Lars Reineke

Von Fedora zu CachyOS

Ich habe nicht nur meine Blogsoftware gewechselt. Bereits am vergangenen Freitag habe ich mein Desktop-Betriebssystem von Fedora Linux auf CachyOS migriert, einer auf Arch Linux basierenden Distribution.

Der Anlass

Auslöser war, dass ich mir vor ein paar Wochen ein gebrauchtes Lenovo Thinkpad T480s für wenig Geld zugelegt hatte. Das wollte ich in erster Linie fürs Schreiben (meint: Bloggen) benutzen, außerdem als universelles, privates Linux-Notebook für alles, was man so im Urlaub unterwegs macht, also mal was recherchieren, Videos gucken, Internetgedöns, sowas halt. Ich habe zwar eigentlich noch ein Acer Spin für solche Dinge, aber da gefällt mir die Haptik der Tastatur nicht, vielleicht verkaufe ich das bei Gelegenheit mal.

Wie auch immer, weil das T480s wirklich nur für Freizeitbeschäftigungen und Experimentiererei gedacht war, habe ich darauf CachyOS installiert. Von dieser Distribution hatte ich schon viel Gutes gehört und gesehen und war schon in der Vergangenheit immer wieder am Überlegen, damit vielleicht meinen Gaming Desktop zu betreiben, auf dem allerdings schon seit fast einem Jahr Fedora durchaus stabil läuft.

Der ständige Wechsel der Distribution, das sogenannte "Distro Hopping", ist ein wenig verpönt, und ich rate auch jedem, sich erstmal ein paar Monate Zeit zu nehmen, um das bestehende System kennenzulernen, bevor man wieder wechselt.

Warum also überhaupt zu CachyOS wechseln, wenn Fedora doch gut funktioniert? In erster Linie: Performance. Kernel und Pakete sind für Gaming und interaktive Anwendungen optimiert, die Distribution ist - weil auf Arch basierend - immer brandaktuell (was auch Nachteile mit sich bringen kann, aber dazu später) und ist momentan einfach der heiße Scheiß.

Ich freundete mich also auf dem Thinkpad T480s erstmal eine Weile mit CachyOS an, um zu schauen, ob ich mit dessen Besonderheiten zurechtkommen würde. Nach knapp zwei Wochen fiel dann der Entschluss: Mit CachyOS komme ich klar, also kommt es auch auf meinen Desktop.

Die Vorbereitung

Vor der Migration hatte ich mich immer etwas gescheut, weil ich in die Anpassung und Konfiguration von Fedora bereits einiges an Zeit investiert hatte, das wollte ich logischerweise nicht alles verlieren. Vernünftigerweise hatte ich aber bei der Ersteinrichtung mein /home-Verzeichnis schon auf ein eigenes Filesystem gelegt, das ich möglichst bei der Installation von CachyOS gar nicht anrühren würde.

Trotzdem legte ich nochmal ein zusätzliches Backup auf einer USB-Festplatte davon an, kopierte auch noch die Dateien aus /etc dorthin und schickte mir den Inhalt der /etc/fstab auf mein Laptop, um im Ernstfall noch an die Filesystemkonfiguration zu kommen.

Die Installation konnte beginnen.

Die Installation

Ich boote das Live-System vom USB-Stick und checke, ob die angeschlossene Hardware vollständig erkannt wird. Dass ich sie irgendwie zum Funktionieren bringen würde, ist mir aber ohnehin schon klar, schließlich lief sie ja bereits unter Fedora einwandfrei.

Jetzt kommt der (für mich) spannende Teil, nämlich die Festlegung, wie die internen SSDs partitioniert werden sollten. Letzten Endes ist es aber relativ eindeutig: System- und Boot-Partition neu machen, Home-Partition unangetastet lassen und wie vorher unter /home einbinden.

Weiter, weiter, fertigstellen, User anlegen, der genauso heißt, wie der bisherige. Das würde auch nochmal interessant werden: Wird CachyOS das bestehende Userverzeichnis dem neuen Benutzer korrekt zuordnen? Ach, was soll's, wird schon klappen, ansonsten lässt sich das ja mit einem chown schnell beheben. Daumen drücken, Reboot.

Das neu installierte System

Der Rechner fährt schonmal korrekt hoch, und ich kann mich einloggen. Mir entfährt ein lautes "HA!", als ich feststelle, dass sämtliche Einstellungen übernommen wurden.

Das Startmenü ist an derselben Stelle wie vorher, sogar die Scripte und von mir festgelegten Tastenkombinationen zum Lautstärkeeinstellen funktionieren noch. Alt-Enter, Terminal geht auf, Alt-Q, wieder zu. Alle persönlichen Einstellungen sind noch da. Geil.

Ich installiere nach und nach die wichtigsten Anwendungen, die ich so brauche, Browser, Mailprogramm, und so weiter.

Und tatsächlich, die Reaktionsgeschwindigkeit ist gegenüber der Fedora-Installation nochmal deutlich höher. Alles reagiert sofort auf Klicks und Tastendruck, das macht wirklich Spaß.

Jetzt der entscheidende Test: Läuft Gaming wirklich schneller unter CachyOS?

Ich installiere Steam und das letzte Spiel, das ich in den Fingern hatte: Ghost of Tsushima. Was mir sofort auffällt: Die Ladezeiten zwischen Spielmenü und dem eigentlichen Spiel sind kürzer. Und auch im Spiel selbst ist alles superflüssig, nichts ruckelt, trotz Settings auf Ultra. Die Spielstände sind ohnehin in der Cloud gespeichert, so dass ich an derselben Stelle wieder einsteigen kann, an der ich das Spiel unter Fedora beendet habe.

Ich bin mehr als zufrieden und widme mich den Dingen rund um das System, ich binde die Netzlaufwerke wieder ein, richte das Backup neu ein, räume alte Einträge aus dem Home-Verzeichnis auf. Schließlich will ich auf dem neuen System nicht den alten Ballast mitschleppen, der sich unweigerlich bei der Benutzung eines Rechners ansammelt.

Was CachyOS anders macht

CachyOS ist eine Rolling-Release-Distribution, das heißt, wenn es von irgendeinem Paket ein Update gibt, steht es auch innerhalb kurzer Zeit zur Verfügung. Bei Fedora gab es schonmal ein paar Tage, wo keine Updates vorlagen, bei CachyOS kann es durchaus sein, dass es neue Pakete mehrmals am Tag gibt.

Was bei Fedora allerdings hin und wieder nervte, war, dass nach Updates von Systempaketen jedes Mal ein Reboot vorgeschlagen wurde. Den konnte man zwar problemlos hinauszögern, aber trotzdem, eigentlich ist das nicht Linux-Style.

CachyOS geht da einen anderen, meines Erachtens besseren Weg: Es prüft, welche Dienste vom Update betroffen sind und schlägt nur den Neustart dieser Dienste vor. Gibt es zum Beispiel ein Update des Drucksystems, wird nur dieses neugestartet, und man kann einfach weiterarbeiten. Klar, ein neuer Kernel braucht dann auch mal einen kompletten Reboot, aber das kommt eben nicht täglich vor.

Nichts zu rebooten

Im Screenshot sieht man, dass kein Dienst gefunden wurde, der einen Neustart erfordert, also kann's direkt weitergehen.

Dinge können auch mal schiefgehen

In der Vorbereitung zu diesem Artikel nach ein paar Tagen wollte ich o.a. Screenshot machen, aber die Anwendung dafür startete einfach nicht. Ich gab den Befehl dafür in der Konsole ein, und mich empfing eine Fehlermeldung, die darauf hindeutete, dass zwei Bibliotheken nicht zum ausführbaren Programm passten. Hm.

Etwas Recherche später war der Fall klar. Die Anwendung "spectacle", zuständig für Screenshots, war gegen neuere Libraries kompiliert worden, die in der Paketverwaltung noch gar nicht verfügbar waren. Ich behalf mir mit einem Workaround, indem ich die bisherigen Bibliotheksdateien mit symbolischen Links als angebliche neue Version zur Verfügung stellte und gaukelte per ldconfig der Anwendung vor, dass sie die neue Version der Libraries jetzt benutzen könne. Sobald die neuen Libraries auch über den Paketmanager ausgeliefert werden, müsste ich das nur wieder rückgängig machen. Die Anwendung lief aber erstmal wieder.

Ich schaute dennoch mal im CachyOS-Forum nach, und siehe da, der Fehler war dort bereits bekannt, vor knapp zwei Stunden hatte jemand genau dieses Problem dort geschildert. Ich wollte schon meinen Workaround als Zwischenlösung posten, habe dann aber erstmal meine gewünschten Screenshots angelegt.

Kurze Zeit später ließ ich nochmal den Rechner nach neuen Updates schauen, und tatsächlich: "spectacle" war in einer neuen Version verfügbar, und die neuen Libraries dazu ebenfalls. Also schnell meinen Workaround rückgängig gemacht und Updates gezogen, alles wieder gut.

Und das ist schon bemerkenswert: Ich entdecke nahezu zeitgleich mit einem anderen CachyOS-User ein kleines Problem, der postet das im Forum, und wenige Stunden später ist es für alle gefixt.

Fazit

CachyOS läuft jetzt auf meinem Desktop seit einer Woche, und mir wurde nicht zuviel versprochen. Es ist problemlos zu installieren, es ist wirklich schnell, und die Bedienung macht einfach Spaß. Spiele laufen superflüssig, und die Community funktioniert, wenn es mal Probleme gibt.

Zugegeben, es ist vielleicht nichts für ein professionelles Arbeitsumfeld, wo man sich auch kurze Funktionsstörungen nicht unbedingt erlauben kann. Es ist wahrscheinlich auch nicht für absolute Linux-Einsteiger geeignet, die ratlos dastehen, falls mal Probleme auftauchen. Für diese Anwender*innen ist wahrscheinlich Fedora, Ubuntu oder Linux Mint die bessere Wahl. Dort gibt es auch mit Screenshots versehene, kuratierte Anwendungskataloge, in denen auch Anfänger stöbern können. (Da das alles kostenlos ist, passt der Begriff "App-Store" nicht wirklich.) Das ist bei CachyOS deutlich minimalistischer gehalten, und man muss schon ungefähr wissen, was für Anwendungen man installieren möchte.

Wer aber gewillt ist, sich tiefergehend mit Linux zu beschäftigen, den gelegentlichen Einsatz der Konsole nicht scheut und ein gewisses IT-Grundverständnis mitbringt, der bekommt im Gegenzug ein individuell anpassbares System mit herausragender Performance.

Und sollte CachyOS nur eine Modeerscheinung sein, die irgendwann eingestellt wird oder ich es wirklich mal kaputtkonfiguriert habe, weiß ich ja jetzt, dass ich jederzeit eine Neuinstallation oder sogar wieder einen Wechsel auf eine andere Distribution vornehmen kann, ohne meine bestehende Konfiguration zu verlieren.

⬅ Vorheriger Beitrag
Aus dem Maschinenraum