Nie wieder CeBIT
von Lars Reineke am 10. März 2012 | Lesedauer: 4 Minuten
Ich bin Systemadministrator, hauptberuflich. Seit nun fast 20 Jahren. Auf der CeBIT war ich zum ersten Mal vor einem Vierteljahrhundert. Ich war sicher schon mehr als ein Dutzend mal dort, davon bis auf eine Ausnahme jedesmal sogar ganz offiziell und dienstlich, mit Terminen, Visitenkarten und Reisekostenabrechnung. Man kann daher durchaus sagen, dass ich ein Fachbesucher bin. Oder besser: »war«. Denn ich werde diese Messe nicht mehr besuchen.
Wir waren heute etwa eine Stunde mit PKW und Bahn unterwegs, bis wir schließlich am Messeeingang ankamen. Wir, das sind meine Frau, meine 10 Monate alte Tochter in ihrem Kinderwagen und ich. Die Tickets hatten wir bereits von Geschäftspartnern erhalten.
Wir haben extra den Samstag gewählt, Familientag, da sind es die Aussteller gewohnt, dass viele Privatleute kommen und sich vor allem buntes Technikspielzeug anschauen wollen. Ich hatte keinen besonderen Plan, hatte mir nur kurz vorher ein paar interessante Stände herausgesucht, die ich mir vielleicht kurz angeschaut hätte, und dann wäre der Rest des Tages eher ein Familienausflug gewesen, vielleicht hätte die Kleine noch einen Luftballon bekommen, wir hätten noch einen Kaffee getrunken und uns wieder auf den Heimweg gemacht.
Doch dazu kam es nicht.
Am Eingang wurden wir von einem ungepflegten jungen Mann in einem schlecht sitzenden Anzug mit den Worten empfangen: »Tut mir leid, aber mit Kind können Sie nicht hinein.«
»Wieso?«
»Keine Kinder unter acht Jahren.«
»Die Kleine ist 10 Monate alt. Die kann nicht mal sitzen, geschweige denn, den Kinderwagen verlassen und über einen Stand rennen.«
»Ich habe die Regeln nicht gemacht.«
»Wo kann ich mich beschweren?«
Der Anzug zeigte auf einen Infostand mit der Aufschrift »Supervisor«.
Dort saß eine blonde, vielleicht 24 Jahre alte Mitarbeiterin, die auf meine Frage, warum meine Tochter nicht hineindürfe, antwortete: »Das steht so in den Regeln, keine Kinder unter acht.«
»Das ist keine Begründung.«
»Ich habe die Regeln schließlich nicht gemacht.«
»Und was sollen wir jetzt Ihrer Meinung nach machen?«
»Wir haben auch nebenan einen Kindergarten.«
»Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich meine nicht mal ein Jahr alte Tochter bei irgendwelchen fremden Messeangestellten lasse, oder?«
»Ich kann da auch nichts machen, ich habe die Regeln ja nicht gemacht.«
»Wir sind extra eine Stunde angereist, und jetzt dürfen wir nicht hinein, ja?«
Während mir bis hierhin noch nicht der Kragen platzte, tat er das allerdings, nachdem sie mir daraufhin nicht ohne Stolz antwortete: »Wir haben sogar schon Leute aus Pakistan und Indien zurückgeschickt, da wäre es doch ungerecht, wenn wir Sie jetzt reinlassen würden.«
»Wie bitte?«
»Außerdem ist das eine Fachmesse.«
»Ich bin Fachbesucher. Systemadministrator, genauer gesagt.«
»Aber Ihre Tochter nicht.«
»Wissen Sie eigentlich, dass Sie mit dieser Einstellung in Nazideutschland ganz prima Karriere gemacht hätten? Da hat auch nie einer die Regeln gemacht.«
Ich musste erstmal raus, sonst hätte ich diese debil grinsende Blondinenfresse auf links gezogen.
Danach gingen wir wieder in die Eingangshalle, um unsere Tochter erstmal zu füttern. In einer Sitzgruppe saßen bereits einige Leute.
Es stellte sich heraus, dass wir erwartungsgemäß nicht die einzigen waren, die abgewiesen wurden. Ein Bundeswehrsoldat durfte mit seiner Familie ebenfalls nicht hinein, und ich konnte mir gerade noch verkneifen, ihn zu fragen, ob er es nicht manchmal bereut, so ein Land auch noch verteidigen zu müssen.
Neben uns, auf der anderen Seite, saß vollkommen allein ein 14jähriger Junge aus Bremen, der leider im Gegensatz zu seinen Freunden ehrlich war und sein wahres Alter angegeben hatte. Er durfte nicht hinein. »Keine Jugendlichen unter 16 ohne Begleitung.« Wieder eine Regel, die niemand gemacht hatte.
Der saß nun also ganz alleine in der Halle und wartete darauf, dass sein Vater ihn abholte. Aus Bremen.
So passte dann auch perfekt in dieses Gesamtkunstwerk deutscher Teilnahmslosigkeit, dass die Pickelgesichter, die auf dem Rückweg am Bahnhof Laatzen in ihren Bahnuniformen herumstanden, zum defekten Aufzug nur achselzuckend zu sagen hatten, dass wir mit unserem Kinderwagen doch außenrum gehen könnten, anstatt uns einfach mal mit dem Wagen die Treppe hinaufzuhelfen.
Dieselbe Sorte, die nachts Kinder aus dem Zug wirft, weil sie kein Ticket haben. Alles streng nach Vorschrift.
Demografischer Wandel? Jaja, dei Mudder.
Die Frau hat offenbar zu Hause auf das Kind aufzupassen, während der Mann mit all den anderen Businesskaspern auf die Messe gehen kann, um den gerade mal volljährig gewordenen Hostessen auf die Titten zu starren.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Am Arsch.
»Ja, in Dänemark und Schweden, da sind die Verhältnisse ja auch ganz anders, da sind die Leute ja auch viel kinderfreundlicher, so allgemein.«
Ja, verdammt, dann seid es hier doch einfach auch, ihr Arschlöcher! Vielleicht ändern sich dann hier auch die Verhältnisse.
Wir haben keinen demografischen Wandel, wir scheißen auf Familien mit Kindern und beklagen uns noch, dass es so wenige davon gibt. Wir leben in einem beschissenen, kinderfeindlichen Land, in dem alle Welt lautstark lamentiert, dass wir immer mehr alte Leute zu alimentieren hätten und wir Deutschen ja bald aussterben werden.
Hoffentlich kommt es so. Wir haben es nicht besser verdient.
Ich hoffe nur, dass ich noch miterlebe, wie vorher diese elende CeBIT den Bach runtergeht, damit ich nie wieder hören muss, wie unsere Kanzlerin diese Heuchlerveranstaltung auch noch mit blumigen Worten eröffnet. Scheiß auf die Rolle Deutschlands in Europa, lasst mal die Holländer ran, wird eh Zeit.
Update, 11.03.2012, 18:33
Ich habe gerade eine freundliche Mail von Herrn Hartwig von Saß, dem Leiter Kommunikation der Deutschen Messe AG erhalten.
LiquidFeedback-Vortrag
von Lars Reineke am 6. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Diesen etwas längeren Vortrag habe ich (so ähnlich) am 03.03. in der niedersächsischen Landesgeschäftsstelle der Piraten in Hildesheim gehalten.
Hier die Folien dazu: LiquidFeedback-Vortrag (PDF)
Der im Video erwähnte Vortrag auf der Marina Kassel 2010 ist übrigens hier zu finden:
Liquid Feedback (Marina Kassel 2010)
Lernen durch Schmerzen
von Lars Reineke am 5. März 2012 | Lesedauer: 2 Minuten
Bei uns in der IT pflegt man ja hin und wieder einen zuweilen verhöhnenden Sprachgebrauch, um das Leben mit besonders lernresistenten Benutzern einigermaßen erträglich zu machen.
So gibt es den »Fehler Vierzig«, der darauf hinweist, dass die Ursache eines Problems in ca. 40 cm Entfernung von der Tastatur zu suchen ist. Ich bezeichne das gerne als ein »zerebrales Problem«, das klingt so schön offiziell.
Eine ebenfalls wiederkehrende Wendung ist »Lernen durch Schmerzen«. Sie wird immer dann ausgesprochen, wenn jemand gerade die Ergebnisse stundenlanger Arbeit verloren hat, weil er vor lauter Eifer vergessen hat, abzuspeichern, bevor die kurzzeitige Stromschwankung den eigenen Arbeitsplatz erreichte.
Doch kommen wir zu etwas ganz anderem.
Auf Betteln der Verleger hat die schwarz-gelbe Restkoalition ein Leistungsschutzrecht zugesagt, das den Onlinemagazinen einen Anteil der Einnahmen bescheren soll, die z.B. das Unternehmen Google durch seinen Dienst »Google News« generiert, auf dem es Besuchern eine kurze Vorschau auf Artikel zeigt, die durch Aggregation zusammengesammelt wurden.
Das klingt nur beim ersten Hinhören fair, denn abgesehen davon, dass Google auf diese Weise sehr deutlich macht, wie redundant die deutsche Presselandschaft gestaltet ist (um nicht den Begriff »voneinander abschreiben« zu verwenden), hat dieser Dienst einen für die Verleger nicht unwichtigen Effekt: Er lenkt ganze Besucherströme auf die mit Werbung gepflasterten Webseiten und sorgt so für bares Geld in der Kasse der Onlinemagazine.
Die Regierung will jetzt für gewerbliche Newsportale eine Zwangsabgabe einführen, die an die Verleger ausgeschüttet werden soll.
Stellen wir uns also mal nicht die Frage »What would Google do?«, sondern: Was würde ich tun, wenn ich Google wäre?
Alle Presseerzeugnisse aus dem Index werfen, die sich für das Leistungsschutzrecht stark gemacht haben.
Naheliegend, oder? So naheliegend, dass selbst CDU und FDP darauf kommen könnten. Naja.
»Ihr wollt Geld dafür, dass ich euch Hundertausende von Besuchern jeden Tag auf eure Webseiten lenke, auf denen ihr Inhalte anbietet, die sich von denen der Mitbewerber kaum unterscheiden, und die ich von denen für lau kriege? Okaaaaaayyyyy…«
Und dann schauen wir doch mal, wie viele Besucher ohne Google jeden Tag bei den Onlinemagazinen landen und dort auf nicht gekennzeichnete Schleichwerbung und künstlich aufgeblähte Bildstrecken klicken.
Lernen durch Schmerzen.
LQFB-Tutorial: Benachrichtigungen, Datenschutz, Ausblick
von Lars Reineke am 2. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
So, das war dann auch der vorerst letzte Screencast in der Tutorial-Reihe.
Benachrichtigungen, Datenschutz, Ausblick
LQFB-Tutorial: Während und nach der Abstimmung
von Lars Reineke am 2. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Während und nach der Abstimmung
LQFB-Tutorial: Eingefrorene Themen
von Lars Reineke am 2. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Und wieder ein Screencast zu Liquid Feedback.
Eingefrorene Themen
Kommentare wieder auf
von Lars Reineke am 2. März 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Irgendwie hat mir doch was gefehlt. Daher sind ab sofort die Kommentare wieder geöffnet. Scheiß drauf.
Allerdings gilt ab sofort: Wer pöbelt, fliegt raus, und zwar sofort und ohne Warnung.
LQFB-Tutorial: Diskussionsphase und Anregungen
von Lars Reineke am 29. Februar 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
In einem weiteren Screencast erkläre ich, welche Möglichkeiten man in der Diskussionsphase hat, wie man Alternativinitiativen erstellt und wie man mit Anregungen Initiativen beeinflussen kann.
Diskussionsphase und Anregungen
LQFB-Tutorial: Eigene Initiativen und Quoren
von Lars Reineke am 28. Februar 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Ich habe ein weiteres Video fertiggestellt, in dem ich erkläre, wie man in Liquid Feedback eigene Initiativen startet, und was es mit dem Quorum auf sich hat.
LQFB Eigene Initiativen und Quoren
Liquid Feedback per VirtualBox selbst betreiben
von Lars Reineke am 28. Februar 2012 | Lesedauer: weniger als eine Minute
Wer Liquid Feedback einfach mal für seine eigene Organisation (NGO, Parteigruppierung, was auch immer) testen möchte, aber die für Anfänger doch recht komplexe Installation scheut, kann sich hier eine virtuelle Appliance herunterladen, in der ich euch ein fertiges Liquid Feedback komplett vorkonfiguriert habe. Sie läuft auf VirtualBox, das ihr euch ebenfalls kostenlos herunterladen könnt.
Alles, was ihr dafür braucht, findet ihr hier auf der Seite »Liquid Feedback Virtual Appliance«, die ich extra dafür eingerichtet habe.
Und ein Video, wie das ganze zu installieren ist, gibt’s auch:
LQFB per VirtualBox selbst betreiben
