BMI 25,0

 

Meine Waage von Withings funktioniert so, dass nach dem Wiegen erst das Gewicht angezeigt wird, dann vergehen ein paar Sekunden, während die Körperfettmessung stattfindet, dann zeigt sie den Fettanteil an. Zum Schluss, nachdem sie sich per WLAN abgeglichen hat und weiß, wer gerade auf ihr steht, errechnet die Waage aus Körpergröße und Gewicht den BMI und zeigt diesen an.

Photo-2015-07-03-06-42-21_3824Das ist eine Prozedur, die ich zur Zeit täglich wiederhole. Meistens abends, aber manchmal stelle ich mich auch morgens drauf.

Heute Morgen zeigte die Waage erst das Gewicht an: 90,3 kg. Und ich dachte: „Oh, das ist ja schon fast im Zielbereich.“

Dann schaltete sie auf den BMI um: 25,0.

Es hat etwas gedauert, bis mir die Bedeutung klar wurde: Ab einem BMI größer als 25 gilt man als übergewichtig. Das heißt, mit einem BMI von 25,0 habe ich zum ersten Mal seit über 20 Jahren gerade so kein Übergewicht mehr.

Oder anders gesagt, habe ich mit meinem Schritt auf die Waage heute nach Jahrzehnten wieder den Bereich des Normalgewichts betreten.

Ich kann das immer noch nicht richtig glauben. Ist aber geil.

Es haben mir einige Menschen im Laufe der letzten Monate gesagt, dass ich ihr Vorbild beim Abnehmen gewesen sei. Das freut mich sehr und erfüllt mich zugleich ein wenig mit Stolz, den ich hiermit an diejenigen weiterreichen möchte, ohne die ich nicht bis hierher gekommen wäre: Ich habe auf Twitter schon Danke gesagt, aber ich mach’s hier auch nochmal.

Danke.

An Holgi für den ersten Anstoß in seinen Podcasts, an WeightWatchers, die mir mit ihrem Onlineprogramm sehr beim Abnehmen der ersten 20 kg geholfen haben, an Nadja Hermann, die für die Motivation gesorgt hat, die letzten paar Kilogramm auch noch loszuwerden und an alle, die für mich auf dem Weg hierher immer wieder ein „Weiter so!“ übrig hatten. Das hat sehr geholfen.

hm

Rückschläge

Auf dieser Grafik sehen wir sehr gut, wie der Proband, nennen wir ihn „Lars R.“, mit dem Arsch jedes Wochenende wieder einreißt, was er an den Werktagen zuvor geleistet hat:

4w

 

Im Ernst: So wird das natürlich nie was mit dem Normalgewicht, wenn ich von montags bis freitags von 1500 -1600 kCal lebe, um mir dann Samstag und Sonntag mehr als das Doppelte zuzuführen und Montag wieder da anzufangen, wo ich vor einer Woche schon war.

Und da muss ich auch gar nicht lange nach Erklärungen suchen: Vor zwei Wochen waren wir übers Wochenende im Kurzurlaub (mit Bier und Pizza), das Wochenende darauf war Biergartenwetter (mit Bier), und am vergangenen Wochenende fand das Bierfest statt (mit Bier). Sobald ich jedoch was trinke, werde ich spätestens zu Hause vorm Kühlschrank von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde und esse, was ich in die Finger bekomme. Wenigstens kaufen wir zur Zeit keine Kartoffelchips.

Dazu kommt, dass ich mit dem Lauftraining offenbar etwas übertrieben habe und mir zur Zeit beide Knie schmerzen. Also fällt mein 12wöchiges Trainingsprogramm zur Vorbereitung auf den 10km-Lauf auch erstmal flach und damit auch meine extra Fressreserve, die ich mir durch den erhöhten Kalorienverbrauch erarbeite.

Heißt also: Kein Bier mehr bis zum Erreichen des Normalgewichts und bis auf weiteres nur Crosstrainer und Radfahren.

Hunger

Während meiner Diät ist mir aufgefallen, dass ich im Grunde genommen in der Zeit davor seit Jahren keinen wirklichen, echten Hunger mehr verspürt habe. Wenn man nicht gerade in Armut lebt und sich jederzeit etwas zu essen kaufen kann, ist es in unserer Gesellschaft überhaupt kein Aufwand, stets und ständig etwas Essbares greifbar zu haben.

So war es bei mir zumindest, und die Gedankenlosigkeit, mit der ich mir beim kleinsten Anzeichen von Hunger irgendetwas hineingestopft habe, hat dann auch dazu geführt, dass ich im Laufe der Jahre immer mehr an Übergewicht zugelegt habe. Neben meinem Schreibtisch war eigentlich ständig irgendeine Proviantration, die ich immer wieder aufgefüllt habe. Mitgebrachte Brote sowieso, aber auch mal eine Prinzenrolle, eine Rolle Pringles oder ähnliches. Irgendein Zeug halt.

So habe ich verlernt, wie sich Hunger anfühlt: Ich hatte einfach nie welchen, weil kaum eine Stunde verging, in der ich nichts gegessen habe.

Der Kernpunkt meiner Diät – auch schon während der WeightWatchers-Zeit – bestand darin, mir bereits zu Tagesbeginn Gedanken zu machen, was ich tagsüber essen werde und darauf zu achten, dass ich damit innerhalb meines Kalorien- beziehungsweise Punktekontingentes bleibe.

Wenn es dann auf die Mittagspause zuging und seit dem Frühstück auch mal ein paar Stunden vergangen waren, in denen ich nichts gegessen hatte, kam dann zum ersten Mal wieder ein echtes Hungergefühl auf. Dadurch habe ich aber auch wieder gemerkt, dass Hunger, von dem man weiß, dass man ihn in absehbarer Zeit stillen kann, überhaupt nichts Schlimmes oder gar Unerträgliches ist, im Gegenteil: Erst durch die Erfahrung, wie sich richtiger Hunger anfühlt, kann ich wieder damit anfangen, meinem buchstäblichen Bauchgefühl zu vertrauen, wenn es mir sagt, dass ich tatsächlich mal langsam wieder etwas essen sollte.

Klamotten

Bevor ich mit der Diät im vergangenen Jahr angefangen hatte, hätte ich nie gedacht, dass eine Gewichtsreduktion so teuer werden würde.

Okay, zu Beginn, als ich noch bei WeightWatchers angemeldet war, habe ich dafür ca. 17 Euro im Monat ausgegeben, aber das war gar nicht so entscheidend. Für Nahrungsmittel gebe ich ebenfalls nicht viel mehr Geld aus als vorher, im Gegenteil, gerade mittags begnüge ich mich mit Mahlzeiten zwischen 2,50 und 3 Euro, das war früher mehr, vor allem, wenn ich zum Imbiss oder zu Burger King gegangen bin.

Was im Laufe der Gewichtsabnahme so richtig ins Geld ging, war die Kleidung.

Im Sommer machte sich das noch nicht so bemerkbar, weil ich noch verschiedene T-Shirts und Hemden hatte, die ohnehin allmählich zu eng wurden, die passten also erstmal wieder.

Aber dann bin ich im Herbst zum ersten Mal wieder nach der Sommerpause zum Tischtennis-Training gegangen, nachdem ich bis dahin ca. 15 kg verloren hatte. Mein Trainingspartner und Kumpel Haggy meinte: „Äh, frag mal den Spartenleiter nach ´nem neuen Trikot. Du siehst aus wie ein Clown.“ Ein Blick in den Spiegel bestätigte: Stimmt, das schlotterte alles nur so rum und sah ziemlich bescheuert aus.

Nach weiteren 5 Kilogramm war endgültig klar: Ich brauche neue Klamotten. Und zwar nicht nur Einzelteile, nein, das musste alles ersetzt werden. Abgesehen von Socken und Schuhen musste ich mich wirklich komplett neu einkleiden. Hosen, T-Shirts, Hemden, Pullover, Anzug, Jacken, alles. Ein paar Dinge konnte ich noch wieder verkaufen, zum Beispiel eine sauteure Wellensteyn-Winterjacke, die einem Bekannten hervorragend passte. Der ist allerdings auch über 2 Meter groß.

Ansonsten musste alles neu, und das nicht nach und nach, wie man das sonst so macht, wenn man sich denkt: „Och, wird ja langsam kühler, da könnte ich mir mal wieder ein neues Oberteil kaufen.“ Sondern auf einen Schlag, weil einem plötzlich sämtliche Pullover, die man besitzt, nicht mehr passen. Und weil man ja nicht den ganzen Winter in ein und demselben Pullover herumlaufen will, braucht man davon dann auch gleich mehrere.

Meine Uhrenarmband musste ich mehrfach kürzen lassen, was die freundlichen Mitarbeiterinnen bei Christ jedes Mal kostenlos für mich erledigten. Dafür haben wir uns dort allerdings auch neue Eheringe gekauft (naja, kaufen müssen), denn die waren ebenfalls viel zu weit geworden und konnten – da aus Edelstahl – auch nicht verkleinert werden.

Je nach Betätigung muss ich auch jetzt noch Kleidungsstücke ersetzen. Die Laufjacke zum Beispiel, die mir im vergangenen Jahr noch so leidlich passte, muss auch bald wieder neu, weil die mittlerweile ebenfalls bei jedem Schritt hin und her schlackert.

Allein für Bekleidung habe ich bisher durch das Abnehmen mehr als 1500 Euro ausgegeben. Aber ganz ehrlich: Scheiß drauf. So gute Laune beim Anprobieren der Sachen hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht, wie in den letzten Monaten.

Harry Rowohlt ist tot

Harry Rowohlt ist tot.

Als ich ihn vor einigen Jahren auf einer Lesung sah, hatte er gerade eine Operation hinter sich. Er setzte sich an seinen Tisch und amüsierte sich über sich selbst und seine Vergänglichkeit.

Danach folgten die witzigsten Stunden, die ich jemals als Zuschauer in einem Livepublikum erlebt habe.

Harry Rowohlt las und las und erzählte und brummte und las, alles weinte vor Lachen, es wurde irgendwann nach Mitternacht, und er las immer noch, ließ eine Flasche irischen Whiskey im Publikum kreisen – er durfte eigentlich nicht mehr – dann wurde er melancholisch, erzählte noch eine Geschichte von Pooh, dem Bären, hatte nun selber Tränen in den Augen und beschloss, nach fünf Stunden doch langsam mal Feierabend zu machen.

 

„What day is it?“
„It’s today,“ squeaked Piglet.
„My favorite day,“ said Pooh.