Lars Reineke

Honfleur, Saint-Malo und Mont-Saint-Michel

Wir besuchen die kleine Hafenstadt Honfleur, die - weil der französische Nationalfeiertag zelebriert wird - hoffnungslos überlaufen ist. Noch dazu ist es dort nochmal fünf Grad heißer als bei uns, und ich bin mit langer Jeans und Hemd dummerweise viel zu warm angezogen. Das kleine Städtchen ist aber trotzdem sehenswert, vor allem der alte Hafen, und ich schwitze mich so durch den Tag.

Wir hatten am ersten Tag in Frankreich einen Camembert de Normandie gekauft, ohne zu wissen, worauf wir uns da einlassen. Schon nach wenigen Stunden stank er uns den Kühlschrank voll, sodass wir ihn zunächst in eine Plastiktüte einschlossen - ohne Erfolg. Er ist zwar durchaus essbar, aber nur, wenn man ihn nicht zeitgleich dabei riecht.

Also erteilen wir dem Käse Hausverbot, er muss ab sofort auf der Terrasse bleiben. Da darf er vor sich hinmüffeln, wie er möchte und wehrt dabei vielleicht sogar Einbrecher oder Mücken ab. Draußen ist er auch durchaus genießbar, woraufhin wir befinden, dass es sich hier um einen klassischen Outdoor-Käse handelt. Konnten wir ja nicht wissen.

Abends schauen wir im Campingplatz-Restaurant das Spiel Frankreich gegen Spanien, und das macht durchaus Spaß, mit lauter Franzosen, Belgiern, Niederländern und auch ein paar Briten ein Spiel zusammen zu sehen. Es geht zwar bekanntermaßen nicht so gut für Frankreich aus, aber die Menschen haben gute Laune und alle unterhalten sich in der jeweiligen Sprache des größten gemeinsamen Nenners miteinander. Ein Brite links neben uns spricht mit uns auf englisch und mit dem Franzosen auf der anderen Seite auf französisch, und irgendwie ist das doch alles ganz hoffnungsvoll, wenn man bedenkt, was hier vor etwas über 80 Jahren los war.

Für den nächsten Tag haben wir uns eine weitere Städtetour vorgenommen. Es geht direkt nach dem Frühstück nach Saint-Malo, was von unserer Unterkunft knapp 2 Stunden Autofahrt Richtung Westen bedeutet.

Ich möchte mir unbedingt die von Festungsmauern umgebenene Altstadt anschauen, die Schauplatz des oft von mir weiterempfohlenen und sehr gern gelesenen Romans Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr ist. Die gleichnamige Miniserie kann ich aufgrund des völlig übertriebenen Schauspiels von Lars Eidinger nicht uneingeschränkt empfehlen. Das Buch jedoch habe ich sehr geliebt, und ich schaue mir mit Freude die engen Gassen mit den hohen Gebäuden an. Wir gehen einmal "intra muros" durch die Innenstadt und dann auf der Festungsmauer im Halbkreis wieder zurück.

Danach geht es weiter nach Mont-Saint-Michel. Die Abtei wurde in mehreren Schichten, begonnen im 10. Jahrhundert, auf einem Berg vor der Küste errichtet, den man heutzutage mit Shuttlebussen erreicht. Bereits aus der Ferne bietet die Abtei auf dem Berg ein beeindruckendes Bild.

IMG_6442

In den Shuttlebussen fallen mir Hinweistafeln auf, die darauf aufmerksam machen, dass Frankreich Ziel terroristischer Aktivitäten war und ist, und man bitte besonders aufmerksam sein solle. Die drei Soldaten, die auf dem Platz vor dem Berg mit Maschinenpistolen patrouillieren, sehen sehr ernst und konzentriert aus. Vor dem Eintritt in die Abtei gibt es nochmal eine Sicherheitskontrolle, und natürlich schlägt der Metalldetektor an, als ich durchgehe. Ich zeige dem etwas älteren, aber ebenfalls ernsten Security-Mann den Inhalt meines Rucksacks, unter anderem mein Laptop und eine Powerbank. Er fragt "Knife?" und ich hole mein Victorinox Mini Champ aus der Hosentasche und frage, ob das ein Problem sei. Er winkt ab, und ich werfe das kleine Taschenmesser demonstrativ in die Tiefe meines Rucksacks. Theoretisch hätte ich noch lauter andere Waffen, unter anderem auch große Messer mit reinschmuggeln können, aber anscheinend wirke ich nach dem Aufstieg, durchgeschwitzt und außer Puste, wie ich bin, insgesamt nicht bedrohlich genug.

Funfact: Beim Aufstieg durch das Dorf kommt man an einem Laden vorbei, der nicht nur Jagdmesser, sondern auch Katanas verkauft, wie scharf die allerdings sind, entzieht sich meiner Kenntnis.

Nun für ungefährlich befunden, bezahlen wir unsere jeweils 16 Euro Eintritt (das Kind darf immerhin umsonst hinein) und schauen uns dieses Meisterwerk der Baukunst an. Von den Gebäuden wurden im Laufe der Jahrhunderte jeweils Teile weiterverwendet oder wieder eingerissen und übereinandergebaut, und so ergibt sich im Inneren der Abtei ein komplett abgefahrenes 3D-Labyrinth mit lauter Treppen, die völlig unvorhersehbar mal nach oben und mal wieder nach unten führen. Immer wieder eröffnen sich plötzlich riesige Säle am Ende verwinkelter Treppen, und man fragt sich, wie der ganze Bums überhaupt zusammenhält.

Mittlerweile schmerzen mir von der ganzen Schlenderei schon ganz ordentlich die Füße, aber es sind nochmal anderthalb Stunden, die wir mit dem Auto wieder zurück fahren müssen. Doch es war ein eindrucksvoller Tag, der sich gelohnt hat.

⬅ Vorheriger Beitrag
Saint-Aubin-sur-Mer