Auf Dienstreise

Die S5 nach Hannover ist nicht beheizt, und ich friere mir den Arsch ab, während ich online an unserem wöchentlichen Team-Meeting teilnehme.


Der ICE nach Berlin ist um eine halbe Stunde verspätet, so dass ich ca. 50 Minuten auf dem Bahnhof in Hannover herumlungern muss. Ich bestelle bei einem der Snackläden einen kleinen Kaffee und möchte mit Karte bezahlen, woraufhin der Verkäufer auf ein 1-2 Meter weiter platziertes Kartenterminal verweist, das neben einer digitalen Werbetafel befestigt ist.

Auf dem Kartenterminal tut sich nichts. Nach einer Weile schaue ich den Verkäufer fragend an. Es stellt sich heraus, dass die vermeintliche Werbetafel gar keine Werbetafel ist, sondern ein Bestellterminal mit Touch-Display. Ich soll also noch einmal schriftlich bestellen. Ich tue dem Verkäufer den Gefallen und werde vom Display durch den Bezahlprozess geleitet. Wie praktisch. Gut, er hätte auch einfach einen Betrag in die Kasse tippen können, den ich dann per Karte entrichte, denn bestellt hatte ich ja schon.

Bei McDonald’s verstehe ich das Prinzip ja, dass man an einem Terminal seine Bestellung aufgibt und irgendwo abholt. Aber an einem Kaffeetresen, bei dem der Ausführende direkt hinter dem Terminal steht, ist das schon albern.


Der ICE hat eine andere Wagennummerierung und ich lasse mir von einem Herren in Bahnuniform nochmal bestätigen, dass damit die Platzreservierung hinfällig ist. „Es sei denn, Sie haben eine Mail bekommen.“

Ich schaue in meine Mailbox: Tatsächlich, meine Reservierung wurde auf einen anderen Wagen umgebucht, gut, dass ich nochmal gefragt hatte.

Aber so voll ist der Zug ohnehin nicht.


Neben mir im Zug sitzt ein junger Mann, der auf seinem Macbook eine Präsentation schnitzt. Dazu nimmt er fancy designte Standardfolien und füllt sie mit Allgemeinplätzen, die ihm ChatGPT auswirft. Die ganze Präsentation strotzt nur so vor Phrasen. Es geht um „nachhaltigen Success“, „Customer Empowerment“ und „data-driven Leverage im Business Workflow“. Was er da konkret präsentiert, bleibt mir verborgen, aber das weiß er vermutlich selber nicht so genau. Mir tun nur die Leute leid, die sich das dann hinterher anhören müssen.


Ein paar Reihen weiter sitzt mir schräg gegenüber eine Frau, die etwas jünger als ich zu sein scheint und die alles daran setzt, als „alternativ“ wahrgenommen zu werden. Ihre Frisur ist rundum kurz, an den Seiten und hinten ausrasiert und sieht aus, als hätte sie der Person, die ihr die Haare schneidet, als Vorlage ein Bild von Cletus Spuckler gegeben.


Beim Einchecken im Hotel werde ich gefragt, ob ich ein Zimmer mit Dusche oder eins mit Badewanne haben möchte. Anscheinend bin ich jetzt in dem Alter, wo man sowas gefragt wird. Ich entscheide mich für die Dusche.


Berlin ist ja nun wirklich keine besonders schöne Stadt, aber Marzahn im November ist nochmal eine Klasse für sich.

In der Straßenbahn gibt es alle Viertelstunde eine Durchsage: „Berlin ist hart aber herzlich. Bitte gehen Sie respektvoll miteinander um.“ Die Berliner werden wissen, warum es solche Ansagen braucht. Wahrscheinlich gehen die Fahrgäste sonst mit Knüppeln aufeinander los.


Auf der Rückfahrt müssen in Hannover alle Mitreisenden in den ICE auf dem gegenüberliegenden Gleis wechseln, weil unserer defekt ist – es gebe im gesamten Zug nur noch 3 funktionierende Toiletten. Da ich in Hannover ohnehin umsteigen muss, stört mich das nicht weiter.

Da wir aber zudem etwas Verspätung haben, schaffe ich es nicht mehr aufs Bahnhofsklo, bevor ich in die S-Bahn Richtung Heimat einsteige.


Die S-Bahn nach Hameln hält nach ein paar Stationen an und fährt nicht mehr weiter. Warum, wird nicht verraten. Es steigt eine Grundschulklasse ein, die so laut ist, dass ich trotz Noise Canceling den Podcast ausschalten muss. In diesem Zug wiederum sind alle Toiletten außer Betrieb. Es werden erst 5, dann 10, dann 25 und schließlich 35 Minuten Verspätung angezeigt. Ich erreiche dennoch rechtzeitig den Schulbus zu mir nach Hause. Die Schüler*innen sind zahlreich, machen aber zum Glück nicht sonderlich Lärm.

Ich bin trotzdem froh, wieder zu Hause zu sein.

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