zweitens nur, wenn das der Landesverband wünscht. Und wenn in Osnabrück bis auf eine Gegenstimme ein eindeutiges Meinungsbild für den Einsatz von LQFB abgegeben wurde, dann ist das gefälligst auch erstmal so hinzunehmen.

Es ist mir mittlerweile vollkommen scheißegal, ob wir ELWS oder Liquid Feedback für die Antragsreihenfolge verwenden, oder ob wir dafür ein aufgeschnittenes Huhn schwenken.

Sollte sich jedoch abzeichnen, dass sich Landesverband und -vorstand regelmäßig über Meinungsbilder hinwegsetzen, die in Liquid Feedback ermittelt wurden, weil am Ende doch wieder ein Pauschalkritiker alleine mehr Stimmgewicht hat als die Teilnehmer des Systems, kann ich euch jetzt schonmal ankündigen, dass ich euch viel Glück bei der Suche nach dem nächsten Beauftragten und vor allem beim Abnicken von Anträgen wünsche, mit denen man sich aus Zeitgründen nur noch 5 Minuten beschäftigen konnte.

Hier führe ich solche Diskussionen jedenfalls nicht mehr.

Grüße
Lars Reineke

Experten unter sich

von Lars Reineke am 9. April 2012 | Lesedauer: 2 Minuten

Foto: Ina Hesmer / Quelle: skreee.de

Wisst ihr noch, als »die« sich gefälligst aus dem Internet raushalten sollten? »Die«, die keine Ahnung hatten, wovon sie da eigentlich reden und worüber sie beschließen? Als wir sagten: »Unser Programm ist deshalb so klein, gerade weil wir nicht in Dinge reinquatschen wollen, von denen wir keine Ahnung haben.« Weil wir angewidert waren von dem inkompetenten Gelaber, von den Volksvertretern, die damit kokettierten, nicht zu wissen, was ein Browser ist, und dass sie dafür ihre Mitarbeiter haben würden.

Wann hat das eigentlich aufgehört?

Da schreibt ein Literaturnobelpreisträger, der sich während seiner aktiven Schaffenszeit konstant gegen Geschichtsvergessenheit und für den Frieden in der Welt eingesetzt hat, ein Gedicht, in dem er seine Sorge vor einem Atomkrieg ausdrückt, und plötzlich wird meine gesamte Timeline zu Nahostexperten und moralischen Leitfiguren.

Dabei spielt überhaupt keine Rolle, wie nun die israelische Politik zu bewerten ist, ob Grass Recht hat oder nicht, oder ob Israel mit seinem Einreiseverbot überreagiert hat.

»Aber der war in der Waffen-SS! Und hat das erst ganz spät zugegeben!«

Da hätte man natürlich ganz anders gehandelt, klar. Erstens wäre man sowieso niemals in der Waffen-SS gelandet, und wenn, dann hätte man das aber sofort allen Leuten gesagt, ist doch logisch.

Vor allem die engagierten Kämpfer für Frieden und Freiheit, die ständig darauf hinweisen, dass sie in Liquid Feedback nicht teilnehmen, weil ihr Arbeitgeber nicht wissen darf, dass sie sich für die Legalisierung weicher Drogen einsetzen.

Mich würde aber vor allem mal interessieren, wie viele von diesen Mitquatschern auch nur ein einziges Buch über diese Region gelesen haben. Wie viele können die Nachbarstaaten Israels oder des Irans aufzählen? (Kleiner Tip: Deutschland ist nicht dabei.) Wie viele kennen auch nur den Namen eines einzigen israelischen Friedensaktivisten? Wer kann mir auf Anhieb die Staatsform des Iran nennen?

Und wenn wir schon dabei sind: Nennt mir doch mal auch nur einen Literaturnobelpreisträger außer Günter Grass oder Heinrich Böll.

´Ne Meinung kann man aber immer mal dazu haben, ne?

Leute, wenn man sich schon den Rest des Tages für keine Krisenregion der Welt interessiert, es sei denn, Bono singt einem was darüber vor, dann kann man sich doch auch mit der eigenen Expertise etwas zurückhalten.

Vor allem, wenn die größte Existenzangst bisher war, ob die Hausratversicherung den Wasserschaden bezahlt, weil der Geschirrspüler keinen AquaStop hatte.

»Was ist denn noch mal ein Browser?« Ist das schon so lange her?

dm > Rossmann

von Lars Reineke am 7. April 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute

Der Tagespreis für Service und Kundenbindung geht heute an die Rossmann-Filiale in Hameln, deren Mitarbeiterin darauf bestanden hat, die Fotoausdrucke, die meiner Frau missraten sind, trotzdem abzukassieren.

»Das heißt, ich muss die Fotos bezahlen und kann sie dann gleich zerreißen und wegwerfen, ja?« »Ja, genau.«

Was sie dann vor den Augen der anderen Kunden auch tat. Ich gratuliere, Rossmann, für nicht mal einen Euro gleich drei Kunden dauerhaft verloren. Respekt.

Daraufhin ging meine Frau zu dm, stellte dort aber fest, dass offenbar die Bilddatei selbst das Problem war, denn auch dort war der Ausdruck nicht gelungen.

Sie fragte - noch unter dem Eindruck der Rossmann-Erfahrung - kleinlaut, ob sie das Foto bezahlen müsse.

Antwort der dm-Mitarbeiterin: »Nein, natürlich nicht, das ist kein Problem.«

»Bei Rossmann muss man das nämlich.«

»Na, dann kommen Sie doch einfach zukünftig immer zu uns.«

Ja. So machen wir das dann auch.

Ist Headbanging ok?

von Lars Reineke am 5. April 2012 | Lesedauer: 2 Minuten

Ach, Christen.

Es ist aber auch nicht einfach mit euch. Da verbietet ihr tatsächlich - ich musste erstmal bei Wikipedia nachgucken, weil ich es nicht glauben konnte - den Deutschen das Tanzen am Karfreitag. Weil der Tag der Ruhe und Besinnung dienen soll.

Dass Tausende von 400-Euro-Jobbern euch morgens wie immer die Zapfsäule einschalten und euch Kippen verkaufen, das findet ihr ok. Die können dann ja an einem anderen Tag zur Ruhe und Besinnung kommen, oder auch nicht, wen kümmert’s.

Es heißt ja auch schließlich Tanzverbot und nicht Tankverbot.

Aber warum eigentlich? Wozu müsst ihr überhaupt Auto fahren am Karfreitag? Besinnen könnt ihr euch doch auch zu Hause, oder in der Kirche, die ist traditionell schon immer zu Fuß zu erreichen gewesen.

Ihr besinnt euch doch morgen den ganzen Tag, oder? Davon gehe ich aus.

Aber dann bekommt ihr doch von den Leuten, die irgendwo tanzen gehen, gar nichts mit. Wieso interessiert euch das dann?

Oder besinnt ihr euch etwa gar nicht? Macht vielleicht sogar eure Steuererklärung? Oder räumt eure Garage auf? Na, ich weiß ja nicht, ob Jesus das gefallen hätte.

Mal im Ernst: Wenn sich mein Glaube davon beleidigen ließe, dass irgendjemand tanzt, dann würde ich mir an eurer Stelle ja was anderes suchen. Ich meine, wer hat jemals von Wissenschaftlern gehört, die den Leuten vorschreiben wollen, am Todestag von Isaac Newton die Schwerkraft zu achten?

Aber ihr habt ja noch ein As im Ärmel, das ihr immer rausholt, wenn jemand diesen Unsinn mit dem Tanzverbot in Frage stellt: »Dann nehmen wir euch den Feiertag halt weg, so!«

Ja, macht doch. Ich erhöhe um Heilige Drei Könige, Fronleichnam und Allerheiligen und will sehen.

Ihr wisst schon, dass ihr dann auch zur Arbeit gehen müsst, ne?

Aber ich kann euch versprechen, dass ich morgen nicht tanzen werde. Sieht einfach scheiße aus.

Außerdem muss ja einer am Grill stehen und aufpassen, dass die Steaks nicht anbrennen.