Lars Reineke

"Gegen den Hass" - Carolin Emcke

[caption id="attachment_6356" align="alignright" width="225"] "Gegen den Hass"[/caption]

Es ist schon vorgekommen, dass ich Bücher zweimal gekauft habe. Insbesondere seitdem ich einen Kindle zum Lesen verwende, habe ich mir das eine oder andere Buch nochmal digital zugelegt, das ich bereits auf Papier im Schrank stehen hatte. Es liest sich halt angenehmer, finde ich.

Der umgekehrte Fall, dass ich ein Buch auf dem e-Book-Reader bereits gelesen habe und es danach nochmal auf Papier kaufe, ist noch nie eingetreten. "Gegen den Hass" von Carolin Emcke hingegen habe ich hinterher gleich viermal gekauft.

Das Buch gibt es bei Amazon in der gebundenen Ausgabe für stolze 20,- Euro, eine ganze Menge für gerade mal 240 Seiten, aber die sind so dicht gepackt mit zitierwürdigen Absätzen, wie ich es selten erlebt habe.

Carolin Emckes Essay beginnt zunächst mit grundlegenden Beschreibungen von Emotionen und Weltsichten, die zum Verständnis aber auch zum Entstehen des Hasses beitragen. Sie analysiert dabei, was eine gefilterte Sicht der Dinge in den Köpfen anrichten kann und wechselt die Perspektive,

[..] eine Facebook-Seite oder eine Zeitung oder ein Fernsehprogramm, wo Christen dann und nur dann erwähnt würden, wenn sie straffällig geworden sind und jedes einzelne Verbrechen, das eine christliche Person begeht, kausalmit ihrer Religionszugehörigkeit in Verbindung gebracht würde. Es gäbe keinen einzigen Bericht über verliebte Paare, die christlich sind, über christliche Rechtsanwältinnen, die Expertinnen in Steuerrecht sind, über katholische Landwirte oder protestantische Automechaniker, keine Meldungen über sakrale Chormusik oder Theaterfestivals, in denen christliche Schauspielerinnen und Schauspieler zu sehen sind, sondern nur und ausschließlich über den Ku-Klux-Klan, über die Anschläge radikaler Abtreibungsgegner und individuelle Verbrechen von häuslicher Gewalt über Missbrauch von Kindern bis zu Banküberfällen, Entführungen oder Raubmorden – alles immer unter der Überschrift »Christentum«. Wie würde ein solches Raster die Wahrnehmung verändern?

um dann zu einer minutiös geschilderten Beschreibung zweier Ereignisse überzuleiten: Dem wütenden Mob in Clausnitz, der vor einem eintreffenden Flüchtlingsbus die ankommenden Kinder und Frauen in entsetzliche Angst versetzt hat, sowie die Verhaftung des schwarzen Opfers von Polizeigewalt, Eric Garner, auf Staten Island, die mit seinem Tod endete.

Sehr eindringlich führt Emcke dem Leser sowohl den spontanen, unorganisierten Hass von Privatpersonen als auch den institutionellen Hass und Rassismus innerhalb von Behörden vor Augen.

Im folgenden Teil analysiert sie dem Hass zugrundeliegende Denkmuster, die immer wieder auf die Werte "Homogenität", "Natürlichkeit" und "Reinheit" hinauslaufen und zeigt anschaulich die Absurdität solcher Wertvorstellungen:

Wenn in der Bundesrepublik nur Linkshändern das Recht auf Meinungsäußerung zugestanden würde, wenn nur Personen mit absolutem Gehör eine Schreiner-­Lehre absolvieren dürften, wenn nur Frauen vor Gericht als Zeuginnen zugelassen wären, wenn an öffentlichen Schulen nur jüdische Feiertage gelten würden, wenn nur homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürften, wenn Menschen, die stottern, der Zugang zu öffentlichen Schwimmbädern verweigert würde, wenn Schalke­-Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit entzogen würde, wenn nur Menschen mit einer Schuhgröße von über 45 in den Polizeidienst aufgenommen würden – so lägen in jedem einzelnen Fall willkürliche Codes vor, die über soziale Anerkennung, Freiheitsrechte und Zugang zu Chancen und Positionen entscheiden. Es wäre leicht zu erkennen, dass die jeweiligen Kriterien für Zugehörigkeit oder Zugang irrelevant sind für die Fähigkeiten, derer es bedarf, um ein bestimmtes Amt auszuüben, eine Aufgabe zu übernehmen – oder grundsätzlich irrelevant sind für das Recht, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu leben.

In einigen Rezensionen unter anderem auf Amazon wird bemängelt, dass Emcke keine konkreten Strategien und Tips zum Umgang mit hasserfüllten Menschen anbieten würde. Das mag sein. "Gegen den Hass" ist kein Ratgeber, sondern ein fulminantes Plädoyer für eine offene, tolerante und pluralistische Gesellschaft aber auch eine Argumentationshilfe für alle, die sich nicht mit Ressentiments und Chauvinismus abfinden wollen.

Das Buch ist gerade heute ein wichtiger Beitrag dafür, dass Humanismus und Mitgefühl gegen Isolationismus, Nationalismus und Ausgrenzung die Oberhand behalten.

Und darum habe ich es viermal gekauft, allerdings nicht bei Amazon (so viel Geld hatte ich dann doch nicht übrig), sondern bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wo "Gegen den Hass" zur Zeit für nur 4,50 Euro bestellt werden kann.

Von meinen Exemplaren werde ich einige verschenken, einige verleihen. Vielleicht ändert es etwas.


Spikereifen

[caption id="attachment_6342" align="alignright" width="380"]Foto: schwalbe.com Foto: schwalbe.com[/caption]

Bevor die Außentemperatur in diesem Jahr erstmals auf unter 0° Celsius sank, habe ich mein Crossrad auf Wintermodus umgerüstet, sprich: Spike-Reifen aufgezogen.

Bestellt hatte ich die Schwalbe Marathon Winter bereits vor ein paar Wochen, habe aber jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit gehabt, die Dinger auszuprobieren, und ich muss sagen: Ziemlich geiles Fahrgefühl.

Gerade in den wenig befahrenen Kurven in Wohngebieten bilden sich nachts fies glitzernde Flächen, die ich bisher nur mit äußerster Vorsicht überfahren habe, über die man aber mit den Spikes problemlos drüberrauschen kann.

Auf Asphalt machen die Reifen durchaus einigen Lärm, aber die Gelegenheiten, in denen man völlig unbeeindruckt und nahezug lautlos über zugefrorene Wasserpfützen rollt, entschädigen dafür alle Mal.

Und noch ein kleines Detail: Wenn der Scheinwerfer im richtigen Winkel über die Reifenoberfläche leuchtet, erzeugen die Spikes beim Fahren interessante Effekte, die die Älteren unter uns an die Geschwindigkeitskorrektur eines Plattenspielers erinnern werden.

Für Fahrradenthusiasten, die auch im Winter nicht aufs Rad verzichten wollen: Klare Kaufempfehlung.

https://youtu.be/poNaqNI0cTY


Apps zur Meditation - Teil 2:<br> 1 Giant Mind

Als ich gestern in Teil 1 "Headspace" vorgestellt hatte, habe ich ja bereits erwähnt, dass die Subscription bei dieser App nicht ganz günstig ist. Darum will ich euch heute eine kostenlose Alternative zeigen, die zwar nicht ganz so umfangreich, meines Erachtens aber mindestens ebenso gut geeignet ist, um damit das Meditieren zu erlernen.

Die Rede ist von

1 Giant Mind

Was ist das also für 1 giant mind am been? (Entschuldigung, der musste sein.)

1gm1 1 Giant Mind ist eine Meditations-App, die vom Australier Jonni Pollard, einem Meditationslehrer, erschaffen wurde. Nach eigenen Angaben handelt es sich bei 1 Giant Mind um eine non-profit organization, die es sich zum Ziel gesetzt hat, anderen Menschen das Meditieren beizubringen, um "die negativen Auswirkungen von Stress zu reduzieren und die Gesundheit zu fördern". Möglicherweise dient die App dabei im Wesentlichen als Werbeplattform für Jonni Pollards Beratungs- und Lehrtätigkeit, ich weiß es nicht. Um die App zu nutzen, kann man sich per Facebook authentifizieren, die Datensammelwut hält sich dabei durchaus in Grenzen, so will die App lediglich auf Name, Wohnort und Mailadresse zugreifen (und z.B. nicht wissen, mit wem ihr alles befreundet seid).

Die App bietet drei Grundfunktionen. Zunächst startet man mit einem 12-teiligen Einführungsprogramm, bei dem man jeden Tag ca. 15 Minuten angeleitet das Meditieren erlernt. Begleitet werden die Übungen von Jonni Pollard selbst, der sehr sympathisch rüberkommt und alles gut verständlich und ohne Ausflüge in die Esoterik erklärt. Positiv dabei: Die App erinnert den Benutzer vor jeder Meditation, Kopfhörer zu verwenden und den "Bitte-nicht-stören"-Modus einzuschalten. Eine Kleinigkeit, aber sehr hilfreich.

1gm2Die Meditation selbst läuft etwas anders ab als bei Headspace. Auch hier wird zwar zunächst ein paar Mal tief durchgeatmet, dann kurz gecheckt, ob auch alles entspannt ist: Kiefer, Stirn, Schultern. Im Gegensatz zu Headspace wird aber jede Meditation mit einem leichten "Pling" einer Klangschale eingeleitet und während der gesamten Zeit erklingt im Hintergrund ein sphärischer Ambience-Sound. Der ist aber sehr unaufdringlich und durchaus hilfreich beim Absinken in die Meditation.

Doch auch bei der Meditationstechnik geht 1 Giant Mind einen anderen Weg. Der Fokus liegt hier nicht auf dem Atem sondern auf einem Mantra, das man möglichst ohne Anstrengung ("effortless") im Geist wiederholen soll. Ich war zunächst skeptisch, musste dann aber sehr bald feststellen, dass das (zumindest nach meiner Wahrnehmung) eine sehr effektive Methode ist, wieder zurück zur Meditation zu finden, sobald man bemerkt hat, dass die eigenen Gedanken wieder abgeschweift sind.

Besonders gelungen: Nach jeder Sitzung wird dem Anwender eine Liste von Erfahrungen angeboten, die man möglicherweise während der Meditation erlebt hat. Zum Beispiel "Ich war ständig abgelenkt", "Ich habe vergessen, an das Mantra zu denken", "Ich bin eingeschlafen" oder "Ich hatte seltsame Bilder im Kopf". Wählt man eine dieser Erfahrungen aus, erklärt einem Jonni Pollard in einem kurzen Video, was es damit auf sich hat, dass diese Erfahrungen und Erlebnisse völlig normal sind und wie man damit umgehen kann. Für mich persönlich waren dabei Erkenntnisse wie "Es gibt keine gute oder schlechte Meditationssitzung" und "Das Abschweifen in Gedanken ist absolut erwünscht und gehört dazu" sehr wertvoll.

Alle 2 - 3 Tage erhält man zusätzliche Informationen, die wiederum die Funktionsweise der Meditation näher erläutern. Hat man die 12 Tage absolviert, kann man die 30-Tage-Challenge beginnen, bei der man versuchen soll, das Gelernte 30 Tage lang jeden Tag in einer Meditation zu einer Gewohnheit werden zu lassen. Auch hier gibt es im Wochenrhythmus neue Inhalte, zuvor erhält man noch den Freischaltcode zu einem etwa halbstündigen Video, in dem Jonni in einem Interview auf die drei häufigsten und wichtigsten Fragen eingeht.

1gm3Wer möchte, kann nach den 12 Einführungstagen auch zusätzlich den Meditationstimer verwenden, der dann ebenfalls freigeschaltet ist. Sowohl bei der 30-day-challenge als auch im Timer hat man nun die Auswahl zwischen Jonni und einer weiblichen Stimme (Laura Poole), die die Übungen ein- und ausleitet, außerdem kann man den Hintergrundsound wechseln und die Dauer der Sitzung einstellen.

Einziger Kritikpunkt ist die zuweilen recht lange Zeit, die die 12 Einführungssitzungen zum Download benötigen, so ist es bei mir auch zwei, drei Mal zum Abbruch beim Herunterladen gekommen. Nach einem zweiten Versuch hat es dann aber immer geklappt, nach den 12 Tagen sind ohnehin keine Downloads mehr nötig.

Fazit

Nicht nur für ein kostenloses Angebot ist die App wirklich gelungen. Die Erläuterungen sind sehr gut verständlich und vor allem absolut logisch und nachvollziehbar, denn auch 1 Giant Mind verzichtet völlig auf Esoterik.

Ok, die Fotos der meditierenden Testimonials sind irgendwann etwas kitschig und erinnern so ein Bisschen an C&A-Werbung aus den 90ern, mit viel Lagerfeuer, Veranda-Mädchen und Surfertypen, aber vielleicht sehen die in Australien ja wirklich alle so aus, wer weiß das schon so genau.

Die App dient einem einzigen Zweck: Man kann damit das Meditieren lernen. Wem das ausreicht und wer nicht noch zielgerichtete Techniken benötigt, um Gelassenheit, Stressabbau oder ähnliches anzugehen, wird damit völlig zufrieden sein.

Ich selbst bin mir noch nicht sicher, ob ich mein Headspace-Abo zugunsten von 1 Giant Mind aufgeben werde, zur Zeit verwende ich eine App morgens und eine abends.

Natürlich besteht bei einem Gratisangebot immer die Möglichkeit, dass es schon morgen kostenpflichtig oder ganz eingestellt wird, aber so lange die App zur Verfügung steht, kann ich sie jedem Meditationsinteressierten uneingeschränkt empfehlen.


Apps zur Meditation - Teil 1: Headspace

Vor und nach Rats- oder Ausschusssitzungen konnte ich oft nachts nicht gut einschlafen, weil meine Gedanken immer darum kreisten. Wobei „kreisen“ in der Tat wörtlich zu nehmen ist, denn vor den Sitzungen malte ich mir immer wieder aus, wie ich meine Redebeiträge gestalten würde - und anstatt die Ideen einfach aufzuschreiben und sie somit nicht ständig wiederholen zu müssen, ging ich sie wieder und wieder durch.

Nach den Sitzungen war es nicht anders, denn da überlegte ich mir oft noch stundenlang, was hätte besser laufen können und was wohl in den nächsten Tagen davon in der Presse berichtet werden würde.

Würde, würde, hätte, hätte. Ich schlief also schlecht, weil ich die ganze Zeit bei Ereignissen in der Zukunft oder in der Vergangenheit war.

Irgendwann erwähnte Holger Klein bei WRINT, dass es ihm ähnlich ginge und er das gut durch Meditation in den Griff bekäme.

Hm, Meditation, das war doch diese Nummer, bei der kahlrasierte Männer in orangen Gewändern im Schneidersitz zwischen Räucherstäbchenschwaden auf dem Boden sitzen und vor sich hin murmelnd versuchen, nicht zu denken, oder? Etwas für gelangweilte Hausfrauen, die - wenn sie nicht gerade meditieren - Yogakurse belegen und in Impfgegnerforen gegen die Pharmaindustrie wettern.

Nun, nicht unbedingt.

Meditation geht auch ohne Esoterik, und dank technologischem Fortschritt kann das mittlerweile jeder lernen, der sich 10 - 20 Minuten am Tag Zeit dafür nehmen kann. Es gibt nämlich verschiedene Apps dafür. Ein paar davon möchte ich hier nach und nach vorstellen.

Headspace

Die bekannteste Meditations-App dürfte Headspace sein, die von dem Engländer Andy Puddicombe ins Leben gerufen wurde. Andy war buddhistischer Mönch, ausgebildeter Zirkusartist und verbrachte einige Jahre in Klöstern, um dort das Meditieren zu lernen. Er stellte irgendwann fest, dass Meditation auch ohne religiösen Überbau funktioniert und adaptierte verschiedene Techniken, damit sie auch in der westlichen Welt akzeptiert werden würden.

headspaceDie App ist so aufgebaut, dass Andy zunächst in 10 mal 10 Minuten Schritt für Schritt (auf englisch) in geführten Meditationen erklärt, wie das ganze überhaupt funktioniert. Dabei folgt jede - möglichst täglich durchzuführende - Meditation einem bestimmten Muster. Erst ein paar Mal tief durchatmen, Geräusche und Umgebung wahrnehmen (aber sich nicht darauf konzentrieren), den eigenen Körper von Kopf bis Fuß abscannen und schließlich auf den eigenen Atem fokussieren, was den Hauptteil der Meditation ausmacht. Nach etwa 10 Minuten folgt dann wieder der langsame Übergang in den Alltag.

Andy Puddicombes Stimme ist angenehm, gut verständlich und führt den Anwender ohne esoterischen Schnickschnack durch die Übungen. Die App ist zunächst kostenlos, entscheidet man sich nach den 10 Einführungsmeditationen dazu, das ganze fortzusetzen, wird allerdings eine Subscription fällig. Die gibt es gestaffelt in verschiedenen Intervallen, von monatlich (9,95 €), über 1- und 2-jährig bis hin zu einer lebenslangen Nutzungsmöglichkeit, die jedoch mit knapp 400 € zu Buche schlägt.

Man sollte nach Abschluss der Subscription zunächst noch die beiden Basismeditationsserien á 10 Übungen durchgehen, um die Technik sicher zu beherrschen. Dann aber hat man Zugriff auf eine recht große Auswahl themenbasierter Meditationsreihen, alle von Andy geführt. Die über 20 Themen berühren Geduld und Großzügigkeit, aber auch Ausgeglichenheit und bessere Konzentration und sollen helfen, Stress und Angst abzubauen. Ab und an kommen Themenbereiche und Erweiterungen hinzu. Einige Reihen sind in 10 Übungen unterteilt, bei anderen sind es bis zu 30.

Dabei kommen verschiedene Meditationstechniken zum Einsatz, unter anderem die Fokussierung auf den Atem, die Visualisierung und das „Noting“, also das Gewahrwerden von bestimmten Gedankenmustern.

Des weiteren gibt es einzelne geführte und ungeführte Meditationen zu bestimmten Lebenssituationen wie Flugangst, aber auch Anleitungen zur Meditation auf dem Weg zur Arbeit, zum Einschlafen und ähnliches.

Begleitet und erläutert wird das Ganze mit Hilfe von kurzen Zeichentrickfilmen, die anhand von Metaphern verdeutlichen, wie unser Gehirn so tickt und wie wir es trainieren können, mit verschiedenen Herausforderungen besser umzugehen.

[embed]https://www.youtube.com/watch?v=G-w6dKWBypI[/embed]

Man kann sich außerdem mit "Buddies" zusammentun und sich so gegenseitig zum Meditieren motivieren. Hat man eine bestimmte Anzahl von Tagen ununterbrochen jeden Tag meditiert, erhält man einen Gutschein für einen Monat, den man wiederum verschenken kann.

Fazit

Headspace ist nicht ganz billig, aber durchaus sein Geld wert. Es eignet sich vor allem für völlige Neueinsteiger, die sich zum ersten Mal mit Meditation beschäftigen und keine Lust auf das ganze Chakren-Energie-Klangschalen-Gedöns haben. Die 10 Minuten lassen sich zumindest für mich gut in den Alltag einbauen.

Ich empfehle jedoch eine Abo-Dauer von maximal einem Jahr, weil sich doch vieles wiederholt und man sich irgendwann fragt: Kommt da noch was, und brauche ich zum Meditieren eigentlich eine solche App oder reicht nicht auch ein Timer?

Das hat bei mir dazu geführt, dass ich mich kürzlich noch mit ein paar Alternativen zu Headspace befasst habe, die ich in den kommenden Tagen vorstellen möchte. Darunter sind unter anderem die kostenlose und bemerkenswert gute App "1 Giant Mind", eine deutsche Variante namens "7Mind" und ein paar weitere wie "Buddhify", "Stop, Breathe and Think" und "Insight Timer".

Ob ich durch die regelmäßige Meditation gelassener geworden bin, können vermutlich meine Freunde und Familienangehörige besser beurteilen als ich, persönlich habe ich aber schon den subjektiven Eindruck, besser mit Situationen umzugehen zu können, die früher dazu geführt haben, dass ich mich übertrieben (und oft grundlos) aufrege. Und besser einschlafen kann ich mittlerweile auch. Aber ich muss ja jetzt auch zu keinen Ratssitzungen mehr.


Hörbücher

Ich habe das Audible-Probeabo wieder gekündigt.

Zugegeben: An der Stelle auf dem Smartphone weiter zu hören, an der man auf dem Kindle aufgehört hat zu lesen (und umgekehrt) ist technisch wirklich interessant und funktioniert sogar ziemlich gut.

Aber irgendwie sind Hörbücher doch nichts für mich. Ein Beispiel: Jeder Roman hat hin und wieder weniger spannende Passagen. Ich will sie nicht unbedingt "langweilig" nennen, aber manch Umwelt- oder Charakterbeschreibung hätte genauso gut um ein Drittel gekürzt werden können.

Das ist für einen einigermaßen geübten Leser kein Problem. Solche Stellen überlese ich guten Gewissens und erkenne relativ sicher den Punkt, an dem es wieder interessant wird. Beim Hörbuch bin ich an das Erzähltempo des Sprechers gebunden und. muss. mir. das. alles. in. voller. Länge. anhören. Mich nervt das.

Umgekehrt jedoch: Bin ich gerade in einer lauten oder hektischen Umgebung unterwegs, und das Hörbuch wird gerade jetzt spannend, kann ich erstmal nur auf Pause drücken, weil ich sonst Gefahr laufe, entweder die Hälfte zu verpassen oder vom Bus überfahren zu werden.

Und letzten Endes ist es der persönliche Eindruck, dass allein die Möglichkeit, unterwegs Romane zu hören, bei mir einen Druck erzeugt, dass ich die Geschichten jetzt gefälligst auch wegzukonsumieren habe, bezahlt ist bezahlt, und es ist ja so schön praktisch, zeitsparend, und wenn ich das Buch immer schön weiter bis zum Ende höre, kann ich gleich das nächste weiterhören, auch wenn ich zum Lesen eigentlich gerade gar keine Zeit habe.

Ich will beim Lesen aber gar nicht Zeit sparen. Im Gegenteil.

Ich will Bücher lesen, nicht Bücher gelesen haben.


Bahnhofsjubiläum

Am schönsten fand ich heute am Hamelner Bahnhofsjubiläum die Installation der Bundespolizei, bei der alle 90 Sekunden eine elektromechanische Vorrichtung dafür sorgte, dass eine Plastikfigur einen Güterwaggon hochkletterte, es einmal kurz flackerte, um einen tödlichen Stromschlag zu simulieren, dann die Polizeisirene losging, was wiederum die danebenstehende Bundespolizistin immer und immer wieder den ebenfalls danebenstehenden Kindern erklären musste, obwohl man ihr ansah, dass sie eigentlich viel lieber zur Waffe greifen wollte, um entweder sich selbst oder diesem traurigen Schauspiel ein Ende zu setzen.


Besorg dir ein Rad

Ok, ich bin da mittlerweile ja etwas voreingenommen, aber in dieser Episode von "Last Week Tonight" geht es um Wucherkredite beim Autokauf, schlimme Sache, keine Frage, vor allem, wenn daraus ein Geschäftsmodell entwickelt wird, das darauf aus ist, bereits verschuldete Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind, weiter in die Schuldenfalle zu treiben.

Hier hat man jedoch meines Erachtens ein schlechtes Beispiel gewählt.

Denn es wird u.a. eine Frau portraitiert (ab Minute 0:56), deren Notwendigkeit, ein Auto zu besitzen, mit ihrem Weg zur Arbeit begründet wird.

Für diesen brauche sie ihren Angaben zufolge mit öffentlichen Verkehrsmitteln 1,5 bis 2 Stunden, was in der Tat sehr lang ist. Im Video führt sie nun an, dass dieser Weg mit dem Auto lediglich 10 bis 15 Minuten dauern würde.

Ich hab das mal mit Google Maps nachvollzogen, und weil ich mich in den USA nicht so auskenne, habe ich das mit verschiedenen Städten gemacht. Ich gehe dabei davon aus, dass sie nicht direkt an einem Highway wohnt und arbeitet, immerhin wird sie als "Day Care Worker" untertitelt.

Eine Strecke, die mit dem Auto 10 Minuten dauert, ist selten länger als 10 Kilometer. In deutschen Städten sieht das übrigens nicht anders aus. Ihr Weg zur Arbeit wäre also mit dem Fahrrad wahrscheinlich in 30, maximal 40 Minuten zu bewältigen.

Nun ist die Frau im Video deutlich übergewichtig, kann aber offenbar immer noch zu Fuß gehen. Nichtsdestotrotz wäre sie wahrscheinlich eher unterdurchschnittlich schnell auf dem Rad unterwegs. Aber selbst, wenn sie nur 10 km/h zustande brächte, wäre sie immer noch in 60 Minuten an ihrem Arbeitsplatz, nach etwas Training sicherlich sogar früher.

Wenn sie also jeden Tag in Kauf nimmt, 90 oder sogar 120 Minuten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sitzen, obwohl sie die Strecke stattdessen in maximal einer Stunde schaffen könnte:

Warum besorgt sie sich nicht ein Fahrrad?

https://youtu.be/4U2eDJnwz_s


Denken wie du

Neulich entschloss ich mich nach Feierabend noch zu einer Runde mit dem Rennrad, nichts allzu Anstrengendes, ohne Berge, gemäßigtes Tempo - immerhin sind draußen 34° C im Schatten, und man muss es ja nicht übertreiben.

Auf dem letzten Drittel der Strecke sehe ich vor mir einen jungen Mann in Fußballtrikot und kurzer Hose neben seinem Fahrrad an der Bundesstraße stehen.

„Ah, Flüchtling,“ denke ich, frage mich aber direkt im Anschluss, woher ich das weiß. Es könnte ja auch ein Ortsansässiger mit türkischer oder arabischer Herkunft sein.

Aber irgendwie erkennt man die Flüchtlinge ja doch. Nicht, dass ich ein Modeexperte wäre, aber die Kleidung, die sie tragen, ist immer ein wenig am Trend vorbei, dazu der Umstand, dass sie auf meist etwas klapprigen Fahrrädern unterwegs sind. Für junge Türken oder Araber in diesem Alter: Ein absolutes No-Go.

Apropos Mode: Ich sehe - wie die meisten Rennradfahrer - auch diesmal wieder vollkommen bescheuert aus. Anliegendes, buntes Trikot, affiger Helm, hautenge Hose, 3/4-Handschuhe, leicht getönte Schutzbrille. Alter Mann in Funktionskleidung eben, aber um die Optik geht‘s ja nicht.

„Alles ok?“ frage ich und halte an.

„Hast du Luftpumpe?“ fragt er zurück, und tatsächlich habe ich eine kleine Mini-Pumpe dabei.

„Habe ich“, sage ich, steige ab, sorgsam bedacht, nicht mit den Klickpedalschuhen hängenzubleiben und mich durch stumpfes Umkippen komplett zum Affen zu machen. Ich lehne mein Rad gegen einen Leitpfosten und stakse mit meinen Radschuhen zu seinem havarierten Fahrrad.

Nach wenigen Pumpstößen merke ich schon: Das wird nichts. Die soeben hineingepumpte Luft entweicht hörbar.

„Muss ich tauschen? Ist teuer?“

Hm, was ist für jemanden in seiner Situation teuer? Ich wiege abschätzend mit dem Kopf und antworte: „Geht so. Der Mantel vielleicht 10, der Schlauch 5 Euro.“

„Ah, ist ok,“ sagt er, und ich frage ihn: „Hast du es weit?“

„Nein, nur bis da,“ antwortet er und zeigt auf die nächste Ortschaft. „Bin ich verabredet, mit Freundin.“

„Vielleicht schaffst du es noch, ich pumpe mal, soweit wie es geht, und wenn ich bescheidsage fährst du direkt los.“

„Wenn du bist müde, ich kann pumpen,“ sagt er.

Sehe ich so derangiert aus?

„Nee, lass mal, du musst ja sofort losfahren.“

Ich pumpe seinen Reifen soweit wie möglich auf und rufe: „So, jetzt aber!“

Er springt aufs Rad, ruft: „Danke! Hoffe, andere denken wie du!“ und beginnt, wie besessen in die Pedale zu treten.

„Ach, klar,“ sage ich und winke ab. „Viel Glück!“ rufe ich noch hinterher, aber da ist er schon außer Hörweite.


Was zu erzählen

Bei Subway an der Kasse stand heute vor mir ein junger Typ, irgendwas um die sechzehn, siebzehn, schätze ich mal. Vor ihm hatte gerade sein Kumpel sein Menü bezahlt, nun ist er an der Reihe.

Er hält schon sein Smartphone mit der Subway-App bereit, weil er genügend Punkte gesammelt hat, um sich sein gerade bestelltes Sandwich gratis abholen zu können.

"Tut mir leid, aber die Punkte reichen nicht," sagt die Subway-Mitarbeiterin darauf jedoch zu ihm und zeigt ihm den Ausdruck aus der Kasse: Dreihundertirgendwas Punkte, das sind tatsächlich zu wenig.

"Aber meine App zeigt mir an, dass ich über 600 habe."

Das käme manchmal vor, antwortet sie, aber sie könne jetzt auch nicht mehr sagen als das System ihr ausgibt. Sie ist peinlich berührt aber offensichtlich machtlos und fragt, ob er denn Geld mithabe und das Sandwich jetzt bezahlen könne.

"Nein, das ist ja das Problem. Ich hatte mich jetzt eigentlich darauf verlassen, dass ich mit den Punkten bezahlen kann."

Das ist ihr unangenehm, das sieht man ihr an, aber einfach herausgeben könne sie das jetzt auch nicht, das dürfe sie nicht.

Scheiß Situation. Sein Freund hat sein Mittagessen schon, er selber steht jetzt nicht nur hungrig sondern auch irgendwie blamiert da, und die Mitarbeiterin ist ebenfalls völlig hilflos. Ich stehe dahinter und warte eigentlich nur darauf, bezahlen zu dürfen und mein Sandwich mitzunehmen. Vielleicht hätte sie das noch unter der Hand herausgeben können, überlege ich, wenn sie das nicht schon in die Kasse eingegeben hätte. Aber das konnte ja keiner voraussehen.

"Was soll's," denke ich mir, gebe der Subway-Angestellten 50 Euro und sage: "Ach, egal, ich übernehme das."

Beide gucken mich entgeistert an und sagen fast einstimmig: "Wirklich?"

"Ja, komm, passt schon."

"Danke," sagt er, "aber wie soll ich mich denn revanchieren?"

"Wenn du mal 4 Euro übrig hast, gibst du sie 'nem Obdachlosen oder so. Ist schon ok."

Sie bedankt sich auch nochmal und gibt mir mein Wechselgeld. Ich bezahle meine eigene Bestellung, nicke ihm beim Weggehen noch kurz zu, fahre die Rolltreppe hoch und gehe nach draußen in den strahlenden Sonnenschein.

"Da haben wir zu Hause beide was zu erzählen," denke ich noch.


Das hier ist Wasser

Vorne an der Straße lag Müll. Zunächst sah es wie ganz normaler Sperrmüll aus, aber als die Möbel und Regalbretter abgeholt waren, blieb ein Haufen Papier, Gardinen, CD-ROMs und undefinierbarer Kram in aufgerissenen Plastiksäcken zurück. Es regnete.

Ich hasse sowas. Nichts sieht heruntergekommener aus, als ein Haufen Müll, der in einem Grundstückseingang herumliegt. Aber es war nicht mein Grundstückseingang, sondern der nebenan, und so ärgerte ich mich mehrere Tage jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit und jeden Abend auf dem Weg nach Hause. Der Müll lag immer noch da.

"Was sind das für Asis, die vor ihrem eigenen Eingang Müll herumliegen lassen?" dachte ich mir und brüllte es einige Male, wenn ich vom Einkaufen kam und das Auto an der Straße parkte.

Am Samstag ging ich morgens Brötchen kaufen und schaute mir unterwegs diesen mittlerweile immer weiter zerfledderten Haufen an. Ein paar Briefe schauten heraus. Der Verursacher dieses Müllhaufens war tatsächlich so dreist, seinen Namen für alle sichtbar herumzuzeigen. Ich überlegte erst, bei ihm zu klingeln, dachte mir aber, wer so fertig ist, dass er tagelang seinen Müll an der Straße offen liegen lässt, der haut dir womöglich noch auf die Fresse.

Also machte ich ein Foto und schickte es an die Stadtverwaltung. Sollte sich doch das Ordnungsamt darum kümmern.

Am Montagabend war der Müllhaufen immer noch da. Ich hatte zwar eine Rückmeldung bekommen, dass meine Meldung eingegangen sei, aber das war's auch.

Da beschloss ich, dem ein Ende zu bereiten. Wenn sich aus dem Haus nebenan keiner zuständig fühlt, dann schnappe ich mir eben selbst ein paar Plastiksäcke, werfe den Müll dort hinein und stelle ihnen den vor die Tür. Dann ist er wenigstens vom Bürgersteig weg. Unsere Müllsäcke waren aufgebraucht, also kaufte ich neue im Supermarkt um die Ecke, nahm mir jedoch vor, den Bewohnern des Hauses zumindest noch ein schlechtes Gewissen zu bereiten und zu fragen, ob jemand beim Wegräumen wenigstens mithelfen würde.

Mit der Rolle Müllsäcke in der Hand klingelte ich erst bei dem Namen, der auf einem der herumliegenden Briefe stand. Wie erwartet: Nichts. Wahrscheinlich war der Typ ausgezogen.

Aber unten war Licht. Also klingelte ich dort, und eine ältere Dame öffnete die Tür. Es war ihr sichtlich unangenehm, dass ich mich als Nachbar um deren Müll kümmern musste, aber immerhin gab sie mir die Telefonnummer der Hausverwaltung. Ich müsse das doch nicht machen, sagte sie, aber ich antwortete ihr, dass ich mir das nicht länger mit angucke. Von ihr wollte ich wirklich nicht verlangen, dass sie im Nieselregen den Müll einräumt, länger damit warten wollte ich aber auch nicht, also verzichtete ich darauf, noch bei den anderen zu klingeln.

Nachdem ich alles in Säcke verstaut und neben die Mülltonnen gestellt hatte, ging ich nach Hause und rief die Hausverwaltung an. Die Frau dort entschuldigte und bedankte sich mehrfach und versicherte mir, dass sie schon die ganze Zeit versucht hätte, den ehemaligen Mieter zu erreichen.

Ich sagte ihr: "Bestellen Sie ihm einen schönen Gruß von meiner Tochter, die fast mit den Glasscherben gespielt hätte, die er zurückgelassen hat."

Ich beschloss, den Typen, der seinen Müll tagelang hat liegen lassen, bei Facebook herauszusuchen, um ihm wenigstens noch eine Nachricht zu schicken. Irgendwie war mir danach. Besonders wütend war ich zwar nicht mehr, immerhin war mein eigentliches Problem beseitigt, aber ich wollte ihn wenigstens wissen lassen, wie ich sein Verhalten finde. Den Namen hatte ich ja.

Es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn gefunden und schaute mir sein Profil an. Junger Mann, vermutlich noch keine 30 Jahre alt, mit Frau, einem Kleinkind und einem Neugeborenen.

Da klickte es plötzlich bei mir und ich dachte: "Das hier ist Wasser."


Der Schriftsteller David Foster Wallace wurde 2005 gebeten, vor einer Gruppe Hochschulabsolventen die Abschlussrede zu halten. Dabei herausgekommen ist der Essay "Das hier ist Wasser / This is Water”, in dem er den jungen Leuten ein paar wichtige Dinge mitgibt, die das Erwachsenenleben ausmachen.

Neben der wenig attraktiven Aussicht, möglicherweise für lange Zeit ertragen zu müssen, dass der Alltag aus einem sich wiederholenden "Tagein-Tagaus" besteht, versucht er, ihnen zu verdeutlichen, dass zum Erwachsenwerden eine besondere Fähigkeit gehört: In der Lage zu sein, sich seiner eigenen Rolle in der Welt bewusst zu werden, insbesondere, dass das eigene Leben nur aus einer vollkommen subjektiven Sicht erfahren wird.

Man sei Zeit seines Lebens der Mittelpunkt seiner eigenen Welt, aber wer sich an der langen Kassenschlange im Supermarkt darüber ärgere, dass die Mutter vor einem ihr Kind anschnauzt, verpasse die Gelegenheit, darüber nachzudenken, welche Biographie und Beweggründe dazu geführt haben, dass die Frau so handelt, wie sie es tut. Vielleicht hatte sie einen langen Tag, an dem sie ihren schwerkranken Vater gepflegt hat, und es liegen einfach nur ihre Nerven blank? Vielleicht ist sie an anderen Tagen eine nette und sympathische Person?

Vielleicht gibt es einen Grund, warum der andere Autofahrer so einen spritschluckenden, umweltschädlichen SUV fährt. Vielleicht hat er mal einen schweren Unfall gehabt und ein so großes Auto ist das einzige, das ihm ein genügend großes Sicherheitsgefühl im Straßenverkehr gibt?

Eventuell drängelt der SUV-Fahrer sich sogar vor, und man flucht noch mehr über diesen Idioten, der einem nur im Weg herumsteht. Vielleicht hat er aber auch einen Notfall und man steht in Wirklichkeit ihm im Weg?

In "Das hier ist Wasser" beschreibt David Foster Wallace genau diese besondere, erst zu erlernende Fähigkeit, nämlich die Möglichkeit, seine eigene Sichtweise zu wechseln und Verständnis für die Handlungen anderer aufzubringen. Der Essay ist nur wenige Seiten lang, kostet für den Kindle (bzw. für die App) gerade mal 99 Cent und sei jedem ausdrücklich empfohlen.


"Das hier ist Wasser," dachte ich also und schaute mir das Facebook-Profil nochmal genauer an.

Auf einem Foto, das nur wenige Wochen alt war, hielt der, über den ich mich gerade noch geärgert hatte, einen Säugling in die Kamera. Kommentiert war es damit, wie stolz er auf seinen neugeborenen Sohn sei.

Vielleicht war der Typ gar kein Asi? Vielleicht haben irgendwelche Umstände dazu geführt, dass er sich um sein Kind kümmern musste und deshalb noch nicht den Müll wegräumen konnte?

Ich schickte ihm eine Nachricht:

thisiswater

Da Nachrichten von Leuten, die nicht mit einem befreundet sind, von Facebook nicht immer sofort angezeigt werden, rechnete ich nicht mit einer Antwort.

Doch nach nur ein paar Minuten machte es "Ping".

Und tatsächlich: Es tue ihm leid, aber er sei kurz vor der Sperrmüllabholung zu seiner Familie gefahren, weil sein neugeborener Sohn im Krankenhaus liege. Als er erfahren habe, dass Teile des Mülls nicht abgeholt wurden, habe er versucht, jemanden zu erreichen, der sich darum kümmert.

Er bedankte sich bei mir und bat um Verständnis.

Tja.

Da saß ich nun mit dem Telefon in der Hand und hatte überhaupt keinen Grund mehr, auf irgendjemanden sauer zu sein. (Höchstens auf seine ehemaligen Nachbarn, die den Müll vor ihrer Tür so lange hingenommen hatten.)

Ich schrieb "Kein Problem," wünschte ihm und seinem Sohn "Alles Gute und gute Besserung" und dachte:

"Das hier ist Wasser."