Apps zur Meditation – Teil 1: Headspace

Vor und nach Rats- oder Ausschusssitzungen konnte ich oft nachts nicht gut einschlafen, weil meine Gedanken immer darum kreisten. Wobei „kreisen“ in der Tat wörtlich zu nehmen ist, denn vor den Sitzungen malte ich mir immer wieder aus, wie ich meine Redebeiträge gestalten würde – und anstatt die Ideen einfach aufzuschreiben und sie somit nicht ständig wiederholen zu müssen, ging ich sie wieder und wieder durch.

Nach den Sitzungen war es nicht anders, denn da überlegte ich mir oft noch stundenlang, was hätte besser laufen können und was wohl in den nächsten Tagen davon in der Presse berichtet werden würde.

Würde, würde, hätte, hätte. Ich schlief also schlecht, weil ich die ganze Zeit bei Ereignissen in der Zukunft oder in der Vergangenheit war.

Irgendwann erwähnte Holger Klein bei WRINT, dass es ihm ähnlich ginge und er das gut durch Meditation in den Griff bekäme.

Hm, Meditation, das war doch diese Nummer, bei der kahlrasierte Männer in orangen Gewändern im Schneidersitz zwischen Räucherstäbchenschwaden auf dem Boden sitzen und vor sich hin murmelnd versuchen, nicht zu denken, oder? Etwas für gelangweilte Hausfrauen, die – wenn sie nicht gerade meditieren – Yogakurse belegen und in Impfgegnerforen gegen die Pharmaindustrie wettern.

Nun, nicht unbedingt.

Meditation geht auch ohne Esoterik, und dank technologischem Fortschritt kann das mittlerweile jeder lernen, der sich 10 – 20 Minuten am Tag Zeit dafür nehmen kann. Es gibt nämlich verschiedene Apps dafür. Ein paar davon möchte ich hier nach und nach vorstellen.

Headspace

Die bekannteste Meditations-App dürfte Headspace sein, die von dem Engländer Andy Puddicombe ins Leben gerufen wurde. Andy war buddhistischer Mönch, ausgebildeter Zirkusartist und verbrachte einige Jahre in Klöstern, um dort das Meditieren zu lernen. Er stellte irgendwann fest, dass Meditation auch ohne religiösen Überbau funktioniert und adaptierte verschiedene Techniken, damit sie auch in der westlichen Welt akzeptiert werden würden.

headspaceDie App ist so aufgebaut, dass Andy zunächst in 10 mal 10 Minuten Schritt für Schritt (auf englisch) in geführten Meditationen erklärt, wie das ganze überhaupt funktioniert. Dabei folgt jede – möglichst täglich durchzuführende – Meditation einem bestimmten Muster. Erst ein paar Mal tief durchatmen, Geräusche und Umgebung wahrnehmen (aber sich nicht darauf konzentrieren), den eigenen Körper von Kopf bis Fuß abscannen und schließlich auf den eigenen Atem fokussieren, was den Hauptteil der Meditation ausmacht. Nach etwa 10 Minuten folgt dann wieder der langsame Übergang in den Alltag.

Andy Puddicombes Stimme ist angenehm, gut verständlich und führt den Anwender ohne esoterischen Schnickschnack durch die Übungen. Die App ist zunächst kostenlos, entscheidet man sich nach den 10 Einführungsmeditationen dazu, das ganze fortzusetzen, wird allerdings eine Subscription fällig. Die gibt es gestaffelt in verschiedenen Intervallen, von monatlich (9,95 €), über 1- und 2-jährig bis hin zu einer lebenslangen Nutzungsmöglichkeit, die jedoch mit knapp 400 € zu Buche schlägt.

Man sollte nach Abschluss der Subscription zunächst noch die beiden Basismeditationsserien á 10 Übungen durchgehen, um die Technik sicher zu beherrschen. Dann aber hat man Zugriff auf eine recht große Auswahl themenbasierter Meditationsreihen, alle von Andy geführt. Die über 20 Themen berühren Geduld und Großzügigkeit, aber auch Ausgeglichenheit und bessere Konzentration und sollen helfen, Stress und Angst abzubauen. Ab und an kommen Themenbereiche und Erweiterungen hinzu. Einige Reihen sind in 10 Übungen unterteilt, bei anderen sind es bis zu 30.

Dabei kommen verschiedene Meditationstechniken zum Einsatz, unter anderem die Fokussierung auf den Atem, die Visualisierung und das „Noting“, also das Gewahrwerden von bestimmten Gedankenmustern.

Des weiteren gibt es einzelne geführte und ungeführte Meditationen zu bestimmten Lebenssituationen wie Flugangst, aber auch Anleitungen zur Meditation auf dem Weg zur Arbeit, zum Einschlafen und ähnliches.

Begleitet und erläutert wird das Ganze mit Hilfe von kurzen Zeichentrickfilmen, die anhand von Metaphern verdeutlichen, wie unser Gehirn so tickt und wie wir es trainieren können, mit verschiedenen Herausforderungen besser umzugehen.

Man kann sich außerdem mit „Buddies“ zusammentun und sich so gegenseitig zum Meditieren motivieren. Hat man eine bestimmte Anzahl von Tagen ununterbrochen jeden Tag meditiert, erhält man einen Gutschein für einen Monat, den man wiederum verschenken kann.

Fazit

Headspace ist nicht ganz billig, aber durchaus sein Geld wert. Es eignet sich vor allem für völlige Neueinsteiger, die sich zum ersten Mal mit Meditation beschäftigen und keine Lust auf das ganze Chakren-Energie-Klangschalen-Gedöns haben. Die 10 Minuten lassen sich zumindest für mich gut in den Alltag einbauen.

Ich empfehle jedoch eine Abo-Dauer von maximal einem Jahr, weil sich doch vieles wiederholt und man sich irgendwann fragt: Kommt da noch was, und brauche ich zum Meditieren eigentlich eine solche App oder reicht nicht auch ein Timer?

Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich kürzlich noch mit ein paar Alternativen zu Headspace befasst habe, die ich in den kommenden Tagen vorstellen möchte. Darunter sind unter anderem die kostenlose und bemerkenswert gute App „1 Giant Mind“, eine deutsche Variante namens „7Mind“ und ein paar weitere wie „Buddhify“, „Stop, Breathe and Think“ und „Insight Timer“.

Ob ich durch die regelmäßige Meditation gelassener geworden bin, können vermutlich meine Freunde und Familienangehörige besser beurteilen als ich, persönlich habe ich aber schon den subjektiven Eindruck, besser mit Situationen umzugehen zu können, die früher dazu geführt haben, dass ich mich übertrieben (und oft grundlos) aufrege. Und besser einschlafen kann ich mittlerweile auch. Aber ich muss ja jetzt auch zu keinen Ratssitzungen mehr.

 

Hörbücher

Ich habe das Audible-Probeabo wieder gekündigt.

Zugegeben: An der Stelle auf dem Smartphone weiter zu hören, an der man auf dem Kindle aufgehört hat zu lesen (und umgekehrt) ist technisch wirklich interessant und funktioniert sogar ziemlich gut.

Aber irgendwie sind Hörbücher doch nichts für mich. Ein Beispiel: Jeder Roman hat hin und wieder weniger spannende Passagen. Ich will sie nicht unbedingt „langweilig“ nennen, aber manch Umwelt- oder Charakterbeschreibung hätte genauso gut um ein Drittel gekürzt werden können.

Das ist für einen einigermaßen geübten Leser kein Problem. Solche Stellen überlese ich guten Gewissens und erkenne relativ sicher den Punkt, an dem es wieder interessant wird. Beim Hörbuch bin ich an das Erzähltempo des Sprechers gebunden und. muss. mir. das. alles. in. voller. Länge. anhören. Mich nervt das.

Umgekehrt jedoch: Bin ich gerade in einer lauten oder hektischen Umgebung unterwegs, und das Hörbuch wird gerade jetzt spannend, kann ich erstmal nur auf Pause drücken, weil ich sonst Gefahr laufe, entweder die Hälfte zu verpassen oder vom Bus überfahren zu werden.

Und letzten Endes ist es der persönliche Eindruck, dass allein die Möglichkeit, unterwegs Romane zu hören, bei mir einen Druck erzeugt, dass ich die Geschichten jetzt gefälligst auch wegzukonsumieren habe, bezahlt ist bezahlt, und es ist ja so schön praktisch, zeitsparend, und wenn ich das Buch immer schön weiter bis zum Ende höre, kann ich gleich das nächste weiterhören, auch wenn ich zum Lesen eigentlich gerade gar keine Zeit habe.

Ich will beim Lesen aber gar nicht Zeit sparen. Im Gegenteil.

Ich will Bücher lesen, nicht Bücher gelesen haben.

Bahnhofsjubiläum

Am schönsten fand ich heute am Hamelner Bahnhofsjubiläum die Installation der Bundespolizei, bei der alle 90 Sekunden eine elektromechanische Vorrichtung dafür sorgte, dass eine Plastikfigur einen Güterwaggon hochkletterte, es einmal kurz flackerte, um einen tödlichen Stromschlag zu simulieren, dann die Polizeisirene losging, was wiederum die danebenstehende Bundespolizistin immer und immer wieder den ebenfalls danebenstehenden Kindern erklären musste, obwohl man ihr ansah, dass sie eigentlich viel lieber zur Waffe greifen wollte, um entweder sich selbst oder diesem traurigen Schauspiel ein Ende zu setzen.

Besorg dir ein Rad

Ok, ich bin da mittlerweile ja etwas voreingenommen, aber in dieser Episode von „Last Week Tonight“ geht es um Wucherkredite beim Autokauf, schlimme Sache, keine Frage, vor allem, wenn daraus ein Geschäftsmodell entwickelt wird, das darauf aus ist, bereits verschuldete Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind, weiter in die Schuldenfalle zu treiben.

Hier hat man jedoch meines Erachtens ein schlechtes Beispiel gewählt.

Denn es wird u.a. eine Frau portraitiert (ab Minute 0:56), deren Notwendigkeit, ein Auto zu besitzen, mit ihrem Weg zur Arbeit begründet wird.

Für diesen brauche sie ihren Angaben zufolge mit öffentlichen Verkehrsmitteln 1,5 bis 2 Stunden, was in der Tat sehr lang ist. Im Video führt sie nun an, dass dieser Weg mit dem Auto lediglich 10 bis 15 Minuten dauern würde.

Ich hab das mal mit Google Maps nachvollzogen, und weil ich mich in den USA nicht so auskenne, habe ich das mit verschiedenen Städten gemacht. Ich gehe dabei davon aus, dass sie nicht direkt an einem Highway wohnt und arbeitet, immerhin wird sie als „Day Care Worker“ untertitelt.

Eine Strecke, die mit dem Auto 10 Minuten dauert, ist selten länger als 10 Kilometer. In deutschen Städten sieht das übrigens nicht anders aus. Ihr Weg zur Arbeit wäre also mit dem Fahrrad wahrscheinlich in 30, maximal 40 Minuten zu bewältigen.

Nun ist die Frau im Video deutlich übergewichtig, kann aber offenbar immer noch zu Fuß gehen. Nichtsdestotrotz wäre sie wahrscheinlich eher unterdurchschnittlich schnell auf dem Rad unterwegs. Aber selbst, wenn sie nur 10 km/h zustande brächte, wäre sie immer noch in 60 Minuten an ihrem Arbeitsplatz, nach etwas Training sicherlich sogar früher.

Wenn sie also jeden Tag in Kauf nimmt, 90 oder sogar 120 Minuten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen, obwohl sie die Strecke stattdessen in maximal einer Stunde schaffen könnte:

Warum besorgt sie sich nicht ein Fahrrad?

Denken wie du

Neulich entschloss ich mich nach Feierabend noch zu einer Runde mit dem Rennrad, nichts allzu Anstrengendes, ohne Berge, gemäßigtes Tempo – immerhin sind draußen 34° C im Schatten, und man muss es ja nicht übertreiben.

Auf dem letzten Drittel der Strecke sehe ich vor mir einen jungen Mann in Fußballtrikot und kurzer Hose neben seinem Fahrrad an der Bundesstraße stehen.

„Ah, Flüchtling,“ denke ich, frage mich aber direkt im Anschluss, woher ich das weiß. Es könnte ja auch ein Ortsansässiger mit türkischer oder arabischer Herkunft sein.

Aber irgendwie erkennt man die Flüchtlinge ja doch. Nicht, dass ich ein Modeexperte wäre, aber die Kleidung, die sie tragen, ist immer ein wenig am Trend vorbei, dazu der Umstand, dass sie auf meist etwas klapprigen Fahrrädern unterwegs sind. Für junge Türken oder Araber in diesem Alter: Ein absolutes No-Go.

Apropos Mode: Ich sehe – wie die meisten Rennradfahrer – auch diesmal wieder vollkommen bescheuert aus. Anliegendes, buntes Trikot, affiger Helm, hautenge Hose, 3/4-Handschuhe, leicht getönte Schutzbrille. Alter Mann in Funktionskleidung eben, aber um die Optik geht‘s ja nicht.

„Alles ok?“ frage ich und halte an.

„Hast du Luftpumpe?“ fragt er zurück, und tatsächlich habe ich eine kleine Mini-Pumpe dabei.

„Habe ich“, sage ich, steige ab, sorgsam bedacht, nicht mit den Klickpedalschuhen hängenzubleiben und mich durch stumpfes Umkippen komplett zum Affen zu machen. Ich lehne mein Rad gegen einen Leitpfosten und stakse mit meinen Radschuhen zu seinem havarierten Fahrrad.

Nach wenigen Pumpstößen merke ich schon: Das wird nichts. Die soeben hineingepumpte Luft entweicht hörbar.

„Muss ich tauschen? Ist teuer?“

Hm, was ist für jemanden in seiner Situation teuer? Ich wiege abschätzend mit dem Kopf und antworte: „Geht so. Der Mantel vielleicht 10, der Schlauch 5 Euro.“

„Ah, ist ok,“ sagt er, und ich frage ihn: „Hast du es weit?“

„Nein, nur bis da,“ antwortet er und zeigt auf die nächste Ortschaft. „Bin ich verabredet, mit Freundin.“

„Vielleicht schaffst du es noch, ich pumpe mal, soweit wie es geht, und wenn ich bescheidsage fährst du direkt los.“

„Wenn du bist müde, ich kann pumpen,“ sagt er.

Sehe ich so derangiert aus?

„Nee, lass mal, du musst ja sofort losfahren.“

Ich pumpe seinen Reifen soweit wie möglich auf und rufe: „So, jetzt aber!“

Er springt aufs Rad, ruft: „Danke! Hoffe, andere denken wie du!“ und beginnt, wie besessen in die Pedale zu treten.

„Ach, klar,“ sage ich und winke ab. „Viel Glück!“ rufe ich noch hinterher, aber da ist er schon außer Hörweite.