1. Oktober 2018

Um die Urlaub habende Frau nicht zu wecken, habe ich mich heute Morgen im Dunkeln angezogen und trage jetzt ein T-Shirt mit V-Ausschnitt unterm Rundhalspullover, was nur so mittelgut aussieht.

High Potential

Als ich gestern mit zwei Freunden per S-Bahn von Hannover nach Hause fuhr, saß mir ein Anfang-20-jähriger gegenüber, der sich mit seinem Bekannten (der neben mir saß) lautstark darüber unterhielt, welche Karrierelaufbahn er einschlagen wolle.

Eigentlich Examen, aber er wolle erstmal in die USA, das sei total praktisch, wenn man über Dublin einreise, dann hätte man den Einreiseprozess schon dort hinter sich, und dann nur noch nach Los Angeles und von da aus nach Portland, das sei ja ein Katzensprung, total easy, nur halt doof, dass sein Arbeitgeber ihm für’s Examen nicht frei geben würde, da müsste er mal gucken, vielleicht krank feiern oder so, aber man könne ja auch in Frankfurt oder München in eine der Kanzleien einsteigen, das sei nicht das Ding, gerade als Technical Specialist nicht, aber da könne er ja auch gleich in ner Behörde anfangen, neulich jedoch habe er eine “Karrierefrau” getroffen, 33 Jahre, verdient über 120.000 im Jahr, schon ein fettes Gehalt, aber kein Mann, keine Kinder, und dann in einer 2-Zimmer-Wohnung, wo da der Benefit sei, andererseits, dann doch lieber in die Staaten, das politische System sei kein Problem, man wäre da ja dann schließlich als Deutscher, und sein Englisch sei ja absolut einwandfrei.

Meine Mitreisende auf der anderen Seite des Gangs beklagte sich daraufhin in den Waggon hinein, dass der Alkoholkonsum in den Zügen verboten sei und ich pflichtete ihr bei, dass auch ich so langsam einen Schnaps durchaus zu schätzen wisse.

Doch der junge Mann war noch nicht fertig.

Ob er sich auf ‘ne Managementstelle bewerben solle, fragte er sich und seinen Bekannten, der ihm jedoch zusicherte “Mach doch”, und er meinte das auch, schaden könne das ja nicht, und überhaupt, man müsse ja nur kompetent genug sein, zutrauen würde er sich das locker.

Und dann wurden wir Zeugen des denkwürdigsten Satzes dieses Ein-Mann-Wirtschaftswunders, mit dem ihn die Journalisten weltweit, sollte er ihn jemals in ein Mikrofon sprechen, noch jahrzehntelang zitieren werden:

“Ich weiß zwar nicht, was die da machen, aber gib mir zwei Wochen, dann läuft der Laden.”

Dann kam seine Haltestelle, er verabschiedete sich, stieg aus und ging hinaus in die Dunkelheit der von ihm bewohnten 4000-Einwohner-Ortschaft.

Hätte ich gewusst, was für eine zukünftige Spitzenkraft mir da abends in der S-Bahn gegenübersitzt, wahrscheinlich hätte ich mich vorher schicker angezogen.

2. September 2018

Gerade habe ich gesehen, dass man sein Profilbild auf Facebook mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz versehen kann. In dieser Verbotsschildoptik.

Auf meiner Motorradjacke habe ich einen Aufnäher “Biker gegen rechts”. Eigentlich gehört da noch ein durchgestrichenes Hakenkreuz dran, aber das habe ich abgeschnitten.

So sehr ich die Message solcher Symbole gegen rechte Hetze gutheiße: Ich will keine Hakenkreuze sehen. Auch keine durchgestrichenen.

Meine Lieblingsbücher 2017

2017 entwickelte sich für mich dann doch irgendwie zum Lesejahr. Sonst komme ich so auf etwa 1 Buch pro Monat, und dann rede ich mir immer wieder ein, dass ich zum Lesen halt wohl keine Zeit gehabt hatte. Doch diesmal waren es insgesamt 34 Bücher, die ich gelesen habe. Zu Beginn war das auch 2017 noch etwas schleppend, aber im Sommer waren es bereits 3 – 4 Bücher pro Monat, und seit ich den Tolino habe, lese ich fast 2 Bücher pro Woche.

Das liegt in erster Linie an der fantastischen Onleihe, die für mich eine absolute Offenbarung ist. Das ist ungefähr wie Spotify für Literatur, kaum habe ich ein Buch durch, finde ich zwei neue, die ich als nächstes lesen will.

Aber nun zum eigentlichen Thema: Im letzten Jahr waren es fünf Bücher, die es auf meine Favoritenliste geschafft haben, was bedeutet, dass ich ihnen bei Goodreads eine Bewertung von 5 Sternen gegeben habe.

Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr

Zwei wunderschön miteinander verwobene Stories zweier Kinder / Jugendlicher im zweiten Weltkrieg, bei denen man sich fragt, ob die Geschichten sich kreuzen werden, und wenn ja, auf welche Weise. Wirklich toll, von der ersten bis zur letzten Seite. Kaum ein Buch habe ich in meinem Freundeskreis so häufig empfohlen wie dieses.

Unterleuten – Juli Zeh

Dieses Buch ist ein ständiger Perspektivwechsel: Man bekommt einen Sachverhalt aus der Sichtweise einer der handelnden Personen erzählt, findet diese Sicht vollkommen schlüssig und nachvollziehbar, nur um im nächsten Kapitel eine ganz andere, völlig gegensätzliche Position geschildert zu bekommen – und dieser ebenfalls zuzustimmen. Großartig erzählt.

Altes Land – Dörte Hansen

Wer Norddeutschland und die zuweilen knorrigen Typen, die diesen Landstrich bevölkern, mag, wird dieses Buch lieben. Unverständlicherweise wird es in der Onleihe unter “Romane & Erzählungen / Frauen” geführt, was ich seltsam finde. Es gibt ja schließlich auch keine eigene Kategorie “Männer” für Romane, bei denen die meisten Hauptfiguren männlich sind. Und “Altes Land” ist ganz sicher nicht das, was man abfällig als “Chick lit” bezeichnen könnte. Wie auch immer: Ich fand’s großartig.

Oben ist es still – Gerbrand Bakker

Karges Land, karge Sprache, deprimierendes Setting, einsilbige Hauptfigur. Ich hatte mich erst gefragt, was mir dieses Buch überhaupt zu erzählen hat, doch es war eine Menge. Ich bin darauf  gestoßen, weil es mir irgendwann mal als Onlinewerbung eingeblendet wurde und ich das Cover mit den Schafen cool fand. Die Male, bei denen sowas bei mir funktioniert, kann ich wohl an einer Hand abzählen. Aber tolles Buch, vor allem, wenn man es – so wie ich – im Hollandurlaub liest.

Junge rettet Freund aus Teich – Heinz Strunk

Abgesehen von  “Die Zunge Europas” hat mich Heinz Strunk ja eh noch nie enttäuscht, aber das hier ist irgendwie an mir vorbei gegangen. Völlig zu Unrecht, Strunk ist ein großartiger Erzähler, der mich immer wieder tief in die Handlung hineinzieht, auch wenn da gar nicht so viel Handlung ist. Glaubhaft als Ich-Erzähler aus der Sicht eines Teenagers zu schreiben, das muss man mit Mitte 50 erstmal können. Strunk kann das.