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De-facto-Vegetarier

Nicht erst seit #FridaysForFuture mache ich mir so meine Gedanken, wie ich meinen CO2-Fußabdruck verringern kann.

Was Mobilität angeht, ist bei mir eigentlich nicht mehr viel zu machen. Ich fahre höchst selten mit dem Auto, bin in meinem Leben drei Mal geflogen (davon nur ein Mal privat), und wenn ich es aus dienstlichen Gründen doch tun muss, dann kompensiere ich das aus meiner eigenen Tasche bei atmosfair.de.

Unser Familienauto ist noch ganz gut in Schuss, daher kommt die Anschaffung eines Elektroautos derzeit nicht in Frage. Mein Motorrad wird so selten bewegt, das fällt eigentlich auch kaum ins Gewicht. Bessere Gebäudedämmung oder eine Solaranlage wäre mal überlegenswert, aber das muss ich erstmal durchrechnen.

Bleiben also vor allem meine Ernährungsgewohnheiten. Und da geht echt noch was. Zumindest in Form von Wurst oder Aufschnitt aufs Brot habe ich nahezu täglich Fleisch gegessen. Aus Gründen der Gewichtskontrolle habe ich in den letzten Jahren insbesondere sehr viel Geflügel zu mir genommen.

Tja, und vor 11 Tagen habe ich abends im Urlaub einen kurzen Bericht gesehen, wie wir eigentlich mit Vögeln, die wir essen, umgehen. Und da fiel dann mein Entschluss, dass das so nicht mehr weitergeht. Ich meine, ernsthaft, wir schreddern Küken? Wie scheiße sind wir Menschen eigentlich?

Seit 10 Tagen bin ich also nun De-Facto-Vegetarier. Soll heißen: Ich nehme seitdem kein Fleisch mehr zu mir. (Eier und Milch schon, da achte ich aber auf Bio-Produkte.)

“De facto” deshalb, weil ich das Vegetariersein noch nicht vollständig verinnerlicht habe. Ich fühle mich noch nicht als Vegetarier und weiß auch noch nicht, ob ich mich als solchen bezeichnen kann. Keine Ahnung, ob das irgendwann von alleine kommt oder ob das auch nochmal einen aktiven Entscheidungsprozess erfordert.

Zunächst hatte ich noch angekündigt, nicht vollständig auf Fleisch verzichten zu wollen, aber je länger ich das jetzt mache, desto eher tendiere ich derzeit dazu, den Fleischkonsum grundsätzlich aufzugeben, zumal sich bisher auch kein Gefühl des Verzichtenmüssens eingestellt hat. (Aber fragt mich das nochmal, wenn ich das nächste Mal nach einer Kneipentour vorm Dönerladen stehe.)

Ziemlich klar ist für mich jedenfalls, dass ich, wenn ich nochmal Fleisch esse, sichergehen will, dass das Tier artgerecht gehalten wurde. Und wenn das dann mehr kostet, ist das eben so.

Im Moment probiere ich viel herum und habe mir einen ganzen Stapel vegetarischer und veganer Kochbücher aus der Stadtbücherei ausgeliehen. Es gibt außerdem heutzutage so viele wirklich gut schmeckende Ersatzprodukte, die Fleischessern einen sanften Übergang zu vegetarischer Ernährung ermöglichen, dass ich eigentlich nicht viel vermisse. Vielleicht trage ich mal ein paar Empfehlungen zusammen.

Außerdem lese ich gerade “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer, worin er sehr spannend und detailreich beschreibt, welche Auswirkungen insbesondere unsere industrielle Tierhaltung mit sich bringt. Wenn man sich gerade nach einem großen Steak aufs Sofa rollt, ist man ja schon geneigt, die Nebenwirkungen aktiv zu vergessen.

Ansonsten bin ich da undogmatisch: Ich brauche weder einen separaten Grill, noch habe ich vor, anderen Leuten das Fleischessen zu verderben.

Kaum etwas finde ich unsympathischer als Hardcore-Vegetarier, die keine Gelegenheit verstreichen lassen, anderen ihre vermeintliche moralische Überlegenheit reinzudrücken und ständig von “Leichenteilen” oder ähnlichem sprechen.

Aber davon gibt’s in meinem Umfeld zum Glück kaum jemanden, da war ich insbesondere von den Grünen überrascht, die nie versucht haben, mich dahingehend zu missionieren.

Da finde ich zum Beispiel überzeugte Fahrradhelmträger deutlich anstrengender.

Sollte ich irgendwem damit auf die Nerven gehen, bitte ich jetzt schon mal um Entschuldigung. Aber nach 45 Jahren die Ernährung grundlegend umzustellen, ist einfach ein so zentrales Ereignis im Leben, dass ich da selbstverständlich von erzählen muss. Andere erzählen jedem, dass sie sich neue Schuhe gekauft haben, also bitte.

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Kommentar

  1. Ich behaupte mal, am Anfang (bzw sogar noch davor) wird man immer von Hardcore-Veg* sprechen, die einem alles Vorhalten, nach einer Weile bemerkt man eher, dass Omnivoren gern mit ‘darauf erstmal ein Schnitzel’ oder ähnlichem reagieren und die gefühlt viel eher den eigenen Lebenstil anderen als ‘normal’ aufdrücken wollen.

    Ich kenne persönliche auch keine dogmatischen Veggies, bin auch keiner. Aber die Aufklärung bei Menschen, die Interesse zeigen, öffnet schon mal die Augen.

    Bei mir gabs 2 Brüche, einen Weichen, wo ungeplant einfach Wurst und Fleisch wegfielen, weil es einfach nicht mehr schmeckte und einen Harten, nachdem ich aus gesundheitlichen Gründen meine Ernährung komplett änderte. Eine Kur machte, dadurch gezielt viel Gewicht verlor und merkte, dass es gänzlich ohne tierische Produkte geht. Das weitete sich in kürzester Zeit auf alle Bereiche aus und beschränkt sich nicht nur auf die Ernährung.
    Vieles ist leicht, wenig ist schwierig dabei. Aber das Wichtigste, ich fühle mich wohl und bin gesund.
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