Lars Reineke

Meine Lieblingsbücher 2017

2017 entwickelte sich für mich dann doch irgendwie zum Lesejahr. Sonst komme ich so auf etwa 1 Buch pro Monat, und dann rede ich mir immer wieder ein, dass ich zum Lesen halt wohl keine Zeit gehabt hatte. Doch diesmal waren es insgesamt 34 Bücher, die ich gelesen habe. Zu Beginn war das auch 2017 noch etwas schleppend, aber im Sommer waren es bereits 3 - 4 Bücher pro Monat, und seit ich den Tolino habe, lese ich fast 2 Bücher pro Woche.

Das liegt in erster Linie an der fantastischen Onleihe, die für mich eine absolute Offenbarung ist. Das ist ungefähr wie Spotify für Literatur, kaum habe ich ein Buch durch, finde ich zwei neue, die ich als nächstes lesen will.

Aber nun zum eigentlichen Thema: Im letzten Jahr waren es fünf Bücher, die es auf meine Favoritenliste geschafft haben, was bedeutet, dass ich ihnen bei Goodreads eine Bewertung von 5 Sternen gegeben habe.

Alles Licht, das wir nicht sehen - Anthony Doerr

Zwei wunderschön miteinander verwobene Stories zweier Kinder / Jugendlicher im zweiten Weltkrieg, bei denen man sich fragt, ob die Geschichten sich kreuzen werden, und wenn ja, auf welche Weise. Wirklich toll, von der ersten bis zur letzten Seite. Kaum ein Buch habe ich in meinem Freundeskreis so häufig empfohlen wie dieses.

Unterleuten - Juli Zeh

Dieses Buch ist ein ständiger Perspektivwechsel: Man bekommt einen Sachverhalt aus der Sichtweise einer der handelnden Personen erzählt, findet diese Sicht vollkommen schlüssig und nachvollziehbar, nur um im nächsten Kapitel eine ganz andere, völlig gegensätzliche Position geschildert zu bekommen - und dieser ebenfalls zuzustimmen. Großartig erzählt.

Altes Land - Dörte Hansen

Wer Norddeutschland und die zuweilen knorrigen Typen, die diesen Landstrich bevölkern, mag, wird dieses Buch lieben. Unverständlicherweise wird es in der Onleihe unter "Romane & Erzählungen / Frauen" geführt, was ich seltsam finde. Es gibt ja schließlich auch keine eigene Kategorie "Männer" für Romane, bei denen die meisten Hauptfiguren männlich sind. Und "Altes Land" ist ganz sicher nicht das, was man abfällig als "Chick lit" bezeichnen könnte. Wie auch immer: Ich fand's großartig.

Oben ist es still - Gerbrand Bakker

Karges Land, karge Sprache, deprimierendes Setting, einsilbige Hauptfigur. Ich hatte mich erst gefragt, was mir dieses Buch überhaupt zu erzählen hat, doch es war eine Menge. Ich bin darauf gestoßen, weil es mir irgendwann mal als Onlinewerbung eingeblendet wurde und ich das Cover mit den Schafen cool fand. Die Male, bei denen sowas bei mir funktioniert, kann ich wohl an einer Hand abzählen. Aber tolles Buch, vor allem, wenn man es - so wie ich - im Hollandurlaub liest.

Junge rettet Freund aus Teich - Heinz Strunk

Abgesehen von "Die Zunge Europas" hat mich Heinz Strunk ja eh noch nie enttäuscht, aber das hier ist irgendwie an mir vorbei gegangen. Völlig zu Unrecht, Strunk ist ein großartiger Erzähler, der mich immer wieder tief in die Handlung hineinzieht, auch wenn da gar nicht so viel Handlung ist. Glaubhaft als Ich-Erzähler aus der Sicht eines Teenagers zu schreiben, das muss man mit Mitte 50 erstmal können. Strunk kann das.


Tschüss Kindle, hallo Tolino

Nach sechs Jahren Kindle-Benutzung (und ca. drei Hardwaregenerationen) habe ich mich vor ein paar Wochen dazu entschlossen, die Amazon-Welt nun auch als Leser so ziemlich endgültig zu verlassen.

Amazon wurde mir im Laufe der Jahre immer unsympathischer. Zum einen dadurch, dass sie mir alle naselang ihren Prime-Service aufquatschen wollten und dazu mittlerweile nicht mal mehr davor zurückschreckten, Bestätigungsbuttons so zu designen, dass man intuitiv eine eben solche Mitgliedschaft eingeht.

Sinngemäß sah das für mich zuletzt so aus: ⇒ "Klicken Sie hier, um mit Prime zu bestellen" ⇐ versus "Klicken Sie hier, wenn Ihnen egal ist, dass wir mit Ihrem Paket hier im Lager noch drei Tage Fußball spielen und gegebenenfalls Kaffee darüberschütten, müssen Sie ja selber wissen, wie wichtig Ihnen Ihre Bestellung ist, nicht, dass wir Sie nicht gewarnt hätten".

Dazu kommt, dass mir ständig das für mich absolut nutzlose "kindle unlimited"-Angebot unter die Nase gerieben wurde, bei dem man sich für eine Grundgebühr aus einem nahezu unerschöpflichen Fundus komplett unlesbarer und garantiert niemals lektorierter Schrottliteratur bedienen kann.

Und schließlich habe ich kürzlich durch Zufall erfahren, dass eine kleine sympathische Buchhandlung hier vor Ort mit der eBook-Reader-Plattform "Tolino" zusammenarbeitet, so dass ich weiterhin nicht auf den Komfort eines eReaders verzichten muss und trotzdem die Verkaufsprovision an einen heimischen Betrieb geht. Bislang war ich (fälschlicherweise) davon ausgegangen, dass es den Tolino - der technisch noch am ehesten mit dem Niveau der Kindle-Geräte mithalten kann - nur bei Thalia gäbe, und da kaufe ich grundsätzlich nichts.

Also habe ich mir (in der kleinen sympathischen Buchhandlung) einen Tolino Vision 4 HD nebst Hülle bestellt und lese nun in jeder freien Minute darauf. Auf dem Tolino ist der Webshop dieser kleinen sympathischen Buchhandlung voreingestellt, der Kauf von Büchern und das vorherige Laden von Leseproben funktioniert also völlig reibungslos.

Technisch ist das Gerät zugegebenermaßen nicht ganz so ausgereift wie der Kindle Voyage oder auch der Paperwhite. Insbesondere bei Funktionen wie der Volltextsuche ist der Kindle deutlich reaktionsfreudiger (sprich: schneller) als der Tolino, sowas wie die X-Ray-Funktion gibt es beim Tolino gar nicht erst. Es kommt auch schon mal vor, dass der Tolino eine Weile mit sich selbst beschäftigt ist, insbesondere, wenn man häufig ins Hauptmenü springt oder in rascher Folge hin- und herblättert.

Was das Schriftbild angeht, steht der Tolino dem Kindle allerdings in nichts nach, und ich habe den subjektiven Eindruck, dass ich auf dem Tolino ermüdungsfreier lesen kann, was ich auf die sogenannte "smartLight"-Funktion zurückführe, die dafür sorgt, dass die Hintergrundbeleuchtung im Laufe des Tages (und Abends) immer wärmer wird, also weniger Blauanteil enthält. Der Kindle Voyage, den ich zuletzt verwendete, war da deutlich kälter. Ob das auch meinen Schlaf signifikant beeinflusst hat, kann ich nicht wirklich sagen, das Lesen auf dem Tolino macht jedenfalls auch über mehrere Stunden Spaß.

Der Tolino ermöglicht außerdem, die Leihfunktion der Stadtbüchereien (die sogenannte "Onleihe") zu benutzen, was ich auch in den letzten Tagen bereits ausgiebig getan habe.

So haben alle was davon: Die Provision für das Gerät und für die Bücher, die es nicht zum Ausleihen gibt, gehen an die lokale Buchhandlung, ich unterstütze guten Gewissens die örtliche Stadtbücherei und habe zugleich fast eine Bücher-Flatrate mit richtigen Titeln und nicht mit diesem selbstverlegten Schmonz, den mir Amazon aufschwatzen will.

Wenn ich wirklich mal in die Bücher schauen möchte, die ich mir irgendwann für den Kindle gekauft habe, kann ich das auf dem Rechner oder dem iPhone machen. Tatsächlich kommt das aber so gut wie nie vor, da ich zu 95% auf dem Kindle nur Romane gelesen habe, und die nehme ich ohnehin selten zwei Mal zur Hand.

Wenn die kleinen sympathischen Buchhandlungen offensiver dafür Werbung gemacht hätten, dass ich dort auch eBooks kaufen kann: Ich wäre vermutlich schon früher gewechselt.


Parke nicht auf unseren... ach, schon gut

Ich fahre mit dem Rad zur Arbeit und sehe in etwa 50 Meter Entfernung zwei Autos in voller Breite auf dem Radweg stehen. Auf dem Grundstück dahinter finden offenbar größere Bauarbeiten statt.

"Na, klasse, bestimmt gehören die dazu und glauben, nur weil sie den Warnblinker anhaben, können sie stehen, wo sie wollen," denke ich mir und fahre kurz vorher runter vom Radweg auf die Straße.

Ich halte neben dem hinteren Wagen, direkt neben der Seitenscheibe des Fahrers, der gerade damit beschäftigt ist, in irgendwelchen Sachen herumzukramen. Er lässt die Scheibe herunter und schaut mich fragend an. So, wie halt jemand guckt, der sich keinerlei Schuld bewusst ist.

Ich mache mein "Muss-ich-dir-das-wirklich-erklären"-Gesicht und sage: "Sie stehen mitten auf dem Radweg."

Da fängt er an zu lachen, zeigt nach vorne auf den dunklen Passat und antwortet: "Da steht die Polizei. Die haben mich gerade angehalten."

Oh.

Ich lache ebenfalls, sage: "Ach du Scheiße, ´tschuldigung," und fahre weiter. Da wollen wir mal nicht so sein.


Mein erstes Radrennen: GFNY 2017

Am Sonntag habe ich zum ersten Mal an einem Radrennen teilgenommen. Ich bin ja nur Hobbyfahrer und nicht mal in einem Verein angemeldet, so dass ich dazu normalerweise kaum Gelegenheit habe.

Der "Gran Fondo New York" (oder kurz "GFNY") ist aber eine Rennveranstaltung für jeden, der sich zutraut, eine Strecke von entweder 95 km (Medio Fondo) oder 164 km (Gran Fondo) zu fahren, über ein entsprechendes Fahrrad verfügt und das Startgeld bezahlen kann.

Die Besonderheit beim GFNY ist, dass das ganze komplett professionell aufgezogen ist. Es gibt ein einheitliches Trikot, Transponder für die Zeitmessung, einen Massenstart, professionelle Fotografen an und auf der komplett gesperrten Strecke und was halt noch so alles zu einem Radrennen dazugehört. So lautet auch das Motto des GFNY: "Be a pro for a day", und damit wird wirklich nicht zu viel versprochen.

Ich hatte mich bereits vor einem Jahr angemeldet und so die Hälfte der Anmeldegebühr gespart. Zum Fahrradtraining muss ich mich (bei gutem Wetter) eigentlich ohnehin nicht motivieren, aber so ein Abschlussevent zum Ende des Sommers ist noch mal eine gute Gelegenheit, auf einen bestimmten Punkt hin zu trainieren. So bin ich erst vor ein paar Wochen zum ersten Mal im Training über 100 Kilometer (plus neunhundertnochwas Höhenmeter) gefahren und war in letzter Zeit pro Woche etwa drei mal auf dem Rennrad unterwegs. Da ich mich für die kürzere Strecke angemeldet hatte, sollte das an Vorbereitung eigentlich reichen.

Am Freitag holte ich mein Starterset ab, inklusive Trikot, das glücklicherweise einigermaßen passte. Dank Biergartensaison und mangelnder Disziplin habe ich in diesem Sommer ca. 4-5 Kilogramm zugenommen, aber mit Trägershorts und Sportunterhemd ließ sich die Plautze noch halbwegs kaschieren.

Natürlich - wie könnte es anders sein - begann ein paar Tage vor dem Rennen mein Hals zu kratzen, nachdem Frau und Kind schon einige Zeit vor sich hin rotzten. So war bis Samstagabend noch unklar, ob ich überhaupt würde starten können, nichtsdestotrotz bereitete ich am Samstag mein Fahrrad vor und stellte mir den Wecker auf viertel vor sechs - das Rennen sollte um sieben Uhr in der Frühe starten.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich aber fit und gesund genug, zwängte mich in meine Fahrradklamotten und fuhr bei 8 Grad Celsius und dichtem Nebel zum Start, wo ich unter anderem Marc (@mb2day) und noch ein paar andere bekannte Gesichter traf.

https://twitter.com/mb2day/status/904205810783444992

Um Punkt Sieben ging's dann auch los, die Pedale klickten ein, und endlich ging es auf die Strecke, nachdem wir eine Viertelstunde lang in ziemlicher Arschkälte vor uns hin gefroren hatten.

Dafür folgte nun aber auch das mit Abstand Coolste, was ich je bei meinen sportlichen Aktivitäten erlebt habe: Auf dem Rennrad zu sitzen und in einem richtig großen Fahrerfeld unterwegs zu sein.

Mit einer Geschwindigkeit von konstant mehr als 30 km/h fuhren wir von Hameln nach Daspe, durch dichten Nebel. Ohne Brille tränen mir bei solchen Temperaturen schnell die Augen, so dass ich dazu auch noch meine Sonnenbrille trug und außer grünen Trikots um mich herum kaum etwas sehen konnte. So klebten wir uns allen an den Hinterrädern, und weil durch die Windschattenfahrt natürlich kein Fahrtwind herrschte, hörte man im Nebel kaum etwas außer dem Laufgeräusch der Reifen auf der Straße, ein paar Schaltvorgänge und das gelegentliche Bremsen und Freilaufklickern, weil man so schnell vorankam, dass man aufpassen musste, nicht dem Vordermann in die Hacken zu fahren.

Immer wieder ergaben sich Lücken, die andere wiederum schlossen, wodurch die hinterher fahrenden Teilnehmer mitgezogen wurden.

Hochkonzentriert schossen wir durch die kleinen Ortschaften und gaben Handzeichen zur Warnung der hinter uns liegenden Fahrer, wenn wir Hindernisse (parkende Autos, Baustellenampeln, Verkehrsinseln) passierten. Zwischendurch schaute ich kurz auf meine Pulsuhr und sah, dass ich trotz der hohen Geschwindigkeit gerade mal einen Puls von 125 hatte.

Die gesamte halbe Stunde bis zur ersten Steigung war wie ein einziger Rausch. Unfassbar geil. Allein dafür hat sich schon die Teilnahme gelohnt.

[caption id="attachment_6579" align="alignright" width="300"] Ja, das bin ich. (© sportograf)[/caption]

Als wir die flache Ebene verließen, zog sich das Feld naturgemäß auseinander, wobei ich immer versuchte, möglichst weit vorne zu bleiben, um später nicht den Rest der Tour komplett alleine fahren zu müssen, eine Strategie, die - im Nachhinein betrachtet - ziemlich gut aufging.

So langsam brach auch immer mal die Sonne durch die Bäume und erzeugte zusammen mit den Nebelschwaden und dampfenden Fahrern sehr coole Fotomotive.

Am Ende des mit 365 Metern größten (doch bei weitem nicht steilsten, wie sich herausstellen sollte) Anstiegs konnte ich an meiner Pulsuhr eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h ablesen, das war schon ganz ordentlich für die bis dahin absolvierten Höhenmeter. 40 Kilometer waren bereits zurückgelegt, und hinter der nächsten Biegung war ein Verpflegungsposten eingerichtet, an dem die FahrerInnen dankbar Apfelstücke und halbe Bananen einwarfen. Noch 55 Kilometer.

Wer hoch fährt, muss auch wieder runterkommen, und so war ich bergab zum Teil mit Spitzengeschwindigkeiten von fast 70 km/h unterwegs - auf gesperrten Strecken kann man das mal machen, ansonsten würde ich das eher nicht empfehlen.

Ich erwischte immer wieder mal Gruppen von Fahrern, denen ich mich anschließen konnte: Unter anderem Briten, Dänen und Holländer, und komplett ohne Worte verständigte man sich, ließ mal den einen, mal den anderen die Gruppe anführen oder hängte sich eine Weile hintendran, um den Windschatten auszunutzen.

Kurz vor dem Ith (Kilometer 65, nochmal ca. 300 Meter hoch) gab es eine weitere Verpflegungsstation, und danach kamen Steigungen, die es wirklich in sich hatten. Zum Teil über längere Strecken auf 13-14% Steigung ging der Puls dann auch schon mal auf 170 hoch.

Manch eine(r) stieg dann sogar ab und schob ein paar Meter. Ich war auch zwei bis drei Mal kurz davor abzusteigen, fuhr dann aber mit letzter Kraft und in Serpentinen auch den letzten Berg hoch, immer wieder kurz vor einem Krampf im linken Oberschenkel, der dann aber doch irgendwie durchhielt.

[caption id="attachment_6582" align="alignright" width="300"] Geschafft. (© sportograf)[/caption]

Oben traf ich dann auf eine Fahrerin, deren auf der Startnummer aufgedruckter Name "Jens" mich zunächst verwirrte, es stellte sich jedoch heraus, dass sie den Startplatz ihres kurz zuvor erkrankten Ehemannes übernommen hatte.

Nachdem wir zusammen die fiesesten Berge bewältigt hatten, verständigten wir uns wortlos, dass wir uns den Rest der nun zum Glück flachen Strecke gegenseitig Windschatten spenden würden und fuhren die letzten 5-10 Kilometer zusammen.

Nach 3:33 Stunden (netto, + 10 Minuten Verpflegungspausen) rollten wir dann endlich über die Ziellinie, wo meine Familie schon auf mich wartete. Insgesamt hatte ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25-26 km/h, belegte damit Platz 132 von ca. 180 Fahrern, und dafür, dass ich gerade mal seit anderthalb Jahren auf einem Rennrad sitze, bin ich hochzufrieden.

Für alle Teilnehmer gab's eine Finisher-Medaille, nochmal Apfel- und Bananenstücke und zusätzlich noch ein Gericht vom Imbiss und ein Getränk nach Wahl.

Eine sehr geile Veranstaltung war das.

Und obwohl ich abends dann doch noch einen Krampf im Oberschenkel bekommen habe, habe ich mich gleich am nächsten Tag für das nächste Jahr angemeldet.

Nachtrag:

Gestern bin ich die ganze Strecke nochmal mit dem Motorrad abgefahren - die Schilder und Wegweiser hingen zum Glück noch. Allein das hat 1,5 Stunden gedauert. An manches Teilstück hatte ich keinerlei Erinnerung mehr.


Reading Challenge 2017

Wenn ich andere Blogs so verfolge, frage ich mich manchmal, woher um mich herum alle die Zeit nehmen, jeden Monat fünf bis sechs Bücher zu lesen.

Ich habe mir daher bei der diesjährigen Goodreads-Lesechallenge kleinere Ziele gesteckt und mir erstmal für jeden Monat ein Buch vorgenommen, also insgesamt 12 für 2017. Im Juli war ich dann mit dem zwölften Buch durch. Mittlerweile sind es 14, und auf dem Stapel der zu lesenden Bücher liegt auch noch so einiges herum. Ich scheine mich offenbar gerade in einer Phase mit höherem Lesedurchsatz zu befinden, das muss ich mal ausnutzen.

Ich habe mal gehört oder gelesen, der größte Fehler beim Buchkauf sei, dass man sich einbilde, man würde sich zu den Büchern die Zeit zum Lesen mit dazukaufen. Was mich natürlich nicht daran hindert, den Fehler trotzdem immer wieder zu begehen.

Wie auch immer: Es waren nicht alles Romane, auch zwei bis drei Sachbücher waren dabei, aber das Genre war ja auch nicht im Voraus festgelegt. Einige der gelesenen Bücher haben mich allerdings so begeistert und andere wiederum extrem enttäuscht, dass ich mir in der Zwischenzeit vorgenommen habe, mal ein paar Rezensionen dazu zu schreiben.

Hier also erstmal der Überblick, die Rezensionen kommen dann peu à peu in den nächsten Tagen oder so.

Für diejenigen, die es nicht kennen: Goodreads ist eine Literaturcommunity, leider mit eher englischsprachigem Schwerpunkt. Nichtsdestotrotz stoße ich dort immer wieder auf wertvolle Anregungen, was als nächstes zu lesen sei. Wer mag, kann mich dort gerne besuchen.

[caption id="attachment_6558" align="alignnone" width="621"] Goodreads Reading Challenge 2017[/caption]


Verschiedenes zum Felgenfest

Gestern fand im Weserbergland wieder das sogenannte "Felgenfest" statt, bei dem auf einer Strecke von Bodenwerder bis Rinteln (ca. 50 km) entlang der Weser die Landstraße autofrei und für Radfahrer und Inliner freigegeben ist.

Ich habe auch dieses Jahr wieder zwei Mal die Gelegenheit genutzt. Einmal gleich frühmorgens und noch vor der Streckensperrung mit dem Rennrad nach Rinteln, so dass ich auf dem Rückweg auf der Straße fahren konnte. Mittags sind wir dann in einer Gruppe zusammen nach Emmerthal und zurück gefahren.[1.Die Ortsnamen werden vermutlich nur Menschen aus der Region etwas sagen, aber wozu gibt's Google Maps?] ⊗

Einigermaßen unentspannt scheint die Gattung der Inlineskater zu sein, aber das ist nur eine anekdotische Beobachtung von mir. Am Ortseingang Tündern hielt meine Tochter an einer Fahrbahnverengung, und ich habe sie nicht schnell genug zur Weiterfahrt animieren können. Ist halt manchmal so, wenn man mit Vorschulkindern unterwegs ist.

Dort kam uns dann allerdings eine Gruppe Inlineskater entgegen, die - anstatt das Tempo an die Engstelle anzupassen - trillerpfeifend und ungebremst versucht hat, sich den Weg frei zu lärmen, woraufhin sie sich dann auch ein allseitiges "Ihr seid hier nicht alleine, ihr Schwachköpfe" anhören durfte. ⊗

Ähnlich grenzdebil war ein anderes Inliner-Pärchen drauf. Wir machten kurze Pause abseits der Straße auf dem angrenzenden Radweg. Auf dem war jedoch eben dieses Inline-Pärchen unterwegs und bellte uns dann auch gleich ein "Platz machen!" entgegen, was ich mit einem "Nö. Fahrt gefälligst langsamer." beantwortete.

Auf unsere Frage, wieso sie überhaupt auf dem Radweg unterwegs sind, wenn doch die mehrere Meter breite Straße extra für sie freigehalten ist, wussten sie dann auch folgerichtig keine Antwort. ⊗

Deutlich entspannter war die Polizei, die überall auf der Strecke die Kreuzungen gesichert hat. Alle freundlich und hilfsbereit, vor allem die Polizistinnen. Wenn ich daran denke, was für schlechtgelaunte Schnauzbartträger das früher oft bei der Polizei waren... ⊗

Niemand sollte jemals wieder den Song "Mustang Sally" in der Commitments-Version covern. Wirklich niemand. ⊗

Es sollte grundsätzlich mehr autofreie Sonntage in allen möglichen Städten geben. Aber wenn die Stickoxid-Betrügereien der Autohersteller so weitergehen, ist das wahrscheinlich ohnehin nur noch eine Frage der Zeit, bis so etwas mehr Befürworter findet. ⊗

63.000 Teilnehmer waren es wieder. Soweit man blicken konnte: Sich miteinander unterhaltende, nebenher fahrende Radler mit überwiegend guter Laune, die stressfrei auf den Straßen unterwegs waren. Man stelle sich vor, diese 63.000 Menschen hätten alle mit dem Auto da langfahren wollen. Wahrscheinlich wäre der Verkehr komplett zusammengebrochen, und sie hätten sich alle gegenseitig die Pest an den Hals gewünscht.

Ansonsten: Wie immer eine gelungene Veranstaltung.


Verknüpfungen

Ich habe das Glück, einen nicht besonders langen Arbeitsweg zu haben, aber hin und wieder muss ich auf Dienstreise, fahre auswärts auf Konzerte (und abends wieder zurück), oder es gibt andere Situationen, bei denen ich irgendwo unterwegs bin und gelegentlich gerne vor Ort ein Fahrrad dabei hätte.

[caption id="attachment_6477" align="alignright" width="300"] Bling![/caption]

So reifte langsam aber sicher die Idee, mir ein Faltrad zuzulegen. Erstmal nur ein Einsteigermodell, aber auch keinen billigen Supermarktschrott. Ein Brompton war mir zu teuer, dafür wären die Einsätze dann wohl doch nicht häufig genug, aber die Modelle asiatischer Hersteller wie Tern oder Dahon sahen vielversprechend aus. Nachdem ich nun also schon ein paar Wochen sozusagen virtuell um ein solches Gefährt herumscharwenzelt bin, habe ich es vergangenen Mittwoch wahr gemacht und mir eines gekauft: Ein Tern Link C8.

Zunächst wollte ich es aber erstmal probefahren, nicht, dass ich dafür ein paar hundert Euro ausgebe und das Ganze hinterher aussieht wie ein Krusty-der-Clown-Stunt.

War aber gar nicht so schlimm. Klar, man muss ein paar Abstriche in der Ästhetik machen, aber beim Fahrgefühl gibt‘s nichts zu meckern, und mit der 8-Gang-Schaltung ist man ruckzuck auf der gleichen Endgeschwindigkeit, die auch ein durchschnittlicher Cityrad-Fahrer so zuwege bringt.

Das Rad ist ziemlich durchdacht, abgesehen davon, dass man aus mir unerfindlichen Gründen zwar einen Frontscheinwerfer mit Nabendynamo verbaut hat, sich bei der Rückleuchte aber für ein batteriebetriebenes Modell entschieden hat - obwohl am Scheinwerfer bereits alle Kontakte für die Verkabelung eines Rücklichtes vorhanden sind. Ich habe mir daher für 8 Euro noch ein vernünftiges Rück- inklusive Standlicht zugelegt und am Wochenende montiert.

[caption id="attachment_6476" align="alignleft" width="225"] Klischees wollen auch
bedient werden.[/caption]

Im Zuge meiner Recherche rund um Falträder und ihre Anwendungszwecke bin ich nebenbei zufällig noch auf das Buch "Bicycle Diaries" von David Byrne gestoßen.

Ja, genau dem David Byrne, der vor 30 Jahren bei Talking Head „Road to Nowhere“ sang, auf seinen Reisen schon damals immer ein Klapp- bzw. Faltrad dabei hatte und die Auftrittsorte eben damit erkundet und später in genau diesem Buch beschrieben hat. Das musste ich natürlich auch noch haben, zumal es für weniger als 2 Euro gebunden bei Amazon verkauft wird. (War wohl nicht so der Bestseller. Doch zum Buch vielleicht ein andermal.)

Wie sich nämlich herausstellt, ist so ein Faltrad hervorragend geeignet, Probleme zu lösen, die ich bisher eigentlich gar nicht hatte. Und das meine ich durchaus im sehr positiven Sinne.

Denn ich entschied mich - eingestimmt und ganz im Geiste von Mr. Byrne - am Sonntag dazu, das Rad mal einem Reisetest zu unterziehen und fuhr damit mehr oder weniger spontan zum Bahnhof. Ich setzte mich in die S-Bahn und fuhr nach Hannover, einerseits, weil dort die - retrospektiv betrachtet - recht lieblose Aktion „Lust aufs Rad“ stattfand, die sich als Vorwand entpuppte, einen verkaufsoffenen Sonntag abzuhalten und ansonsten nur ein paar Stände mit den üblichen Verdächtigen bot, die ein paar Flyer und ausgerechnet Fahrradhelme unters Volk brachten.

Andererseits aber wollte ich tatsächlich einfach mal die Gelegenheit nutzen, um mir Hannover vom Fahrrad aus anzusehen.

Dazu muss man wissen, dass ich zwar schon sehr häufig in Hannover, dort jedoch meistens per ÖPNV oder manchmal mit dem Auto unterwegs war. Gerade ersteres führt oft dazu, dass man im jeweiligen Stadtteil ankommt, als sei man direkt dort hingebeamt worden. Man steigt im Hauptbahnhof in die unterirdisch abfahrende Stadtbahn, und weil man selbst mit dem Vorankommen und der Navigation nichts zu tun hat, wartet man wie in einem Aufzug, bis die Zielhaltestelle aufgerufen wird, steigt aus und ist plötzlich einfach da.

Wie man dort hingekommen ist, welche Straßen man über- oder unterquert hat, welche Stadtteile durchfahren: Keine Ahnung.

Oft gibt es bei der Stadtbahn auch zwischen zwei eigentlich benachbarten Stadtteilen keine direkte Verbindung, so dass man von A nach B über zentrale Knotenpunkte fährt und die Nachbarschaft beider Stadtviertel gar nicht wahrnimmt.

Im Auto ist man wiederum ebenfalls von der Umwelt abgeschlossen und zudem noch damit beschäftigt, rechtzeitig Spuren auf innerstädtischen Hauptverkehrsadern zu wechseln, keine Ampelblitzer auszulösen, im Stau nicht zu dicht aufzufahren oder damit, einen Parkplatz zu suchen.

Mit dem Rad unterwegs, fing ich jedoch plötzlich an, die Zusammenhänge zwischen Stadtteilen zu kapieren. Ich ließ mich grob von einem Fahrradnavi leiten und machte mich einfach mal innerhalb Hannovers auf den Weg zu verschiedenen Orten, die ich in der Vergangenheit bereits besucht hatte.

Es war eine Offenbarung.

[caption id="attachment_6491" align="alignright" width="326"] via OpenRouteService[/caption]

Ständig bog ich um die Ecke und dachte plötzlich: „Hier war ich doch schon mal.“, „So hängt das also zusammen.“, „Das ist ja nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt!“ oder „Ach, wenn man hier langfährt, kommt man direkt dorthin, wo ich sonst immer über diese eine Haltestelle gefahren bin.“

Assoziierte ich das „Link“ in der Modellbezeichnung des Faltrades bisher mit der eher technischen Verknüpfung oder Verbindung unterschiedlicher Verkehrsmittel, so erwies sich dieses kleine Gefährt als ideales Werkzeug, um die Verbindungen und Verknüpfungen verschiedener Stadtteile zu entdecken, die eine etwas größere Stadt wie Hannover ausmachen.

Wo immer ich etwas Interessantes sah, hielt ich kurz an, um es mir anzuschauen und vielleicht ein Foto zu machen. Macht das mal vom Auto aus.

Ich fuhr zu Konzertstätten, die ich kürzlich noch besucht hatte, radelte am früheren Wohnort eines Freundes vorbei, fuhr an kleinen Flüssen entlang, dann wiederum in die Gegend, wo ein anderer Freund früher mal lebte, darauf zum Maschsee und schließlich nicht zurück zum Hauptbahnhof, wo ich zuvor ausgestiegen war, sondern zu ein, zwei S-Bahn-Haltestellen weiter im Süden, einfach, weil ich Lust dazu hatte und so auch noch 2 Euro für die Rückfahrt sparte.

Zum ersten Mal begann ich, zumindest in ihrem Grundriss die Stadt zu verstehen, in der ich bisher mehr oder weniger nur zu einem flüchtigen Besuch war und mir wie ausgesetzt vorkam. Insgesamt legte ich fast 20 Kilometer in Hannover zurück, stand nie im Stau und habe gar nicht mitbekommen, wie lange ich unterwegs war, so viel Spaß hat das gemacht.

Eines ist schon mal sicher: Das war nicht die letzte Städtereise, die ich mit dem Faltrad unternehmen werde. Berlin, Hamburg und Bielefeld stehen wahrscheinlich als Nächstes auf dem Programm. Dann vielleicht Bremen, Braunschweig oder Göttingen. Und nach Hannover fahre ich bestimmt auch noch mal.


Halt. Doch. Mal. Die. Fresse.

Ich guck ja sehr selten Fußball, wenn überhaupt, dann allenfalls, wenn der FC St. Pauli mal auf einem Montagabend auf sport1 oder so zu sehen ist. Ansonsten bin ich der typische Eventfußballfan: EM und WM schaue ich mir an, gerne auch mit mehreren Leuten (die ich persönlich kennen muss, sonst nicht). Bundesliga interessiert mich nicht die Bohne, da kenne ich vielleicht fünf Spielernamen, wenn's hoch kommt, aber nicht ihre Vereine. Bei der Champions League wüsste ich nicht mal, wie man sich qualifiziert, um da mitzuspielen, und beim DFB-Pokal darf offenbar jeder mal mitmachen, irgendwie so.

So bekomme ich es in aller Regel auch überhaupt nicht mit, wenn mal wieder eine neue Generation von Fußballkommentatoren herangewachsen ist.

Neulich hatte Lukas Podolski offenbar sowas wie seinen Ausstand aus der Nationalmannschaft. Er musste Fußball spielen, hätte er einen Schreibtischjob, gäb's bei sowas Mettbrötchen und Sekt, aber er ist ja auch noch jung, vielleicht macht er ja noch eine Ausbildung zum Bürokaufmann.

In das Spiel habe ich aber auch nur durch Zufall reingesehen, nachdem eine andere Sendung oder Serienfolge, die die Frau und ich zusammen geguckt hatten, vorbei war. Jedenfalls, worauf ich hinaus wollte: Dieser Kommentator, der ging gar nicht.

DIe Stimme hatte ich vorher noch nie gehört, vielleicht darf bei nicht ganz so wichtigen Spielen auch mal der Nachwuchs ran, aber das war nicht das Problem. Viel schlimmer war, dass dieser junge Mann eine absolute Sprechmaschine war und alles, aber auch absolut alles, minutiös kommentierte und jede Bewegung beschrieb, die ohnehin auf dem Bildschirm zu sehen war.

"Gefährlicher Fehlpass, doch da macht sich ter Stegen[1. Den hatte ich mir seltsamerweise noch gemerkt.] ganz ganz breit, Habeichvergessen schießt, doch der Ball geht mindestens zweimeterfünfzig am Kasten vorbei, und da sehen wir auch Weißichnichtmehr mit seiner Ehefrau auf der Tribüne, weiter geht's, das Spiel hat noch nicht die Klasse, die man bei einer solchen Begegnung erwarten darf, und der Ball wird weit abgeschlagen, landet bei Weißichdochnicht, der ihn ganz souverän weitergibt an Mirdochegal, doch da geht Wiedereiner dazwischen," und so ging das die ganze Zeit.

Und ich dachte: "Orrr, das sehe ich doch selber, jetzt sei doch endlich mal ruhig, wenn das die neue Art und Weise ist, wie heutzutage Fußballspiele kommentiert werden, dann raste ich aus, dann brauche ich die nächste WM auch nicht mehr zu gucken, nun sei doch einmal, nur einmal still und lass mich doch mal selber sehen, was da passiert, und wieso hört man eigentlich überhaupt keine Stadionkulisse, das macht doch alles keinen Spaß so, und JETZT HALT DOCH MAL DIE FRESSE, VERDAMMT!"

Und da ist mir dann auch endlich aufgefallen, dass wir ja seit ein paar Wochen einen neuen Fernseher haben, und weil ich auf dem noch nie ein Fußballspiel gesehen hatte, wusste ich nicht, dass die Tonspur auf "Audiobeschreibung für Blinde" eingestellt war. Muss einem doch auch mal einer sagen, sowas.


Tschüss, Brooks-Sattel

Ich schreibe das jetzt hier auf, damit ich mich daran erinnere, falls ich mal wieder in die Versuchung komme, für viel Geld einen Brooks-Ledersattel kaufen zu wollen.

Die Dinger sehen sehr elegant aus, keine Frage. Aber ich habe damit beim besten Willen einfach kein Glück gehabt. Ich hatte bereits vor etlichen Jahren mal einen Brooks-Sattel an meinem Rad und war schon nicht sehr zufrieden, jetzt habe ich es wieder versucht und muss feststellen: Brooks-Ledersättel und ich, wir passen nicht zusammen.

Ja, ich weiß, die muss man einfahren. Ist bekannt. Ich hab's versucht, einen schmerzhaften Monat lang.

Aber im Ernst: Wenn ich mir Schuhe kaufe, dann erwarte ich auch, dass ich die nach 2 bis 3 Wochen tragen kann, ohne Blasen an den Füßen zu bekommen und nicht damit erst die Alpen überqueren oder sie nachts im Mondlicht mit aus Ozelot-Speichel gewonnenem Spezialfett einreiben muss.

Außerdem finde ich Gegenstände an einem Fahrrad, die unter keinen Umständen nass werden dürfen, irgendwie wenig alltagstauglich.

"Na gut," dachte ich, "schraubste das Teil noch einmal ans Tourenrad und drehst eine Runde." Vielleicht macht es ja die andere Sitzhaltung bequemer. Fazit: Nö, macht es nicht. Auf meinem Fünfzehn-Euro-Sattel sitze ich wesentlich besser.

Und beim Aufsteigen hat mir der Sattel dann auch noch die Hosentasche aufgerissen. Das Arschloch.

Drei Minuten später war er bei Ebay Kleinanzeigen online, jetzt ist er weg - mit erheblichem finanziellen Verlust. Nie wieder.


Fettleibigkeitsapologeten

Ich habe mich gestern aufgeregt. Ich bin gut darin, mich aufzuregen, das lasse ich dann meistens auf Twitter oder auf Facebook kurz raus, und dann geht's wieder. Manchmal hält mein Ärger aber länger, und das ist diesmal wieder der Fall.

Seit ein paar Tagen nämlich poppen in meiner Timeline wieder die Fettleibigkeitsapologeten auf. Ihre Bewegung nennt sich "Fatacceptance", und wenn sie nur dafür kämpfen würden, dass Dicke nicht diskriminiert werden, wäre dagegen ja gar nichts zu sagen. Es muss nicht jeder schlank und sportlich sein. Soll jeder mit sich und seinem Körper glücklich werden, da sind mir auch höhere Krankenkassenbeiträge egal. Muss man sich nur mal überlegen, was die ganzen Verletzungen kosten, die verursacht werden, weil sich Kreisklassenfußballer am Wochenende mit knapp 1‰ Restalkohol auf dem Kessel gegenseitig in die Knochen grätschen.

Diese Fatacceptance-Leute aber geben sich alle Mühe, auch denjenigen, die bereits abnehmenwollen, genau das auszureden.

Ihre Argumente sind immer die gleichen:

  • "So ungesund ist Übergewicht gar nicht."
  • "Das ist alles nur eine verzerrte Körperwahrnehmung."
  • "Mit Diäten kann man gar nicht dauerhaft abnehmen."

Bei dem Bullshit ist mir gestern ein wenig die eine oder andere Ader angeschwollen.

https://twitter.com/larsreineke/status/841647278209273856

Vor drei Jahren war ich fett. Naja, mindestens dick. BMI über 30 halt. Vor drei Jahren war es praktisch undenkbar, dass ich mich darauf freue, nach Feierabend noch eine Radtour über knapp 30 km zu unternehmen. Vor drei Jahren schmerzten mir abends die Füße, ich war müde und träge. Mag ja sein, dass man das irgendwann nach Jahrzehnten Übergewicht als normal empfindet, aber es geht halt auch anders.

Seit ich mit einem BMI von unter 25 umher laufe, halte ich problemlos wesentlich längere Fußwege durch, Klamotten kaufen macht mir wieder Spaß, ich habe eine deutlich höhere Ausdauer, kann Treppen mühelos hochsteigen, habe keinen erhöhten Blutdruck und kein nächtliches Sodbrennen mehr.[1. Die Ausschusssitzungen, an denen ich noch im vergangenen Jahr teilgenommen habe, waren im 10. Stockwerk des Rathauses. Wenn ich nicht gerade erkältet war, bin da hochgelaufen, statt den Aufzug zu nehmen. Vor drei Jahren hätte ich der Sitzung danach nicht mehr folgen können.]

Mag ja sein, dass es Studien gibt, aus denen man herauslesen kann, dass leichtes[2. Haha! Als ob!] Übergewicht nicht unbedingt gesundheitsschädlich sein muss, und dass Normalgewichtige auch nicht länger leben, aber wenn mir eines klar geworden ist, dann, dass sich die Lebensqualität ohne Übergewicht drastisch erhöht.

Kann auch gut sein, dass man immer wieder auf sein Gewicht achten muss, so dass manche das Gefühl haben, immer Diät halten zu müssen. Jahrzehntelanges Fehlverhalten geht halt nicht mal eben weg, nur weil man 2 Monate auf seine Ernährung geachtet hat. Also muss ich immer wieder mal Kalorien zählen, ist halt so. Es gibt Menschen, die intuitiv schlank bleiben, ich gehöre nun mal nicht dazu, so what? Andere brauchen keinen Wecker, um morgens pünktlich aufzustehen, ich schon. Kann ich mit leben.

Was mich dabei so ärgert?

Was diese Fatacceptance-Leute da von sich geben, sobald sie von anderen hören, dass sie eine Diät angefangen haben, ist exakt das gleiche, was Raucher und andere Suchtkranke erzählen, wenn Menschen in ihrer Umgebung der Droge abschwören.

  • "Sind ja nur ein paar Zigaretten am Tag."
  • "So schlimm ist Rauchen gar nicht."
  • "Mein Onkel / mein Schwager / mein Kollege / Helmut Schmidt ist auch uralt geworden."
  • "Die meisten fangen eh wieder an."
  • "Ich rauche aber gern."

Meinetwegen kann jeder für sich selbst entscheiden, ob sie oder er übergewichtig sein möchte, aber bei dieser Art der Argumentation unterstelle ich andere Beweggründe: Sie wollen nicht die letzten Dicken (respektive "Raucher") sein. Ich habe noch nie von jemandem gehört, der selbst erfolgreich abgenommen oder das Rauchen aufgegeben und hinterher versucht hätte, andere von genau dieser Entscheidung abzubringen. Es sind immer die, die nicht zurückgelassen werden wollen.

Und aus purem Egoismus heraus anderen, die vielleicht endlich mal den Antrieb zu einem besseren, gesünderen Leben gefunden haben, so viele Steine wie möglich in den Weg zu legen, gehört so ziemlich zum Schäbigsten, was ich mir vorstellen kann.