Lars Reineke

Mommet

vaddern_und_mommetDer erste Türke, den ich in meinem Leben kennengelernt habe, war "Mommet". Er war Matrose auf dem Schiff, auf dem mein Vater als Steuermann zur See fuhr. Eigentlich hieß er "Mahmut", wie ich irgendwann mal auf einem Lottoschein gesehen habe, den ich für ihn abgeben sollte, als wir in Bremen, Hamburg, Kiel oder sonstwo im Hafen lagen.

Aber auf See ist es oft windig und laut, und wenn man dem Matrosen, der gerade am anderen Ende des Schiffes irgendwelche Arbeiten verrichtete, etwas zurufen wollte, musste man sich erstmal bemerkbar machen, damit er einen hörte, und darum nannten ihn alle an Bord immer nur "Mommet!", das ließ sich besser brüllen.

Apropos brüllen: Wenn er mit an Land kam, rief er immer aus der Telefonzelle bei seiner Familie an und bölkte dabei so laut in den Telefonhörer, dass die Leute, die daran vorbeigingen, sich jedes Mal umdrehten und manchmal Bemerkungen machten, warum er überhaupt ein Telefon benutzen würde, mit dem Gebrülle müsste man ihn auch so in der Türkei hören können. Währenddessen steckte er fortwährend ein 5-Mark-Stück nach dem anderen in den Münzapparat.

Meistens blieb er aber an Bord, weil dort beim Laden oder Löschen angepackt werden musste, und weil ich in meinen Ferien war und somit im Grunde tun und lassen konnte, was ich wollte, zog es mich, meistens zu Fuß, manchmal auch auf meinem mitgebrachten Fahrrad, in die Innenstadt. Die Mannschaft gab mir in der Regel etwas Geld mit, von dem ich ein paar Besorgungen machen sollte. Für meinen Vater eine BILD, manchmal Zigaretten und für Mahmut eine Hürriyet.

Das Wechselgeld durfte ich dann immer "behalten, behalten!" Mahmut sprach ziemlich schlecht deutsch, und zur Sicherheit hat er einfach immer alles zweimal gesagt, falls man ihn beim ersten Mal nicht verstanden hatte.

Das Wort "Moslem" hat damals praktisch niemand benutzt. Mahmut war Türke und damit hatte es sich auch schon. Warum er kein Schweinefleisch isst, hat nie jemand hinterfragt, das war eben so, dafür hatte er seine eigene Wurst dabei, die aber immer in einer separaten Plastiktüte im Kühlschrank aufbewahrt wurde, damit nicht alles andere darin nach Knoblauch roch.

Das Schiff war ein Küstenmotorschiff, und wir fuhren meistens zwischen England, Skandinavien und Deutschland hin und her, so dass wir uns manchmal mitten auf der Nord- oder Ostsee befanden und bis zum Horizont nur Wasser zu sehen war. Dann kam Mahmut manchmal hoch auf die Brücke, fragte, wo gerade Osten sei, und ging wieder hinunter in seine Kammer.

"Damit er weiß, in welche Richtung er beten muss," erklärte mir mein Vater, als sei es das Normalste auf der Welt.

Was es aus unserer Sicht irgendwie auch war. Schließlich wurde in unserer Familie ohnehin nie gebetet, weder nach Osten noch sonstwohin. Was sollte es da für eine Rolle spielen, in welche Himmelsrichtung das jemand machte.


Schaltfaul

Kaum etwas lässt mich verständnisloser zurück, als Radfahrer (meistens sind es jedoch Radfahrerinnen), die sich vor mir auf nur leichten Steigungen abquälen, ohne herunterzuschalten. Spätestens nach drei, vier Kurbelumdrehungen gehen sie aus dem Sattel, schaffen noch eine weitere und steigen dann ab.

Den meisten sehe ich es vorher schon an. "Die schaltet nicht," denke ich mir, sehe sie auf den Hügel oder die Rollstuhlrampe zufahren und achte auf die Stellung ihres Schaltwerks. Das steht dann meist irgendwo in der Mitte der Kassette und hat diesen Bereich seit Jahren nicht mehr verlassen.

Es sind übrigens immer billige Supermarkträder, die sie da fahren, und es wundert mich nicht im geringsten, wenn diese meist jungen Menschen das Radfahren als notwendiges Übel ansehen, das spätestens mit dem eigenen Führerschein und Auto endlich überwunden werden kann.

Würde man ihnen den richtigen Umgang mit ihrem Fahrrad beibringen, anstatt nur einmal nach der Grundschule die Verkehrsregeln abzufragen, wir könnten vermutlich den innerstädtischen Autoverkehr um die Hälfte reduzieren.


Siegfried Lenz

Siegfried Lenz ist tot.

Von ihm habe ich bislang nur “Deutschstunde” gelesen, in dem der Erzähler Siggi Jepsen als Strafarbeit einen Aufsatz mit dem Thema “Die Freuden der Pflicht” schreiben muss und davon erzählt, wie sein Vater, der Dorfpolizist, das Malverbot durchsetzt, das die Nazis gegen einen Freund der Familie ausgesprochen haben.

Ich war 17 oder 18 Jahre alt, als ich es gelesen habe, und es ist das bisher einzige Buch, das ich abends begonnen habe und nicht mehr weglegen konnte, bis ich nach etwa drei Kannen schwarzem Tee morgens auf der letzten Seite angekommen war.


Sechsundfünfzigvierundvierzig

Wie die meisten mitbekommen haben werden, bin ich in diesem Jahr ca. 20 Kilogramm leichter geworden, unter anderem durch Diät, aber auch dadurch, dass ich mittlerweile regelmäßig Sport treibe.

So laufe ich derzeit pro Woche an zwei bis drei Tagen ingesamt zwischen 10 und 15 Kilometer. Am Anfang habe ich das – auf indirekte Empfehlung von Patricia – noch mit der App “Zombies, Run!” gemacht, habe mich dann ein bisschen reingenerdet und bin mit Runtastic gelaufen, und seit ein paar Wochen trainiere ich mit einem Garmin Forerunner. So ziemlich zeitgleich fiel der Entschluss, mal wieder bei einem offiziellen 10-Kilometer-Lauf mitzumachen.

Mein letzter liegt mittlerweile vier Jahre zurück, und damals habe ich ihn in anderthalb Stunden beendet. Das sollte diesmal besser werden.

Vom Zeitpunkt lag der 10km-Lauf in Bremen günstig, also habe ich kurzerhand ein Hotelzimmer für uns gebucht und mich registriert.

Bereits im Training habe ich (mit kurzen Pausen an roten Ampeln) 10 Kilometer in 1:07:00 Stunden geschafft, also habe ich bei der Anmeldung als angepeilte Zielzeit einfach mal 1:05 Stunden angegeben.

Foto 05.10.14 08 47 31Wir sind bereits am Samstag angereist, haben uns ein wenig die Stadt angesehen, ich habe meine Unterlagen abgeholt, und wir sind in einem ziemlich überteuerten Maredo-Restaurant essen gegangen. Eiweiß soll ja für Läufer wichtig sein.

Gestern Morgen wurde es dann ernst. Die Schuhe samt Zeitnahmetransponder geschnürt, Laufsachen an und ab in die Straßenbahn, die uns praktisch direkt an der Startsammelzone absetzte.

Noch kurz einen Treffpunkt ausgemacht – das iPhone habe ich diesmal nicht mitgenommen – und dann habe ich mich auch schon auf meine Startposition begeben.

Foto 05.10.14 08 49 40Anders als noch vor vier Jahren gab es keine vorgegebene Einteilung, wo man sich in etwa einreihen sollte. Praktischerweise war aber bei allen Läufern die Zielzeit neben die Startnummer gedruckt, so dass ich mich bei ungefähr gleichschnellen Teilnehmern einsortierte.

Vorgenommen hatte ich mir, zeitlich unter einer Stunde zu bleiben, also stellte ich meine Uhr so ein, dass ich gegen einen virtuellen Gegner laufen würde, der exakt 60 Minuten für die Strecke brauchen würde. So lange ich also vor diesem “Gegner” bleibe, ist alles im Lack.

Um 9:35 Uhr fiel der offizielle Startschuss, dann bildete sich der übliche Stau, so dass ich mehr als zwei Minuten später die Startlinie überquerte.

Und dann habe ich erstmal ordentlich Gas gegeben. Vor mir waren lauter Läufer, die zum Teil einen ganz seltsamen Laufstil pflegten. Die schlackerten mit den Füßen, als wären sie noch nie gelaufen und sahen beim besten Willen nicht so aus, als würden sie die Strecke in einer Stunde schaffen. Wahrscheinlich so wie ich vor vier Jahren. Also musste ich an denen erstmal vorbei, schon allein, um etwas mehr Platz für mich zu haben.

Meine Uhr zeigte nach kurzer Zeit an, dass ich ca. 30 Sekunden vor meinem virtuellen Konkurrenten sei, so dass ich diesen recht komfortablen Vorsprung schon mal in der Tasche haben würde, solange ich unter einer Pace von 6:00 min/km bleibe. Praktischerweise fing meine Uhr immer an zu nörgeln, wenn ich langsamer als eben diese 6 min/km wurde, was aber eigentlich immer nur dann der Fall war, wenn andere Läufer mir den Weg versperrten. An einigen Stellen wurde die Strecke ziemlich eng, so dass ich immer wieder mal zu kleinen Überholmanövern ansetzen musste, die natürlich etwas den Laufrhythmus durcheinander brachten und die Herzfrequenz kurz ansteigen ließen.

Eine etwas korpulentere Läuferin sah so aus, als würde sie bei jedem Schritt mit den Schultern unsichtbare Gegner umstoßen müssen, das war gar nicht so leicht, die zu umrunden. Nicht, weil sie so dick war, sondern weil sie dabei so ausladende Bewegungen machte.

Ansonsten waren die Laufbedingungen perfekt. Am Vortag war noch Regen angekündigt, stattdessen herrschten angenehme 12 Grad – ideale Lauftemperatur – kaum Wind und strahlender Sonnenschein.

Zwischendurch habe ich hin und wieder meinen Puls abgelesen: Irgendwas um die 160, also etwa dort, wo ich beim Intervalltraining auch immer mal landete. Das Training mit dem Plan von Garmin hat sich wirklich ausgezahlt. Trotz relativ hohem Puls fühlte ich mich kaum an meiner Belastungsgrenze. Ich bin kein Experte, was Sportmedizin angeht, aber ich glaube, genau so soll das beim Wettkampf auch sein.

Nach einer langen Geradeausstrecke am Weserufer ging es dann einmal durchs Weserstadion und wieder zurück. Kurze Zeit später sah man schon ein Schild für die Marathonläufer, das mit “39 km” beschriftet war. Also noch etwa 3 Kilometer, die Schlussstrecke war für alle Läufer die gleiche – ob 10 km, Halbmarathon oder Marathon.

Foto 05.10.14 10 44 24Die Uhr zeigte mittlerweile einen Vorsprung von 2:30 Minuten an, Herzfrequenz um die 170 bpm. Ich hatte also noch reichlich Zeit, um die Stunde zu unterbieten, trank kurz einen Becher Wasser, der an der Strecke gereicht wurde, drückte mir einen nassen Schwamm in den Nacken und erhöhte nochmal das Tempo.

Auf der Zielgeraden nahm ich ein letztes Mal alle Reserven zusammen und ließ mich von Musik und Sprecher anfeuern. Puls 179, scheißegal, nur noch ein paar Meter, die Zieleinlaufuhr zeigte 58 Minuten an. Ich wusste aber, dass ich ja erst 2 Minuten später gestartet war, die Zeit von 1:00:00 Stunde hatte ich also locker im Sack, außerdem hatte ich noch meine Uhr am Handgelenk, die mir ca. 56 Minuten anzeigte.

Dann durchs Ziel, nicht mehr nach links oder rechts gucken, Faust in die Luft, geschafft, geschafft, geschafft.

Und so bin ich dann tatsächlich die zehn Kilometer in 56 Minuten und 44 Sekunden (netto) gelaufen. 36 (in Worten: sechsunddreißig) Minuten schneller als noch vor vier Jahren.

Mal gucken, vielleicht (aber nur vielleicht) mache ich nächstes Jahr einen Halbmarathon mit. Hannover würde sich ja anbieten. Noch 194 Tage zum Trainieren.

Und hier könnt ihr euch noch meinen Zieleinlauf anschauen. Der, der da bei 59:17 durch’s Ziel läuft, bin ich.

panorama


Die Scheißkatze ist wieder da

friedaJeden Morgen hasse ich diese Katze. Denn sie scheißt. Ok, das machen alle Katzen, aber diese scheißt nicht ins Klo. Oder zumindest nur in Ausnahmefällen. Vor sechs Jahren haben wir sie aus dem Tierheim geholt. Wir suchten eine Katze, die sich voraussichtlich gut mit unserem damaligen Kater vertragen würde und die nicht unbedingt nach draußen gehen muss, weil wir da noch in der 4. Etage wohnten.

So kamen wir zu Frieda. Oder sie zu uns. Im Tierheim hatte sie sich nur an den Futternapf getraut, wenn die anderen Katzen schon fertig waren, dann fraß sie kurz und zog sich wieder auf ihren Dachbalken zurück. Sie war wohl in einem Messiehaushalt aufgewachsen und wurde dort entsprechend vernachlässigt. Seitdem hatte sie eine Macke.

Bei uns taute sie dann langsam auf und kam tatsächlich ganz gut mit dem Kater zurecht. Scheu und zurückhaltend blieb sie aber immer. Außerdem wurde sie fett, aber das ist wohl eher unsere Schuld. Dass sie, nachdem sie Kacken war, im Katzenklo ihre Haufen nicht verscharrte, wie es andere Katzen tun, hätte uns misstrauisch machen sollen, aber letzen Endes war es ja auch egal.

Dann fing sie irgendwann an, einfach so in den Flur zu kacken. Das war dann eher nicht so egal, vor allem nicht, als meine Frau schwanger und ich wegen der Toxoplasmosegefahr 9 Monate lang Katzenscheißebeauftragter war. Aber man gewöhnt sich ja an alles.

Nach unsererem Umzug durfte sie dann auch nach draußen, wo sie sich aber höchstens gerade so weit entfernte, dass sie uns zumindest noch in den Garten kacken konnte. Was sie auch tat. Meistens. In aller Regel kam sie abends nach Hause, um uns dann nachts wieder in den Flur zu kacken.

Und so hasste ich die Katze jeden Morgen, wenn ich im Halbdunkel zum Klo schlurfte und mit meinem Telefon vor mir herleuchtete, um nicht barfuß irgendwo rein zu treten.

Am Montag blieb sie zum ersten Mal länger weg und kam nicht mehr zurück. Und da ist uns dann erstmal aufgefallen, wie sehr wir uns an dieses viel zu fette, scheißende Vieh gewöhnt haben.

Am Mittwoch wollten wir im Tierheim anrufen, aber da kam sie morgens kurz vorbei, lief jedoch gleich wieder weg, als ich sie ins Haus lassen wollte. Als sie gestern immer noch nicht zurück war, haben wir dann doch beim Tierheim gefragt.

2014-04-03 19.15.40Die haben uns eine Falle ausgeliehen. Gute Idee, auf die wir eigentlich auch selber mal hätten kommen können.

Und so betätigte ich mich gestern als Trapper und Fallensteller.

Ja, ich weiß, dass das eigentlich beides dasselbe ist, aber als ich noch ein Kind war, wurde das, soweit ich mich erinnern kann, bei “Der Mann in den Bergen” immer zusammen genannt. Wie bei “Nepper, Schlepper, Bauernfänger”, was ja letztlich auch alles das gleiche bedeutet.

Die Falle stellten wir über Nacht auf und plazierten in der Nähe ein Babyphon, damit wir alarmiert werden und die Katze (oder was auch immer wir für ein Tier fangen würden) nicht die ganze Nacht eingesperrt bleiben müsste.

Ich rechnete damit, dass wir ab jetzt jeden Morgen drei Waschbären und zwei Marder befreien müssten, aber das erste Tier, das doof genug war, in die Falle zu gehen, war: Frieda.

Und wenn sie nicht nochmal nächtelang abhaut, kann ich jetzt wieder jeden Morgen mit der Taschenlampe zum Klo, um nicht in Scheiße reinzulatschen.

Aber aus irgendeinem Grund ist es mir das wert.


Privatspielplätze

Was ist das eigentlich für eine seltsame Entwicklung in Kleinstädten und Vororten, dass Eltern ihren Kindern mittlerweile komplette Privatspielplätze für den Garten zusammenkaufen?

Der nächste öffentliche Abenteuerspielplatz ist fünf Minuten Fußweg entfernt, aber in den Gärten stehen heutzutage mindestens ein Sandkasten, eine Rutsche, eine Schaukel, ein Trampolin und ein Holzhaus auf Stelzen mit Klettergerüst.

Wie geht das weiter? Autoscooter für Einzelkinder mit eigenem Angestellten, der die Plastikchips einsammelt und die leerstehenden Autos wieder einparkt? Holzachterbahn mit Todesspirale und Looping in der Vorortsiedlung? Ein eigenes Delfinarium? Pools mit Wasserrutsche und Dreimeterbrett im Vorgarten?

Zugegeben, wir haben unserer Tochter auch schon den einen oder anderen Krempel gekauft, der dann vielleicht zweimal genutzt wurde. Was soll’s, abgehakt unter “Fehlkauf” und in aller Regel weiterverschenkt.

Aber wäre es nicht besser, wir Eltern würden alle mal wieder auf den Boden herunterkommen und das Geld lieber für öffentlicheSpielgeräte ausgeben, damit sich alleKinder - auch die von weniger reichen Eltern - auf Spielplätzen austoben können?

Das ganze hätte dann auch gleich den Nebeneffekt, dass der Nachwuchs lernt, Rutsche, Schaukel, Trampolin und Sandkasten mit anderen, ja sogar fremden(!), Kindern zu teilen. Ich stelle mir das zumindest recht sinnvoll vor, dass das Kind an das Konzept “Es gibt noch andere Menschen außer mir” herangeführt wird, bevordie allgemeine Schulpflicht einsetzt.

Aber wahrscheinlich ist das wieder mal nur so ein sozialistischer Gedanke von mir.


Burschenschaffner

800px-Burschenmuetze_Corps_HannoveraDas muss so Mitte der 90er gewesen sein.

Es war Sonntagnachmittag, ich hatte gerade einen Kumpel in Braunschweig besucht und war mit dem Zug auf dem Weg nach Hause. Vielleicht kam ich auch aus Göttingen, nagelt mich nicht fest.

Jedenfalls musste ich in Hildesheim umsteigen. Ich kaufte mir einen Becher Kaffee, und als der Zug bereitgestellt wurde, wie es bei der Bahn so schön heißt, stieg ich ein und suchte mir einen Platz. Ich war noch ziemlich müde vom vorangegangenen Wochenende und nippte dösend an meinem Getränk, als eine vierköpfige Gruppe Burschenschaftler einstieg und sich in der Sitzgruppe am Fenster gegenüber plazierte.

Sie gehörten offenbar zu einer farbentragenden Studentenverbindung, ich kenne mich da nicht so aus, sie hatten zumindest blaue Uniformjacken an, bunte Schärpen umgehängt und rote Mützen auf. Und darauf waren sie offensichtlich sehr stolz. Kaum älter als ich damals, also etwa 20 Jahre alt, saßen sie sich stocksteif in ihren Jacken gegenüber und achteten sorgsam darauf, dass auch ja keine Knitterfalte in ihre identitätsstiftende Oberbekleidung geriet. Ihre Mützen nahmen sie ebenfalls nicht ab, wie man das möglicherweise bei alltagstauglicherer Kopfbedeckung erwartet hätte.

Kurzum: Sie fanden sich in ihrer Rolle als zukünftige Stützen der Gesellschaft ganz furchtbar toll. Das sollte jedoch nicht allzu lange anhalten.

Denn nach wenigen Minuten geschah folgendes:

Die Lautsprecherdurchsage auf dem Bahnhof verkündete, dass der Zug, in dem wir saßen, jetzt abfahren würde.

Die Durchsage war noch nicht beendet, da sah ich aus meinem zum Bahnsteig gerichteten Fenster, wie ein junger Mann die Treppe hinaufeilte oder besser: Es versuchte.

Er bewegte sich in der für ihn maximal erreichbaren Geschwindigkeit auf die offene Zugtür zu, was nicht sehr schnell war, denn er konnte durch seine bis auf die Schultern reichenden Rastalocken nicht sehr gut sehen. Auch sein rappeldickevoller Bundeswehrrucksack, in dessen Deckel eine Isomatte eingerollt war, und die Tatsache, dass er – bis auf ein Paar sich bereits auflösende Jesuslatschen – kein nennenswertes Schuhwerk trug, waren ihm in seiner Vorwärtsbewegung keine große Hilfe.

Schwer atmend rumpelte er in unser Raucherabteil, warf sein Reisegepäck auf ein Sitzpolster und kramte einen kleinen, bestickten Stoffbeutel aus einer Seitentasche seines Rucksacks. Daraus entnahm er einen 20-Mark-Schein und eine selbstgedrehte Zigarette, die er sich umgehend anzündete. Erstmal durchatmen. Soviel Zeit musste sein.

Mit dem Geldschein in der Hand drehte er sich zu den vier sichtlich angewiderten Burschenschaftlern und nuschelte mit einer Modulation irgendwo zwischen Udo Lindenberg und einem schwer angeschlagenen Axel Schulz: “Hier, sarnsemal, äh, kann ich bei Ihnen noch’n Ticket kaufen? Der Automat im Bahnhof is kaputt.”

Wie die vier einstmals so stolzen, farbentragenden Studenten es mit ihrer ruhmreichen Tradition aufgenommen haben, dass sie von einem heruntergekommenen – Hippie - für Schaffner gehalten wurden, lässt sich leider nicht mehr wiedergeben, weil ich vor Lachen meinen Kaffee durch die Nase ausstieß.

Ich weiß nur: Ein Ticket haben sie ihm jedenfalls nicht verkauft. Aber ich glaube, das war ihm dann letzten Endes auch egal.


Nicht fragen

Und dann unterhältst du dich mit dem Koch aus dem Libanon, und er erzählt dir, dass er in einer großen Familie aufgewachsen sei. Dass er neun Geschwister gehabt habe.

Und dass sie immer in Dreier- oder Vierergruppen zur Schule gehen mussten, niemals alle zusammen, damit, wenn eine Rakete einschlüge, nicht alle auf einmal sterben würden.

Wie viele Geschwister er noch habe, würdest du gerne fragen, aber das verkneifst du dir, weil du Angst vor der Antwort hast.


Auf dem Zahnfleisch

(Dieser Text ist vor langer Zeit in meinem damaligen Blog erschienen.)

Mein erster 10-km-Lauf. Ein Bericht.

Es ist 10:50 Uhr. Ich sitze in der S-Bahn nach Hannover und stinke wie die Seifenecke bei Schlecker. Der Grund dafür ist die halbe Tube Voltaren Schmerzgel, die ich mir prophylaktisch auf Füße, Schienbeine, Knie, Oberschenkel und - nein, nicht in den Schritt - auf die Lendenwirbelsäule geschmiert habe. Man wird mich beim Lauf daran erkennen, daß mir ein Dutzend Katzen folgt, das sich an meinen Beinen reiben möchte. Aber egal, Hauptsache Schmerzgrenze erhöhen.

Ich schaue aus dem Fenster und erblicke einen Krankenwagen, der in dieselbe Richtung fährt wie wir. Sollte ich mich mit denen schon mal gutstellen? Vielleicht schon mal die Blutgruppe auf den Laufschuh schreiben?

Ich greife in meine rechte Tasche meiner Laufjacke. Ja, die Krankenversicherungskarte ist noch da, man kann ja nie wissen.

Wir kommen beim Start an, wo ein offenbar Geisteskranker gerade das Mikrofon übernommen hat, während ein schwarzer Mann und eine ebenso schwarze Frau in völlig irrsinniger Geschwindigkeit ihren Marathon beenden. Der Mann am Mikro brüllt: "IST DAS DER WAHNSINN??!!? SCHWARZ NEBEN SCHWARZ! UNFASSBAR! JA, DAS IST AFRIKA!" - Ja, genau, und du bist ganz offensichtlich Deutschland.

Ich verdrücke mich unauffällig auf die Toilette, um mich noch einmal schnell zu dopen. Mehr Voltaren auf die Beine und überhaupt. Ist das eigentlich erlaubt? Ach, was soll's, wenn ich ins Ziel komme, haben die Doping-Kontrolleure eh schon längst Feierabend. Ich schnalle mir den Brustgurt meines Pulsmessers um. Jetzt schon 120. Na, das wird ja super.

Ich befestige den Chip zum Zeitmessen an meinem Laufschuh. Man kann ihn mieten oder kaufen, dann kann man ihn für die nächsten Läufe wiederverwenden und spart so irgendwann Geld. Ich verschiebe die Entscheidung, was ich damit machen werde, auf "Irgendwann in 2 Stunden".

Kurz vor dem Start. Ich checke nochmal die Runkeeper-App auf dem iPhone, das ich mir am Oberarm befestigt habe. Die App ist unbestechlich, sie wird mir alle 5 Minuten via Kopfhörer sagen, wie lange ich gelaufen bin, wie weit und wie schnell. Beziehungsweise langsam. Das wird natürlich nicht in km/h angegeben. Wie alle Randgruppen haben auch Ausdauersportler ihr eigenes Vokabular. Der Fachterminus lautet "Pace", ist ein Femininum und gibt die Zeit pro Kilometer an. Läßt sich leichter rechnen. Laut Training ist für mich eine Pace von 10 Minuten pro Kilometer realistisch, was auf eine Endzeit von 100 Minuten bzw. 1 Stunde 40 Minuten hinausliefe. Das ist sehr lahm, aber ich wiege ja auch mindestens 20 Kilo zuviel, außerdem trainiere ich erst seit 4 Wochen.

Meine Startnummer, die ich mir plauzekaschierend vor den Bauch gepinnt habe, sagt, ich solle durch das blaue Tor zum Start gehen. Wo ist das blaue Tor? Ah, ganz hinten, das ist sehr entgegenkommend von der Rennleitung. Eine meiner größten Befürchtungen war ja, 98 Prozent der Läufer die Bestzeit zu versauen, weil sie erst einen Umweg um mich herum nehmen müssen. Aber so kann ich ganz entspannt zugucken wie sie alle am Horizont verschwinden. Auch schön.

Da - der Startschuß. Aber niemand läuft. Sind die alle taub? Es sollte doch jetzt losgehen? Ach so, Stau, klar. Neben mir ruft einer seiner Frau zu, sie solle ihm nochmal kurz seine Zigaretten rüberwerfen, das würde noch dauern. Aber so langsam gehen die Leute vor mir los. Hey, das Tempo schaffe ich auch. Dann werden sie schneller. Ich auch. Blick auf die Uhr: Puls 155.

Ich komme bei der Startlinie an, als mein iPhone schon den ersten Hardcore-Song absolviert hat. Also etwa drei Minuten durch. Jetzt wäre der beste Zeitpunkt, um abzuhauen und sich 'ne Bratwurst zu kaufen. Aber links und rechts brüllen mich wildfremde Menschen an, die sich hinter Polizeizäunen verschanzt haben. Kein Durchkommen. Dann eben doch weiterlaufen.

Kurz vor der ersten Biegung drehe ich mich um. Kaum noch jemand hinter mir, nur ein paar vereinzelte Läufer und eine sehr dicke Frau, deren riesiges, hellgraues Trikot nicht zu übersehen ist. Ich nenne sie "den Meilenstein" und beschließe: "Wenn die mich überholt, rufe ich mir ein Taxi."

In dem Moment läuft ein Mittvierziger an mir vorbei, der in etwa meine Statur aufweist. Eigentlich ist er sogar noch etwas dicker als ich. Na, warte, Kollege, dich kriege ich noch, denke ich, versuche hinterher zu kommen, aber mein Puls geht direkt auf 160 hoch. Ach, dann soll er halt, das ist mir noch zu früh.

Mein iPhone quäkt mir ins Ohr, daß ich schon 1,5 Kilometer hinter mir habe und sagt mir meine Pace: 9 Minuten 24 Sekunden. Das wären so etwa 1:35 Stunden für die 10 Kilometer. Aber wer soll dieses Tempo durchhalten?

Wir laufen auf einer Gegengerade, da sehe ich schon die ersten Walker, die 10 Minuten später losgewatschelt sind. Verdammt, sind die schnell. Ist eigentlich mein Meilenstein noch hinter mir? Ja, da wackelt er noch, sehr gut.

Kaum habe ich das gedacht, überholt mich der erste Walker. Ich beschließe, sie zu meinen Erzfeinden zu erklären und wie die Pest zu hassen. Also, mehr als ohnehin schon.

Kurz vor mir läuft ein sehr, SEHR dicker junger Mann, der sich bereits seine Trainingsjacke um die massiven Hüften gebunden hat, die bremsend an ihm herumschlackert. Mann, ist der fett. Aber er hat sich trotzdem angemeldet, und er scheint fest entschlossen, die 10 Kilometer zu schaffen. Sein Laufstil ist unter aller Sau, aber er läuft. Ich mag ihn.

Da ist ja auch der pummelige Mittvierziger wieder, der mich vorhin überholt hat. Er geht. YES! Ich laufe an ihm vorbei. Den ersten habe ich geschafft.

Aus dem Kopfhörer brüllen gerade Rage Against The Machine auf mich ein und geben einen konstanten Rhythmus vor, der etwas über meiner Schrittgeschwindigkeit liegt. Ich werde automatisch schneller, kurzer Blick auf die Pulsuhr: Unter 160. Geht doch.

Ich passiere den richtig Dicken, möchte ihm zulächeln, aber er hat eine Brille mit sehr dickem Rand auf, guckt nicht zur Seite, und umdrehen sähe überheblich aus. Ich drücke ihm beide Daumen, daß er's schafft.

Die Polizisten, die die Straßen absperren, und ich, wir werfen uns gegenseitig mitleidige Blicke zu, ich, weil sie hier auf der Straße stehen müssen, sie, weil ich offenbar so aussehe, als könnte ich Hilfe gebrauchen. Ich biete ihnen wortlos einen Deal an: Ich ringe mir ein Grinsen ab - sie rufen nicht den Notarzt. Funktioniert.

Irgendein Vollidiot hat beschlossen, uns über eine kurze Brücke mit entsprechend steiler Steigung laufen zu lassen. Ich wünsche diesem Wahnsinnigen die Krätze an den Hals.

Den Meilenstein hinter mir kann ich nicht mehr entdecken, und wenn die mich überholt hätte, das hätte ich gemerkt.

Wir sind mittlerweile bei Kilometer 3, meine Pace liegt unverändert bei 9 Minuten irgendwas, aber so langsam kommt die Durststrecke. Das ist doch alles etwas schneller als im Training.

Immer mehr Walker überholen mich. Elende Drecksäcke.

Hier muß doch irgendwo die Verpflegungsstation sein! Da war doch was. Bei Kilometer 4, richtig, da muß sie kommen. Dann werde ich ein paar Schritte gehen, etwas Wasser trinken, eine halbe Banane essen, und dann wird alles gut. Aber das ist noch ein ganzer Kilometer bis dahin. Also 10 Minuten. Verdammt.

"Banane, Banane, Banane, Banane, Banane, Banane, Banane, Banane..."

Oh, schau an, ich bin schon irre geworden, na, das ging ja schnell.

Da, da ist das Schild: Verpflegungsstation! Yeah, nur noch 300 Meter.

Es gibt nur Wasser. Och, Menno. Ich versuche zu gehen, aber das klappt nicht. Meine Beine wollen nicht gehen. Sie sind auf Laufen eingestellt. Also versuche ich, im Laufen zu trinken. Zwei Schlucke gehen rein, der Rest landet im Kragen. Auch gut. Noch schnell einen nassen Schwamm greifen, Stirn abkühlen. Weiter geht's.

Der erste Nordic Walker, mindestens 60 Jahre alt, schrappt mit seinen beknackten Stöcken an mir vorbei und bringt mich aus dem Takt. Ich überlege kurz, ihm stumpf eine reinzuhauen, aber da gibt's einen entscheidenden Nachteil: Ich könnte nicht schnell genug weglaufen, der alte Sack hätte mich ruck zuck eingeholt. Und er ist bewaffnet. Dann eben nicht.

Der nächste Walker überholt mich, dreht sich zu mir zur Seite und ruft durch meine Kopfhörer hindurch: "Du schaffst das!" Ich möchte antworten: "Für dich immer noch ‘Sie'", es kommt aber nur ein "Hnnggniehiee" heraus, naja, er meint's ja nur nett.

Ich komme an zwei Stadtbediensteten vorbei, die die Straße sperren. Hinter ihnen steht ein riesiger Wagen der Stadtreinigung. Ich stelle mir vor, wie ich von den rotierenden Besen in die Gosse geschoben werde, wenn ich mich jetzt hier einfach hinlege.

Die nächste Biegung: Das war schon der Maschsee. Vor mir ein Schild: Kilometer 7. Ach du Scheiße, bin ich irgendwo falsch abgebogen? Habe ich eine illegale Abkürzung benutzt? Bin ich jetzt disqualifiziert? Doch nach kurzer Zeit bestätigt mir das iPhone die Strecke. Die Zeit stimmt auch noch, wir kommen an einer Straßenbahnhaltestelle vorbei, die Uhr zeigt an, daß ich seit etwa 1 Stunde 5 Minuten laufe. Dann ist ja alles ok. Aber wo waren die letzten drei Kilometer?

Auf der langen Straße, auf der wir jetzt unterwegs sind, stehen lauter Gebäude mit Glasfassade. Ich sehe mein laufendes Spiegelbild. Du lieber Himmel, deswegen haben die Polizisten so geguckt.

Da, Kilometer 8. Und noch eine Verpflegungsstation. Es gibt wieder Wasser, dann irgendein Sport-Gel-Zeug aus der Tube, doch dann sehe ich ein Schild mit der großen Aufschrift "Bananen". Endlich. Aber Gehen funktioniert immer noch nicht, dann esse ich halt im Laufen. Zucker! Geil.

Meine Schuhe kleben am Asphalt. Ein paar Läufer haben offenbar mit dem Gel-Zeugs gekleckert.

Die letzte Biegung. Mein Puls: 173. Huiuiui, das ist hoch. Aber ich hatte irgendwo gelesen, das wäre ok so. Auf den letzten Metern zusammenklappen will ich jetzt aber auch nicht, andererseits soll es am Ziel zumindest so ähnlich aussehen wie Laufen. Ich muß da irgendwie ein Mittelding finden.

Ich laufe langsam mit hochrotem Kopf über die Zielmarke. Die Stoppuhr über mir zeigt die Bruttozeit an: 1 Stunde 37 Minuten. Davon muß ich noch die Zeit abziehen, die ich bis zum Start im Stau gewartet habe. Das müssen irgendwas unter 1:35 Stunden gewesen sein.

Ich hab's geschafft. Leck mich am Arsch.

Epilog:

Zu Hause sehe ich, daß ich nicht letzter war, zwei Männer und ein paar Frauen waren noch langsamer als ich. Ich hoffe, daß der Dicke es geschafft hat. Meine Zeit war 1:33h.

Und wenn ich meine Beine wieder bewegen kann, laufe ich wieder. Den Chip zum Zeitmessen habe ich übrigens gekauft.


Du willst also Azubi werden

Es ist wieder soweit, ein neuer Auszubildender wird gesucht, ein Fachinformatiker soll es werden, Fachrichtung "Systemintegration".

Das bedeutet für mich: Bewerbungen sichten, bewerten und anhand des Ergebnisses diejenigen Bewerber heraussuchen, die zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden sollen.

Das ist nicht immer eine leichte Aufgabe, insbesondere dann nicht, wenn teilweise Bewerbungen eintrudeln, die lieblos, lückenhaft und widersprüchlich sind.

Aus purem Eigennutz gibt es daher hier an dieser Stelle, sozusagen außer der Reihe, ein Paar Tips darüber, wie man sich so bewirbt, daß man beim gewünschten Ausbilder bei mir gut ankommt.

Die Kriterien

So eine Bewerbung will sorgfältig geschrieben sein, immerhin ist sie doch zunächst die einzige Methode, einen ersten Eindruck von sich zu vermitteln.

Um die Bewerber vergleichen zu können, habe ich jedoch nur wenige Kriterien zur Verfügung:

  • Äußerer Eindruck / Form der Bewerbung
  • Schulabschluß
  • Schulnoten
  • unentschuldigte Fehltage
  • Erfahrungen in dem Berufsbild
  • Bemerkungen (z.B. gute Praktikumszeugnisse etc.)
  • Gesamteindruck

Der äußere Eindruck

Kommen wir also zum ersten Kriterium, des äußeren Eindrucks der Bewerbung, davon ausgehend, daß schriftliche Unterlagen gewünscht werden.

Verwendet einen Hefter. Punkt.

Ja, hochwertigere Hefter sind teurer, das weiß ich auch, und bei Schülern sitzt das Geld wahrscheinlich auch nicht so locker, aber wenn 23 Bewerber eine richtige Mappe abgeben, und zwei begnügen sich nur mit einer durch eine Büroklammer zusammengehaltene Loseblattsammlung, welchen Eindruck macht das wohl?

Achtet auch darauf, was Eure Mitschüler für Hefter verwenden, und kauft dann einen anderen. Man muß nicht auffallen um jeden Preis, aber es sollte schon über den alten, möglicherweise wiederverwendeten Erdkundeplastikschnellhefter hinausgehen.

Ach ja: Keinen übertriebenen Design-Schnickschnack bitte, wenn es um einen Platz als Fachinformatiker geht, wir sind ja nicht bei den Mediengestaltern.

Wir suchen einen Azubi, nicht Norman Bates

Das leidige Thema "Fotos": Seit Umsetzung des allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes werden Fotos in der Regel nicht mehr explizit verlangt, wenn Ihr aber eines beifügt, dann doch bitte kein Psychopathenfoto, auf dem Ihr wie Klaus Kinski in die Kamera starrt. Spart nicht am falschen Ende, geht zu einem guten Fotografen.

Wenn Ihr übrigens das Foto mit einer Büroklammer so anheftet, daß alle nachfolgenden Seiten davon zusammengehalten werden, hasse ich Euch jetzt schon, weil ich das ganze dann zum Lesen auseinanderpflücken muß.

"Ich habe mich schon immer für Getränke interessiert."

Nun zum Anschreiben: Das lese ich so gut wie nie komplett durch. Der Großteil ist wahrscheinlich entweder gelogen ("...habe ich mir schon immer gewünscht, bei Ihnen eine Ausbildung zu machen...") oder zusammenkopiert. Ja, sowas sehe ich.

Was ich mir jedoch anschaue, sind zum einen Rechtschreib- und Grammatikfehler. Bitte, soviel Zeit muß sein, gebt das Ding irgendjemandem, zur Not Eurem Deutschlehrer, zur Korrektur.

Unterschreibt Euer Anschreiben mit vollem Namen oder zumindest "V. Nachname". Ich habe heute tatsächlich eine Bewerbung gesehen, die mit "Vorname N." unterschrieben war.

Und natürlich fallen mir häufig auch ungeschickte Formulierungen auf:

  • "... und ich rechne gern." Ja, ich auch, und zwar mit dem Schlimmsten.
  • "... gebe ich daher meine vollständigen Bewerbungsunterlagen ab." Schön wäre allerdings, wenn diese dann auch vollständig wären und nicht sämtliche Praktikumszeugnisse fehlten. Also bitte nicht einfach den Text aus der Ausschreibung hineinkopieren.
  • "Bitte lassen Sie sich durch meine schulischen Leistungen nicht abschrecken." Keine Sorge, ich weiß Schulnoten schon einzuordnen. Wenn ich sehe, daß Ihr in Mathe und Informatik gut mitgemacht habt, ist mir Eure Sport-Zensur vollkommen egal. In diesem Fall war das Zeugnis übrigens gar nicht so schlecht, da ist sowas natürlich erst recht unnötig.

3 Jahre können eine lange Zeit werden

Ganz wichtig: Beschäftigt Euch eingehend mit dem Berufsbild. Wenn Ihr die Fachrichtung "Systemintegration" wählt, will ich nicht unbedingt wissen, ob Ihr für Euren Sportverein schonmal was in Visual Basic programmiert aber noch nie ein Netzwerk eingerichtet habt. Umgekehrt ergibt es eher einen Sinn: Wenn Ihr gerne programmiert, werdet Anwendungsentwickler, Ihr erspart Euch und uns jede Menge Ärger.

Und noch etwas: Die Ausbildungsbezeichnung ist insbesondere bei uns fast nie die gleiche wie die Berufsbezeichnung. Niemand arbeitet als "Fachinformatiker / Fachrichtung Systemintegration", das lernt man nur. Ihr arbeitet dann später als Systemadministratoren, Netzwerktechniker oder Anwendungsbetreuer, aber ganz sicher nicht als "Fachinformatiker".

Schulabschluß und Zeugnisse

Kommen wir zu Eurem Schulabschluß: Da ich den gerne so schnell wie möglich erkennen möchte, schreibt ihn explizit in Euren Lebenslauf. Nicht nur "Besuch der Pippi-Langstrumpf-Realschule". Die meisten Realschulen kenne ich eh nicht, ich will wissen, wann Ihr welchen Abschluß gemacht habt / machen werdet.

Hier aber bitte auch: Nichts behaupten, was Ihr nicht belegen könnt. Wenn Ihr angebt, daß Ihr die Fachhochschulreife habt, dann muß das auch irgendwo amtlich dokumentiert sein, kann ja sonst jeder behaupten.

Wenn Ihr ein Praktikum macht, dann laßt Euch darüber auch ein Zeugnis ausstellen. Viele Betriebe haben da keinen Bock drauf, ich weiß. Dafür gibt es aber vorgefertigte Bögen, die der Aussteller nur noch anzukreuzen braucht. Das sollte eigentlich in 5 Minuten zu schaffen sein.

Der Gesamteindruck

Ein letzter Punkt ist extrem wichtig, wahrscheinlich aber schon fast zu spät, wenn Ihr Euch an eine Bewerbung setzt: Unentschuldigte Fehltage in der Schule.

Jeder ist mal krank oder läßt sich mal hängen, das ist nichts Ungewöhnliches. Aber wenn mir ein Volljähriger, der sich seine Entschuldigungen sogar selber schreiben könnte, ein Schulzeugnis vorlegt, auf dem 20 Fehltage, davon 11 unentschuldigt, draufstehen, fällt er automatisch unten durch.

Und für die Minderjährigen: Es wird ja wohl irgendwo in Eurer Region einen Arzt geben, der Euch ein Attest für 'ne Magenverstimmung aufschreiben kann, also bitte.

Zudem solltet Ihr einigermaßen selbständig sein. Kommt um Gottes Willen nicht mit Eurer Mutter in den Ausbildungsbetrieb, es sei denn, Ihr seid minderjährig und der Ausbilder verlangt ausdrücklich, daß sie vor Ort unterschreibt.

Insbesondere den ehemaligen Realschülern, Wehrdienstleistenden und Fußballspielern unter Euch sei gesagt: Die Zeiten, in denen vorne einer steht und Euch sagt, was Ihr machen müßt, sind spätestens in der Ausbildung vorbei.

Viel Glück bei der Ausbildungsplatzsuche!

Disclaimer:

Ich übernehme keine Gewähr, daß andere Ausbilder die gleichen Ansichten und Entscheidungskriterien haben wie ich. Wenn Ihr Euch also an meine Hinweise gehalten habt, und es hat nicht geklappt: Viel Erfolg beim nächsten Mal, aber gebt mir nicht die Schuld dafür.