Auf dem Zahnfleisch

(Dieser Text ist vor langer Zeit in meinem damaligen Blog erschienen.)

Mein erster 10-km-Lauf. Ein Bericht.

Es ist 10:50 Uhr. Ich sitze in der S-Bahn nach Hannover und stinke wie die Seifenecke bei Schlecker. Der Grund dafür ist die halbe Tube Voltaren Schmerzgel, die ich mir prophylaktisch auf Füße, Schienbeine, Knie, Oberschenkel und – nein, nicht in den Schritt – auf die Lendenwirbelsäule geschmiert habe. Man wird mich beim Lauf daran erkennen, daß mir ein Dutzend Katzen folgt, das sich an meinen Beinen reiben möchte. Aber egal, Hauptsache Schmerzgrenze erhöhen.

Ich schaue aus dem Fenster und erblicke einen Krankenwagen, der in dieselbe Richtung fährt wie wir. Sollte ich mich mit denen schon mal gutstellen? Vielleicht schon mal die Blutgruppe auf den Laufschuh schreiben?

Ich greife in meine rechte Tasche meiner Laufjacke. Ja, die Krankenversicherungskarte ist noch da, man kann ja nie wissen.

Wir kommen beim Start an, wo ein offenbar Geisteskranker gerade das Mikrofon übernommen hat, während ein schwarzer Mann und eine ebenso schwarze Frau in völlig irrsinniger Geschwindigkeit ihren Marathon beenden. Der Mann am Mikro brüllt: “IST DAS DER WAHNSINN??!!? SCHWARZ NEBEN SCHWARZ! UNFASSBAR! JA, DAS IST AFRIKA!” –  Ja, genau, und du bist ganz offensichtlich Deutschland.

Ich verdrücke mich unauffällig auf die Toilette, um mich noch einmal schnell zu dopen. Mehr Voltaren auf die Beine und überhaupt. Ist das eigentlich erlaubt? Ach, was soll’s, wenn ich ins Ziel komme, haben die Doping-Kontrolleure eh schon längst Feierabend. Ich schnalle mir den Brustgurt meines Pulsmessers um. Jetzt schon 120. Na, das wird ja super.

Ich befestige den Chip zum Zeitmessen an meinem Laufschuh. Man kann ihn mieten oder kaufen, dann kann man ihn für die nächsten Läufe wiederverwenden und spart so irgendwann Geld. Ich verschiebe die Entscheidung, was ich damit machen werde, auf “Irgendwann in 2 Stunden”.

Kurz vor dem Start. Ich checke nochmal die Runkeeper-App auf dem iPhone, das ich mir am Oberarm befestigt habe. Die App ist unbestechlich, sie wird mir alle 5 Minuten via Kopfhörer sagen, wie lange ich gelaufen bin, wie weit und wie schnell. Beziehungsweise langsam. Das wird natürlich nicht in km/h angegeben. Wie alle Randgruppen haben auch Ausdauersportler ihr eigenes Vokabular. Der Fachterminus lautet “Pace”, ist ein Femininum und gibt die Zeit pro Kilometer an. Läßt sich leichter rechnen. Laut Training ist für mich eine Pace von 10 Minuten pro Kilometer realistisch, was auf eine Endzeit von 100 Minuten bzw. 1 Stunde 40 Minuten hinausliefe. Das ist sehr lahm, aber ich wiege ja auch mindestens 20 Kilo zuviel, außerdem trainiere ich erst seit 4 Wochen.

Meine Startnummer, die ich mir plauzekaschierend vor den Bauch gepinnt habe, sagt, ich solle durch das blaue Tor zum Start gehen. Wo ist das blaue Tor? Ah, ganz hinten, das ist sehr entgegenkommend von der Rennleitung. Eine meiner größten Befürchtungen war ja, 98 Prozent der Läufer die Bestzeit zu versauen, weil sie erst einen Umweg um mich herum nehmen müssen. Aber so kann ich ganz entspannt zugucken wie sie alle am Horizont verschwinden. Auch schön.

Da – der Startschuß. Aber niemand läuft. Sind die alle taub? Es sollte doch jetzt losgehen? Ach so, Stau, klar. Neben mir ruft einer seiner Frau zu, sie solle ihm nochmal kurz seine Zigaretten rüberwerfen, das würde noch dauern. Aber so langsam gehen die Leute vor mir los. Hey, das Tempo schaffe ich auch. Dann werden sie schneller. Ich auch. Blick auf die Uhr: Puls 155.

Ich komme bei der Startlinie an, als mein iPhone schon den ersten Hardcore-Song absolviert hat. Also etwa drei Minuten durch. Jetzt wäre der beste Zeitpunkt, um abzuhauen und sich ‘ne Bratwurst zu kaufen. Aber links und rechts brüllen mich wildfremde Menschen an, die sich hinter Polizeizäunen verschanzt haben. Kein Durchkommen. Dann eben doch weiterlaufen.

Kurz vor der ersten Biegung drehe ich mich um. Kaum noch jemand hinter mir, nur ein paar vereinzelte Läufer und eine sehr dicke Frau, deren riesiges, hellgraues Trikot nicht zu übersehen ist. Ich nenne sie “den Meilenstein” und beschließe: “Wenn die mich überholt, rufe ich mir ein Taxi.”

In dem Moment läuft ein Mittvierziger an mir vorbei, der in etwa meine Statur aufweist. Eigentlich ist er sogar noch etwas dicker als ich. Na, warte, Kollege, dich kriege ich noch, denke ich, versuche hinterher zu kommen, aber mein Puls geht direkt auf 160 hoch. Ach, dann soll er halt, das ist mir noch zu früh.

Mein iPhone quäkt mir ins Ohr, daß ich schon 1,5 Kilometer hinter mir habe und sagt mir meine Pace: 9 Minuten 24 Sekunden. Das wären so etwa 1:35 Stunden für die 10 Kilometer. Aber wer soll dieses Tempo durchhalten?

Wir laufen auf einer Gegengerade, da sehe ich schon die ersten Walker, die 10 Minuten später losgewatschelt sind. Verdammt, sind die schnell. Ist eigentlich mein Meilenstein noch hinter mir? Ja, da wackelt er noch, sehr gut.

Kaum habe ich das gedacht, überholt mich der erste Walker. Ich beschließe, sie zu meinen Erzfeinden zu erklären und wie die Pest zu hassen. Also, mehr als ohnehin schon.

Kurz vor mir läuft ein sehr, SEHR dicker junger Mann, der sich bereits seine Trainingsjacke um die massiven Hüften gebunden hat, die bremsend an ihm herumschlackert. Mann, ist der fett. Aber er hat sich trotzdem angemeldet, und er scheint fest entschlossen, die 10 Kilometer zu schaffen. Sein Laufstil ist unter aller Sau, aber er läuft. Ich mag ihn.

Da ist ja auch der pummelige Mittvierziger wieder, der mich vorhin überholt hat. Er geht. YES! Ich laufe an ihm vorbei. Den ersten habe ich geschafft.

Aus dem Kopfhörer brüllen gerade Rage Against The Machine auf mich ein und geben einen konstanten Rhythmus vor, der etwas über meiner Schrittgeschwindigkeit liegt. Ich werde automatisch schneller, kurzer Blick auf die Pulsuhr: Unter 160. Geht doch.

Ich passiere den richtig Dicken, möchte ihm zulächeln, aber er hat eine Brille mit sehr dickem Rand auf, guckt nicht zur Seite, und umdrehen sähe überheblich aus. Ich drücke ihm beide Daumen, daß er’s schafft.

Die Polizisten, die die Straßen absperren, und ich, wir werfen uns gegenseitig mitleidige Blicke zu, ich, weil sie hier auf der Straße stehen müssen, sie, weil ich offenbar so aussehe, als könnte ich Hilfe gebrauchen. Ich biete ihnen wortlos einen Deal an: Ich ringe mir ein Grinsen ab – sie rufen nicht den Notarzt. Funktioniert.

Irgendein Vollidiot hat beschlossen, uns über eine kurze Brücke mit entsprechend steiler Steigung laufen zu lassen. Ich wünsche diesem Wahnsinnigen die Krätze an den Hals.

Den Meilenstein hinter mir kann ich nicht mehr entdecken, und wenn die mich überholt hätte, das hätte ich gemerkt.

Wir sind mittlerweile bei Kilometer 3, meine Pace liegt unverändert bei 9 Minuten irgendwas, aber so langsam kommt die Durststrecke. Das ist doch alles etwas schneller als im Training.

Immer mehr Walker überholen mich. Elende Drecksäcke.

Hier muß doch irgendwo die Verpflegungsstation sein! Da war doch was. Bei Kilometer 4, richtig, da muß sie kommen. Dann werde ich ein paar Schritte gehen, etwas Wasser trinken, eine halbe Banane essen, und dann wird alles gut. Aber das ist noch ein ganzer Kilometer bis dahin. Also 10 Minuten. Verdammt.

“Banane, Banane, Banane, Banane, Banane, Banane, Banane, Banane…”

Oh, schau an, ich bin schon irre geworden, na, das ging ja schnell.

Da, da ist das Schild: Verpflegungsstation! Yeah, nur noch 300 Meter.

Es gibt nur Wasser. Och, Menno. Ich versuche zu gehen, aber das klappt nicht. Meine Beine wollen nicht gehen. Sie sind auf Laufen eingestellt. Also versuche ich, im Laufen zu trinken. Zwei Schlucke gehen rein, der Rest landet im Kragen. Auch gut. Noch schnell einen nassen Schwamm greifen, Stirn abkühlen. Weiter geht’s.

Der erste Nordic Walker, mindestens 60 Jahre alt, schrappt mit seinen beknackten Stöcken an mir vorbei und bringt mich aus dem Takt. Ich überlege kurz, ihm stumpf eine reinzuhauen, aber da gibt’s einen entscheidenden Nachteil: Ich könnte nicht schnell genug weglaufen, der alte Sack hätte mich ruck zuck eingeholt. Und er ist bewaffnet. Dann eben nicht.

Der nächste Walker überholt mich, dreht sich zu mir zur Seite und ruft durch meine Kopfhörer hindurch: “Du schaffst das!” Ich möchte antworten: “Für dich immer noch ‘Sie'”, es kommt aber nur ein “Hnnggniehiee” heraus, naja, er meint’s ja nur nett.

Ich komme an zwei Stadtbediensteten vorbei, die die Straße sperren. Hinter ihnen steht ein riesiger Wagen der Stadtreinigung. Ich stelle mir vor, wie ich von den rotierenden Besen in die Gosse geschoben werde, wenn ich mich jetzt hier einfach hinlege.

Die nächste Biegung: Das war schon der Maschsee. Vor mir ein Schild: Kilometer 7. Ach du Scheiße, bin ich irgendwo falsch abgebogen? Habe ich eine illegale Abkürzung benutzt? Bin ich jetzt disqualifiziert? Doch nach kurzer Zeit bestätigt mir das iPhone die Strecke. Die Zeit stimmt auch noch, wir kommen an einer Straßenbahnhaltestelle vorbei, die Uhr zeigt an, daß ich seit etwa 1 Stunde 5 Minuten laufe. Dann ist ja alles ok. Aber wo waren die letzten drei Kilometer?

Auf der langen Straße, auf der wir jetzt unterwegs sind, stehen lauter Gebäude mit Glasfassade. Ich sehe mein laufendes Spiegelbild. Du lieber Himmel, deswegen haben die Polizisten so geguckt.

Da, Kilometer 8. Und noch eine Verpflegungsstation. Es gibt wieder Wasser, dann irgendein Sport-Gel-Zeug aus der Tube, doch dann sehe ich ein Schild mit der großen Aufschrift “Bananen”. Endlich. Aber Gehen funktioniert immer noch nicht, dann esse ich halt im Laufen. Zucker! Geil.

Meine Schuhe kleben am Asphalt. Ein paar Läufer haben offenbar mit dem Gel-Zeugs gekleckert.

Die letzte Biegung. Mein Puls: 173. Huiuiui, das ist hoch. Aber ich hatte irgendwo gelesen, das wäre ok so. Auf den letzten Metern zusammenklappen will ich jetzt aber auch nicht, andererseits soll es am Ziel zumindest so ähnlich aussehen wie Laufen. Ich muß da irgendwie ein Mittelding finden.

Ich laufe langsam mit hochrotem Kopf über die Zielmarke. Die Stoppuhr über mir zeigt die Bruttozeit an: 1 Stunde 37 Minuten. Davon muß ich noch die Zeit abziehen, die ich bis zum Start im Stau gewartet habe. Das müssen irgendwas unter 1:35 Stunden gewesen sein.

Ich hab’s geschafft. Leck mich am Arsch.

Epilog:

Zu Hause sehe ich, daß ich nicht letzter war, zwei Männer und ein paar Frauen waren noch langsamer als ich. Ich hoffe, daß der Dicke es geschafft hat. Meine Zeit war 1:33h.

Und wenn ich meine Beine wieder bewegen kann, laufe ich wieder. Den Chip zum Zeitmessen habe ich übrigens gekauft.

29 Kommentare zu “Auf dem Zahnfleisch”

  1. Herzlichen Glückwunsch! Aber sowas von! Aber soooowas von! … und das dürfte die amüsanteste Beschreibung eines 10km-Laufs überhaupt gewesen sein :-)

  2. Herzlichen Glückwunsch! Und: Geiler Bericht. Gerade könnte ich meinen inneren Schweinehund echt erwürgen. Ich hoffe, das hält noch ein wenig an und ich schaffe es die Woche noch an Bewegung zu kommen.

  3. Vielen Dank Euch allen. Leider kann ich Euch keine Tips geben, wie man den inneren Schweinehund besiegt.

    Den ersten Kick hat mir tatsächlich diese RunKeeper-App gegeben, danach habe ich mich dann einfach angemeldet, und wenn das Geld schonmal weg ist…

    @Sven: Ich werde – sofern gesundheitlich nichts dazwischenkommt, weiß man ja nie – mit großer Wahrscheinlichkeit in Bremen die nächsten 10km laufen. Da sind auch viele Anfänger dabei, das macht es dann nicht so peinlich, wenn man so lange braucht. :-) Vielleicht trifft man sich ja.

  4. Ich hab den Artikel grade laut meiner Freundin vorgelesen. Wir haben uns beide scheckig gelacht. Meiner Meinung nach das komödiantische Glanzlicht des Spitblog! Der Lauf mag vielleicht noch nicht ganz Weltklasse gewesen sein, der Bericht ist es aber.

  5. Ich hab mich bisher immer vor dem Laufen gedrückt weil ich mal gehört habe, dass man ab 90kg Körpergewicht seine Gelenke kaputt macht… Jetzt nimm mir nicht mein Seelenbalsam…

    Schöner Bericht!

  6. Herzlichen Glückwunsch, Klasse dass du durchgehalten hast. Und dein Bericht ist auch super, ich erinner mich an Sachen, an die ich ohne dich garnicht mehr gedacht hätte. Und sorry fürs kleckern mit dem Gel ;-)

  7. Als Debütant gleich 10 km zu stehen ist eine beachtliche Leistung. #kudos

    Dann auch noch so einen Bericht abzuliefern ist die Kür dazu. *lol*

  8. Ohje, wenn das mal kein absolut großartiger Bericht war… ich würde ja auch gerne mit dem Laufen anfangen, erinnere mich dann aber doch immer sehr schnell daran, wie anstrengend das doch eigentlich ist *g*

    Und dann kommen wieder solche Sachen, wie dein Bericht, die mich dann doch neugierig machen… verdammt aber auch! ;)

  9. Auch an Euch alle vielen Dank.

    @Madoc: Meine Texte werden anderen vorgelesen… Das ist ja fast noch besser als 10km zu schaffen. :-)

    @Mac: Du bist doch genauso groß wie ich, wenn ich mich richtig erinnere. Dann kannst du doch froh sein, 90 kg zu wiegen. Übergewicht hast du dann jedenfalls keines.

  10. Hallo Lars,
    absolut super Dein Bericht !!!
    Ich habe den Artikel gerade meiner Frau übersetzt da sie kein Deutsch spricht und wir haben uns beide kaum halten können vor Lachen :)

    Einen kleinen Nachteil hatte das Ganze dann doch für mich denn jetzt habe ich keine Chance mehr mich davor zu drücken wieder mit dem Laufen anzufangen ;)

  11. Gratulation! Zehn Kilometer sind schon eine sehr gute Leistung für den Anfang. Besonders, weil die Bedingungen immer etwas härter sind, als bei seiner Standardstrecke im Training.
    Sehr witziger Bericht auch, Teile musste ich im ebenfalls Büro vorlesen. Ich denke, die kommen dann auch mal vorbei um ihn ganz zu lesen.
    Mein Puls ist übrigens nie dauerhaft unter 160, auch, wenn ich mich ganz entspannt fühle. Vielleicht sollte ich mal zum Arzt gehen.

  12. @ancore: Ach Quatsch da geht mri nicht gnaz anders. Auch i nder zeit wo ich noch Sport gemacht hatte. Sobald ich mich leicht angestrengt habe war ich über 160

  13. Glückwunsch, Lars!

    Es ist immer schwer reinzukommen und vor allem häufig genug zu trainieren. Aber du hast ja auch schon deine Tools, die dich motivieren.

    Ich wünsche dir viel Erfolg und Durchhaltevermögen bei deiner Laufkarierre! :-)

  14. @Lars: Vorlesen war hier doch eine Prämisse. In solchen Momenten wünscht man sich, dich in deiner Zeit des Poetry Slams kennen gelernt zu haben.
    Vielleicht bekommen wir ja eine Privatvorstellung ;)

  15. Herlich beschrieben. Wenn Du so gut laufen wie schreiben könntest, hättest Du Chancen auf die nächste Olympiade.

    Sag mal, könnte es sein, dass es an Deinem Laufstil hapert? Ich bin nicht sonderlich trainiert und schon etwas älter. Aber eine Pace von 10 gehe ich und mein Puls bleibt dabei locker unter hundert. Auch über längere Zeit. Wenn Du dabei auf 170 kommst, spricht das dafür, das Du ziemlich viel Energie irgendwo hin verpulverst, statt sie in den Vortrieb zu stecken. Kann es sein, dass Du Dich zuviel auf und ab bewegst? 5 cm “hüpfen” zuviel bei jedem Schritt macht bei 10 km durchaus eine Höhe von 800m aus. Und in 1,5 Std 10 km vorwärts und 800 m hoch würde meinen Puls ganz schön in Trab bringen.

  16. Pingback: 49 Suns

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