Lars Reineke

Müde, aber trotzdem

So, nun ist es wieder soweit, wir sind mehr als drei Tage über 100 und somit Hochinzidenzkommune. Damit gehen wieder verschiedene Verschärfungen einher, zum Beispiel gibt’s kein Terminshopping mehr, man darf nur noch eine Person aus einem fremden Haushalt treffen, und Kinder zählen nicht nur bis 6 Jahren nicht dazu, sondern bis einschließlich 14 Jahren.

Ich verstehe das, ehrlich.

Wenn die Infektionszahlen steigen, muss man halt Gegenmaßnahmen einleiten. Ich bin bei allem dabei, nutze die Corona-Warn-App, halte Abstand, lasse mich impfen, treffe niemanden (außer vielleicht mal zum Spazierengehen), bin seit Monaten im HomeOffice, trage FFP2-Maske, wasche meine Hände, kaufe und benutze Selbsttests, teile Tweets von Lauterbach und Drosten, sogar von der Bundesregierung, alles.

Aber jetzt fällt zum zweiten Mal in Folge der Geburtstag unserer Tochter ins Wasser, und wir hatten schon extra alles so sicher wie möglich geplant: Nur drei Kinder, aus derselben Lerngruppe, alle machen vorher Selbsttests, und das Wenige, das stattfindet, findet draußen statt.

Versucht mal, einem Kind zu erklären, dass das nicht geht, wenn es mit dreimal so vielen Kindern jeden 2. Tag zusammen im Klassenraum sitzen muss.

Ich bin müde.


Wir haben gegrillt. Mein Vegetarismus ist mittlerweile erstmal zum Erliegen gekommen, es gibt allerdings bei weitem nicht mehr so häufig und beiläufig Fleisch wie früher, und wenn, dann teures. Ich weiß, dass das nicht reicht, um den Klimawandel aufzuhalten, aber naja, mehr ist bei mir im Moment nicht drin, Müdigkeit, wissenschon.

Wir haben uns zum Hochzeitstag nämlich einen Gasgrill geschenkt. Wenn man schon nirgendwohin kann, findet gesellschaftliches Leben maximal mit wenigen Freunden auf der Terrasse statt, und dann grillt man halt.

Ein Freund, den ich beim Online-Biertrinken kennengelernt habe, gab mir auf die Frage, was man mit dem Seitenbrenner vom Grill so anfangen kann, den Tipp, darin für Burger Zwiebeln zu dünsten, idealerweise mit viel Butter in einer Gusseisenpfanne. Die fehlte mir allerdings noch, also habe ich vorgestern eine bei Amazon bestellt.

Fünf Minuten, nachdem ich den Grill zum Vorheizen eingeschaltet hatte, klingelte der Lieferbote an der Tür und brachte die Pfanne. Das ist mal Timing.

Also gab es gestern Burger mit gedünsteten Zwiebeln, und das war sehr lecker. Beim nächsten Mal auch gerne wieder mit vegetarischen Burgerpatties, für’s Gewissen.


Schwiegervater (über 70) ist seit Ostern geimpft, der hat sich aus den Restbeständen, die die Landesregierung Nordrhein-Westfalen wegen des AstraZeneca-Stopps an Senioren verteilt hat, erstmal mit viel Geduld und “an drei PCs in allen Browsern F5 drücken” die Impfe gesichert und den ersten Schuss gut vertragen. Schwiegermutter (auch über 70) hat 30 Minuten am Smartphone verbracht und jetzt auch einen Termin.

Ich wurde im März mit AstraZeneca geimpft, auch ohne größere Impfreaktion, nur auf der linken Seite konnte ich schlecht schlafen, deshalb war ich am Folgetag etwas müde und hatte leichten Kopfschmerz. Nach einer Grippostad war aber alles wieder im Lot. Meinen zweiten Termin habe ich noch nicht, ich weiß nicht mal, womit ich dann wohl geimpft werde, aber ich würde auch AstraZeneca nochmal nehmen.

Es geht also voran.

Nicht aufgeben.

Das wird schon irgendwie weitergehen.

Muss ja.

20. April 2021 – abends

Vor ein paar Monaten hatte ich mir ein Digitalabo der ZEIT zugelegt, nicht das erste Mal übrigens.

Nun ja, jetzt habe ich es wieder gekündigt. Der Grund war derselbe wie bei der New York Times: Ich habe zu wenige Texte gelesen, wobei ich die längeren Stücke noch am interessantesten fand, aber die tagesaktuellen Artikel unterschieden sich letztlich kaum von denen anderer Onlinemagazine, waren vielleicht eine Spur konservativer, und manche fand ich einfach nur blasiert.


Das ist mir aufgefallen, als die Amazon Prime Mini-Serie “Last One Laughing” besprochen wurde. Während ich bei Spiegel Online den Eindruck hatte, dass da jemand fair und unvoreingenommen selbst mit länger nicht mehr sichtbar gewesenen Comedians (z.B. Mirco Nontschew) umgegangen ist, war der ZEIT-Autor sichtlich bemüht, kein gutes Haar an der Sache zu lassen. Überhaupt sei der deutsche Humor ja bestenfalls minderwertig, das sei alles niveaulos, und so weiter.
Mit der Haltung bin ich dann an die Sendung gegangen und musste feststellen, dass das eine der lustigsten gewesen ist, die ich seit langem gesehen hatte. 
Allein die Szene, in der Max Giermann neben Torsten Sträter stehend eben diesen absolut perfekt parodiert, ist Gold wert. Wer die Möglichkeit hat: Unbedingt anschauen. 
Ich hatte danach jedenfalls erstmal keine Lust mehr auf ein Abo der ZEIT.


Stattdessen habe ich mir ein Abo eines Magazins zugelegt, von dem ich gar nicht wissen will, wie ZEIT-Autoren das finden: Das Rock Hard nämlich. 
Ich war früher mal Kuttenträger, habe meinen Musikgeschmack schon seit meiner frühen Jugend im Metal verortet und diese Zeitschrift damals regelmäßig gelesen. Schließlich musste man ja wissen, welche aktuellen Alben unbedingt gekauft und gehört werden mussten, immerhin konnte man sich damals nur höchstens 2 davon im Monat leisten.
Kürzlich war ich dann zufällig auf der Webseite des Rock Hard, wo für das aktuelle Heft angekündigt wurde, dass man sich dort unter anderem dem Thema “Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien” (BPjM) widmen würde. Das fand ich ganz interessant und habe mir das Exemplar bestellt.
Kurz gesagt: Ich war begeistert.

Sie haben natürlich “Cannibal Corpse” (eine, was Texte und Cover angeht, ziemlich extreme Band) anlässlich ihres aktuellen Albums interviewt, aber es kam auch ein Musikwissenschaftler zu Wort, außerdem ein Plattenfirmenmanager, aber auch der stellvertretende Vorsitzende der BPjM konnte seine Sicht der Dinge darlegen.
Ich fühlte mich hinterher jedenfalls gut und ausgewogen informiert, und weil ich mich immer noch dafür interessiere, was an aktuellen Alben auf den Markt kommt, habe ich kurzerhand ein Jahresabo abgeschlossen. 

\m/ (Das ist eine Pommesgabel.)

Die jeweiligen Ausgaben werde ich aber wohl vor meiner Tochter verstecken bzw. mit der Titelseite nach unten hinlegen müssen, sonst bekommt die Albträume.

Einfach beigehen

Heute habe ich wieder mal den Effekt bemerkt, der sich einstellt, wenn man an lange vor sich hergeschobene Aufgaben einfach mal beigeht, wie man bei uns so sagt.

Eigentlich weiß man nämlich schon die ganze Zeit, welcher Aufwand einen erwartet, und in aller Regel ist der auch bei den meisten Dingen gar nicht so hoch. Die Abneigung gegenüber der Aufgabe steigt jedoch leider im gleichen Maße, je länger man das zu Erledigende vor sich herschiebt.

Ich betreue ja das freie Lastenrad hier vor Ort, und seit Monaten gibt es eine neue Version des Buchungssystems. Weil die Migration nicht auf Anhieb in der ersten (neuen) Version geklappt hatte, habe ich damals alles wieder zurückgedreht und mir gesagt: “Ach ja, da muss ich auch noch beigehen.” Und dabei blieb es dann.

Und immer, wenn die nächste und die nächste und die nächste Version veröffentlicht wurde, dachte ich mir: “Uh, das schiebe ich schon so lange vor mir her, das wird bestimmt ein Riesenaufwand, uiuiui, da muss ich mir mal ordentlich Zeit für nehmen, geht ja auch nicht, dass das schon so lange vor sich hindümpelt.”

Und jetzt bin ich einfach mal beigegangen, habe die Migration nochmal gemacht, sie hat wieder nicht geklappt, dann habe ich mich da kurz eingelesen, und nach 30 Minuten war der ganze Bums erledigt, und es funktionierte wieder alles.

Ich hätte mir also den ganzen Stress, den ich mir selber durch das ständige Verschieben gemacht hatte, sparen können.

Sehr schön (auch grafisch) verdeutlicht wird das übrigens in diesem Artikel (vor allem, wenn man mehrere Dinge vor sich herschiebt):

How to Get Yourself to Do Things

13. April 2021 – nachmittags

Heute Morgen habe ich das Buch “Das Seidenraupenzimmer” von Sayaka Murata zu Ende gelesen. Es hat nur etwa 250 Seiten, also war ich damit innerhalb von zwei Tagen durch. Wenn ich das Buch in so wenigen Worten wie möglich zusammenfassen müsste, wäre es wohl “What. The. Fuck.”

Es kommen darin Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, Inzest, Mord und Kannibalismus vor. Und selbst jenen, die das tolerieren können, würde ich diesen Roman nicht uneingeschränkt empfehlen. Ich weiß immer noch nicht, ob ich ein Kunstwerk oder kompletten Trash gelesen habe. Entsprechend uneins sind sich die Rezensenten auf Goodreads.


Ich war heute beim Lokalradio und habe in meiner Funktion als ehrenamtlicher Fahrradbeauftragter der Stadt ein bisschen was über die derzeitige Radfahrsituation vor Ort erzählt. Es war ein sehr entspanntes Interview, obwohl der eine oder andere Entscheidungsträger nicht so gut dabei weggekommen ist. Aber muss auch mal sein.

Gesendet wird der ganze Spaß am Sonntagvormittag, von 10 bis 11 Uhr.


Nach Feierabend war ich Joggen, obwohl seit ein paar Tagen mein Bein schmerzt. Ich schiebe das aber auf meinen verdrehten Rücken und die daraus hervorgehende Schonhaltung. Da hilft ja bekanntlich nur Bewegung, Bewegung, Bewegung. Also habe ich mich dann doch aufgerafft und wurde bei 8°C damit belohnt, die letzten 500 Meter auch noch durch Regen laufen zu müssen. Jetzt tut mir mein Rücken erst recht weh.

Aber wie mein Kumpel immer sagt: “Man darf sich von seinem Körper nicht alles gefallen lassen.”


Zum Abendessen gab es Senfeier mit Kartoffeln, dazu für alle außer mir Spargel, weil ich den nicht mag. Um sicherzugehen, habe ich nach Jahren mal wieder ein Stück davon probiert, stellt sich raus: Ich find’s immer noch widerlich.

Wenn ich daran denke, was in Deutschland jedes Jahr für ein Bohei um diesen scheiß Spargel gemacht wird, mit Tausenden von extra angekarrten Arbeitskräften, die das Zeug auch noch in einer elenden Schinderei ernten müssen, frage ich mich wirklich, ob man diese Ressourcen nicht sinnvoller nutzen könnte. Als Erzieher*innen zum Beispiel oder in der Pflege.

Auf Vorrat

Wir hatten hier neulich zwei Tage hintereinander eine 7-Tage-Inzidenz von gerade mal so über 100, und ein weiterer Tag hätte bedeutet, dass wieder verschiedene Lockerungen hätten zurückgenommen werden müssen.

Aber nein, Glück gehabt, es fügte sich, dass wir am dritten Tag wieder knapp unter der 100er-Grenze vorbeischrammten, die Geschäfte durften weiterhin Termine für Ladenbesuche vergeben (statt vorbestellte Waren nur herausreichen zu dürfen), und auch die Kontaktregeln blieben so, wie sie auch immer gerade waren, so genau weiß das ja derzeit keiner.

Da kam mir der Gedanke, ob wohl manche Einwohnermeldeämter ein paar Anmeldungen von Bürger*innen in der Hinterhand haben, vielleicht ein paar Neugeborene oder kürzlich erst Zugezogene, die sie dann, wenn’s nicht mehr reicht, einfach aus der Schublade holen und schnell noch nachmelden, damit die Gesamtzahl der Einwohner*innen gerade wieder hoch genug ist und die Inzidenz unter die magische Grenze rutscht.

Neubürger*innen auf Vorrat, sozusagen.

Aber das wäre ja schon fast eine Verschwörungstheorie, und an sowas beteilige ich mich grundsätzlich nicht.

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