Lars Reineke

28. April 2021 – abends

Ich klopfe, wie derzeit jeden zweiten Morgen, um kurz vor zehn an der Tür der Tochter, um das Frühstück anzukündigen.

Nach dem Frühstück möchte sie baden. In der Wanne. “Baden?” frage ich. “Und was ist mit Hausaufgaben?”

“Die hatte ich gestern schon fertig.”

Na, gut, meinetwegen, dann soll sie halt baden. Wenn ich den ganzen Tag keinerlei Verpflichtungen hätte, würde ich vielleicht auch nach dem Frühstück baden, warum nicht.

“Soll ich dir dann Wasser einlassen?”

“Nee, das kann ich selbst.”

“Und sonst brauchst du nichts? Fönen hinterher oder so?”

“Nee, nee, mach ich selber.”

Tja, gut. Wir frühstücken, ich gehe wieder an meinen Schreibtisch. Das Kind sehe ich das nächste Mal irgendwann um viertel vor eins, als ich das Mittagessen vorbereite. Es ist vollständig bekleidet und hat nasse, aber nicht triefnasse Haare. Dann wird es wohl tatsächlich gebadet haben. Und die Haare gefönt auch.

Sowas, da ist man mal ein gutes halbes Jahr im HomeOffice, zack, wird das Kind langsam selbstständig.

26. April 2021 – abends

Die Süddeutsche Zeitung hat ein Projekt im Vorfeld der Bundestagswahl gestartet, um herauszufinden, wie der Instagram-Algorithmus darauf Einfluss nimmt, welche politischen Inhalte den Benutzer*innen angezeigt werden.

Das funktioniert so, dass man sich im Browser ein Plugin installieren muss, um dann im Anschluss drei vorgegebenen politischen Instagram-Accounts zu folgen. Was das Plugin macht, habe ich nicht so ganz verstanden, zumal ich Instagram ohnehin fast ausschließlich auf dem Smartphone öffne.

Ich wollte da eigentlich mitmachen, aber dann hätte ich u.a. Christian Lindner und der FDP-Bundestagsfraktion folgen müssen, und das habe ich dann doch nicht über mich gebracht.

25. April 2021 – abends

Einen Kindergeburtstag gab es dann doch nicht, obwohl wir kurzzeitig dachten, dass das vielleicht doch irgendwie klappen könnte.

Da ja am Samstag die “Bundesnotbremse” in Kraft treten sollte, schauten wir nochmal genau in die Bestimmungen und hatten schon Hoffnung, denn die hätten “kontaktlosen Sport von bis zu 5 Kindern im Alter bis zu 14 Jahren” erlaubt. Man hätte die Kinder also draußen Inline Skates fahren lassen können, aber verhindern, dass die dann die Köpfe zusammenstecken, kann man ja nicht.

Und überhaupt: Unbeschwert wäre das auch nicht gewesen.

Also haben wir bei den Eltern von zwei Kindern angerufen und die Party erstmal verschoben, bis sich die Lage bessert. Stattdessen durfte nur die beste Freundin – und ohnehin die einzige, die bei uns ins Haus darf (und umgekehrt) – über Nacht bleiben, getestet haben wir uns sicherheitshalber auch noch alle. Am Samstag stellte sich dann noch raus, dass ohnehin erstmal noch die alte Verfügung galt, insofern haben wir die richtige Entscheidung getroffen.

Die beiden haben wir auf Inlinern auf Foto-Safari im Viertel geschickt, wir haben gegrillt, und später haben wir ihnen unser Wohnzimmer überlassen: Mit Disco-Lichtorgel, Bettenlager und Harry Potter 3, während wir uns zurückgezogen und die erste Folge “Chernobyl” gesehen haben und ich dann noch ein Weilchen Jitsi-Meeting betrieben habe.

Keine Ahnung, wann die eingeschlafen sind, aber darum ging’s ja, dass sie das selbst bestimmen durften.

Ich glaube, so war’s dann doch noch ein ganz schöner Geburtstag. Man muss halt das beste aus der Situation machen.


Am Sonntag dann erstmal ausgeschlafen, gemeinsam gefrühstückt und ansonsten nur rumgegammelt. Bei den Kindern war auch die Luft einigermaßen raus.

Ich habe mir die Folge “Chez Krömer” angesehen, bei der Torsten Sträter zu Gast war und die beiden über die Überwindung ihrer Depression gesprochen haben, und da musste ich doch zwischendurch ganz schön schlucken. Absolut sehenswert.

Müde, aber trotzdem

So, nun ist es wieder soweit, wir sind mehr als drei Tage über 100 und somit Hochinzidenzkommune. Damit gehen wieder verschiedene Verschärfungen einher, zum Beispiel gibt’s kein Terminshopping mehr, man darf nur noch eine Person aus einem fremden Haushalt treffen, und Kinder zählen nicht nur bis 6 Jahren nicht dazu, sondern bis einschließlich 14 Jahren.

Ich verstehe das, ehrlich.

Wenn die Infektionszahlen steigen, muss man halt Gegenmaßnahmen einleiten. Ich bin bei allem dabei, nutze die Corona-Warn-App, halte Abstand, lasse mich impfen, treffe niemanden (außer vielleicht mal zum Spazierengehen), bin seit Monaten im HomeOffice, trage FFP2-Maske, wasche meine Hände, kaufe und benutze Selbsttests, teile Tweets von Lauterbach und Drosten, sogar von der Bundesregierung, alles.

Aber jetzt fällt zum zweiten Mal in Folge der Geburtstag unserer Tochter ins Wasser, und wir hatten schon extra alles so sicher wie möglich geplant: Nur drei Kinder, aus derselben Lerngruppe, alle machen vorher Selbsttests, und das Wenige, das stattfindet, findet draußen statt.

Versucht mal, einem Kind zu erklären, dass das nicht geht, wenn es mit dreimal so vielen Kindern jeden 2. Tag zusammen im Klassenraum sitzen muss.

Ich bin müde.


Wir haben gegrillt. Mein Vegetarismus ist mittlerweile erstmal zum Erliegen gekommen, es gibt allerdings bei weitem nicht mehr so häufig und beiläufig Fleisch wie früher, und wenn, dann teures. Ich weiß, dass das nicht reicht, um den Klimawandel aufzuhalten, aber naja, mehr ist bei mir im Moment nicht drin, Müdigkeit, wissenschon.

Wir haben uns zum Hochzeitstag nämlich einen Gasgrill geschenkt. Wenn man schon nirgendwohin kann, findet gesellschaftliches Leben maximal mit wenigen Freunden auf der Terrasse statt, und dann grillt man halt.

Ein Freund, den ich beim Online-Biertrinken kennengelernt habe, gab mir auf die Frage, was man mit dem Seitenbrenner vom Grill so anfangen kann, den Tipp, darin für Burger Zwiebeln zu dünsten, idealerweise mit viel Butter in einer Gusseisenpfanne. Die fehlte mir allerdings noch, also habe ich vorgestern eine bei Amazon bestellt.

Fünf Minuten, nachdem ich den Grill zum Vorheizen eingeschaltet hatte, klingelte der Lieferbote an der Tür und brachte die Pfanne. Das ist mal Timing.

Also gab es gestern Burger mit gedünsteten Zwiebeln, und das war sehr lecker. Beim nächsten Mal auch gerne wieder mit vegetarischen Burgerpatties, für’s Gewissen.


Schwiegervater (über 70) ist seit Ostern geimpft, der hat sich aus den Restbeständen, die die Landesregierung Nordrhein-Westfalen wegen des AstraZeneca-Stopps an Senioren verteilt hat, erstmal mit viel Geduld und “an drei PCs in allen Browsern F5 drücken” die Impfe gesichert und den ersten Schuss gut vertragen. Schwiegermutter (auch über 70) hat 30 Minuten am Smartphone verbracht und jetzt auch einen Termin.

Ich wurde im März mit AstraZeneca geimpft, auch ohne größere Impfreaktion, nur auf der linken Seite konnte ich schlecht schlafen, deshalb war ich am Folgetag etwas müde und hatte leichten Kopfschmerz. Nach einer Grippostad war aber alles wieder im Lot. Meinen zweiten Termin habe ich noch nicht, ich weiß nicht mal, womit ich dann wohl geimpft werde, aber ich würde auch AstraZeneca nochmal nehmen.

Es geht also voran.

Nicht aufgeben.

Das wird schon irgendwie weitergehen.

Muss ja.

20. April 2021 – abends

Vor ein paar Monaten hatte ich mir ein Digitalabo der ZEIT zugelegt, nicht das erste Mal übrigens.

Nun ja, jetzt habe ich es wieder gekündigt. Der Grund war derselbe wie bei der New York Times: Ich habe zu wenige Texte gelesen, wobei ich die längeren Stücke noch am interessantesten fand, aber die tagesaktuellen Artikel unterschieden sich letztlich kaum von denen anderer Onlinemagazine, waren vielleicht eine Spur konservativer, und manche fand ich einfach nur blasiert.


Das ist mir aufgefallen, als die Amazon Prime Mini-Serie “Last One Laughing” besprochen wurde. Während ich bei Spiegel Online den Eindruck hatte, dass da jemand fair und unvoreingenommen selbst mit länger nicht mehr sichtbar gewesenen Comedians (z.B. Mirco Nontschew) umgegangen ist, war der ZEIT-Autor sichtlich bemüht, kein gutes Haar an der Sache zu lassen. Überhaupt sei der deutsche Humor ja bestenfalls minderwertig, das sei alles niveaulos, und so weiter.
Mit der Haltung bin ich dann an die Sendung gegangen und musste feststellen, dass das eine der lustigsten gewesen ist, die ich seit langem gesehen hatte. 
Allein die Szene, in der Max Giermann neben Torsten Sträter stehend eben diesen absolut perfekt parodiert, ist Gold wert. Wer die Möglichkeit hat: Unbedingt anschauen. 
Ich hatte danach jedenfalls erstmal keine Lust mehr auf ein Abo der ZEIT.


Stattdessen habe ich mir ein Abo eines Magazins zugelegt, von dem ich gar nicht wissen will, wie ZEIT-Autoren das finden: Das Rock Hard nämlich. 
Ich war früher mal Kuttenträger, habe meinen Musikgeschmack schon seit meiner frühen Jugend im Metal verortet und diese Zeitschrift damals regelmäßig gelesen. Schließlich musste man ja wissen, welche aktuellen Alben unbedingt gekauft und gehört werden mussten, immerhin konnte man sich damals nur höchstens 2 davon im Monat leisten.
Kürzlich war ich dann zufällig auf der Webseite des Rock Hard, wo für das aktuelle Heft angekündigt wurde, dass man sich dort unter anderem dem Thema “Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien” (BPjM) widmen würde. Das fand ich ganz interessant und habe mir das Exemplar bestellt.
Kurz gesagt: Ich war begeistert.

Sie haben natürlich “Cannibal Corpse” (eine, was Texte und Cover angeht, ziemlich extreme Band) anlässlich ihres aktuellen Albums interviewt, aber es kam auch ein Musikwissenschaftler zu Wort, außerdem ein Plattenfirmenmanager, aber auch der stellvertretende Vorsitzende der BPjM konnte seine Sicht der Dinge darlegen.
Ich fühlte mich hinterher jedenfalls gut und ausgewogen informiert, und weil ich mich immer noch dafür interessiere, was an aktuellen Alben auf den Markt kommt, habe ich kurzerhand ein Jahresabo abgeschlossen. 

\m/ (Das ist eine Pommesgabel.)

Die jeweiligen Ausgaben werde ich aber wohl vor meiner Tochter verstecken bzw. mit der Titelseite nach unten hinlegen müssen, sonst bekommt die Albträume.

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