Siegfried Lenz

Siegfried Lenz ist tot.

Von ihm habe ich bislang nur “Deutschstunde” gelesen, in dem der Erzähler Siggi Jepsen als Strafarbeit einen Aufsatz mit dem Thema “Die Freuden der Pflicht” schreiben muss und davon erzählt, wie sein Vater, der Dorfpolizist, das Malverbot durchsetzt, das die Nazis gegen einen Freund der Familie ausgesprochen haben.

Ich war 17 oder 18 Jahre alt, als ich es gelesen habe, und es ist das bisher einzige Buch, das ich abends begonnen habe und nicht mehr weglegen konnte, bis ich nach etwa drei Kannen schwarzem Tee morgens auf der letzten Seite angekommen war.

Sechsundfünfzigvierundvierzig

Wie die meisten mitbekommen haben werden, bin ich in diesem Jahr ca. 20 Kilogramm leichter geworden, unter anderem durch Diät, aber auch dadurch, dass ich mittlerweile regelmäßig Sport treibe.

So laufe ich derzeit pro Woche an zwei bis drei Tagen ingesamt zwischen 10 und 15 Kilometer. Am Anfang habe ich das – auf indirekte Empfehlung von Patricia – noch mit der App “Zombies, Run!” gemacht, habe mich dann ein bisschen reingenerdet und bin mit Runtastic gelaufen, und seit ein paar Wochen trainiere ich mit einem Garmin Forerunner. So ziemlich zeitgleich fiel der Entschluss, mal wieder bei einem offiziellen 10-Kilometer-Lauf mitzumachen.

Mein letzter liegt mittlerweile vier Jahre zurück, und damals habe ich ihn in anderthalb Stunden beendet. Das sollte diesmal besser werden.

Vom Zeitpunkt lag der 10km-Lauf in Bremen günstig, also habe ich kurzerhand ein Hotelzimmer für uns gebucht und mich registriert.

Bereits im Training habe ich (mit kurzen Pausen an roten Ampeln) 10 Kilometer in 1:07:00 Stunden geschafft, also habe ich bei der Anmeldung als angepeilte Zielzeit einfach mal 1:05 Stunden angegeben.

Foto 05.10.14 08 47 31Wir sind bereits am Samstag angereist, haben uns ein wenig die Stadt angesehen, ich habe meine Unterlagen abgeholt, und wir sind in einem ziemlich überteuerten Maredo-Restaurant essen gegangen. Eiweiß soll ja für Läufer wichtig sein.

Gestern Morgen wurde es dann ernst. Die Schuhe samt Zeitnahmetransponder geschnürt, Laufsachen an und ab in die Straßenbahn, die uns praktisch direkt an der Startsammelzone absetzte.

Noch kurz einen Treffpunkt ausgemacht – das iPhone habe ich diesmal nicht mitgenommen – und dann habe ich mich auch schon auf meine Startposition begeben.

Foto 05.10.14 08 49 40Anders als noch vor vier Jahren gab es keine vorgegebene Einteilung, wo man sich in etwa einreihen sollte. Praktischerweise war aber bei allen Läufern die Zielzeit neben die Startnummer gedruckt, so dass ich mich bei ungefähr gleichschnellen Teilnehmern einsortierte.

Vorgenommen hatte ich mir, zeitlich unter einer Stunde zu bleiben, also stellte ich meine Uhr so ein, dass ich gegen einen virtuellen Gegner laufen würde, der exakt 60 Minuten für die Strecke brauchen würde. So lange ich also vor diesem “Gegner” bleibe, ist alles im Lack.

Um 9:35 Uhr fiel der offizielle Startschuss, dann bildete sich der übliche Stau, so dass ich mehr als zwei Minuten später die Startlinie überquerte.

Und dann habe ich erstmal ordentlich Gas gegeben. Vor mir waren lauter Läufer, die zum Teil einen ganz seltsamen Laufstil pflegten. Die schlackerten mit den Füßen, als wären sie noch nie gelaufen und sahen beim besten Willen nicht so aus, als würden sie die Strecke in einer Stunde schaffen. Wahrscheinlich so wie ich vor vier Jahren. Also musste ich an denen erstmal vorbei, schon allein, um etwas mehr Platz für mich zu haben.

Meine Uhr zeigte nach kurzer Zeit an, dass ich ca. 30 Sekunden vor meinem virtuellen Konkurrenten sei, so dass ich diesen recht komfortablen Vorsprung schon mal in der Tasche haben würde, solange ich unter einer Pace von 6:00 min/km bleibe. Praktischerweise fing meine Uhr immer an zu nörgeln, wenn ich langsamer als eben diese 6 min/km wurde, was aber eigentlich immer nur dann der Fall war, wenn andere Läufer mir den Weg versperrten. An einigen Stellen wurde die Strecke ziemlich eng, so dass ich immer wieder mal zu kleinen Überholmanövern ansetzen musste, die natürlich etwas den Laufrhythmus durcheinander brachten und die Herzfrequenz kurz ansteigen ließen.

Eine etwas korpulentere Läuferin sah so aus, als würde sie bei jedem Schritt mit den Schultern unsichtbare Gegner umstoßen müssen, das war gar nicht so leicht, die zu umrunden. Nicht, weil sie so dick war, sondern weil sie dabei so ausladende Bewegungen machte.

Ansonsten waren die Laufbedingungen perfekt. Am Vortag war noch Regen angekündigt, stattdessen herrschten angenehme 12 Grad – ideale Lauftemperatur – kaum Wind und strahlender Sonnenschein.

Zwischendurch habe ich hin und wieder meinen Puls abgelesen: Irgendwas um die 160, also etwa dort, wo ich beim Intervalltraining auch immer mal landete. Das Training mit dem Plan von Garmin hat sich wirklich ausgezahlt. Trotz relativ hohem Puls fühlte ich mich kaum an meiner Belastungsgrenze. Ich bin kein Experte, was Sportmedizin angeht, aber ich glaube, genau so soll das beim Wettkampf auch sein.

Nach einer langen Geradeausstrecke am Weserufer ging es dann einmal durchs Weserstadion und wieder zurück. Kurze Zeit später sah man schon ein Schild für die Marathonläufer, das mit “39 km” beschriftet war. Also noch etwa 3 Kilometer, die Schlussstrecke war für alle Läufer die gleiche – ob 10 km, Halbmarathon oder Marathon.

Foto 05.10.14 10 44 24Die Uhr zeigte mittlerweile einen Vorsprung von 2:30 Minuten an, Herzfrequenz um die 170 bpm. Ich hatte also noch reichlich Zeit, um die Stunde zu unterbieten, trank kurz einen Becher Wasser, der an der Strecke gereicht wurde, drückte mir einen nassen Schwamm in den Nacken und erhöhte nochmal das Tempo.

Auf der Zielgeraden nahm ich ein letztes Mal alle Reserven zusammen und ließ mich von Musik und Sprecher anfeuern. Puls 179, scheißegal, nur noch ein paar Meter, die Zieleinlaufuhr zeigte 58 Minuten an. Ich wusste aber, dass ich ja erst 2 Minuten später gestartet war, die Zeit von 1:00:00 Stunde hatte ich also locker im Sack, außerdem hatte ich noch meine Uhr am Handgelenk, die mir ca. 56 Minuten anzeigte.

Dann durchs Ziel, nicht mehr nach links oder rechts gucken, Faust in die Luft, geschafft, geschafft, geschafft.

Und so bin ich dann tatsächlich die zehn Kilometer in 56 Minuten und 44 Sekunden (netto) gelaufen. 36 (in Worten: sechsunddreißig) Minuten schneller als noch vor vier Jahren.

Mal gucken, vielleicht (aber nur vielleicht) mache ich nächstes Jahr einen Halbmarathon mit. Hannover würde sich ja anbieten. Noch 194 Tage zum Trainieren.

Und hier könnt ihr euch noch meinen Zieleinlauf anschauen. Der, der da bei 59:17 durch’s Ziel läuft, bin ich.

 

 

panorama

Die Scheißkatze ist wieder da

friedaJeden Morgen hasse ich diese Katze. Denn sie scheißt. Ok, das machen alle Katzen, aber diese scheißt nicht ins Klo. Oder zumindest nur in Ausnahmefällen.

Vor sechs Jahren haben wir sie aus dem Tierheim geholt. Wir suchten eine Katze, die sich voraussichtlich gut mit unserem damaligen Kater vertragen würde und die nicht unbedingt nach draußen gehen muss, weil wir da noch in der 4. Etage wohnten.

So kamen wir zu Frieda. Oder sie zu uns. Im Tierheim hatte sie sich nur an den Futternapf getraut, wenn die anderen Katzen schon fertig waren, dann fraß sie kurz und zog sich wieder auf ihren Dachbalken zurück. Sie war wohl in einem Messiehaushalt aufgewachsen und wurde dort entsprechend vernachlässigt. Seitdem hatte sie eine Macke.

Bei uns taute sie dann langsam auf und kam tatsächlich ganz gut mit dem Kater zurecht. Scheu und zurückhaltend blieb sie aber immer. Außerdem wurde sie fett, aber das ist wohl eher unsere Schuld. Dass sie, nachdem sie Kacken war, im Katzenklo ihre Haufen nicht verscharrte, wie es andere Katzen tun, hätte uns misstrauisch machen sollen, aber letzen Endes war es ja auch egal.

Dann fing sie irgendwann an, einfach so in den Flur zu kacken. Das war dann eher nicht so egal, vor allem nicht, als meine Frau schwanger und ich wegen der Toxoplasmosegefahr 9 Monate lang Katzenscheißebeauftragter war. Aber man gewöhnt sich ja an alles.

Nach unsererem Umzug durfte sie dann auch nach draußen, wo sie sich aber höchstens gerade so weit entfernte, dass sie uns zumindest noch in den Garten kacken konnte. Was sie auch tat. Meistens. In aller Regel kam sie abends nach Hause, um uns dann nachts wieder in den Flur zu kacken.

Und so hasste ich die Katze jeden Morgen, wenn ich im Halbdunkel zum Klo schlurfte und mit meinem Telefon vor mir herleuchtete, um nicht barfuß irgendwo rein zu treten.

Am Montag blieb sie zum ersten Mal länger weg und kam nicht mehr zurück. Und da ist uns dann erstmal aufgefallen, wie sehr wir uns an dieses viel zu fette, scheißende Vieh gewöhnt haben.

Am Mittwoch wollten wir im Tierheim anrufen, aber da kam sie morgens kurz vorbei, lief jedoch gleich wieder weg, als ich sie ins Haus lassen wollte. Als sie gestern immer noch nicht zurück war, haben wir dann doch beim Tierheim gefragt.

2014-04-03 19.15.40Die haben uns eine Falle ausgeliehen. Gute Idee, auf die wir eigentlich auch selber mal hätten kommen können.

Und so betätigte ich mich gestern als Trapper und Fallensteller.

Ja, ich weiß, dass das eigentlich beides dasselbe ist, aber als ich noch ein Kind war, wurde das, soweit ich mich erinnern kann, bei “Der Mann in den Bergen” immer zusammen genannt. Wie bei “Nepper, Schlepper, Bauernfänger”, was ja letztlich auch alles das gleiche bedeutet.

Die Falle stellten wir über Nacht auf und plazierten in der Nähe ein Babyphon, damit wir alarmiert werden und die Katze (oder was auch immer wir für ein Tier fangen würden) nicht die ganze Nacht eingesperrt bleiben müsste.

Ich rechnete damit, dass wir ab jetzt jeden Morgen drei Waschbären und zwei Marder befreien müssten, aber das erste Tier, das doof genug war, in die Falle zu gehen, war: Frieda.

Und wenn sie nicht nochmal nächtelang abhaut, kann ich jetzt wieder jeden Morgen mit der Taschenlampe zum Klo, um nicht in Scheiße reinzulatschen.

Aber aus irgendeinem Grund ist es mir das wert.

Privatspielplätze

Was ist das eigentlich für eine seltsame Entwicklung in Kleinstädten und Vororten, dass Eltern ihren Kindern mittlerweile komplette Privatspielplätze für den Garten zusammenkaufen?

Der nächste öffentliche Abenteuerspielplatz ist fünf Minuten Fußweg entfernt, aber in den Gärten stehen heutzutage mindestens ein Sandkasten, eine Rutsche, eine Schaukel, ein Trampolin und ein Holzhaus auf Stelzen mit Klettergerüst.

Wie geht das weiter? Autoscooter für Einzelkinder mit eigenem Angestellten, der die Plastikchips einsammelt und die leerstehenden Autos wieder einparkt? Holzachterbahn mit Todesspirale und Looping in der Vorortsiedlung? Ein eigenes Delfinarium? Pools mit Wasserrutsche und Dreimeterbrett im Vorgarten?

Zugegeben, wir haben unserer Tochter auch schon den einen oder anderen Krempel gekauft, der dann vielleicht zweimal genutzt wurde. Was soll’s, abgehakt unter “Fehlkauf” und in aller Regel weiterverschenkt.

Aber wäre es nicht besser, wir Eltern würden alle mal wieder auf den Boden herunterkommen und das Geld lieber für öffentliche Spielgeräte ausgeben, damit sich alle Kinder – auch die von weniger reichen Eltern – auf Spielplätzen austoben können? 

Das ganze hätte dann auch gleich den Nebeneffekt, dass der Nachwuchs lernt, Rutsche, Schaukel, Trampolin und Sandkasten mit anderen, ja sogar fremden(!), Kindern zu teilen. Ich stelle mir das zumindest recht sinnvoll vor, dass das Kind an das Konzept “Es gibt noch andere Menschen außer mir” herangeführt wird, bevor die allgemeine Schulpflicht einsetzt.

Aber wahrscheinlich ist das wieder mal nur so ein sozialistischer Gedanke von mir.

Burschenschaffner

800px-Burschenmuetze_Corps_HannoveraDas muss so Mitte der 90er gewesen sein.

Es war Sonntagnachmittag, ich hatte gerade einen Kumpel in Braunschweig besucht und war mit dem Zug auf dem Weg nach Hause. Vielleicht kam ich auch aus Göttingen, nagelt mich nicht fest.

Jedenfalls musste ich in Hildesheim umsteigen. Ich kaufte mir einen Becher Kaffee, und als der Zug bereitgestellt wurde, wie es bei der Bahn so schön heißt, stieg ich ein und suchte mir einen Platz. Ich war noch ziemlich müde vom vorangegangenen Wochenende und nippte dösend an meinem Getränk, als eine vierköpfige Gruppe Burschenschaftler einstieg und sich in der Sitzgruppe am Fenster gegenüber plazierte.

Sie gehörten offenbar zu einer farbentragenden Studentenverbindung, ich kenne mich da nicht so aus, sie hatten zumindest blaue Uniformjacken an, bunte Schärpen umgehängt und rote Mützen auf. Und darauf waren sie offensichtlich sehr stolz. Kaum älter als ich damals, also etwa 20 Jahre alt, saßen sie sich stocksteif in ihren Jacken gegenüber und achteten sorgsam darauf, dass auch ja keine Knitterfalte in ihre identitätsstiftende Oberbekleidung geriet. Ihre Mützen nahmen sie ebenfalls nicht ab, wie man das möglicherweise bei alltagstauglicherer Kopfbedeckung erwartet hätte.

Kurzum: Sie fanden sich in ihrer Rolle als zukünftige Stützen der Gesellschaft ganz furchtbar toll. Das sollte jedoch nicht allzu lange anhalten.

Denn nach wenigen Minuten geschah folgendes:

Die Lautsprecherdurchsage auf dem Bahnhof verkündete, dass der Zug, in dem wir saßen, jetzt abfahren würde.

Die Durchsage war noch nicht beendet, da sah ich aus meinem zum Bahnsteig gerichteten Fenster, wie ein junger Mann die Treppe hinaufeilte oder besser: Es versuchte.

Er bewegte sich in der für ihn maximal erreichbaren Geschwindigkeit auf die offene Zugtür zu, was nicht sehr schnell war, denn er konnte durch seine bis auf die Schultern reichenden Rastalocken nicht sehr gut sehen. Auch sein rappeldickevoller Bundeswehrrucksack, in dessen Deckel eine Isomatte eingerollt war, und die Tatsache, dass er – bis auf ein Paar sich bereits auflösende Jesuslatschen – kein nennenswertes Schuhwerk trug, waren ihm in seiner Vorwärtsbewegung keine große Hilfe.

Schwer atmend rumpelte er in unser Raucherabteil, warf sein Reisegepäck auf ein Sitzpolster und kramte einen kleinen, bestickten Stoffbeutel aus einer Seitentasche seines Rucksacks. Daraus entnahm er einen 20-Mark-Schein und eine selbstgedrehte Zigarette, die er sich umgehend anzündete. Erstmal durchatmen. Soviel Zeit musste sein.

Mit dem Geldschein in der Hand drehte er sich zu den vier sichtlich angewiderten Burschenschaftlern und nuschelte mit einer Modulation irgendwo zwischen Udo Lindenberg und einem schwer angeschlagenen Axel Schulz: “Hier, sarnsemal, äh, kann ich bei Ihnen noch’n Ticket kaufen? Der Automat im Bahnhof is kaputt.”

Wie die vier einstmals so stolzen, farbentragenden Studenten es mit ihrer ruhmreichen Tradition aufgenommen haben, dass sie von einem heruntergekommenen – Hippie – für Schaffner gehalten wurden, lässt sich leider nicht mehr wiedergeben, weil ich vor Lachen meinen Kaffee durch die Nase ausstieß.

Ich weiß nur: Ein Ticket haben sie ihm jedenfalls nicht verkauft. Aber ich glaube, das war ihm dann letzten Endes auch egal.